Ein Gott, der heimsucht,
oder ein Gott, der aufsucht?

Kritische Betrachtungen zu den (leider noch) gängigen Übersetzungen von Exodus 20,5f und 34,6f

ANDREAS SCHMIDT


Es besteht kein Zweifel. Auch vor Gott beginnt die neue Menschengeneration nicht als eine neue Menschheit. Die Kinder werden in die Welt ihrer Väter und Mütter und deren Väter und deren Mütter hineingeboren. Sie werden hineingeboren in das Produkt von Menschenwerk vergangener Generationen und dem Eingreifen Gottes in die Geschichte. So wurde ich in ein Deutschland hineingeboren, das das unmenschlichste aller Menschheitsverbrechen beging und das in unermeßlicher Gnade vor Gottes Zorn verschont blieb und dem stattdessen die Gnade eines Neuanfangs eingeräumt wurde. Auch gehöre ich einer Christenheit an, das der Wegbereiter dieser Schoa war: durch Gift, das sie verspritzte, und Blut, das sie im Übermaß vergoß. Ich könnte es als eine Strafe Gottes ansehen, daß so viel Verantwortung für eine untilgbare Schuld auf mir lastet. Wohlgemerkt: ich sage nicht, ich sei schuld oder ich fühlte mich schuldig daran. Aber ich weiß, daß ich es verantworten muß, ich muß Antwort geben. Gott sucht mich auf, Gott wendet sich an mich und fragt nach: Hast du etwas daraus gelernt? Oder verdrängst du, was deine völkischen / geistlichen / leiblichen Eltern getan haben? Wenn ich wüßte, daß ich noch geschlagen würde für die Sünden der Väter, dann müßte ich resigniert mein Schicksal verfluchen und könnte mit diesem rachedürstigen Gott nur hadern, ja, selbst Leben an sich wäre nur in der Rebellion gegen diesen Gott denkbar. Das Hineingeborensein dieses Lebens steht zwar unter dem Zeichen des Vergangenen, sein Ansehen und Schicksal vor Gott steht aber unter dem Zeichen dessen, was ich hier und heute tue.

Und genau das ist die biblische Botschaft. Nehmen wir das Babylonische Exil: gewiß, es war Gottesstrafe, aber diese Strafe im eigentlichen Sinn war nur die Verbringung, nicht das Verbleiben im Exil. Gott hat den Generationen im Exil - so lehrt uns die prophetische Überlieferung und nicht zuletzt die rabbinische - die Situation zur Bewährung gereicht. Die Perspektive für die Zukunft war zum Positiven hin offen. Auch im Exil war (zwar vorbelastet) ein wahres (religiöses) Leben möglich: es gab Propheten, hier wurde die Endredaktion der Torah vorgenommen, hier reifte der Glaube zu einer neuen Tiefe (Hiob, Hesekiel etc.): Ein Leben mit Hypothek ist kein Leben unter der Gottesstrafe. Gerade Hesekiel bezieht in Kapitel 18 eindeutig und ausführlich Stellung:

Da sprecht ihr:
Weshalb trägt der Sohn nicht mit
an der Verfehlung des Vaters?
Recht und Wahrhaftigkeit
hat der Sohn doch getan,
meine Satzungen alle gehütet,
daß er sie tue, -
leben soll er, leben!
Die sündige Seele, die stirbt.
Der Sohn trägt nicht an der Verfehlung des Vaters,
der Vater trägt nicht an der Verfehlung des Sohns,

die Bewährung des Bewährten, auf ihm ist sie,
und der Frevel des Frevlers, auf ihm ist er.1

Ja, Hesekiel geht sogar soweit, daß er verkündet, daß selbst der Sünder nicht perspektivlos der Strafe für seine früheren Sünden ausgeliefert ist. Wenn er nur umgekehrt, kann er alles wieder heil machen. Der Neuanfang vor Gott ist stets möglich!

Von hier aus ist auch der Halbsatz in Ex 20,5 zu verstehen, über den Joseph Scharbert, ein Theologe in der Übersetzungskommission der Einheitsübersetzung bemerkte, daß wenige Verse so falsch übersetzt worden sie wie dieser2. Hier verkündet Gott nicht, daß er Kinder um der Sünden ihrer Väter willen über Generationen hinweg schlägt oder bestraft (so die Gute(?) Nachricht!), auch nicht heimsucht im klassisch gewordenen Sinne. Nach namhaften Lexika3 bedeutet die Wurzel dem hebräischen Zeitwort zugrundeliegende Wurzel pkd "vermissen, sich kümmern um", "mit Sorge/mit Interesse auf/nach etwas schauen", "Nachschau halten, sich eingehend um etwas kümmern, eine eingehende Kontrolle vornehmen", "auf-/besuchen" oder "anordnen". Pinchas Lapide übersetzt daher freier: "etwas genau nachprüfen, in Augenschein nehmen, einer Sache genau nachgehen"4

Was jedenfalls wichtig ist und klar trotz der vielfältigen Bedeutungsschattierungen: die hier beschriebene Handlung Gottes ist wertneutral; der Ausgang ist nicht im voraus bekannt, sie verbaut nicht das Leben der künftigen Generationen, eben weil alles - wirklich alles - von dem Leben der Kinder selbst abhängt.

Eine Heimsuchung durch Gott kann sehr wohl strafend sein (wie bei Jerusalem (Jer 6,6) oder Tyrus (Jes 23,17)), sie kann aber auch segensreich (wie bei Sara, die einen Sohn empfängt (Gen 21,1f) oder bei Hanna, die Samuel und noch fünf weitere Söhne gebiert (1 Sam 1,19)) oder ein Akt der Gnade sein (wie bei den Brüdern Josephs (Gen 50,24), denen die Landverheißung bekräftigt wird, oder bei den Verbannten in Babylon (Jer 29,10), denen die Rückkehr versprochen wird.

Zu der verwandten Stelle in Ex 34,6 schreibt Joseph Scharbert5: "Jahwe bezeichnet sich darin als den gnädigen, langmütigen und treuen Gott, der denen, die ihm die Treue halten, über tausend Generationen hinweg - so ist der Text gemeint -, und das heißt für immer, sein Wohlwollen bewahrt; er ist auch bereit Sünden zu vergeben, spricht aber den Sünder nicht einfach frei und prüft an den Nachkommen bis in die vierte Generation hinein nach, ob sie an den Sünden ihrer Väter festhalten oder nicht, damit andeutend, daß er zwar lange zuschauen kann, aber eines Tages doch strafend dreinfährt [...]. Die Formel, die sich ähnlich noch in Ex 205f, Num 14,17f, Dt 5,9f, teilweise auch in Jer 30,11 und 46,18 findet, darf nicht im Sinn kollektiver Bestrafung unschuldiger Nachkommen mißverstanden werden." So auch Martin Buber: "[V]on einer Strafe an den Nachkommen über die Lebenszeit des Sündigen hinaus ist nicht die Rede."5

Abschließend nochmals mit Pinchas Lapide: "beobachtet, ob die Sünde der Väter auch noch bei ihren Kindern und Enkeln nachwirkt, indem sie im Sinn des bösen Beispiels Nachahmer findet oder ob sich die Nachkommen von den Sünden ihrer Väter distanzieren. Erst dann, und nur dann, wenn die Nachkommen ebenso sündigen, wie ihre Väter es getan haben, greift Gott strafend ein."6

An einen Gott, der Rache übt an Unschuldigen, an den kann ich nicht glauben, aber auf den Gott, der so ist, wie hier beschrieben, kann und will ich vertrauen - weil nur mit IHM ein Leben möglich ist, das von der Veranwortung nicht erdrückt wird. Deshalb sei hier der Vorschlag gemacht für eine andere Übersetzung:

Ex 20,5f: Denn ICH, dein Gott, bin ein eifernder Gottherr, schaue prüfend nach, was aus den Verfehlungen der Väter geworden ist bei ihren Söhnen, in der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen, und übe Treue bis in die tausendste Generation bei denen, die mich lieben und meine Gebote wahren.

Ex 34,6f: ER, ER, Gottheit erbarmend, gönnend, langmütig, reich an Huld und Treue, der bis in die tausendste Generation Treue bewahrt und Fehl, Abtrünnigkeit und Versündigung erträgt, aber nicht ganz straffrei den Sünder läßt; der prüfend nachschaut, was aus den Verfehlungen der Väter geworden ist bei ihren Söhnen und deren Söhnen, in der dritten und vierten Generation.


Fußnoten

[1]Hes 18,19-20 (Buber-Rosenzweig)

[2] Entstehungsprinzipien und hermeneutische Prinzipien der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Bielefeld 1985. [Der Entwurf der Übersetzungskommission sah für Ex 20,5 als Übersetzung vor:"Er geht der Schuld der Väter nach bei Kindern und Kindeskindern." Leider wurde diese unmißverständliche Übersetzung in der kirchlichen Revision dann geändert.]

[3] so z.B. Jenni, Westermann: Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 1984

[4] Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt? Band I, S.58

[5] Exodus, Neue Echter Bibel, 1989

[6] Martin Buber, Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift in: Martin Buber / Franz Rosenzweig: Die Schrift.

[7] ders., a.a.O., S.59




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