GOTT IST ANDERS

Ein geschichtliches Konzept für Leben und Tod Jesu

ANDREAS SCHMIDT

Vorbemerkung

Die Notwendigkeit einer geschichtlichen Betrachtung

Wer in einer geschichtlichen Religion wie der jüdisch-christlichen so glaubt und die Bibel so liest, als könnte er die Geschichte außer acht lassen, wer in einer Religion, die dem einzelnen Menschen soviel Freiheit und Eigenständigkeit zubilligt, die konkreten Menschen, ihre Hoffnungen und ihre Ängste, ja, ihre gesamte von der unseren verschiedenen Vorstellungswelt außer acht läßt, der liest nicht, was dasteht, der hört nicht, was überliefert wurde, sondern steht vor einem unglaubwürdigen Scherbenhaufen aus Worthülsen.

Und in der Tat vergeudete man viel zu lange Zeit seine Zeit damit, die Botschaft des Glaubens, insbesondere die Botschaft Jesu, ins Zeitlose hinauszurücken, statt an der Dynamik der Geschichte teilzuhaben, am Drall der Vergangenheit, der sich in die Gegenwart hinüberträgt. Die Geschichtlichkeit der Religion ist nuneinmal das Eigentümliche an der jüdisch-christlichen Überlieferung: Gott ist ein geschichtlicher Gott, ER wirkt in die Geschichte hinein und aus der Geschichte heraus, er greift in die Geschichte ein, und zwar in Form einer Antwort auf die konkrete Situation.

Um es vorwegzunehmen: es soll nicht in falscher Wissenschaftlichkeit einem Historizismus das Wort geredet werden, der zwar da und dort existiert, wohl aber meist die Karikatur der historisch-kritischen Forschung darstellt, wie sie deren Kritiker gern als Feindbild sehen. Historisch-Kritisches bildet den Hintergrund, aber der (dort notwendige) streng wissenschaftliche Wahrheitsbegriff würde uns hier in die Irre führen. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, die geschichtliche Dynamik herauszuarbeiten, indem mit den statischen Konzepten der Vergangenheit und Gegenwart gebrochen wird, ungeachtet dessen, daß sie für manche Orthodoxie vielleicht zum unverzichtbaren Grundbestand des christlichen Glaubens gehören. Aber es muß differenziert werden: nicht die christliche Grundwahrheit, die Wahrheit Gottes, soll angetastet werden, vielmehr soll zu ihr gefunden, sie freigelegt werden. Wovor aber kein Respekt gezeigt wird, sind die Konzepte, die sich Menschen von dieser Grundwahrheit (die niemals in menschlichen Besitz gelangen und nie unverfälscht erkannt werden kann) gemacht haben: was einleuchtet und verstanden werden kann, wird übernommen, was unlogisch und überaltert erscheint, verworfen - mit dem Ziel, einen ganz persönlichen Weg zu finden, einen Weg der Treue, Treue zu sich selbst, zu Gott und der Welt. Denn etwas glauben zu wollen, was man als fremd verspürt, ist inkonsequent und spaltet den Menschen. Er kann nicht heilwerden, ohne daß er begreift, und keine Tradition, die er nicht begreift, kann ihn heilmachen, mag sie auch noch so »rechtgläubig« sein.

Postexilisches Judentum 1

Große existentielle Krisen, die eine ganze Volksgemeinschaft erfassen, sind mit den Spuren, die sie hinterlassen viel dauerhafter, als man allzugerne annimmt und man sich meist vorstellen kann. Nach Krisen ist nichts mehr so, wie es einmal war: die Gewißheiten der Vergangenheit werden zweifelhaft. alles scheint verändert. Für das biblische Judentum war das Babylonische Exil die Krisis schlechthin, der nationale wie religiöse Tiefpunkt, der sich auch tief in die Psyche des Volkes eingegraben hat: dieses Volk, das sich als von dem Einen Gott in Weltzeit auserwählt sah und sich in einem Bundesverhältnis mit IHM wähnte, wurde in die größte Katastrophe seiner Geschichte gezogen. Den alten Glaube an den Gott, der wie ein König in der Schlacht vorauszog, den Glaube an einen Melekh-Gott, wie konnte man ihn noch aufrechterhalten? Man darf nicht vorschnell die Vorstellung der Gottesstrafe ins Spiel bringen, denn diese (richtig verstanden Element einer äußerst tragfähigen Geschichtstheologie) war erst Antwort auf die Situation, das Heraufdämmern der Einsicht, daß dies alles die Folge dessen war, daß man einen fehlbaren Menschen als König haben wollte, der zwar den Herrschaftsauftrag von IHM hatte, in SEINEM Sinne zu regieren, diesen aber kaum je erfüllte, der zum Beispiel kaum je auch die warnenden Künderstimmen hörte und sich auf übermütige Bündnisspielchen mit den Großmächten einließ.

Fragen über Fragen tauchten auf, wie sie sich bei Ezechiel und insbesondere Hiob kundtun (die man beide in diese Zeit datiert), man fragte nach der Gerechtigkeit Gottes, nach dem Warum des Leidens. Und diese zweiflerischen Fragen wichen auch nicht aus den Köpfen nach der Rückkehr aus dem Exil, als es darum ging eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Sie wurden kaum je explizit dargetan, wohl aber bildeten sie den Hintergrund für das, was man mit dem Verlust der Stimme, dem Verlust des lebendigen Gottesglaubens bezeichnen könnte.2 An seiner Statt hat sich ein formalistischer, ritualistischer Kult entwickelt - aus der Verkrampfung heraus, daß man dieses Gemeinschaftsstiftende ja brauchte. Ja, man instrumentalisierte die Religion zur Schaffung einer neuen Gemeinschaft.

Die Gesetzlichkeit

Eben in dieser Zeit hat sich auch der Wandel im Verständnis der Sinai-Überlieferung vollzogen, jener Weisung, die einst weiterer Akt der Befreiung verstanden wurde, 3 die dem Menschen die Wahl läßt, ob er sich von ihr weisen läßt oder nicht, 4 die im Neuen Testament aber oft pauschal als das Gesetz bezeichnet wird und gegen die Paulus so sehr polemisiert 5. Die Zeit des Exils fiel zusammen mit der geistesgeschichtlichen Entwicklung von der münderlichen Überlieferung hin zur »Schrift«6 (erst in dieser Zeit erhielt die Thora ihre endgültige Gestalt) 7. Man darf dies nicht unterschätzen, denn erst von dieser Zeit an lag der Pentateuch in der schriftlichen Form vor, wie wir es heute als selbstverständlich erachten, erst von da an konnte man über Spitzfindigkeiten streiten.

Und erst von da an taugte der Pentateuch, die Weisung, für die Instrumentalisierung zur Wiederherstellung der israelistischen Gemeinschaft, erst von da an hatte der einengende Geist der Gesetzlichkeit seine Grundlage. Das Gesetz hatte sich im Exil als etwas bewährt, was die Juden auch in der Fremde zusammenhielt. Und so war es natürlich, daß es auch die Grundlage für die neu zu stiftende Gemeinschaft im eigenen Land dienen sollte. Man übersah dabei, daß man sich damit weit vom Entstehungshintergrund (oder auch Offenbarungshintergrund) der Weisung entfernt hatte: das altisraelitische Gottesrecht, die Thora, setzte Gemeinschaft voraus, weil es sich auf einen Bund zwischen Gott und einem Volk gründete: Nicht ohne Grund wurde dieser Bund erst geschlossen, als die Mose-Schar auf dem Weg von Ägypten heraus zur Volksgemeinschaft geworden war.8 Der Bund rückte aus dem Zentrum, das Gesetz als sein Beiwerk wurde zur absoluten Größe, es war fortan zeitlos gültig und ordnete nicht mehr von Gott geschaffene Geschichte. Das dynamische Gottesverständnis, das sich auf die Beziehung eines Volkes zu seinem Gott aufbaute, war dahin, der statische Offenbarungsbegriff war ins Judentum eingedrungen. Gott rückte in die Ferne, ER, der geschichtliche Gott, wurde entgeschichtlicht. Der Alltag drohte gottlos zu werden. weil der lebendige Gott in diesem Alltag keinen Platz mehr hatte.

Das war auch der Beginn des Moralismus: Das Gesetz wurde (nicht zuletzt auch durch hellenistische Einflüsse) mit der Weisheit identifiziert. »Dieses Verständnis der Weisheit vermochte nun eine ebenso einleuchtende wie griffige Moral zu begründen und zu tragen. Es herrscht die rationalistische Grundeinsicht: Erfüllung des Gesetzes stiftet Nutzen, Versäumnis aber bringt Schaden, Gutestun schafft Heil, Sünde dagegen Unheil.« 9 Hier nun aber war mit der radikalen Unmittelbarkeit des Glaubens, mit der Königsschaft Gottes endgültig gebrochen. Die Moral ist dazwischengetreten, das Gesetz wurde verherrlicht, indem es aus dem Leben des Menschen in eine sakrosankte Sphäre gehoben wurde, aber gerade dadurch hat man es aus dem göttlichen Bereich gezerrt, hinunter zum unbarmherzigen Menschen, weil Gott in diesem moralistischen Weltbild de facto keine Rolle mehr spielte.

Und gerade in dieser Zeit entsteht die Septuaginta-Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische, die also von vorneherein zwei Hypotheken hatte10: Zum einen war das geistes- und glaubensgeschichtliche Klima rationalisiert und moralisiert, zum anderen war der griechische Sprachkreis ohnehin viel philosophischer als es das Hebräische je war. Und diese Hypothek schlug sich in ihrem Ergebnis nieder (das noch heute nachwirkt!): aus dem ursprünglichen Bundesgott, der da ist und dasein wird, wenn wir uns auch noch nicht vorstellen können, wie, einem Gott, der SEINEM Volk in der Schlacht voranzieht, der es aus der Gefangenschaft führt, wurde Gott der Allmächtige 11, der den Philosophen schon von vorneherein die Seinsspekulationen verbietet 12, Gott der Richter, der den Menschen mit dem Maß der Thora aburteilt, von dem man durch rechtschaffenes Verhalten gerechtgesprochen werden kann. Aus der Bewährung des eigenen Lebens wurde die Gerechtigkeit vor Gott.

Und dann kam da Jesus

Und dann kam da Jesus und brachte das Leben zurück: »Erfüllt ist die gesetzte Zeit, die Königsherrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehret um und vertrauet der Botschaft.« 13 Ein Mensch verkündet mit seinem ganzen Leben und Wirken den Einen Gott als den Gott, der da ist, immer und allzeit. Er evoziert die Bilder der Vergangenheit: Gott kann Wunder wirken, er kann dem Menschen aus scheinbar ausweglosen Situationen herausführen, so wie ER Israel aus Ägypten führte, so werden jetzt Menschen wieder heil, weil Gott gegenwärtig ist. Ja, es ist die radikale Botschaft von der unmittelbaren Gegenwart Gottes, die Jesus zurückholt: Gott ist nicht der ferne, allmächtige Herrscher, den man zu fürchten hat, er ist der, der dasein wird, als der er dasein wird, als Befreier, als König für das Volk, als Heiler oder eben als König für den einzelnen, der einen jeden in SEIN Reich einlädt, kurzum der liebende Vater. Jesus kündet von keinem anderen Gott als dem, der sich am Sinai offenbarte als der Daseiende.

Brauchte Gott Jesus, um diese Botschaft den Menschen klarzumachen? Schließlich hatte er sich bereits am Sinai so offenbart. Ja, ER brauchte ihn, um die Macht der Moralisten zu brechen, denn Moralismus wirkt solange anziehend, bis er durch die konkrete Befreiungserfahrung zerstreut wird. Die Menschen brauchten jemanden, der ihnen die Botschaft vorlebte, der ihre alten Konzepte aufbricht, der das Gesetz wieder zu einer Weisung macht, der es wieder möglich macht, daß Gott zu ihrer Lebensmitte wird.

Jesus und der Messias - zwei Naturen

In den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirchengeschichte war man eifrig damit beschäftigt, zu klären, welcher Natur denn Jesus nun sei: göttlicher oder menschlicher, ob es einen Willen oder zwei gäbe. Man einigte sich auf eine Kompromißformel, die nicht nur dem Menschen von heute als ein erzwungenes Paradox erscheinen muß: ganz Gott und ganz Mensch, zwei Naturen, ungeteilt und doch getrennt. Man hat damit die Brücken zum Urquell des Judentums abgebrochen,14 aus dem man hervorgekommen war. Wo nicht offen heraus gesagt wurde, daß der Inhalt des Glaubens nicht zu begreifen sei, dort wurde er in juristischen oder gnostischen Kategorien erklärt, Kategorien, die allesamt heidnischen Ursprungs sind. Man war stolz auf das Paradox des sich am Kreuze entäußernden Gottes und hütete es wie den Heiligen Gral.

Aber ein Glaube, der das ganze Wesen des Menschen durchdringt, der alle Lebensbereiche für sich einnimmt, muß notwendigerweise ein begreifender, ja, ein umgreifender Glaube sein, keiner jedenfalls, in dessen Angesicht das Denken zum Schweigen gebracht wird.

Deshalb ist es an der Zeit auch an das Tabu im christlichen Glauben heranzugehen: die »Natur« Jesu. Es ist nicht so, daß ich die Zwei-Naturen-Lehre im ganzen verwerfen möchte, weil wie in so vielem auch in ihr etwas Wahres enthalten ist, wohl aber muß sie neu interpretiert werden. Man muß aufhören mit Spitzfindigkeiten über Göttlichkeit - einer Qualität, die ohnehin außerhalb des menschlichen Fassungsvermögen steht. Wenn man schon menschlich um das richtige Verständnis streitet, dann sollte man es auch mit menschlichen Begriffen tun.

Jesus war voll und ganz und nur Mensch. Ein anderes Urteil kann man aus dem, was aus den Evangelien jenseits der Interpretationen (die ja in jeden Bericht sich hineinschleichen und ihn deshalb nicht schon entwerten) hervorstrahlt, nicht ziehen. Ihm fehlte nichts, was nicht auch ein Mensch haben: nicht der Zweifel, nicht die Verzweiflung, nicht der Schmerz. Warum sollte Gott sich in menschliche Gestalt hüllen und uns Todesangst vorspielen - denn: Gott weiß, was nach dem Tode sein wird, er braucht keine Angst davor haben? Sein Tod war eine Katastrophe, eine Tragödie, alles andere als von Anbeginn der Welten an geplant. Vielleicht lag er in der Logik seines Handelns und der menschlichen Natur, wie sie auf dieses Handeln reagiert, vielleicht hat Jesus es zu Lebzeiten geahnt, da er den Zeichen der Zeit gegenüber ja nicht blind war und er die Schicksale so mancher Menschen vor ihm kannte. Schon gar nicht war es ein Opfertod, eine Sühnetod, daß er sich für die anderen Menschen alle darbrachte, damit sie mit Gott wieder versöhnt seien, alsob der Gott, der da ist, Genugtuung verlangte. Was wäre das für ein Gott, der erst auf ein Opfer wartet, bevor die Menschen wieder zu IHM kommen können? Jesu Tod war zunächst und vorallem ein Zeichen von Aufrichtigkeit und Konsequenz: er blieb der Botschaft treu, die er verkündet hatte, er widerrief nicht, was er von Gott verkündete, um keinen Preis der Welt, selbst nicht im Angesicht des Todes.

Mit dem Tod war alles aus. Gott hatte ihn, der kündete von dem Gott, der wie ein Vater da ist, der vergibt, der liebt, der hilft, der heilt, der Wunder wirkt, ER hat ihn verlassen, ER hat sich nicht auf seine Seite gestellt und ihn beschützt. Jesus hatte sich also geirrt, Gott war also doch nicht anders, ER war also doch nur der Richtergott, der als Allmächtiger peinlich genau auf die Einhaltung der Gesetze wachte, der SEIN Volk im Stich ließ, es fremden Mächten preisgab.

Doch dann kam da die Stimme von oben: Jesus hatte recht! Sein Gott ist niemand anders als der Eine Gott in Weltzeit. Mit seinem Tod ist nicht alles aus, er lebt bei IHM! Und er lebt auch bei uns, er lebt als SEIN kommender Gesalbter bei uns,15 wenn wir die Botschaft begreifen, die er verkündete und in bewährender Treue auch lebte, wenn wir begreifen, daß Gott ein väterliches Gegenüber ist, mit dem wir in eine dialogische Beziehung treten können.

Welchen wundersamen Weg Gott gegangen ist, um Menschen dies zu vermitteln, das kann im Nachhinein nicht mehr rekonstruiert werden. Ist es deshalb weniger wahr? Niemand soll an etwas glauben, das angeblich passiert sein soll, sondern er soll sich auf eine Beziehung einlassen, in der sich Wahrheit erweisen wird, Wahrheit als die Treue der Beziehung. Gott kann für den Menschen wieder der Gott des Bundes sein, der Gott vom Sinai, für uns natürlich in einer anderen Sichtweise, da nach keiner Krise das Alte unverändert zum Leben wiederersteht, und von IHM aus mit einem noch viel weitreichenderen Angebot: nicht mehr nur SEINEM auserwählten Volk reicht ER die Hand, sondern jedem einzelnen Menschen dieser Welt.

Von hier aus läßt sich eine neue Zwei-»Naturen«-Lehre entwickeln, die keinen paradoxen Dualismus festzementiert, sondern vielmehr diesen auflöst: Die Gestalt Jesus ist für den glaubenden Menschen zwiefältig: dem Wesen nach ist er ein einfacher Mensch, der Funktion nach ist er der (kommende) Messias, der Gesalbte Gottes, der Gottesknecht Jesajas, der Bringer der Erlösung für den Menschen. Von dieser Zwiefalt aus läßt sich so mancher Widerspruch auflösen: dem Wesen nach war Jesu Tod eine Tragödie, eine Katastrophe, der Funktion nach war sie für den Menschen wie ein Sühnetod: nur durch das existentielle Erleben der Treue Gottes zu SEINEM Geschöpf Mensch im allgemeinen und zu Jesus im besonderen, der in SEINEM Auftrag gehandelt und gekündet hat. Nur so konnte das Trennende, das der Mensch zwischen sich und Gott geschoben hat, abgebaut werden.

Paulus

Gerade der nicht unproblematische Paulus verdeutlicht die Wirkung Jesu auf Menschen seiner Zeit. Paulus ist die Verkörperung des geschichtlichen Hintergrundes, auf dem Jesus agierte. Er entstammt dem hellenistischen Judentum, er lernte die hebräische Bibel in der Septuaginta-Übersetzung kennen, also in jenem moralisierenden Ton. Er war aufrichtig darum bemüht, vor Gott zu bestehen, und wollte Gott in pharisäischem Gesetzeseifer gefallen. Man muß dabei beachten, daß der Pharisäismus die Glaubensrichtung innerhalb des Judentums war, die mit dem Glauben wirklich ernstmachen wollte, kein Bereich des Lebens sollte davon ausgespart werden. Nur daß dieser Glaube eben ein moralistischer Glaube war, ein einengender Glaube, der seinen wesentlichen Inhalt in der Befolgung der göttlichen Gebote sah. Und dann ist da irgendetwas mit ihm passiert, was ihn für die Botschaft Jesu aufschloß. Er war reif dafür, der Leidensdruck mußte groß gewesen sein, dem Enthusiasmus nach zu urteilen, mit dem er später diese Botschaft versuchte weiterzutragen.

Liest man unter Einbeziehung dieses Hintergrundes seine Briefe jenseits der inzwischen beinahe vergötzten Konzepte neu, so wird deutlich: er spürt, daß man mit dem Glauben nicht ernstmachen kann, wenn man der Gesetzlichkeit anhangt. Paulus löst in seiner Rechtfertigungslehre den Richtergott ein Stück weit auf. Die vorherrschende Anschauung zu seiner Zeit, daß der Lebensinhalt des Menschen im Erfüllen von Gesetzen besteht und somit Gott eine Richterfunktion hat, stimmt nicht mit JHWH überein. Er argumentiert gegen die absurden juristischen Spitzfindigkeiten, die in Wahrheit vor dem Eingeständnis bewahren sollen, daß jeder Mensch der Sünde anheimgefallen ist, insbesondere die Moralisten, die das Absolutsetzen des Gesetzes an der Stelle Gottes schroff der Aufforderdung, Böses zu tun, als Alternative gegenüberstellen und somit Gott gar nicht sehen wollen. Genauso argumentiert er gegen Menschen, die sich für gerecht halten, weil sie sich dieses erarbeitet haben. Deshalb: Gerechtigkeit/Bewährung (ins Juristische verkehrt) kommt nicht aus Erfüllung von Gesetzeswerken, sondern Gott gibt uns diese Chance einfach so, aus Gnade. Der Lebensinhalt des Menschen ist die Bewährung, was einst erst in der fernen Zukunft geschehen konnte, geschieht nun schon hier: die Bewährung beginnt schon jetzt, sie ist kein Eschaton, sondern eine gegenwärtige Größe. Sein Postulat (das wohlfundiert ist, wohlgemerkt) der Gnade Gottes, die alle Menschen gerechtspricht, führt letztlich diesen Richtergott ad absurdum. 16 Ein Gott, der vergibt, ohne daß der Mensch auch nur eine Vorleistung, eine Sühneleistung, eine Reueleistung gebracht hat, führt de facto die Richtervorstellung ad absurdum.

Gerechtmachung des Menschen durch den Tod Jesu

Paulus' Argumentation beschränkt sich nicht darauf, daß der Mensch nun gerecht ist, sondern er wurde durch den Tod Jesu gerecht gemacht. Aber was bedeutet dies nun, wenn die Gerechtmachung als Auflösung des Richtergottes begriffen wird?

Gerade in der Tatsache, daß Gott durch die schlimmste Mißachtung seines Willens sich nicht davon abbringen ließ, eine neu, für den Menschen geschaffenen Epoche, der individuellen Königsherrschaft, weiter zu verfolgen, liegt die ungeheuere Bedeutung Jesu: Weder hat Gott ihn fallen gelassen, das, wofür er starb, noch hat er uns fallengelassen, weil wir ihm nicht zuhörten. Wir müssen für unser Heil nichts tun, wir müssen nicht über und über gehorsam sein: dieses Gottesbild ist falsch, nein, Gott geht es nicht um Gehorsam, Ehrfurcht, sondern um den Menschen, der gerecht werden kann, wenn er vertraut, dessen Leben nicht verloren ist, wenn er dem Einen Gott vertraut. Nur aus der dialogischen Beziehung heraus können wir uns bewähren, weil nur aus ihr heraus wir wahrhaft zu unserer Bestimmung gelangen können. Mit Jesus sagt Gott uns: ICH bin nicht so, nicht Richter, MIR geht es nicht um MICH, sondern um EUCH. Die Sühneleistung von Jesu Tod ist die Tilgung des alten Gottesbildes.

Durch Jesus hat Gott dem Menschen vor Augen geführt, daß es nur auf die Beziehung ankommt, die sich in Vertrauen niederschlägt. Und nur aus Gnade sind wir nicht wie Angeklagte ohne Rechte, sondern wie gerechtgesprochene, wie abgeurteilte Menschen, die wieder wie gleichberechtigte behandelt werden. Wir sind nicht mehr wie Gefangene, die dem Prozeß harren. Der Mensch ist von Gott angenommen, so wie er ist. Dies gilt schon immer und wird für immer gelten. Nur: für die Menschen, die sichtbare Konzepte brauchen, die aus einem Zustand der ständigen Anklage herauskommen wollen, um neu anfangen zu können, war Jesu Tod wie ein Opfer.

Messias

Martin Buber führt in seinen Erläuterungen zum Glauben der Propheten im Abschnitt über Jesaja etwas sehr Wichtiges zur Gestalt des Messias im altisraelitischen Glaubensleben aus: der Messias ist »der Erfüllende, der endlich den statthalterlichen Auftrage erfüllende Mensch, durch den die Verwirklichung der Volksordnung unter der Führungs JHWHs, der Anfang der Weltordnung unter der Führung JHWHs, geschehen wird.« Die Königsherrschaft Gottes ist die Idee, die den roten Faden von der Offenbarung am Sinai und dem Wüstenzug, über die charismatische Richterzeit, der der Mensch ein Ende setzte, über die Königszeit, wo Gott dem Drängen des Menschen nachgab und einen Menschen beauftragte, in SEINEM Namen dauerhaft über SEIN Volk zu herrschen, der aber kaum je diesen Auftrag erfüllt hin zu der Gestalt des Messias, jenem Menschen, der ihn erfüllen wird und der notwendig ist, um die göttliche Ordnung einer menschlichen Gemeinschaft mit menschlichen Kräften und menschlicher Verantwortung zu errichten. Der Messias ist der Mensch, der ernstmachen wird mit der Herrschaft Gottes, und er muß notwendigerweise ein Mensch sein, ein Bewährter, denn Gott will und hat das Menschliche durch den Menschen gewirkt. Es ist deshalb iranisierenden und hellenisierenden Einflüssen zuzuschreiben, daß der Messias als mehr als ein Mensch, als göttlicher und nicht menschlicher Art, als gehörend in die Klasse Elim bezeichnet wurde und im Christentum und in der jüdischen Orthodoxie bis heute bezeichnet wird.

Der Messias ist gottähnlich, freilich nur insoweit, wie der Mensch gottähnlich ist, indem sich die Ebenbildlichkeit entfaltet (wie sie sich jedoch nur in einem Bewährten wirklich entfalten kann), er kommt Gott nicht näher als jeder andere Mensch, die Grenzen zwischen Mensch und Gott werden auch in ihm nicht verwischt: Gott bleibt auf der einen Seite, der Mensch (und damit auch der Messias) auf der anderen Seite.

Warum dieses so entschiedene Betonen des Unterschiedes zwischen Mensch und Gott und die Zurechnung des Messias zur menschlichen Seite? Wäre dies nur eine historisch-kritische Spitzfindigkeit, so lohnte es kaum, im nicht-wissenschaftlichen Bereich ein Wort darüber zu verlieren. Aber es ist ist von wesentlicher Bedeutung, um die Größe Jesu überhaupt zu erfassen: Er ist eben nicht eine Erscheinung Gottes, er ist eben nicht die sterbliche Hülle eines Gottes, er ist eben nicht ein leiblicher Sohn des transzendenten Gottes, schon gar nicht ist er Gott, ansonsten wäre all sein Wirken eine große Show , das dem Einen Gotte unwürdig ist, das uns sogar beleidigen könnte, weil er uns den Dialog mit einem unsichtbaren Gott nicht zutraut oder uns vorleben will, wie wir zu leben haben. Nein, Gott - das muß feststehen - nimmt uns ernst. Jesus ist ein Mensch, der in wundersamer Eintracht mit dem Willen Gottes in die Rolle des Messias hineinwächst, weil er eben jener Bewährte ist, auf den Gott und Menschen gemeinsam gewartet haben, einer, der seinen Auftrag erfüllt, der seinem Gott die Treue bis zum Ende hält. Gott nennt Jesus SEINEN Sohn, weil er des Titels eines Sohnes würdig ist, ER läßt ihn in SEINEM Auftrag künden und handeln - und Jesus wirkt als Statthalter! Nicht wie die Könige, die ihre Macht selbstherrlich ausnutzten. Er wird zum »Anfang der Weltordnung unter der Führung JHWHs« , er errichtet sie mit »menschlichen Kräften«. Und nur weil diese Ordnung, die ihrem Ursprung nach ohne Zweifel eine göttliche ist, auf menschlichem Boden gewachsen ist, kann sie den Menschen befreien, kann sie von ihm angenommen werden, muß sie ihm nicht fremd sein.

Aber man hat sie ihm entfremdet.

Die heutige Krisis

Das institutionalisierte Christentum erlebt heute die Krisis seine zwei Jahrtausende dauernden Geschichte. Viel wurde über die Ursachen gesprochen, viel darüber lamentiert, wie die Zeichen der Zeit wider die Religion stehen. Aber so ganz stimmt diese Aussage nicht. Denn gleichzeitig ist ein niedagewesener Run auf pseudoreligiöse Gruppen aller Couleur zu verzeichnen: Sekten, Esoterik etc. Es ist also vielmehr zu konstatieren: der Mensch braucht Erlösung, sein Wesen ist in dieser modernen Welt in viele kleine Einzelteile zersplittert, und er will heilwerden: er will dem Dualismus von Leib und Seele entkommen, er will dem rationalistisch-materialistischen Weltbild entkommen, das nur noch an die sichtbare Wirklichkeit glaubt, er will die blutige Herrschaft der Notwendigkeit brechen, den Fluch des Nutzens, daß alles nur noch einen Sinn hat, wenn es nützt.

Das Christentum könnte Antwort geben, diesen Menschen eine Frohbotschaft verkünden (und wo es von vereinzelten Vertretern - meist ketzerische Außenseiter - getan wird, dort findet sich auch ein Zulauf), ihnen von diesem Gott verkünden. Doch eines steht ihnen im Wege: ihr Image und das Bild Gottes, das sich aus diesem Image ableitet: rückständig, überholt, moralisierend. Gott erscheint wie eine andere Variante des naiven Götterglaubens der Griechen, allenfalls noch als jenes Über-Ich, das über die Einhaltung der Moral wacht. Glauben ist Weltlflucht (wie es ja zum noch größeren Schaden der Religion von den Fundamentalisten vorgelebt wird). Das Christentum verwaltet eine Tradition, die tot ist, weil sie den Menschen von heute nicht mehr anspricht. Gott ist tot.

Müßte nicht heute genauso der Ruf erschallen: Gott ist anders? Müßte nicht heute genauso gesagt werden: Gott ist nicht der Gott der Moralisten, nicht der Gott derjenigen, die aus Angst vor der Gegenwart an die Vergangenheit, die unwiederbringlich ist, klammern? Müßte nicht heute gesagt werden, Gott nimmt gerade die geistig autonomen Menschen an, die nicht wider besseres Wissen etwas glauben wollen, weil es schon immer geglaubt wurde? Müßte diesen Menschen nicht gesagt werden: das, was euch abschreckt, diese aus einem naiven und archaischen Gottesbild abgeleiteten Begriffe von Rechtgläubigkeit, interessieren Gott überhaupt nicht, ihn interessiert dieser Mensch, dem ER im Dialog schon helfen wird, die wesentlichen Fragen des Lebens zu klären? Müßte man nicht eben diesem Menschen sagen, vor diesem Gott bist du nicht ein Nichts, sondern ER nimmt dich ernst, geht auf dich ein, geht mit dir?

Doch um diesem Menschen von heute all dies zu sagen, muß zunächst Abschied von den Dogmen genommen werden, die sich über die Jahrtausende angehäuft haben, muß begriffen werden, daß all das, womit wir Gott und sein Handeln beschreiben, menschliche Konzepte, Stückwerk, unvollkommen, fehlbar, zeitgebunden ist. Es muß begriffen werden, daß dies kein Bruch mit der Tradition meint, sondern deren Fortschreiben. Denn was hier (hoffentlich....) tradiert werden soll ist doch die Botschaft des Einen Gottes. Und zu jeder Zeit gilt: Gott ist anders als die menschlichen Konzepte, die wir uns von ihm machen.

Nachbemerkungen

Argumente gegen die Opfertheologie

Wenn Paulus den Tod Jesu als Opfer deutet oder gar die judenchristliche Urgemeinde dies tut, so spricht daraus keine komplexe theologische Deutung oder göttliche Offenbarung, sondern unmittelbare, involvierte Deutung. Die Menschen waren vertraut mit dem Opferkult, sie kannten die Bedeutung eines Opfers, das kein blutrünstiges, sadistisches Ritual, sondern die symbolische Möglichkeit darstellte, sich Gott zu nähern: auf die Opfertiere konnte man die eigene Schuld übertragen und so frei von ihr werden. Das Bild Jesu als Opferlamm entstammt also dem unmittelbaren religiösen Erfahrungsbereich und spiegelt so genau dieselbe Botschaft wie in diesem Essay wider: der Weg für eine wahre Gottesbeziehung ist frei, die innerseelischen Gräben sind überwunden.

Für den heutigen Menschen, dem sogar die Erfahrung einer Schlachtung fehlt, für den Blut etwas Erschreckendes und Grausames darstellt, ist dieses Bild vom Opferlamm freilich unverständlich, ja schädlich. Denn wer diese Opfervorstellung aus der Verwurzelung in dem Geschichtshorizont der jüdischen Menschen der Zeitenwende, aus dem sie hervorgekommen ist, herauslöst, die Opfervorstellung spiritualisiert ins Zeitlose der Orthodoxie und Dogmatik, der muß sich den (humanistisch motivierten) Vorwurf zurecht gefallen lassen: was für einen grausamen Gott portraitiert ihr da, der seinen eigenen Sohn zunächst geopfert haben will, bevor er sich mit den Menschen wieder versöhnt? Wer heute dasselbe wie damals aussagen will, der muß zu anderen Vokabeln greifen, die aus der Vorstellungswelt von heute gegriffen sind. Denn Opfer wird nicht mehr als »Darnahung« verstanden, sondern nur noch als archaisch-grausamer Ritus.

Zur Interpretation der paulinischen Theologie

Es lassen sich natürlich grundsätzliche Zweifel anmelden, ob die Methode, nach der hier verfahren wird, legitim ist, d.h. daß man z.B. aus der Theologie des Paulus einzelne Aspekte herauslöst, um sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Diese Verfahrensweise ist zwar für Historiker durchaus üblich und auch legitim, solange die betrachteten Entwicklungen durch ausgeblendete Stellen nicht ins Gegenteil verkehrt werden könnten. Jede Entwicklung eines komplexen Zusammenhangs geschieht ja nicht linear und synchron, vielmehr ändern sich über längere Zeit hinweg bestimmte Aspekte in eine Richtung, und zwar so, daß man diese Richtung angeben kann. Dabei kann es natürlich vorkommen, daß einzelne Stationen dieser Entwicklung überhaupt nicht weitergetrieben sehen wollte, als sie sie getrieben haben, sie aber dennoch der Weiterentwicklung den Weg bereitet haben.

Als solcher Wegbereiter sollte hier aus den Quellen heraus Paulus charakterisiert werden, als Vetreter - so paradox das für so manches Ohr klingen mag - des Protestes gegen den (religiösen) Moralismus. Dies darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Paulus selbst Moralist war und oft einen alten nur durch einen neuen Moralismus ersetzte. Und dennoch lebte er die Kritik des Moralismus.

Ob eine solche Betrachtung zulässig ist, ob man also den grundsätzlichen Protest gegen jede Form von Moralismus und Dogmatismus aus Paulus dem Moralisten und Dogmatisten ableiten darf, hängt davon ab, ob man das Neue Testament als unfehlbares und zeitloses Endprodukt sieht oder vielmehr als einen Urquell, der Entwicklungen speist und verwirft, der Linien vorzeichnet. Biblizisten und Fundamentalisten wählen den ersteren Ansatz und verstehen Tradition somit als Bewahrung und Verteidigung der einen Wahrheit, die sie in ihrem Besitze wähnen. Mein Ansatz hingegen versteht Tradition als die großen Linien, die mich mit meinem Urquell verbinden, jene Linien, die ich zu korrigieren und fortzuschreiben habe im Protest gegen die Entwicklung, die ich Fehlentwicklung nenne. Tradition bewahrt somit auch, aber nicht die ungreifbare Wahrheit in ihrer unverfälschten Form, sondern die Geschichte des Suchens nach dieser Wahrheit, die Geschichte des Fortschreibens, des Neuziehens und Verwerfens großer Linien, die alle vom Urgrund ausgehen und irgendwann einmal in das Endziel münden sollen. In dieser Tradition hat jeder seinen Platz: der siegreiche kirchliche Dogmatismus wie die gescheiterten Ketzer, der Moralist Paulus wie die liberale Forschung der Moderne. Tradition ist also nichts anderes als Geschichte, zu der man den Zugang offenhielt, menschliche Geschichte voller Leistungen und Irrtümer, in der wir uns unsere Verbündete und unsere Gegner suchen, um diese Tradition mit allem, was wir haben, fortzuschreiben, mit unserem Leben, unserer Existenz.

Von diesem Standpunkt aus ist natürlich obige Verfahrensweise dann legitim, wenn sie konsequent ist, wenn sie sich offenhält gegenüber Kritikpunkten, die gegen sie sprechen. Im anderen Fall ist sie Blasphemie, da durch die Verkürzung die Wahrheit verfälscht wird.

Nun aber zum Eigentlichen.

Denn ich schäme mich der Guten Nachricht nicht, da sie Gottes mächtiges Werkzeug ist, jedem, der im Vertrauen festbleibt, die Erlösung zu bringen. [...] Denn in ihr ist offenbart, wie Gott die Menschen in seinen Augen gerechtmacht, und vom Anfang bis zum Ende geschieht das durch das Vertrauen. (Röm 1,16)

Paulus ist dem Kern der jesuanischen Botschaft, wie sie in diesem Essay dargestellt wird, äußerst nahe: die Gute Nachricht ist nichts anderes als die gute Nachricht, daß Gott anders ist, daß Gott kein einengender Gott ist, sondern ein Gott, der die Erlösung bringt.

Denn in seinen Augen wird keine für gerecht erachtet aufgrund der peinlich genauen Befolgung der Gebote der Torah, denn, was die Torah wirklich tut, ist, den Menschen zu zeigen, wie sündig sie sind. (Röm 3,16)

Nicht durch das Gesetz werden die Menschen gerecht, sondern allein durch das Vertrauen. Der Mensch wird durch das gerecht, wozu er befähigt ist, nämlich das Vertrauen. Er braucht sich nicht mehr daran kaputtzumachen, Gesetze zu erfüllen. Der wahre Sinn der Weisung ist nicht der Gesetzeskodex, sondern die Vermittlung der Nähe zu Gott - oder vielmehr wie Paulus es ausdrückt: sie zeigt dem Menschen, wieviel zwischen ihn und Gott geraten ist.

Nun aber ist der Weg offenbar geworden, wie Gott in seinen Augen außerhalb der Torah Menschen gerecht macht.[...] und das ist eine Gerechtigkeit, die von Gott kommt, durch die Treue des Messias Jesu, zu allen, die fest vertrauen. (Röm 3,16)

Ja, Jesus hat gezeigt, daß der Weg zu Gott nicht durch das Gesetz hindurch führt. Zu Gott führt nur der Weg, den Jesus ging: den der Treue.

Durch Gottes Gnade, ohne es zu verdienen, erhalten alle den Status, vor ihm für gerecht erachtet zu werden, auch die Tat, die uns aus unserer Knechtschaft des Getrenntseins von Gott befreit hat, vollbracht durch Jesus. (Röm 3,24)

Das Gottesbild, von dem Jesus kündete hatte auf Paulus diese Wirkung: vorher fühlte er sich als Angeklagter, jetzt ist er, ohne es sich erdient zu haben, freigesprochen worden. Das, was sich zwischen ihm und Gott eingenistet hatte, es war wie ausgewischt, die Trennung ist aufgehoben, der Weg zu Gott ist frei! Und das alles durch einen Menschen: Jesus.

Wenn wir nun durch seinen blutigen Opfertod für gerecht erachtet werden, wieviel mehr werden wir dann durch ihn aus dem Zorn göttlichen Gerichts erlöst werden. (Röm 5,9)

Er spürt die Befreiung, die seiner Seele durch dieses neue Bild des alten Gottes (der natürlich, ohne daß die Menschen es merkten, stets derselbe war) zuteil wird. Der zornige Richtergott ist für ihn besänftigt durch das Opfer Jesu, der Richtergott, ihn gibt es nicht mehr, die Menschen sich von seinem Zorn erlöst, den es natürlich in Wirklichkeit so nie gab.

Und wir werden nicht nur in der Zukunft erlöst, sondern wir rühmen uns Gottes schon jetzt, denn er hat gehandelt durch Jesus, den Mesias, durch den wir diese Versöhnung bereits jetzt haben. (Röm 5,11)

Auch hier sieht Paulus wieder, was durch Jesus rückgängig gemacht wurde: die Erlösung, die Befreiung des Menschen, sie wird nicht erst in ferner Zukunft geschehen, sondern schon hier und jetzt, man braucht den Menschen nicht auf ein Jenseits vertrösten.

Denn als wir nach unserer alten Natur lebten, wirkten die Leidenschaften, die mit der Sünde zusammenhängen, durch die Torah in unserern Gliedern, mit dem Ergebnis, daß wir dem Tod Frucht brachten. Jetzt aber sind wir von diesem Aspekt der Torah befreit, weil dem gestorben sind, das uns in seinem Klammergriff hielt, damit wir auf die neue Weise dienen, die der Geist bestimmt und nicht auf die alte Weise des äußeren Gehorsams gegen den Buchstaben des Gesetzes. (Röm 7,5)

Ich war einst lebendig, außerhalb der Torah. Doch als ich die Gebote wirklich kennenlernte, lebte die Entfernung von Gott auf, und ich starb. Das Gebot, das gedacht war, mir Leben zu bringen, sollte mir den Tod bringen! (Röm 7.9)

So hatte Paulus die Torah, die Weisung Gottes kennengelernt, als etwas, das ihn der lebendigen und persönlichen Gottesbeziehung entfremdete, das ihm schlechterdings den seelischen Tod brachte. Nun aber wirkt der Klammergriff des Gesetzesmoralismus nicht mehr.

Fußnoten

[1] vgl. zu den folgenden Ausführungen: C. Westermann, Tausend Jahre und ein Tag; J. Maier, Das Judentum, zu einzelnen Fragen auch Martin Buber, Der Glaube der Propheten und Rudolf Bultmann, Das Urchristentum

[2] Es soll hier nicht generalisiert werden: es heißt nicht, das es niemanden mehr gab, der diese Stimme wirklich vernahm, wohl aber, daß es von der Volksgemeinschaft als Ganzes nicht mehr vernommen wurde.

[3] z.B. »Denn dieses Gesetz, das ich dir heute gebe, ist für dich nicht zu schwer und nicht zu ferne. [...] Sondern ganz nahe ist dir das Wort in deinem Mund und in deinem Herzen, daß du danach tun kannst.« (Deuteronomium 30,11.14 nach C. Westermann)

[4] z.B. »Zu Zeugen habe ich heuttags gegen euch den Himmel und die Erde genommen, / das Leben und den Tod habe ich vor dich hin gegeben, / die Segnung und die Verwünschung, / wähle das Leben, / damit du lebst, du und dein Same: / IHN deinen Gott zu lieben, / auf seine Stimme zu hören, / an ihm zu haften, / denn das ist dein Leben und die Länge deiner Tage.« (Deuteronomium 30,19-20a nach Buber/Rosenzweig)

[5] z.B. »Der Stachel des Todes ist die Sünde; und die Sünde bezieht ihre Macht aus der Torah.« (1. Korinther 15,56 nach JNT)

[6] vgl. Franz Rosenzweig, Die Schrift

[7] Die priesterschriftliche Quelle entstand wohl erst im Exil, denn in ihr wird vorallem die Bedeutung des Sabbat hervorgehoben (er war das gemeinschaftsstiftende Element in der Diaspora), und die priesterschriftliche Schöpfungsgeschichte ist eine apologetische Auseinandersetzung mit der babylonischen Mythologie und Astrologie.

[8] vgl. Martin Buber, Der Glaube der Propheten und Königtum Gottes bzw. Moses

[9] Westermann/Gloege, Tausend Jahre und ein Tag

[10] vgl. hierzu Buber, Zwei Glaubensweisen und Westermann/Gloege Tausend Jahre und ein Tag

[11] LXX-Übersetzung für Zebaoth: »Herr der Heerscharen«

[12] so wurde der Akzent in der LXX bei der Deutung des Gottesnamens verschoben, vgl. Martin Buber, Moses; Franz Rosenzweig, Der Ewige

[13] Mk 1,15 nach der Übersetzung von Martin Buber

[14] Nicht ohne Grund ist bis heute der Hauptproblempunkt in einer christlich-jüdischen Verständigung die Göttlichkeit Jesu, was von Juden - nicht zu Unrecht - als Verwässerung des monotheistischen Prinzips verstanden wird.

[15] An dieser Stelle ist wichtig zu betonen, daß er also erst von Tod an a posteriori der Messias ist, nicht schon a priori, von der Geburt oder gar von Anbeginn der Zeiten an. Dies deckt sich auch mit den Ergebnissen der neutestamentlichen Forschung, die herausgefunden hat, daß ursprünglich die Auferweckung Jesu als die Einsetzung zum Sohn Gottes gegolten hat.

[16] Es ist wichtig an dieser Stelle zu differenzieren zwischen Richtergott und Gott als Richter. Es soll nicht bestritten werden, daß Gott auch richterliche Züge an sich trägt, nur ist das nicht das primäre Erscheinungsweise.


© Andreas Schmidt 1995
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