AN JESUS KOMMT IHR NICHT VORBEI...

Gedanken zu Johannes 14,6

ANDREAS SCHMIDT

»Jesus spricht zu ihm
Ich bin der Weg,
die Wahrheit
und das Leben.
Niemand kommt zum Vater
denn durch mich.«

Johannes 14,6




Hinführung

Dieser Bibelvers ist vielleicht der meistzitierteste des Neuen Testamentes, nicht zuletzt weil er die Zusammenfassung des christlichen Glaubens in einem einem einzigen Satz darzustellen scheint. Er begründet den Absolutheitsanspruch des Christentums, Juden wie Martin Buber sehen hierin sogar eine Vergottungstendenz und damit die Aufgabe des monotheistischen Gottesbildes zugunsten eines binitarischen, manche Christen berufen sich auf diesen Satz, wenn sie die Wahrheit in ihrem Besitz wähnen und alle, die nicht ihrer Meinung sind, als Nicht-Christen diffamieren, den Liberalen demgegenüber ist er ein Dorn im Auge, weil hier pure Illiberalität legitimiert ist.

Man kommt an diesem Satz nicht vorbei, auch wenn er, wie noch zu erörtern sein wird, gar nicht so typisch ist. Man kommt an diesem Satz nicht vorbei, wenn man es wirklich ernstmeint, wenn man Glauben und Bibel, wenn man menschliche Existenz und Welt wirklich ernstnimmt. Was also meint dieser Satz wirklich, welchen Platz nimmt er im persönlichen Glauben ein, soll er einnehmen? Je komprimierter ein Satz ist, je dichter die Worte liegen, desto gewichtiger werden diese Worte und desto gewichtiger werden auch ihre Bedeutungen. Und deshalb soll es im folgenden um eine Klärung dieser Worte und ihrer Bedeutungen gehen, um eine Klärung, die ich natürlich als eine ganz plausible halte, aber von der ich kaum behaupt kann, sie sei die richtige, geschweige denn die einzig richtige.

Ich

Schon beim ersten Wort müssen wir innehalten.

Welches Ich spricht hier? Ist es dasselbe Ich, das auf die ehrbezeugende Anrede »Guter Lehrer« sogleich abwehrt: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott.« (Markus 10,17f). Ist das hier wirklich dasselbe Ich? Im Markus-Evangelium noch demütig vor dem einen Gott in Weltzeit, Seine Einzigartigkeit verteidigend, als dessen geliebten Sohn er sich weiß, hier im Johannes-Evangelium majestätisch-deklarativ die Einzigartigkeit dieses einen Gottes vereinnahmend. Eines dämmert hier herauf: es spricht ein anderes Ich. Das Selbstverständnis des Ich im einen und im anderen Fall (falls es sich wirklich in beiden Fällen um ein personales Ich handelt) ist ein anderes, um genauer zu sein: das eine ist mit dem anderen unvereinbar. Entweder man ist demütig und spürt trotz intimster Gottverbundenheit das Nicht-Gott-Sein, diese nicht-enden-wollenden Dimensionen, die einen von Gott trennen, oder man spricht vor dem Hintergrund einer bewußten Wesenseinheit, entweder man spricht, handelt, lebt für Gott, in Seinem Dienste, oder man spricht, handelt, lebt als Gott. Nur wer oberflächlich über das Gewicht dieser beiden Aussagen hinwegliest - oder beim Lesen nur situative Beweise der eigenen Glaubensinhalte sucht -, kann die Welten übersehen, die hier aufklaffen.

Soll man deshalb das eine oder das andere verwerfen? Das wäre sicherlich eine zu einfache Antwort (obgleich die liberale Seite meist die johanneische Aussage, ihre Gegner meist die markinische Aussage zu gerne preisgeben). Eines muß klar sein als Ausgangspunkt dieser Untersuchung: Diese Aussage, auch so wie sie hier steht, hat ihren Sinn. Nur muß jetzt geklärt werden, welcher Sinn dies ist. Ein wesentlicher Punkt bei der Erschließung der Bedeutung dieses Ichs ist sicherlich der Problemkomplex der Gottessohnschaft. Wer die Frage der Gottessohnschaft nicht klärt, kann das Wesen dieser beiden Ichs nicht bestimmen, so daß sie sich zu einem Bilde fügen.

Bei Markus ist die Gottessohnschaft eine Einsetzung, eine Auserwählung, eine Berufung des Gesalbten, wie sie durchaus ihre Vorläufer hatte. Jesus ist Gottes Sohn durch die Berufung bei der Taufe. Bewußt wird hier angeknüpft an Traditionen, und auch der Ruf der »nahgekommenen Gottesherrschaft« greift ein seit der Offenbarung am Sinai bestimmendes Thema auf. So wie mit Saul als Gesalbten eine neue Ära der Gottesherrschaft anbrach als die durch den König mittelbare Gottesherrschaft, so bricht nun eine weitaus bedeutendere neue Ära an: die radikal unmittelbare Gottesherrschaft, eine Gottesherrschaft, die nunmehr individuell verstanden wird, nicht mehr theopolitisch. Es ist etwas vollkommen Neues. Daran liegt es Markus, nicht an irgendeiner Präexistenz, auch nicht am Wesen Jesu. Dieses Neue ist aufs Eigentümlichste mit der Person Jesu verknüpft, mit seinem Leben. Auch das ist neu; das gab es nicht bei Mose, nicht bei Saul, nicht bei David, bei keinem der Propheten. Nach dem wie, nach dem warum wird nicht nicht gefragt. Denn Gott, der Eine Gott, handelt hier in Jesus. Der Eine Gott verknüpft Seine schon immer beanspruchte Herrschaft mit Seinem Gesalbten, den Überbringer mit dem Überbrachten.

Bei den anderen beiden Synoptikern wird aus dem Bewundern der Handlung Gottes in der Welt ein Erklärenwollen, ein Zurückverfolgen. Hier brechen die Fragen nach dem Wie und dem Warum auf. Ja, wenn Überbringer und Überbrachtes so aufs Innigste verknüpft sind, ja untrennbar verknüpft sind, und das Wesen des Überbrachten ein göttliches war, dann muß das Wesen des Überbringers auch ein göttliches gewesen sein. Dann muß die Gottessohnschaft bedeuten, daß er leiblich von Gott abstammt. Und dann kommt für das In-die-Welt-Kommen Jesu nur eine Jungfrauengeburt in Frage. Damit ein für alle Mal klar sein wird, welch gewaltige Bedeutung Jesu Kommen hat, wird hier zum ersten Mal eine Wesensgleichheit postuliert, und zwar von Geburt an.

Johannes greift dieses auf und denkt es in griechischen Kategorien weiter. Ja, wenn Gott der allmächtige, der allwissende Gott ist, und wenn dieses ein so gewaltiges Ereignis ist, dann muß Jesus ja schon immer von Jesus vorgesehen gewesen sein. Die Idee der Präexistenz war geboren. Ich sage hier absichtlich »geboren«. Denn ich halte diese Präexistenz für eine höchst kuriose Vorstellung. Denn entweder ich denke mir Gott (ich weiß ja nicht, wie er wirklich ist) als über aller Zeit thronend, als einen zeitlosen Gott, der nur in die Geschichte eingreift, nicht aber selbst in ihr existiert, dann gibt es keine Vergangenheit und Präexistenz bedeutet eine Selbstverständlichkeit: Jesus kommt von und existiert bei Gott. Oder man denkt sich Gott als in der Zeit existierend, Gott ist also genauso in der Zeit beschränkt wie wir es sind, er kann nicht zurück und nicht voraus. Also muß das, was ewigkeitlichen Charakter haben soll, schon von Anbeginn existiert haben: es wird eine zeitliche Existenz postuliert, nur um eine Überwindung derselben zu begründen.

Wohlgemerkt: dies alles sind Konzepte, die sich Menschen von dem Einen Gott in Weltzeit machen. Sie ändern nichts am Wesen dieses Gottes- sie nehmen nichts weg und tun nichts hinzu -, und es gilt für uns, nicht diese Konzepte falsch zueinander in Bezug zu setzen, um nicht ein nicht nur unzulängliches, sondern verfälschendes Gottesbild zu erhalten. Ich sage nicht, daß meine Ausführungen hier die richtigen sind, ich sage nur, daß dies die Motivation bleiben muß.

Nimmt man die obige Entwicklung als so geschehen an, in die sich ím übrigen Paulus - entkleidet man seine Ausführung des Deutungen des Todes Jesu und seiner Rechtfertigungslehre, die einer eigenen Besprechung würdig wären - aufs beste einfügt, nämlich als Anfangspunkt (vgl. Röm 1,3f), dann wird auch klar, wie sich das Ich des Jesus, den man jeweilig sprechen läßt - z.T. echt überlieferte, z.T. nachgebildete, z.T. neugebildete -, wandelt, wandeln muß. Denn kein Mensch, der von einem solchen Ereignis berichtet, kann Tatsachen berichten, ohne seine eigene Konzeption mit hineinzumischen, und was wären die Evangelien auch ohne die glaubende Deutung, ohne den Bezug auf die Existenz des Menschen. Versteht man die Evangelien somit nicht als primär historische Berichte, sondern als Glaubenszeugnisse, als (unzulängliche) Konzepte, dann kann von hier aus auch eine Antwort gegeben werden, wie dieses Ich in dem Johannes-Vers zu verstehen ist.

Es spricht hier nicht das Ich des historischen Jesus - der redet im Markus-Evangelium einen deutlichen Ton -, es ist das Ich der Verkündigung, des verkündigten Jesus, der nicht weniger eine Glaubenswirklichkeit ist. Also: die Aussagen, die dieser Satz beinhaltet, sind keine Aussagen über die Wesenheit Jesu, sondern über das Wesen seiner Botschaft, die ja von Anfang an als aufs Innigste mit seiner Person begriffen wurde.

bin

Nimmt man die obigen Ausführungen zum »Ich«, das hier spricht, zum Ausgangspunkt, so hat man auch einen Zugang zu der Bedeutung des einfachsten und zugleich vieldeutigsten Verbum einer jeden Sprache: sein. Es meint ist keine Gleichsetzung, auch kein einfaches Beinhalten (man stelle sich das einmal vor), es meint schon viel von einem »bedeuten«, das das »Ich« zu einem »In mir« macht - unter der obigen Prämisse der innigen Verknüpfung von Person und Botschaft. Das Ich der Verkündigung ruft hier herzu: »Wenn ihr den Weg zu Gott sucht, hier ist er. Wenn ihr nicht wißt, wohin ihr umkehren sollt, schaut herzu.« Dieses Sein hat also nicht den Sinn einer Wesensbestimmung, sondern ist Aufforderung, Angebot, Hinweis, dynamisch in all dem.

der Weg

Es steht hier nicht »ein Weg«, sondern »der«, der einzige Weg. Auch hier - wie an so vielen anderen Stellen - macht Jesus klar: auf der Ebene der Existenz gibt es nur zwei Alternativen: Gott oder Nicht-Gott. So vielgestaltig Gott auch ist, so ungreifbar, so ausschließlich ist seine Botschaft.

Was heißt nun »Weg«? Lebensweg, Leidensweg, Weg in die Freiheit, Weg in den Abgrund? Dies alles sind Metaphern, und es wird durch nichts nahegelegt, das die absolute Stellung des Wortes hier nur die Weglassung einer Ergänzung ist. Vielmehr steckt hier mit drin: »der wirklich wichtige Weg«, nämlich der Weg zur Erfüllung der eigenen Bestimmung, der Weg zum Schöpfer, nicht Zugang im Sinne einer Zugangsberechtigung, sondern Weg als Antwort auf eine Suche, der Suche der Existenz nach dem, was man wahrscheinlich treffenderweise mit »Heil« beschreiben müßte, wäre dieses Wort nicht zu sehr mit Interpretationen überfrachtet. Man sollte hier nicht vorschnell das Konzept einer Rettung darüberstülpen, denn dieses Wegweisen ist gibt zunächst einmal ein Ziel, eine Wegrichtung, und ist erst im Rückblick eine Rettung, in der Deutung des Geretteten. Also nicht »Ich bin der Weg« übersetzen mit »Ich bin die Rettung«, sondern eher - ergänzt durch seinen Ruf zur Umkehr - »Kehrt um von euren Wegen, schaut auf mich, bei mir und nirgends sonst findet ihr, was ihr sucht und braucht.«

die Wahrheit

»Ich bin der Weg« ist eine ungeheuere Behauptung, und man erwartet geradezu eine Begründung. Und die Begründung - und zugleich Steigerung folgt zugleich: »weil ich auch die Wahrheit bin«. Was heißt hier nun »Wahrheit«?

Leise ist hier noch der Nachklang dessen zu spüren, was Wahrheit in der hebräischen Sprache bedeutet: die absolute Zuverlässigkeit im Reden und Handeln, im Denken und Planen, im Sein schlechthin, eine Zuverlässigkeit, die nur Gott erweisen kann, eine Treue, zu der der Mensch zwar bestimmt ist, die er aber nicht halten kann. Zwar kann dieser Wortsinn einiges erschließen von dem, was dieser Satz auszusagen vermag, aber gleichzeitig ist es tatsächlich nur ein leiser Nachklang dessen, weil hier etwas fehlt: die Beziehung. Alttestamentarische Wahrheit war immer an die Beziehung gebunden, außerhalb einer Beziehung gibt es keine Wahrheit. Hier aber wird sie absolut gesetzt als »die Wahrheit«. Hier steht ein griechischer Wahrheitsbegriff, zumindest dem Wesen nach. Es ist ein Wahrheitsbegriff, der Wahrheit als das Weltprinzip begreift, das Ziel aller griechischen Philosophie. Der Wahrheitsbegriff des Johannes ist eine Antwort auf die Philosophenschulen, die alle dem Logos, der Weltvernunft, der Wahrheit auf der Spur waren, Jesus ist die Antwort: das Ziel all eures Strebens, hier habt ihr es. Der Gehalt der Botschaft vermittelt sie euch.

Wahrheit ist aber auch, da darf man die Heilskonzeption des Johannes nicht außer acht lassen: die Wahrheit ist das Geschöpf-Sein der Welt und damit auch des Menschen. Die Lüge ist das Aus-sich-selbst-Sein-Wollen des Menschen. Die Wahrheit ist die wahre und einzige Wirklichkeit Gottes, die Lüge die Leugnung derselben.[1] Damit heißt der Satz auch: »Sucht ihr die wahre und einzige Wirklichkeit, so schaut auf Jesus, in ihm ist die Wirklichkeit Gottes personifiziert.«

Wir dürfen diese Wahrheit hier nicht mit dem unseren Wahrheitsbegriff verwechseln, der sozusagen eine Weiterentwicklung der griechischen Philosophie ist. Wahrheit ist das Beweisbare, das Unumstößliche, das Ziel aller Wissenschaft. Tut man das aber, so sind die Kurzschlüsse nicht weit: wenn Jesus diese Wahrheit ist, und wir den Glauben an Jesus haben und er dann mit uns ist, dann haben auch wir die Wahrheit. Das Ergebnis: eine unerträgliche Hybris, schlimmer als die der Philosophen, als die der Wissenschaftler. Stattdessen muß ein modernes Einsicht unumstößlich sein: im modernen Verständnis von Wahrheit kann kein Mensch Wahrheit als Wahrheit erkennen, geschweige denn besitzen, es gibt außerhalb eines isolierten und methodisch kontrollierten System wie dem der Mathematik für uns die Gewißheit der Wahrheit. Auch nicht im Glauben. Wir können nicht wissen, daß Jesu Botschaft wahr ist, wir können nur darauf vertrauen. Im besonderen können wir nur darauf vertrauen, niemals wissen, daß wir sie auch richtig verstehen, wir können nur auf Gottes Hilfe beim richtigen Verständnis hoffen. Also dieses Satz ist nicht so zu verstehen: »Wer an Jesus glaubt, der hat die Wahrheit«, sondern »Wer etwas von der Wahrheit seiner Existenz wissen will, der lausche der Botschaft Jesu, versuche sie zu begreifen, bilde sich aber niemals ein, daß jemand außer Gott Wahrheit erkennen könne«.

und das Leben

Und wir sind beim nächsten vieldeutigen Begriff angelangt: »Leben«. Leben meint hier sicherlich nicht das biologische Leben, das man einst an der Herztätigkeit, nun an der Gehirntätigkeit festmacht. Das wäre eine groteske Vorstellung.

Das, was hier mit Leben gemeint ist, umschreiben wir gemeinhin mit »wirkliches Leben«, »wahres Leben«, »erfülltes Leben« und meinen damit eine Qualität von Leben, die uns unserem Wesen nach angemessen scheint. Und das heißt ja nichts anderes als: was unserer Geschöpflichkeit entspricht. Jesus weist uns zu unserer Bestimmung. Wer aber die Wirklichkeit Gottes nicht anerkennt, die Wahrheit von oben, der leugnet die einzige Wirklichkeit, der lebt in einer Scheinwirklichkeit, die mehr Tod als Leben ist.

Un d man spürt es ja auch, daß wenn man nicht seiner Bestimmung entgegenlebt (auch wenn man sie zumeist nicht kennt, zumindest nie erschöpfend), dann fühlt sich das Leben so unausgefüllt, so fremd an, alsob es kein wirkliches Leben wäre.

Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Hier ist er: der »Absolutheitsanspruch« des Christentums. An dieser Stelle, so scheint es auf den ersten Blick, steht die Überlegenheit des Christentums über alle anderen Religionen, insbesondere über Judentum und Islam. Aber ist das wirklich ein Kampfspruch gegen irgendjemanden? Was meint dieser Satz wirklich?

Dieser Vers öffnet den Blick für den Kontext, in dem er steht. Während der vorherige Satz isoliert im Raum steht (bis auf die einleitende Frage nach dem Weg, die aber nur zum Anlaß genommen wird, um eine verallgemeinerte Antwort, eine generelle Aussage zu formulieren), so leitet dieser nun eine ganze Reihe von Aussagen ein, die man mit in Betracht ziehen muß: Wer Jesus erkannt hat, wird auch Gott erkennen, daß Jesus im Vater ist und der Vater in ihm. Im allgemeinen wird dies als eine klare Stellungnahme Jesu zur Offenbarungseinheit zwischen dem Vater und dem Sohn in der Trinität angesehen. Es mag schon sein, daß Johannes hier im Hinterkopf eine trinitätsähnliche Vorstellung hatte, doch was bedeutet für uns dieser Satz, was bedeuten diese Aussagen für die Existenz des einzelnen? Der einzelne hat nichts davon, wenn eine theologische Konzeption bestätigt wird, seine Existenz bleibt von der Dreieinigkeit unberührt.

Also, was läßt sich aus diesen theologisierenden Sätzen gewinnen: 1. Jesus verkündigt ganz eindeutig den Willen Gottes, nicht seinen eigenen. 2. In der Botschaft Jesu wird noch nie zuvor etwas über Gott offfenbar. 3. Wer Jesus außer acht läßt, der kann nie Spuren der Wirklichkeit Gottes aufnehmen, Spuren der Gottesherrschaft erkennen.

Und plötzlich meint dieser Satz nicht viel anderes als der Satz davor: nicht der Absolutheitsanspruch des Christentums als einer menschlichen Einheit, sondern den Absolutheitsanspruch des Einen Gottes, der als einziger das Recht dazu hat, einen Absolutheitsanspruch zu formulieren. Und zu diesem Absolutheitsanspruch Gottes gehört auch, daß man Jesus ernstnimmt als Seinen Gesalbten, daß man seine Botschaft ernstnimmt, nicht versucht, der Herausforderung Jesu und damit der Herausforderung Gottes zu entgehen. Wer dies versucht, findet nicht zum Vater, findet seinen Urgrund und seine Bestimmung nicht, weil er von der angebrochenen Gottesherrschaft nichts weiß.

Wer also nunmehr diesen Satz als Legitimation für religiöse Intoleranz lesen will, der läßt die Demut vor dem einzigen außer acht, der so etwas sagen darf. Kein Mensch, bis auf Gottes Bevollmächtigten, darf diesen Absolutheitsanspruch für irgendetwas Menschliches vereinnahmen. Das einzige Würdige, was wir tun dürfen, ist die Anerkenntnis dieses Absolutheitsanspruches, was aber zugleich meint, daß wir eben alles Menschliche zurückstellen müssen. Und Religion ist nuneinmal etwas Menschliches.

Eine Interpretation

Wenn ihr nach dem Weg sucht,
wenn ihr nicht wißt, wohin ihr umkehren sollt,
die Botschaft Jesu weist euch den Weg,
wenn ihr nach etwas Beständigem sucht,
die wahre Wirklichkeit euch erschließen wollt,
in der Botschaft Jesu findet ihr Gottes Wirklichkeit,
und wenn ihr wirklich leben wollt,
und zu eurer Bestimmung gelangen,
in der Botschaft Jesu findet ihr dieses Leben.
Stellt euch der Herausforderung der Person Jesu,
an ihm kommt ihr nicht vorbei,
wenn ihr zu Gott finden wollt.




Anmerkungen

[1] vgl. Rudolf Bultmann, Theologie des Neuen Testamentes: »Denn so wenig wie Lüge hat Wahrheit bei Johannes einen rein formalen Sinn, als bedeute Wahrheit die Unverdecktheit des Seienden überhaupt oder Wirklichkeit in dem rein formalen Sinne, wie sie von jedem Gegenstand (im Gegensatz zu einer täuschenden Vorstellung) ausgesagt werden kann. Vielmehr ist die Grundbedeutung von Wahrheit bei Johannes die der Wirklichkeit Gottes, die, da Gott der Schöpfer ist, die einzige echte Wirklichkeit ist. Die freimachende Erkenntnis der Wahrheit ist nicht die rationale Erkenntnis der Wirklichkeit des Seienden überhaupt, die von den durch Tradition und Konvention veranlaßten Vorurteilen und Irrtümern befreit, sondern die dem Glauben geschenkte Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes, die von der Sünde befreit.«


© Andreas Schmidt 1997
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