STARK WIE DER TOD

Ein Plädoyer für die Liebe.

ANDREAS SCHMIDT

Vorbemerkung

»Gefühle begleiten das metaphysische und metapsychische Faktum der Liebe, aber sie machen es nicht aus; und die Gefühle, die es begleiten, können sehr verschiedener Art sein. Das Gefühl Jesu zum Besessenen ist ein andres als das Gefühl zum Lieblingsjünger; aber die Liebe ist eine. Gefühle werden ›gehabt‹; die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen, aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, so daß sie das Du nur zum ›Inhalt‹, zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du. Wer dies nicht weiß, mit dem Wesen weiß, kennt die Liebe nicht, ob er auch die Gefühle, die er erlebt, erfährt, genießt und äußert, ihr zurechnen mag. Liebe ist ein welthaftes Wirken. Wer in ihr steht, in ihr schaut, dem lösen sich Menschen aus ihrer Verflochtenheit ins Getriebe; Gute und Böse, Kluge und Törichte, Schöne und Häßliche, einer um den andern wird ihm wirklich und zum Du, das ist, losgemacht, herausgetreten, einzig und gegenüber wesend; Ausschließlichkeit ersteht wunderbar Mal um Mal - und so kann er wirken, kann helfen, heilen, erziehen, erheben, erlösen. Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum größten und von dem selig Geborgnen, dem sein Leben in dem eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagnen, der das Ungeheure vermag und wagt: die Menschen zu lieben.« [1]

Die Liebe, und aus ihrem Kreis insbesondere die partnerschaftliche Liebe, sind für die Existenz des Menschen zu bedeutsam, als daß man es hinnehmen könnte, daß sie entweder in den Romantisierungen eines kleinbürgerlichen, engstirnig-moralisierenden Pseudo-Glückes erstickt oder aufgerieben wird in der Triebsphäre der Sexualität, wo das Pseudo-Glück die Ekstase und die Befriedigung ist. Diese Konzeptionen von Liebe sind allesamt Perversion des wahren Wesens der Liebe, das aber so unermeßlich ist, als daß man es in einem Essay wie diesem zu erfassen vermag.

Deswegen unternimmt dieser Essay auch nicht den Versuch, in aller Erschöpfung zu beschreiben, was Liebe ist. Er will dazu beitragen, daß jeder selbst seinen eigenen Weg finden kann, auf dem er die Liebe selbst entdecken kann. Er will keine Verhaltensmaßregeln aufstellen, vielmehr will es den Liebenden von den Zugriffen der Moral befreien hin zur wahren Partnerschaftlichkeit, zur Beziehung zwischen einem Ich und einem Du. Und insbesondere will er aufweisen, wieviel der christliche Glaube und die jüdisch-christliche Überlieferung zu einer Erneuerung des Liebesverständnisses beitragen kann - und wie wenig, wenn man die Tradition abschüttelt und den Glauben von seinen Wurzeln neu erfährt, an der Legende von der Leib- und Sinnesfeindlichkeit des Christentums dran ist.

Betontermaßen will dieser Essay nicht der Weisheit letzter Schluß sein, er will der Ausgangspunkt sein, der Ausgangspunkt, die Liebe auf ein neues Fundament zu stellen, das den Weg zur wahren Wirklichkeit weist. Und am Ende soll für jeden klar sein: »Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.«

Der Gesang der Gesänge
Liebe als »Flammen Gottes«

Anstatt eines Vorwortes

»Es ist nun die Gefahr in aller starken erotischen Liebe, daß man über ihr - ich möchte sagen: die Polyphonie des Lebens verliert. Ich meine dies: Gott und seine Ewigkeit will von ganzem Herzen geliebt sein, nicht so, daß darunter die irdische Liebe beeinträchtigt oder geschwächt würde, aber gewissermaßen als cantus firmus, zu dem die anderen Stimmen als Kontrapunkte erklingen; eines dieser kontrapunktischen Themen, die ihre volle Selbständigkeit haben, aber doch auf den cantus firmus bezogen sind, ist die irdische Liebe und auch in der Bibel steht ja das Hohe Lied und es ist wirklich keine heißere, sinnlichere, glühendere Liebe denkbar als die, von der dort gesprochen wird; es ist wirklich gut, daß es in der Bibel steht, all denen gegenüber, die das Christliche in der Temperierung der Leidenschaften sehen (wo gibt es solche Temperierung überhaupt im Alten Testament?), Wo der cantus firmus klar und deutlich ist, kann sich der Kontrapunkt so gewaltig entfalten wie nur möglich. Beide sind ›ungetrennt und doch geschieden‹ [...], wie in Christus seine göttliche und menschliche Natur.« [2]

»Über das Hohe Lied schreibe ich Dir. Ich möchte es tatsächlich als irdisches Liebeslied lesen. Das ist wahrscheinlich die beste ›christologische‹ Auslegung.« [3]

- DIETRICH BONHOEFFER AUS DER HAFT IN BERLIN-TEGEL
AN SEINEN FREUND EBERHARD BETHGE

Interpretation: 
Von der Wiederentdeckung der Sinnlichkeit

Dich liebt man zurecht

Er tränke mich mit den Küssen seines Mundes!

Wohltut mehr als Wein deine Liebe.
wohltut der Duft deiner Öle,
als Öl hat sich dein Name ergossen,
darum lieben dich die Frauen.

Zieh mich dir nach, laß uns enteilen!
Mein König führe mich in seine Gemächer.[4]
Jauchzen laßt uns, deiner uns freuen,
deine Liebe höher rühmen als Wein.
Dich liebt man zurecht.

Gleich zu Anfang steht das auffordernde »Er tränke mich mit den Küssen seines Mundes«, und gerade der Kuß ist dieses so starke Symbol, dem sich niemand entziehen kann, das immer wieder die Rückerinnerung an die erste Liebe des Lebens, die man gespürt hat, heraufbeschwört: die Mutterliebe, diese »tränkende« Liebe, die sich dem Kind in der bloßen Sinnlichkeit erschließt, in der Berührung, dem Lächeln des Gesichtes. Und genau mit dieser kindlichen Unbefangenheit der Sinnlichkeit gegenüber stimmt SIE [5] ihre Liebeshymne an, vergleicht IHN mit Wein und Salböl, Heilendem also, ohne Argwohn, ohne Eifersucht, ohne Besitzergreifen. SIE will nur die »Liebe höher rühmen als Wein«, nicht mehr und nicht weniger, sie will »jauchzen« und sich »freuen«, und der Geliebte ist ihr König, der sie - ganz zaghaft formuliert - in seine Gemächer führen soll. Somit steigert sich die Sehnsucht von der Sehnsucht nach dem Kuß, diesem apersonalen Archetyp, hin zu dem noch blaß bleibenden Wunsch der Intimität (das »in seine Gemächer«-Geführtwerden) und deutet somit die Zielrichtung ihrer Sehnsucht dynamisch an, sie will diese Liebe genießen, die noch viel mehr als Wein das Bewußtsein verändert, den Menschen berauscht, sie will diese Liebe genießen, ohne daß sie bereits reale Gestalt in ihr angenommen hätte.

Schwarz und anmutig

Schwarz bin ich und anmutig,
ihr Töchter Jerusalems,
wie die Zelte von Kedar,
wie Salomos [6] Decken.[7]

Schaut mich nicht so an,
weil ich eine Schwärzliche bin.
Die Sonne hat mich versengt.
Die Söhne meiner Mutter sind entflammt wider mich,
setzten mich als Hüterin der Weinberge ein,
den eigenen Weinberg konnte ich nicht hüten.

SIE beschreibt sich selbst. SIE stimmt an mit einem selbstbewußten »Schwarz bin ich und anmutig«, sie findet sich also hübsch, nur die anderen Frauen haben etwas an IHR auszusetzen, nämlich, daß sie »schwärzlich« sei. Das damalige Schönheitsideal (insbesondere der städtischen Gesellschaft Jerusalems) war nuneinmal eine helle Haut, da dies sozial signalisierte, daß man nicht unter freiem Himmel arbeiten mußte, wie SIE es mußte.

Aber das Bild des Versengt-Werdens durch die Sonne läßt sich auch noch anders erschließen: nämlich als die Folge des Entflammtseins der Brüder wider SIE. SIE trägt die Spuren ihrer Geschichte, war wie jeder Mensch Opfer der Notwendigkeit, Opfer der sozialen Umstände und konnte sich eben nicht nur um sich selbst. um »den eigenen Weinberg« kümmern, den eigenen Leib, die eigenen Bedürfnisse, das eigene (»Liebes«-)Leben. Das ist der Ausgangspunkt der Liebe, nicht das »Was wäre schön«. Umso verwunderlicher ist es dann später, daß die Liebe solche »Makel« überhaupt nicht sieht, vielmehr eine Makellosigkeit postuliert, die auch eine versengte Seele wieder heil werden läßt. Denn indem man die »Fehler« seines Geliebten auch liebt, enthüllt sich ihre Relativität. Nicht so sehr wird hier ein Traumbild auf den realen Menschen projiziert, sondern der Geliebte auf das Traumbild.

Den meine Seele liebt

Du, den meine Seele liebt,
sag mir: wo doch weidest du die Herde,
wo doch lagerst du am Mittag?

Wozu soll ich wie eine Verhüllte erscheinen
bei den Herden deiner Gefährten?[8]

Wenn du das nicht weißt,
du Schönste der Frauen,
dann folge den Spuren der Schafe,
und weide deine Zicklein
dort, wo die Hirten lagern.[9]

Und jetzt beginnt das, was als Motiv das ganze Buch durchziehen soll: die Suche nach dem, den IHRE Seele liebt. Die Liebe drängt sich in die Nähe des Geliebten, sie will zu jeder Zeit bei ihm sein. Doch dieses Suchen gilt nicht als moralisch einwandfrei. Nicht unbegründet sind ihre Bedenken, ob sie auf ihrer Suche nicht vielleicht doch mit einer Frau verwechselt würde, die ihre Liebesdienste anbietet (die Verhüllung galt als Zeichen für Prostitution). Die Liebe, die sucht, die sich nach Nähe sehnt, hat es nicht leicht in einer Umwelt, wo jeder glaubt, schon alles gefunden zu haben, nicht mehr suchen zu müssen, der Nähe zu einem anderen Menschen nichts mehr abgewinnen kann und jedem argwöhnt, dessen Liebe dies noch alles beinhaltet.

Die Antwort, die ER für SIE übrighat, ist kein Geringschätzen ihrer Bedenken oder gar ihrer Person, sondern eine ironisierende Neckerei. ER spielt mit der Art IHRER Frage, mit ihren Bedenken, nicht, um sich wirklich über sie lustig zu machen, sondern um auf eine ganz erfrischende Art und Weise IHRE Schönheit und Begehrlichkeit ins Spiel zu bringen. SIE soll bei den Herden SEINER Gefährten ruhig einen zweideutigen Eindruck hinterlassen, damit SIE IHRE Wirkung auf andere Männer erfährt (man beachte das Bild der Zicklein, das später als Bild für ihre Brüste wiederkehrt!). Ihre moralischen Bedenken will er dadurch zerstreuen, daß er spielerisch mit ihnen umgeht, er will sie dazu auffordern, der Moral offen ins Gesicht zu schauen, gerade wenn dieses Gesicht einen mißbilligen Blick für einen übrighat

Mag Liebe auch Verehrung und Anbetung sein, so ist sie auch wider allen Ernst ein Spiel, das von der Leichtigkeit lebt, vom Neckischen, vom lächelnden Augenzwinkern - und von der Mißachtung etablierter Normen.

Stute an Pharaos Wagen

Einer Stute an Pharaos Wagen
vergleiche ich dich, meine Freundin.

Anmutig sind deine Wangen
zwischen den Kettchen,
dein Hals im Muschelgeschling,

Machen wir dir doch noch Goldkettchen,
Silberklümpchen dran.

ER stimmt sein erstes Loblied auf sie an. Einer der edelsten Stuten vergleicht er sie, auserwählt aus tausenden, Verkörperung von Unerschrockenheit und Vitalität. IHR Gesicht ist »schön«, umrahmt von »Kettchen« und »Muschelgeschling«. Und ER will sie mit noch mehr behängen: Gold und Silber, Reichtümer, die IHRER scheinbar königlichen Abkunft ebenbürtig sind. Und das alles in dem verspielt-verliebten Ton der Diminutive (»Kettchen« statt Kette; »Muschelgeschling« statt Perlenkette; »Silberklümpchen« statt Silberkugeln). Wenn die Liebe ihre Geliebte mit Reichtümern behängt, so ist das kein materialistischer Exzeß, kein Irrglaube, die Liebe kaufen zu können, sondern ein verliebt-verspielt-verschwenderischer Umgang mit Gütern, die eigentlich anderen vorbehalten sind, eine Metapher für die Kostbarkeit, die man der geliebten Seele beimißt.

An der Tafel des Königs

Solange mein König an der Tafel ist,
gibt meine Narde ihren Duft.

Mein Geliebter ruht des Nachts
wie ein Beutel mit Myrrhe
zwischen den Brüsten.
Eine Hennablütentraube ist mir mein Geliebter
aus den Weinbergen von En-Gedi.

Der Duft der Liebe ist allgegenwärtig, und im Duft verschmelzen Traum und Wirklichkeit, sinnliche Eindrücke und die Gegenwart des Geliebten. Und ganz unmißverständlich wird dieser Duft mit körperlicher Nähe in Verbindung gebracht: das Motiv des Geliebten, dessen Kopf des Nachts an IHREM Busen weilt, als befreie dieser Duft IHRE Träume aus den Fesseln der Wirklichkeit, als gewänne dort eine Sehnsucht immer konkretere Formen...

Frisches Grün ist unser Lager

Da, schön bist du, meine Gefährtin,
da, schön bist du!
Zwei Tauben sind deine Augen.

Da, schön bist du, mein Geliebter,
gar hold.

Frisches Grün ist unser Lager,
Zedern sind die Balken unserer Behausungen
Zypressen die Wände.

In diesem gedrängten Zwiegespräch[10] kulminiert die Verbundenheit der beiden. Sie nennen einander schön, diesmal ganz ohne verschwenderische Metaphern. Nur das reine Bild der Tauben für ihre Augen, die im biblischen Bereich immer auch den Ausdruck der Persönlichkeit meinten. Sie zögert nicht einen Moment und gibt das Kompliment zurück, bekräftigt es, indem sie ihn holdselig, seine Gegenwart angenehm nennt. Und alsob sie die dialektische Aussageform nachahmen wollen, folgt hier auf SEINE Erklärung und IHRE Erklärung die Synthese, die sich fast in logischer Konsequenz aufdrängt. Unverschlüsselt erscheint hier das Motiv naturverbundener Intimität. Die Natur ist ihr einziger Verbündeter, da beide kein Haus besitzen, in dem sie zärtlich zueinander sein können, deshalb ist die Natur ihr Haus, ja, ihre Häuser, die »Zedern« und die »Zypressen«, die ihnen ihre Zweisamkeit beschützen kann. Und dazu noch haben sie etwas, was kein Haus ihnen bieten kann: das »frische Grün«, das Lebendige ihrer Liebe, das ihnen keine Heimatlosigkeit nehmen kann.

Das Besondere

Ich bin das Narzißlein des Scharon,
die Lilie der Tiefebenen.

Wie eine Lilie unter den Dornen
so ist meine Freundin unter den Mädchen.

Wie ein Apfelbaum unter dem Waldgehölz,
so ist mein Geliebter unter den Burschen.

Nach seinem Schatten begehre ich, sitze nieder.
Wie süß schmeckt seine Frucht in meinem Gaumen!

Das Spiel mit der Natur setzt sich fort. SIE bezeichnet sich als eine »Lilie«, und ER verbessert gleich, um klarzustellen, was das heißt, »eine Lilie unter den Dornen«. Immerzu will ER herausstellen, daß SIE SEINE Auserwählte ist, SEINE Eine, die sich weithin sichtbar von allen anderen abhebt. Doch auch SIE will IHM in nichts nachstehen. ER ist der »Apfelbaum unter dem Waldgehölz«, der Baum, der im Gegensatz zu den anderen verführerisch süße Früchte hervorbringt, vielleicht auch der einzige Baum, der zu IHREM »Baum der Erkenntnis« werden könnte. Und wieder ist da diese Allgegenwart der Sinnlichkeit, die sich nicht im metaphernreichen Bewundern erschöpft, sondern immer die Berührung, den Genuß miteinschließt: sie setzt sich unter den Apfelbaum und beißt in die Frucht.

Liebe meint eben nicht Beliebigkeit in der sinnlichen Hingabe, sondern zielt auf das Besondere ab, auf das Einmalige, Unverwechselbare, Unersetzbare, das man nicht nur sehen, bewundern, sondern auch berühren will, dem man nahe sein will.

Der Traum vom Weinhaus

In das Weinhaus hat er mich geführt,
und über mir ist sein Banner, Liebe.[11]

Stärkt mich mit Rosinengepreß,
erquickt mich mit Äpfeln, [12]
denn ich bin krank vor Liebe.

Seine Linke liegt unter meinem Haupt,
seine Rechte umfängt mich.

Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems,
bei den Gazellen und den Hirschen auf der Flur:
Stört nicht auf die Liebe,
weckt sie nicht,
bis sie erstarkt! [13]

An den Apfelbaum gelehnt beginnt SIE zu träumen. Ganz umschlungen von der Liebe bringt ER SIE ins Weinhaus, das über die Weinmetaphorik und dem »Banner« mit dem Motiv der Liebe aufs engste mit hineinverwoben wird. Der Wein ist das Berauschende und Heilende in einem, Droge und Medizin. Deshalb auch gibt ER IHR »Rosinengepreß« und Äpfel zu essen (die ja ebenfalls über die vorangegangene Apfelbaummetaphorik mit hineinverwoben wird als Bild für IHN). Er heilt sie von der Krankheit der Liebe, indem er ihr noch mehr Liebe schenkt.

Und ganz dem Wesen eines Traumes nach werden hier die tiefverwurzelten Bilder für Liebe und Geliebten verdichtet und zu einem neuen Bild umgeschmolzen: der Geliebte, der SIE umschlingt, wärmt, geborgenhält, auch gefangennimmt.

Er ist die Schönheit dieses Traumes wie aller anderen Liebesträume, die SIE in beschwörerischer Weise dazu drängt, an die anderen zu appellieren, die Liebe träumen zu lassen, solange sie träumen muß, weil sie die Wirklichkeit noch nicht bestehen würde. Das notwendige Wachstum der Liebe wird hier kunstvoll mit dem Bild der Krankheit verwoben, von der man erst erstarken muß. Aber dieses Beschwören ist nicht bloß eine defensive Haltung, die sich hier offenbart, sondern der durchschimmernde mahnende Charakter zeugt auch von einem gewissen Anspruch, einem Selbstverständnis, daß nämlich die Wirklichkeit, alle Widerstände, alle ungünstig gesonnenen Menschen sich der Liebe und ihrem Eigensinn unterordnen müssen.

Der Traum vom Besuch des Geliebten

Horch! Mein Geliebter!
Da, eben kommt er!
hüpft über die Berge,
springt über die Hügel!

Der Gazelle gleicht mein Geliebter,
dem jungen Hirsch.
Da, eben steht er
an der Wand unseres Hauses,
lugt durch die Fenster,
späht durch die Gitter.

Die Ankunft des Geliebten ist wie die Erfüllung einer langen Sehnsucht, gespannt bis zum Äußersten. Plötzlich bricht die Spannung los und ergießt sich in dieser rastlos Bewegtheit. Das Herannahen des Geliebten wird zum »Hüpfen« und »Springen«, der Geliebte selbst zur »Gazelle« und zum »jungen Hirsch«, die Szene zu einer raschen Bilderfolge, dem nur noch das staunend-hinweisende »da« gewachsen ist.
Mein Geliebter hebt an, spricht zu mir:

Mach dich auf, meine Freundin,
meine Schöne, komm doch!

Denn da, vorbei ist der Winter,
der Regen verschwand, er verging,
Die Dolden lassen sich sehen im Erdland
die Zeit des Rebtriebs ist da.
Die Stimme der Turteltaube
läßt sich hören in unserem Erdland.
Die Feige färbt ihre Knoten,
die Reben, knospend, geben Duft.

Mach dich auf zum Gehn, meine Freundin,
meine Schöne, so komm doch!

Meine Taube in der Felsenspalte,
versteckt an der Steilwand,
laß mich dein Angesicht sehen,
laß mich deine Stimme hören!
Denn süß ist deine Stimme,
anmutig dein Gesicht!

ER ist von derselben inneren Unrast geprägt. Ungeduldig fordert ER SEINE Geliebte dazu auf, mit IHM zu kommen. Der Frühling, die Jahreszeit der Verliebten, ist herbeigekommen, Winter und Regen sind vorüber, Kälte und Einsamkeit. Alle Zeichen der Natur sind der Liebe wohlgesonnen, alles knospt, singt, duftet. Wie ein Befreiungsruf spricht ER zu SEINER Geliebten, daß SIE endlich mit IHM komme, sich IHM hingebe, nach der Zeit der Trennung, da SIE IHM wie in einer Steilwand war, die IHM unzugänglich ist, gleichzeitg auch etwas Geheimnisvolles, etwas zu Entdeckendes. Und nun drängt es IHN danach, SIE zu sehen, SIE zu hören.

Wider die Trennung

Fangt uns die Füchse,
die kleinen Füchse!
Sie verwüsten die Weinberge,
und unsere Weinberge blühen! [14]

Mein Geliebter ist mein,
und ich bin sein,
der unter Lilien weidet,

Bis der Abendwind sich erhebt
und die Schatten entfliehn,
wende dich herzu, Geliebter,
gleich der Gazelle
oder dem jungen Hirsch
über die Berge der Trennung hinweg!

Der innere Monolog ist ein Schlachtruf gegen die zersetzende Wirkung der Trennung. Dem Bild der Füchse, die den Weinberg (Weinmetaphorik, die auf die Liebe hinweist!) und die Blüten der beiden verwüsten, dem Bild für all das, was die Liebe anfeinden kann, wenn die beiden Liebenden einander nicht nahe sind, setzt sie das klare Bekenntnis entgegen: »Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein«. Die Liebe ist stärker als die Füchse, die zerstören, was nicht ihres ist. Und der Geliebte soll, wenn ER schon tagsüber nicht bei IHR sein kann, wenigstens in der Abenddämmerung herbeieilen »über die Berge der Trennung hinweg«. Die Liebe überwindet und soll überwinden die Grenzen, die die Notwendigkeit der sozialen Gebundenheit des Menschen ihr setzen, und das mit der Leichtigkeit und Bewegtheit der Gazelle und des jungen Hirsches.

Des Nachts suche ich ihn

Des Nachts auf meinem Lager suche [15] ich ihn,
den meine Seele liebt.
Ich suche ihn und finde ihn nicht.
Aufstehen will ich, die Stadt durchziehen,
über die Plätzen, durch die Gassen,
ihn suchen, den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Mich fanden die Wächter
auf ihrer Runde durch die Stadt.
»Habt ihr ihn gesehen,
den meine Seele liebt?«

Kaum war ich an ihnen vorbei,
da fand ich ihn, den meine Seele liebt.
Ich packte ihn und ließ ihn nicht mehr los,
bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte,
in die Kammer meiner Gebärerin.

Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems,
bei den Gazellen oder den Hirschen auf der Flur:
Stört nicht auf die Liebe,
weckt sie nicht,
bis sie erstarkt.

Die Nacht ist die Zeit der inneren Sehnsucht, wenn die Zeit da ist nachzudenken. In den Phantasien zwischen Traum und Wirklichkeit macht sich die Seele auf die Suche nach dem Objekt ihrer Liebe. Diesmal noch kommt SIE an den Wächtern des Über-Ichs vorbei, ohne daß sie SIE aufhalten wollen. Nichts stellt sich IHR in den Weg. Die Suche hat Erfolg, sie führt IHN zu sich nach Haus, in das Haus IHRER Mutter, alsob sie damit eine noch innigere Verbundenheit herbeibeschwören wollte.

Nicht zuletzt wird hier auch ein Gegenpol zu den Über-Ich Figuren gesetzt, das Archetyp der Großen Mutter erweckt. Und wieder schließt SIE angesichts der Schönheit dieses Traumes ihn mit der Beschwörungsformel, die Liebe träumen zu lassen, solange sie den Anfeindungen der Wirklichkeit nicht gewachsen ist.

Die Sänfte Salomos

Wer ist dies,
die da aus der Wüste heraufsteigt,
Rauchsäulen gleich,
umdampft von Myrrhe und Weihrauch,
von allem Würzgestäub der Händler?

Siehe, das ist Salomos Sänfte,
sechzig Helden umringen sie
von den Helden Israels,
Schwertträger sie alle, kampferprobt,
jeder an der Hüfte sein Schwert
gegen die Schrecken der Nacht.

Eine Sänfte ließt König Salomo zimmern
aus Holz des Libanons
die Pfosten machte er silbern,
die Lehnen golden,
den Sitz purpurn,
das Innere mit Liebe gefügt
von den Töchtern Jerusalems.

Kommt heraus und schaut,
ihr Töchter Zions,
König Salomo mit der Krone!
Damit hat ihn seine Mutter gekrönt
am Tage seiner Vermählung,
am Tage seiner Herzenfreude.

Wie ein Fremdkörper steht hier nur ein Gedicht über Salomos Sänfte, scheinbar zusammenhangslos. Aber in der Traumumgebung, da es steht, erschließt sich bildhaft der Sinn dieser Passage. Der Weg der Liebe ist ein Weg durch die Wüste und durch die Schrecken der Nacht hindurch, muß bewacht werden.

Die Sänfte Salomos, die aus der Wüste heransteigt, bewacht von Helden, gekrönt von seiner Mutter am Tage seiner Heirat. Die königliche Macht verschmilzt hier mit der Liebe, die Sänfte ist das Symbol dieser Liebe. Und SIE wünscht sich nichts mehr, als daß IHRE Liebe genauso bewacht, SIE IHRE Liebe genauso krönen, sie das gleiche Staunen hervorrufen, daß IHR Geliebter genauso empfinden würde.

Schön bist du

Schön bist du, meine Freundin,
ja, du bist schön.

Deine Augen sind wie zwei Tauben
hinter deinem Schleier hervor.
Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen,
die herabwallen von Gileads Bergen.

Deine Zähne sind wie eine Herde
frisch geschorener Schafe,
die aus der Schwemme steigen,
die alle zwieträchtig sind,
fehlwürfig keines unter ihnen.

Karmesinrote Bänder sind deine Lippen,
anmutig ist dein Mund.
Wie ein Riß in der Granatfrucht ist deine Schläfe
hinter deinem Schleier hervor.

Wie der Turm Davids ist dein Hals,
als Festung erbaut
, tausend Schilde hängen daran,
alle Rüstung der Helden.

Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein,
Zwillinge einer Gazelle,
die unter Lilien weiden.

Bis der Abendwind sich erhebt
und die Schatten fliehen,
gehe ich zum Myrrhenberg,
zum Weihrauchhügel.

Alles an dir ist schön, meine Freundin,
kein Makel haftet dir an.

ER steigert die Lobpreishymne auf IHRE Schönheit. Mit fast überschwenglicher Farbenpracht nimmt ER die Natur als seine Palette, greift nur das Schönste heraus und ordnet es SEINER Geliebten zu. Augen sind Tauben, Haare Ziegenherden, Zähne trächtige Schafe, karmesinrote Bänder die Lippen, die Schläfen ein Riß in der Granatfrucht. der Hals ein Turm Davids, Brüste zwei Gazellenkitzlein. Diese Bilder sind das Wertvollste, das Beste, das Schönste, das Lebendigste, was seine Welt zu bieten hat, und all das sieht ER in IHR, all das und noch viel mehr. Und gerade deshalb kann ER nicht anders, als IHREN Appell zu erwidern und zu antworten, daß ER kommen wird. Und aus den Bergen der Trennung wird ein Myrrhenberg und ein Weihrauchhügel, nicht zuletzt Bilder für die Rundungen ihres Körpers. Die Liebe verwandelt alles in das Beste und Kostbarste, das dem Reichtum des Königs in nichts nachsteht. Die Makellosigkeit ist postuliert.
Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon,
weg vom Libanon komm du mit mir!
Weg vom Gipfel des Amana,
von den Höhen des Senir und Hermon;
weg von den Gehegen der Löwen,
den Bergen der Panther.
Du hast mir das Herz versehrt,
meine Schwester-Braut,
du hast mir das Herz versehrt,
mit einem Blick deiner Augen,
mit einer Perle deines Halsgeschmeides.

Wie schön ist deine Liebe,
meine Schwester-Braut,
wieviel süßer ist deine Liebe als Wein,
der Duft deiner Salben köstlicher
als alle Balsamdüfte.

Seim träufen deine Lippen, Braut,
Milch und Honig sind unter deiner Zunge.
Der Duft deiner Kleider
ist wie des Libanons Duft.

ER will SIE mit sich nehmen, ER will, daß SIE mit IHM kommt, weg von allem, was sie bindet, was ihre Liebe behindert, weg von den Löwen und Panthern. »Du hast mir das Herz versehrt«, SIE hat IHM eine Wunde geschlagen, ohne irgendwelche Waffen zu gebrauchen, nur mit dem Blick IHRER Augen. Und indem ER das erkennt, wandelt sich die Bezeichnung für SEINE Geliebte: aus »Freundin« wird »Schwester-Braut«, diese Verschmelzung zweier Begriffe, von denen keiner allein IHM zu genügen erscheint, das zu beschreiben, was ER empfindet: es ist sowohl die Vertrautheit, die seelische Verbundenheit, die Blutsverwandtschaft einer Schwester, als auch die Verkörperung der Erfüllung einer Sehnsucht, die Erfüllung der Begierden in der Gestalt der Braut. ER steigert IHRE Bilder ins Unermeßliche: die Liebe ist unermeßlich süßer als Wein, ihr Duft unermeßlich köstlicher als alle Balsamdüfte. SIE ist die Erfüllung der Verheißungen schlechthin: SIE ist wie das Land, das Gott Mose verhieß, »in dem Milch und Honig fließen«. SIE hat die Milch und den Honig unter IHRER Zunge, und SIE duftet wie ein ganzes Land, der Libanon.

Ein verschlossener Garten

Ein verschlossener Garten
ist meine Schwester-Braut,
ein verschlossener Born,
ein versiegelter Quell.

Ein Lustgarten sproßt aus dir,
ein Granatenhain mit köstlichen Früchten,
Hennadolden, Nardenblüten,
Narde, Krokus, Kalmus und Zimt,
samt allen Weihrauchstauden,
Myrrhe und Aloe,
samt allerbestem Balsam.

Trotz aller Vertrautheit, trotz aller Nähe spürt ER, daß SIE für IHN wie verschlossen, wie versiegelt ist, ein Lustgarten, der mit allen Kostbarkeiten verlockt. Das archetypische Motiv des verlorenen Paradieses ist nicht weit. Es drängt IHN zur sexuellen Nähe, zur sexuellen Vereinigung, mit der eine Vereinigung der Seelen einhergeht und mit der ER hofft, Eden ein Stück näherzukommen.
Die Quelle des Gartens bist du,
ein Brunnen lebendigen Wassers,
Wasser vom Libanon.

Nordwind, erwache! Südwind, herbei!
Durchweht meinen Garten,
laßt strömen die Balsamdüfte!

Mein Geliebter komme in seinen Garten
und esse von seinen köstlichen Früchten.

SIE entgegnet IHM, daß IHR Aufblühen SIE nur IHM zu verdanken habe, daß ER das Leben in IHR ist, der »Brunnen lebendigen Wassers«. Und damit begründet sie auch sein Anrecht, Zugang zu diesem Garten zu haben. IHR Inneres soll durchweht werden, und IHR Geliebte soll zu IHR herangelockt werden und von SEINEN(!) Früchten essen.

Wie selbstverständlich kommt es hier zu einer Selbstentäußerung der Existenz. Die Liebe bewirkt, daß man den Zustand der eigenen Existenz nicht mehr als etwas Eigenes begreift, sondern als Produkt des anderen. Die Autonomie ist dahin, die gegenseitige Abhängigkeit ist an ihre Stelle getreten. Die Liebenden sind einander der »Brunnen des lebendiges Wassers«, die »Quelle des Gartens«, die Quelle eines irdischen Paradieses, ein Abglanz des himmlischen. Und schon weil es diesem himmlischen Paradies so sehr ähnelt, kann es dem Liebenden nicht selbst gehören.

Ich komme in meinen Garten, Schwester-Braut
ich pflücke meine Myrrhe, den Balsam,
esse meine Wabe samt dem Honig,
trinke meinen Wein mit meiner Milch.

Freunde, eßt und trinkt,
berauscht euch an der Liebe!

Die Erwartung sexueller Erfüllung bedeutet für IHN zum geringsten Teil Befriedigung, wie man sonst gemeinhin anzunehmen glaubt: es ist alles, auch darin findet sich das ganze Spektrum der Liebe: die kostbaren Düfte, der verheißene Honig und die verheißene Milch, der Wein der Liebe. Liebe samt der Sexualität ist Sinnlichkeit in Perfektion: Essen, Trinken und Rausch in einem. Nichts kommt hier einer »Temperierung der Leidenschaften« nahe, es ist der Überschwang eines Menschen, der Einlaß in das Paradies gefunden hat.

Der zweite Traum vom Besuch des Geliebten

Ich schlafe, doch mein Herz ist wach.
Horch, mein Geliebter klopft:[16]

Mach auf,
meine Schwester, meine Freundin,
meine Taube, meine Heile!
Mein Haupt ist voller Tau,
meine Haarsträhnen
voller Rieselungen der Nacht.

Ich habe meinen Rock abgestreift,
wie doch soll ich ihn wieder anziehen!
Ich habe meine Füße gebadet,
wie doch soll ich sie wieder beschmutzen!

Mein Geliebter streckt die Hand durch das Riegelloch,
und mein Leib wallt auf ihn zu.

Ich stehe auf, meinem Geliebten zu öffnen.
Da tropfen meine Hände von Myrrhe,
meine Finger von Myrrhenharz
am Griffe des Riegels.

Ich öffne meinem Geliebten:
Doch er war wie mit einem Sprung davon,
verschwunden.

Da zieht meine Seele aus nach seiner Rede.
Ich suche ihn, ich finde ihn nicht,
ich rufe ihn, er antwortet mir nicht.

Da finden mich die Wächter
auf ihrer Runde durch die Stadt,
sie schlagen mich, verwunden mich.
Den Schleier entreißen sie mir,
die Wächter der Mauern.

Der zweite Traum vom Besuch des Geliebten verschmilzt die beiden Motive des nächtlichen (verbotenen?) Besuches des Geliebten und die Suche nach dem, den IHRE Seele liebt. Der Traum hat seinen überschwenglichen Optimismus eingebüßt. Der Geliebte kommt zwar vorbei, aber SIE zweifelt, und vielleicht ist dieses Zweifeln der Grund dafür, daß der Türgriff nur noch von Myrrhenharz trieft, ER ist verschwunden. SIE macht sich auf die Suche nach IHM, und wieder finden SIE die Wächter. Diesmal jedoch trifft SIE deren Argwohn. Sie schlagen SIE, entreißen IHR den Schleier.[17] Es ist, alsob in diesem Traum zum ersten Mal Mächte auftreten, die vielleicht durch die sexuelle Vereinigung auf den Plan gerufen worden sind, weil die Moral verletzt worden ist (Wächter als Symbole für die Kontrollinstanz). Die Welt ist der Liebe nicht mehr wohlgesonnen. Waren vorher die Widerstände eher Marginalien, so werden sie der Liebe nun bedrohlich. Der Grad der zwischenmenschlichen Nähe läßt auch den Grad der Widerstände wachsen, schon allein durch den Neid, den ein Glücklichsein in den Herzen derer erregt, die es nicht kennen.
Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems:
Wenn ihr meinen Geliebten findet,
dann sagt ihm, ich bin krank vor Liebe.

Was ist dein Geliebter mehr denn irgendeiner,
Schönste unter den Frauen?
Was ist dein Geliebter mehr denn irgendeiner,
daß du so uns beschwörst?

Mein Geliebter ist weißglutig und rötlich,
ragt aus einer Myriade hervor.

Sein Haupt ist gediegenes Feinerz,
seine Locken Dattelrispen,
schwarzrot wie der Rabe.

Seine Augen sind wie Tauben
an Wasserbächen,
in Milch gebadet, am Gefüllten ruhend.

Seine Wangen sind wie Balsambeete,
die Gewürzkräuter wachsen lassen,
seine Lippen Lilien,
von Myrrhenharz triefend.

Seine Finger sind goldene Walzen,
von Chalzedonen umfüllt,
seine Eingeweide Werk aus Elfenbein,
gefärbt von darauf gesteckten Saphiren.

Seine Schenkel sind Alabastersäulen
auf Feinerzsockel gegründet,
seine Gestalt wie die des Libanonbaumes,
auserlesen wie Zedern.

Sein Gaumen ist wie Süßigkeiten,
allesamt ist er Wonnen.[18]

Das ist mein Geliebter,
ja, das ist mein Freund,
Töchter Jerusalems!

Wohin ist dein Geliebter gegangen,
du Schönster unter den Frauen?
Wohin hat sich dein Geliebter gewandt?
Wir wollen mit dir ihn suchen.

Zu seinem Garten stieg er hinab,
zu den Balsambeeten,
um in den Gartengründen zu weiden,
Lilien zu pflücken.

Mein Geliebter ist mein,
und ich bin sein,
der unter Lilien weidet.

Verzweifelt wendet SIE sich an die »Töchter Jerusalems« (d.i. gerade diejenigen, die sie immer beschwört, ihre Liebe gewähren zu lassen), weil SIE IHREN Geliebten nicht finden kann. sie beschreibt IHN ihnen als genau den Einen, der ER IHR ist, mit den vielen überschwenglichen - und auch idealisierenden Bildern, ganz im Stile der Schwärmerei einer Verliebten. Die Töchter Jerusalems verbünden sich mit ihr, um IHR zu helfen, IHN zu finden, zumindest legen ihre Worte das nahe. Es aber auch nicht von der Hand zu weisen, daß die »Töchter Jerusalems« IHRE verzweifelnde Sorge nicht verstehen, diese vielmehr etwas belächeln, sich vielleicht sogar schadenfreudig hinter vorgehaltener Hand freuen.

Der Traum schließt wieder mit einer inneren Verdichtung, die umso mehr nahelegt, den Traum als psychische Reaktion auf die Wirklichkeit zu verstehen. Auf die Frage hin, wo IHR Geliebter denn sei, antwortet SIE, daß ER in SEINEN Garten hinabgegangen sei, »um in den Gartengründen zu weiden«. Sie benutzt also das Bild für die sexuelle Vereinigung und entschlüsselt damit IHREN Traum: sie hat Angst davor, daß die sexuelle Nähe sie einander entfremden könnte, daß das Über-Ich ihrer Unbefangenheit, Leichtfüßigkeit, Unbeschwertheit ein Ende setzt und das vielleicht auch den Verlust des Geliebten und der Liebe nach sich ziehen könnte. Aber wieder, wie gegen jede Gefahr setzt sie das »Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein« wie beschwörerisch dagegen.

Man sieht hier, daß die Liebe die Gespaltenheit des menschlichen Wesens auf einen Schlag aufhebt, im Gegenteil polarisiert es das Verhältnis zwischen Verstand und Gefühl. Deswegen muß auch in dieser Stelle gesagt werden, daß Sexualität eben nicht wie Essen und Trinken ist, weil sie eine viel existentiellere Bedeutung genießt.

Erobernd wie ein Heer

Schön wie Tirza, die Gnadenstadt
bist du, meine Freundin,
anmutig wie Jerusalem,
erobernd wie ein Heer in Bannerpracht.
Wende deine Augen von mir,
da, sie erkühnen mich.

Dein Haar ist wie eine Herde von Ziegen,
die vom Gilead herwallen.

Deine Zähne sind
wie eine Herde von Mutterschafen,
die aus der Schwemme steigen,
die alle zwieträchtig sind,
fehlwürfig keines unter ihnen.
Wie ein Riß der Granatfrucht ist deine Wange,
hinter deinem Schleier hervor.

Sechzig Königinnen hat Salomo,
achtzig Nebenfrauen
und Verheimlichte ohne Zahl.
Doch eine einzige ist meine Taube, die Heile,
eine einzige ist sie bei ihrer Mutter,
der Liebling ihrer Gebärerin.

Die Verheimlichten sehen sie
und heißen sie beglückt;
die Königinnen und Nebenfrauen rühmen sie:

Wer ist sie, die vorglänzt wie das Morgenrot,
schön wie der Mond,
lauter wie der Glutball,
erobernd wie ein Heer in Bannerpracht?

Zu meinem Nußhain stieg ich hinab,
die Triebe im Wirbelbachtal zu besehen,
zu sehen, ob die Rebe treibt,
ob die Granatbäume erblühen.

Da - ich kenne meine Seele nicht mehr -
verlockt es mich in das Gefährt
meines Gesellen, des edlen.[19]

Ein weiteres Mal preist ER IHRE Schönheit mit denselben Bildern wie zuvor. Nur gesellt sich dieses Mal ein weiteres dazu: »erobernd wie ein Heer in Bannerpracht«. Und dieses Bild ist nicht zufällig gewählt. Die Liebe ist nämlich nicht nur friedlich, beschaulich, schön anzusehen, vielleicht auch noch lebendig und eigensinnig, sondern hat auch eine kriegerische Macht, die dem eigenen Selbst bedrohlich werden können. Ihre Waffen sind der Reiz der Schönheit, der die Begierde anheizt.

ER braucht nicht wie der König zahllose Königinnen und Nebenfrauen, sondern IHM genügt SEINE Eine, die Besondere. Und ER legt den anderen Frauen das beneidende Bewundern in den Mund, in dem sie genau seine Metaphorik benutzen. Zusätzlich weitet sich die Bildhaftigkeit noch kosmologisch aus: Sonne und Mond werden zu Bildern für SIE, diese beiden Himmelskörper, die die Phantasie des Menschen in allen Zeiten beflügelt haben, meist als Dualismus zwischen dem Weiblichen, dem Mondhaften, und dem Männlichen, der Sonne. Hier aber verschmelzen beide in IHREM Wesen, und SIE rückt der Vollkommenheit ein Stück näher. Und nicht zuletzt dies macht SIE für IHN einwenig unheimlich.

Und nochmals wird die sexuelle Vereinigung aufgegriffen, um die Bedeutsamkeit dieses Schrittes zu betonen, wird das Motiv in verschiedenen Variationen wiederholt. Plötzlich zweifelt IHRE Seele an sich selbst: »ich erkenne meine Seele nicht mehr«, daß sie sich so bereitwillig hingeben will. Der Schritt der körperlichen Selbstpreisgabe will vorbereitet sein.

Schulamitin

Dreh dich, dreh dich, Schulamitin,
dreh dich, dreh dich,
daß wir dich beschauen!

Was wollt ihr an der Schulamitin beschauen?

Etwas, das dem Reigen
des Doppellagers gleicht! [20]

Unklar ist, was diese Stelle meint. Vielleicht wird hier nur noch ein weiteres Mal darauf angespielt, wie begehrlich SIE auf IHRE Umgebung wirken muß, ein kurzer Einwurf, der sie beim Tanzen zeigt, das Tanzen selbst als Bild benutzt, um die Bewegtheit der Liebe zu versinnbildlichen, vielleicht auch als Einleitung für die nun folgende Beschreibung IHRES Körpers.

Liebe im Genießen

Wie schön sind deine Schritte in den Schuhen,
Tochter des Edlen!
Die wippendenden Wölbungen deiner Hüften
sind wie Spangen,
gefertigt von Künstlerhand.

Dein Schoß ist eine Rundschale,
nimmer ermangle sie des Mischtranks!

Dein Bauch ist ein Weizenhaufen,
von Lilien umsteckt.

Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein,
Zwillinge einer Gazelle.

Dein Hals ist wie ein Elfenbeinturm,
Deine Augen wie die Stauteiche zu Cheschbon
am Tore von Bat-rabbim.
Deine Nase ist wie der Libanonturm,
der gegen Damaskus lugt.

Dein Haupt ist wie der Karmel,
dein aufgewundenes Haar wie Purpur, -
ein König verstrickt sich in den Locken.

Wie schön und wie mild bist du,
Liebe, im Genießen!

ER wird nimmer müde, IHRE Schönheit zu preisen, wie SEIN Begehren nimmer müde wird. Wieder ist IHR Körper die Weltoffenbarung, in dem die ganze Schönheit der Welt vereint ist, nur daß dieses Mal neben den üblicherweise als keusch geltenden »Schritte«, »Hals«. »Augen«, »Nase«, »Haupt« auch intimere einreihen: »Hüften«, »Schoß«, »Bauch«, »Brüste«. Nicht daß ER erst jetzt damit begonnen hätte, auch diese Teile IHRES Körpers zu bewundern, nein, erst jetzt ist der Grad der Intimität so weit gediehen, daß ER es wagen kann, dies auch auszusprechen, ohne SIE zu verschrecken. SEINE Bewunderung verläßt die als keusch ausgewiesenen Streifen und nimmt SIE - IHRER Natur entsprechend - als Ganzes wahr.
Dein Wuchs ähnelt der Palme,
und deine Brüste den Traubenbüscheln.

Ich sage: Ersteigen will ich die Palme,
greifen will ich ihre Rispen,
daß deine Brüste
Traubenbüschel am Weinstock sind,
deines Nasenatems Duft wie von Äpfeln,
dein Gaum wie der würzige Wein,

... der geradeaus in dich eingeht
und noch im Schlafe deine Lippen regen läßt.[21]

Mein Geliebter ist mein,
und ihn verlangt nach mir.

Komm, mein Geliebter, ziehen wir ins Feld hinaus,
nachten wir an den Dörfern.

Früh wollen wir dann zu den Weinbergen gehen
und sehen, ob der Rebstock schon blüht,
ob das Knospgehüll sich öffnet,
ob die Granatbäume blühen.
Dort will ich dir meine Liebe geben.

Die Liebesäpfel geben Duft aus,
an unserer Tür warten alle köstlichen Früchte,
frische und solche vom Vorjahr,
dir, mein Geliebter, habe ich sie verwahrt.

Wieder wird das sexuelle Motiv durchgespielt. ER sieht SIE wie eine Palme, baumartig sich emporragend. Und er will diesen Baum besteigen, um sich an den Trauben IHRER Brüste zu nähren. Und das Baummotiv kommt nicht von ungefähr. Archetypisch gesehen gilt der Baum als Symbol für die Mutter, als Erinnerung an die kindheitliche Mutterbindung und zugleich die archaische Nahrungssuche auf Bäumen. Und in der Tat legt die Bildhaftigkeit dieser Passage ja auch einen zugrundeliegenden Hunger nahe, da die Sexualität sich unablässig in Essen und Trinken, in Früchten und Wein niederschlägt.

Gerade der Wein ist es im übrigen, der SIE dazu anregt, einzustimmen, indem SIE neckisch darauf hinweist, wie der Wein auf IHN wirkt. SIE variiert, als gäbe SIE IHRE Einverständniserklärung zu SEINEN Wünschen, IHRE Bekräftigungsformel: aus dem keusch-romantischen »ich bin sein«, wird ein »und ihn verlangt nach mir«. Das Verlangen wird hier ganz selbstverständlich als noch stärkere Bindung zwischen zwei Menschen begriffen. SIE will mit IHM gehen, mit IHM auf den Feldern nächtigen, um IHM dann in den Weinbergen, seinem verschlossenen Garten IHRE Liebe zu geben, all das, was SIE für IHN »aufgespart« hat. Keuschheit ist somit nicht an irgendwelche Institutionen, irgendwelche Äußerlichkeiten gebunden, sondern nährt sich allein aus der Seelenhaltung: denn Erfüllung kann es ohne Erwartung nicht geben.

Ach, wärst du doch mein Bruder,
der an meiner Mutter Brüsten sog.
Fände ich dich dann auf der Gasse,
ich küßte dich
und auch dann dürfte mich niemand verachten.

Ich führte dich,
ich brächte dich in das Haus meiner Mutter,
die mich erzogen hat,[22]
mit Würzwein tränkte ich dich,
mit Granatapfelmost.

Seine Linke liegt unter meinem Kopf,
seine Rechte umfängt mich.

Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems,
bei den Gazellen und den Hirschen auf der Flur:
Stört nicht auf die Liebe,
weckt sie nicht,
bevor es ihr gefällt.

Und obwohl es gerade eben noch schiene, als hätte die Innerlichkeit die Äußerlichkeit überwunden, um die Ganzheitlichkeit zu finden, weiß SIE, daß der innere Vollzug der Bindung die äußeren Widerstände nicht einfach so wegwischen kann. Der Argwohn der Umgebung wird bleiben, sie wird weiterhin als lasterhaft verachtet werden, wenn SIE in der Öffentlichkeit zärtlich zu IHM ist. Sie wünscht sich absurderweise, daß ER IHR Bruder wäre, nur um nicht verachtet zu werden, nur um nicht zur Heimlichkeit verdammt zu sein, um IHN zu sich nach Hause nehmen zu können. Und zum letzten Mal beschließt SIE einen IHRER Träume mit der Beschwörungsformel, die Liebe träumen zu lassen, bis sie der Wirklichkeit gewachsen ist, bis sie stark genug geworden ist.

Stark wie der Tod

Wer ist sie,
die aus der Wüste heraufsteigt,
geschmiegt an ihren Geliebten?

Unter dem Apfelbaum habe ich dich geweckt,
dort kam in Wehen mit dir deine Mutter,
dort kam in Wehen, die dich gebar.

Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegelreif dir um den Arm!

Stark wie der Tod ist die Liebe,
hart wie das Gruftreich das Eifern,
Liebesgluten sind Feuergluten,
gewaltige Flammen oh von IHM her.

Die vielen Wasser
vermögen die Liebe nicht zu löschen,
die Ströme können sie nicht überfluten.
Böte einer für die Liebe
den ganzen Reichtum seines Hauses,
nur verachten würde man ihn.

Nun ist die Liebe stark genug. Sie kommt mit ihrem Geliebten aus der Wüste herauf, wie Salomos Sänfte aus der Wüste heraufkam, der Wüste der Einsamkeit. Und indem SIE darauf hinweist, daß SIE die Initiative ergriffen hat, damals, so ist SIE nun, die IHRE Verbundenheit besiegeln will, ganz persönlich mit dem Siegel(reif). Und mit dem Bild des Siegels greift sie wahrscheinlich die ursprüngliche Bedeutung des Sich-Verheiratens auf. [23] Ohne Zeremonie, ohne Öffentlichkeit vollzieht SIE es hier, auch ohne daraus nun plötzlich gesellschaftliche Akzeptanz zu erwarten.

»Stark wie der Tod ist die Liebe« sagt SIE und verknüpft damit ohne Scheu Eros und Thanatos, die für den Menschen überwältigendsten Kräfte, die sich vielfach aufs Seltsamste in der Gestalt der Frau verschmelzen (femme fatale). Die Leidenschaft, die diese Liebe entfacht (das »Eifern«), aus der sich auch die Eifersucht herausentwickeln kann, ist so »hart« und unbarmherzig »wie das Gruftreich«. Unverblümt wird hier die Begeisterung, die das Herz verzehrt, angesprochen, nicht um die Zerstörung zu betonen, sondern um die unermeßliche Kraft zu beschreiben. »Liebesgluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen Gottes« (so die Einheitsübersetzung) stellt das ganze nun unter Gottes Autorität. Die Liebe, auch diese leidenschaftliche, sinnliche, in vielerlei Hinsicht unkonventionelle, ist göttlichen Ursprungs. Ansonsten könnte sie gar nicht diese Gewalt entfalten, ansonsten könnte SIE nicht sagen, daß »die vielen Wasser« ihr nichts anhaben können, nichts und niemand sie löschen kann, sie also genau über all den Widerständen steht, der SIE die ganze Zeit ausgewichen war. Hier bereits steht das neutestamentarische »Gott ist Liebe«, und zwar nicht den verengenden Sinn reiner Agape nahelegend, sondern hier meint »Gott ist Liebe«, daß die Gottesliebe zum Menschen sich gerade auch in der zwischenmenschlichen Liebe, ihrer Leidenschaft und ihrer Sinnlichkeit offenbart, daß sie sich erst entwickeln kann aus der Geborgenheit des Menschen in seiner Beziehung zum ansprechbaren Gott. Hier wird auf dem Gipfel des Liebensglücks ein lebendiger Gott in eine lebendige Beziehung hineingerufen, von dem her auch und gerade die Sinnlichkeit ist, die sie jetzt genießen.

Kleine Schwester

Unsere kleine Schwester,
sie hat noch keine Brüste.
Was wollen mit unserer Schwester wir tun,
am Tag, da man um sie redend wirbt?

Ist sie eine Mauer,
bauen wir silberne Zinnen auf ihr.
Ist sie eine Pforte,
rammeln eine Zedernplanke wir dran.

Ich bin nun eine Mauer,
meine Brüste sind wie Türme.
Da hab ich in seinen Augen
Gefallen gefunden.[24]

Gewissermaßen als Einleitung für den Epilog wird hier das patriarchalische Beschützen der Schwester durch die Brüder wiederaufgegriffen, die deren Keuschheit zu beschützen haben. Sie muß verschlossen sein, entweder von sich aus oder man muß sie verschlossen machen. SIE war von sich aus verschlossen, und diese innere - im Gegensatz zur äußeren - Keuschheit hat SIE für IHN interessant gemacht. SIE will also nicht der Promiskuität das Wort reden, sondern Keuschheit anders verstanden wissen: nämlich als inneren, gewollten und nicht äußeren, erzwungenen Wert. Nicht zuletzt wird dies daran deutlich, daß das (alles andere als uneigennützige) Sorgen der Brüder schon verkrampft-lächerliche Züge annimmt.

Salomos Weinberg

Salomo besaß einen Weinberg in Baal-Hamon,
den Weinberg übergab er den Hütern.
Jeder würde für seine Früchte
tausend Silberstücke bezahlen.

Mein eigener Weinberg gehört mir.
Die tausend laß ich dir, Salomo,
und zweihundert den Wächtern
seiner Früchte.

Als wollte ER SIE ergänzen, beleuchtet ER dasselbe Problem von seiner Warte aus. Keuschheit und Treue sieht er ebenso als inneres Drängen der Seele. Selbst wenn Salomo mit seinen vielen Frauen reicher wirkt, IHM genügt SIE. Wollte er mehr besitzen, wäre das ein materialistischer Zug, der nichts mehr mit der besonderen Liebe zwischen ihnen beiden zu tun hat.
Die du in den Gärten weilst,
auf deine Stimme lauschen die Freunde,
laß sie mich hören!

Flieh herzu, mein Geliebter,
der Gazelle gleich
dem jungen Hirsch
auf den Balsambergen.

Leise klingt das Hohelied aus, der Epilog ist ein Ruf, der die Bilder in die Weite hinausruft...

Die Botschaft

Es muß einem doch in der Seele wehtun, daß mancher diese Verse nur allzu gerne aus der Bibel verbannt hätte, manch anderer mit komplizierten sprachlichen wie hermeneutischen Verrenkungen dieses Buch zu einer Allegorie auf die Gottesliebe - oder noch besser: einer Allegorie auf die Liebe Christi wider jede Plausibilität umgedeutet haben.[25] Es mutet schon wie eine freudianische Verdrängungsleistung an, wie hier das Naheliegendste übersehen wird: das (nicht zuletzt erotische) Liebeslied, von außerordentlicher Sprachgewalt und erstaunlicher Unbefangenheit.

Wie Dietrich Bonhoeffer dies richtig geschrieben hatte, entzieht es denjenigen den Boden unter den Füßen, die das Christliche in der Temperierung der Leidenschaften sehen. In diesem Lied ist der Gegenbeweis angetreten: der Glaube an Gott hat nichts zu tun mit Leibfeindlichkeit, mit Genußfeindlichkeit. Was die Bibel zu Liebe und Partnerschaft zu sagen hat, ist keineswegs nur mahnend, abgrenzend, gebietend, sie läßt auch die Liebe selbst zu Wort kommen, sie sich präsentieren. Dieses Buch läßt keinen Zweifel daran: die Liebe ist göttlichen Ursprungs, von Gott dem Menschen mit dem Lebensodem eingehaucht und dann konkret erweckt und erhalten. Hier wird gezeigt, welches Spektrum der Liebe durch Gott möglich ist. Liebe, jüdisch verstanden (und damit auch christlich), meinte nicht vergeistigte Liebe, auch nicht Askese, sondern die pralle Jugendfrische der Gefühlswelt, die Dimensionen der Sinnlichkeit, einfach alles, was Augen, Ohren, Nase, Mund und nicht zuletzt Haut empfinden konnte.

Man erkennt hier die Clichés nicht wieder: keine Spur von konservativer Verklemmtheit und Sexualfeindlichkeit, keine kleinbürgerlichen Moralvorstellungen. Hier schlägt sich die Liebe in ihrem Medium nieder: in der Poesie, deren Bilder aus einer mit der gesamten sinnlichen Erfahrung gefütterten Seele. In der Welt des Hohenliedes sind Moral, gesellschaftliche Zwänge Randerscheinungen, die die Liebe schon überwinden wird, ihre Welt ist der Reichtum des Traumes, die gegenseitige Bewunderung, das Preisen, der Genuß, das Sehnen. Hier tritt das in den Mittelpunkt der Zwischenmenschlichkeit, was auch ihr Zentrum sein muß. Die beiden Liebenden des Hohenliedes sind nicht promisk - weit davon entfernt -, sie verschwenden ihre Gedanken auch nicht an die Ehe - diese Institution klingt schon in manchen Bildern an, aber bleibt ein inneres Motiv, das von der Liebe getragen wird. Die beiden Liebenden sind auch nicht amoralisch, nur weil sie nicht viel nach Moral fragen, Intimität genießen, ohne daß sie es dürfen, aber sie wissen, daß die Liebe mehr Wert besitzt als jede Moral, die Moral ihr in Wahrheit nur im Wege steht. Warum sonst würde SIE sich wünschen, daß ER IHR Bruder wäre, so dann ihre Nähe gesellschaftlich akzeptiert wäre? Die Heimlichkeit, in die sich wohl jede Liebe irgendwann gedrängt sieht, hier wird Partei für sie ergriffen, Partei ergriffen auch für das sexuelle Verlangen, und die verkrampften Widerstände werden der Lächerlichkeit preisgegeben.

Nicht zuletzt bemühen sich die beiden Akteure im Hohenlied, zu verstehen, was der Begriff von der Keuschheit meint, was die sexuelle Vereinigung ihnen bedeutet, was Treue heißt. Die Antwort gibt ihnen kein Gesetz, keine Regel, nicht Äußerliches, sondern allein die Welt ihrer Gefühle, ihre pulsierende Existenz: Keuschheit meint die Spannung der Erwartung des Einen auszuhalten, das bewußte Erleben der Tiefe sexueller Vereinigung, die Erfüllung der Erwartung. Sexualität ist nichts Leichtfertiges und dennoch von der Leichtigkeit getragen. Genauso leichtfüßig meint Treue nicht Verzicht auf etwas doch Verlockendes, sondern Treue meint, daß es tiefempfundene Liebe überhaupt nicht verlockt, einem Harem zu haben, wie Salomo es hatte.

Kurzum: die Liebe ist alles: äußerlich wie innerlich, seelisch wie körperlich - Mittelpunkt einer befreienden Ich-Welt und nicht Anhängsel irgendeiner triebhaften Genußreligion oder einer asketischen Über-Ich-Religion. Von den vernachlässigsten Seiten der Bibel kann eine Erneuerung stattfinden, von hier kann die Kraft kommen, die Werte vermittelt, von hier aus läßt sich die Liebe als das begreifen, was sie ist: nicht nur biologische Notwendigkeit, nicht nur Bedürfnisbefriedigung, sondern als etwas Unermeßliches, das stark wie der Tod ist, als »Flammen Gottes«, großartig, gewaltig, schrankenlos, unfaßbar, und doch voller Würde.


Paulus und die Liebe - Antithese der Entsinnlichung

Vieles von dem, was dem Christentum als Leibfeindlichkeit oder gar Beziehungsfeindlichkeit anhaftet, sieht sich in der Haltung des Paulus verankert. Es ist deshalb nicht daran zu denken, die Liebe vom christlichen Standpunkt aus zu behandeln, ohne auf Paulus einzugehen, besser gesagt: ohne auf den Paulinismus und seine Argumente, die er aus den Schriften des Paulus herauszieht, einzugehen.

1. Korinther 13
Was Paulus unter Liebe versteht

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel.

Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß und wenn ich allen Glauben habe, so daß ich Berge versetze, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts.

Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung [der Armen] austeile und wenn ich meinen Leib hingebe, damit ich verbrannt werde, aber keine Liebe habe, so nützt es mir nichts. (1-3)

In ihrer vollen Tragweite erfaßt und bejaht Paulus die Botschaft Jesu: Die Liebe ist das Wichtigste. Ohne die Liebe verliert alles, was für den Menschen sonst als gut gilt, seine Bedeutung. Es gibt kein wahrhaftes Reden, keine Weisheit, keinen Glauben, kein soziales Engagement, kein Märtyrertum ohne die Liebe. Genausowenig kann es nämlich irgendein sinnvolles Gesetz, irgendeine sinnvolle Regel geben, ohne daß es durch die Liebe begründet wird.
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig; sie neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.

Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war. Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie auch ich erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe. (4-13)

Liebe in ihrer Reinform ist tatsächlich all das: Liebe ist nicht flatterhaft, sondern geduldig, gütig, sie kennt keinen Neid, kein Angeben, kein Betonen Ich tue es aus Liebe, keine Unmenschlichkeit, keinen Egoismus. Die Liebe kann jemandem, den sie liebt, nicht einmal dafür böse sein, aber arbeitet stetig der Vollkommenheit, der Gerechtigkeit und Wahrheit entgegen. Die Liebe ist so wider alle Vernunft, indem sie alles »erträgt«, »glaubt«, »hofft« und »erduldet«.
Seid niemand irgend etwas schuldig, als nur einander zu lieben; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn das :»Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren,« und wenn es ein anderes Gebot [gibt], ist es in diesem Wort zusammengefaßt: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Röm 13,8-10)
In dieser kurzen Passage des Römer-Briefes faßt Paulus den vielleicht wichtigsten Teil aus Jesu Verkündung zusammen, nämlich daß die Liebe das Gesetz erfüllt. Der apodiktische Aufruf Jesu zur Liebe ersetzt alle kasuistische Kleinmütigkeit in der Gesetzlichkeit. Wer von ganzem Herzen liebt, kann nicht gegen Gottes Willen verstoßen. Also muß es fortan nur darum gehen, wie man von ganzem Herzen liebt. Deshalb kann Augustin sagen: »Liebe, und tue, was du willst!«

Paulus und die Ehe
Eine kritische Analyse von 1 Kor 7

Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht. Ihr vermögt es aber auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich. (1 Kor 5,1-3)
Diese höchst aufschlußreiche Passage steht 1. Kor 5, und sie legt klar und offen die Sprecherhaltung des Paulus (viel mehr als die formalistischen Einleitungsworte) dar: Er behandelt die Korinther nicht wie gleichberechtigte Christen, nicht wie intelligente Menschen, die natürlich Fragen haben und handfeste Antworten wollen, auch nicht wie selbständige Christen, die zur Verantwortung befähigt sind. Die Korinther, an die die nun folgenden Ausführungen über Ehe und zwischenmenschliche Liebe gerichtet sind, sind »Unmündige«, die er zumindest in theologischer Hinsicht (wahrscheinlich auch in ethischer) als Kinder behandelt, denen er keine »feste Speise« gibt, sondern nur leichtverdauliche Milch. Diese Einstellung ist ungemein wichtig für die Beurteilung der Ausführungen, denn sie schließt von vorneherein aus, daß Jesu Anliegen in seiner vollen Radikalität zur Geltung kommen kann. Zu sehr hat dieser den Menschen zur Verantwortung berufen.
Was aber das betrifft, wovon ihr mir geschrieben habt, so ist es gut für einen Menschen, keine Frau zu berühren. Aber um der Unzucht willen habe jeder seine eigene Frau, und jede habe ihren eigenen Mann. Der Mann leiste der Frau die [eheliche] Pflicht, ebenso aber auch die Frau dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren eigenen Leib, sondern der Mann; ebenso aber verfügt auch der Mann nicht über seinen eigenen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, es sei denn nach Übereinkunft eine Zeitlang, damit ihr euch dem Gebet widmet und dann wieder zusammen seid, damit der Satan euch nicht versuche, weil ihr euch nicht enthalten könnt. Dies aber sage ich als Zugeständnis, nicht als Befehl.

Ich wünsche aber, alle Menschen wären wie ich; doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Ich sage aber den Unverheirateten und den Witwen: es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie sich aber nicht enthalten können, so sollen sie heiraten, denn es ist besser, zu heiraten, als [vor Verlangen] zu brennen.

Den Verheirateten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, daß eine Frau sich nicht vom Mann scheiden lassen soll - wenn sie aber doch geschieden ist, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich mit dem Mann - und daß ein Mann seine Frau nicht entlasse. (1-10)

Die Ehelosigkeit ist die absolute Krönung, Paulus das große (moralische) Vorbild. Aber weil es nuneinmal den Dämon »Unzucht« gibt, sei es den triebgeplagten, den »vor Verlangen Brennenden«, den Lüstlingen zugestanden, sich eine Frau zu nehmen, damit sie nicht durch den Satan versucht werden. Dazu muß natürlich die Ehe auch die Aufgabe der freudianischen Triebabfuhr übernehmen: »Entzieht euch einander nicht«, Sex ist eheliche Pflicht. Und die Verheitateten müssen verheiratet bleiben, weil der HERR es nuneimal so will.

So pointiert muß man Paulus hier doch lesen, um zu vergegenwärtigen, wie weit Paulus von dem Liebesgrundsatz sich entfernt hat, wie weit er wieder zurückfiel in eine kleinmütige Kasuistik. Er traut der zwischenmenschlichen Liebe, die zur Partnerschaft beruft, nicht viel zu; der Sinn der Ehe besteht für ihn fast allein in sexueller Vereinigung.[26] Und sexuelle Vereinigung ist fleischlich, Keuschheit damit geistlich. Nur deshalb kann Ehelosigkeit als die beste, Ehe nur als die zweitbeste Lösung gelten, nur deshalb ist es wirklich ein »Zugeständnis«, wenn Paulus die Ehe nicht verteufelt, sondern als Institution akzeptiert.

Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr, wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und sie willigt ein, bei ihm zu wohnen, so entlasse er sie nicht. Und eine Frau, die einen ungläubigen Mann hat, und er willigt ein, bei ihr zu wohnen, entlasse den Mann nicht. Denn der ungläubige Mann ist durch die Frau geheiligt und die ungläubige Frau ist durch den Bruder geheiligt; sonst wären ja eure Kinder unrein, nun aber sind sie heilig. Wenn aber der Ungläubige sich scheidet, so scheide er sich. Der Bruder oder die Schwester ist in solchen [Fällen] nicht geknechtet; zum Frieden hat uns Gott doch berufen. Denn was weißt du, Frau, ob du den Mann erretten wirst? Oder was weißt du, Mann, ob du die Frau erretten wirst? (12-16) [...]
Nimmt man die obigen Ausführungen zum Ausgangspunkt, so ist es in der Tat verwunderlich, wie liebevoll Paulus hier mit Mischehen umgeht. Mischehen müssen nicht aufgelöst werden, vielmehr werden die ungläubigen Ehepartner durch den Gläubigen geheiligt, und es besteht ja auch Aussicht auf Bekehrung.
Über die Jungfrauen aber habe ich kein Gebot des Herrn; ich gebe aber eine Meinung als einer, der vom Herrn die Barmherzigkeit empfangen hat, vertrauenswürdig zu sein. Ich meine nun, daß dies um der gegenwärtigen Not willen gut ist, daß es für einen Menschen gut ist, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht los zu werden; bist du frei von einer Frau, so suche keine Frau. Wenn du aber doch heiratest, so sündigst du nicht; und wenn die Jungfrau heiratet, so sündigt sie nicht; aber solche werden Trübsal für das Fleisch haben; ich aber schone euch.

Dies aber sage ich, Brüder: Die Zeit ist begrenzt: daß künftig die, die Frauen haben, seien, als hätten sie keine, und die Weinenden, als weinten sie nicht, und die sich Freuenden, als freuten sie sich nicht, und die Kaufenden, als behielten sie es nicht, und die die Welt Nutzenden, als benutzten sie sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.

Ich will aber, daß ihr ohne Sorge seid. Der Unverheiratete ist für die [Sache] des Herrn besorgt, wie er dem Herrn gefallen möge; der Verheiratete aber ist um die [Dinge] der Welt besorgt, wie er der Frau gefallen möge, und [so] ist er geteilt. Die unverheiratete Frau und die Jungfrau ist für die [Sache] des Herrn besorgt, damit sie heilig sei an Leib und Geist; die Verheiratete aber ist für die [Sache] der Welt besorgt, wie sie dem Mann gefallen möge.

Zu einem, »der vom Herrn die Barmherzigkeit empfangen hat, vertrauenswürdig zu sein«, paßt es doch schlechterdings nicht, damit zu prahlen; denn die »Liebe bläht sich nicht auf«. Aber dies paßt zu Paulus' Sprechhaltung gegenüber den Korinthern - dies nur am Rande.

Paulus gibt hier zu, daß seine Ausführungen über den Vorrang der Ehelosigkeit und Keuschheit vor der Ehe nicht von Jesus stammen, es ist seine eigene Meinung, die um der »gegenwärtigen Not willen« gut ist. Und die gegenwärtige Not meint nichts anders als die Naherwartung, die Begrenztheit der Zeit vor dem Weltende. Paulus liefert die Relativierung seiner Aussagen gleich mit: Nur in der unmittelbaren Naherwartung sind diese zu vor dem Anspruch der Liebe Jesu zu vertreten, denn vor diesem Hintergrund tritt die Partnerschaft zurück, die auf eine raumgreifende Zukunft ausgerichtet ist. Auch nur vor diesem Hintergrund gilt die Begründung seiner Werturteile: daß nämlich der Verheiratete sich weniger um die Sache des Herrn, als vielmehr um die Sache der Welt sorgt. Nur angesichts der Begrenztheit der Zeit darf die partnerschaftliche Liebe als schöpferische Kraft vernachlässigt und nur als konsumierend betrachtet werden.

Es darf daraus wohl kaum geschlossen werden, daß Gott so eifersüchtig wäre, daß er denjenigen, der nur IHN liebt, höherschätzt als denjenigen, der auch seine Frau liebt. Es würde in die Botschaft Jesu doch etwas vollkommen Fremdes herantragen, nämlich das Gegeneinanderausspielen von Gottesliebe und Menschenliebe. Mit Jesus wurde doch die Sache des Herrn zur Sache des Menschen, Menschenliebe und Gottesliebe zu einer Einheit verschmelzen - natürlich mit dem Vorrang der Gottesliebe.

Dies aber sage ich zu eurem eigenen Nutzen, nicht, um euch eine Schlinge überzuwerfen, sondern damit ihr ehrbar und beständig ohne Ablenkung beim Herrn bleibt. Wenn aber jemand denkt, er handle ungeziemend mit seiner Jungfrau, wenn er in der Vollkraft steht, und es muß so geschehen, so tue er, was er will; er sündigt nicht; sie sollen heiraten. Wer aber im Herzen feststeht und keine Not, sondern Macht hat über seinen eigenen Willen und dies in seinem Herzen beschlossen hat, seine Jungfrau zu bewahren, der handelt gut. Also, wer seine Jungfrau heiratet, handelt gut, und wer [sie] nicht heiratet, wird besserhandeln.

Eine Frau ist gebunden, solange ihr Mann lebt; wenn aber der Mann entschlafen ist, so ist sie frei, sich zu verheiraten, an wen sie will, nur im Herrn [muß es geschehen]. Glückseliger ist sie aber, wenn sie so bleibt, nach meiner Meinung; ich denke aber, daß auch ich Gottes Geist habe.

Nochmals variiert er hier seine Aussage über Keuschheit und Ehelosigkeit. Natürlich spricht er den Menschen nicht die Freiheit ab zu heiraten, wenn ihnen danach ist, natürlich wirft er ihnen keine Schlinge über, aber gleichzeitig steht doch diese Aussage in einem Kontext, wo kein anderer Schluß bleibt als dieser: Wenn ihr heiratet und unkeusch werdet, seid ihr zwar keine Sünder, wohl aber habt ihr keine Macht über euren Willen und steht im Herzen nicht fest.

An dieser Stelle hilft es, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was Paulus hier tut. Theologisch verteufelt er die Ehe, die Sexualität in der Ehe und das Begehren nicht als Sünde; Ehe und Ehelosigkeit stehen gleichsam unbefleckt nebeneinander. Ethisch-moralisch hingegen genießt die Ehelosigkeit einen höheren Stellenwert als die Ehe, die Keuschheit vor der Sexualität. Diese Wertunterschiede lassen sich allein auf der Grundlage der Begrenztheit der Zeit und der Naherwartung des Weltendes mit Jesu Botschaft vereinbaren.

Paulus und das Fleisch
Eine problematische Begrifflichkeit

Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder, nur [gebraucht] nicht die Freiheit als Anlaß für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

Wenn ihr aber einander beißt und freßt, so seht zu, daß ihr nicht voneinander verzehrt werdet! Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht erfüllen. Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt. Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, seid ihr nicht unter Gesetz.

Offenbar aber sind die Werke des Fleisches; es sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Hader, Eifersucht, Zornausbrüche, Selbstsüchteleien, Zwistigkeiten, Parteiungen, Neidereien, Trinkgelage, Völlereien und dergleichen. Von diesen sage ich euch im voraus, so wie ich vorhersagte, daß die, die so etwas tun, das Reich Gottes nicht erben werden.

Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Gegen diese ist das Gesetz nicht [gerichtet]. Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir durch den Geist leben, so laßt uns durch den Geist wandeln. Laßt uns nicht nach eitler Ehre trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden.(Gal 5,13-24)

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen.

Die Speisen [sind] für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als jene zunichte machen. Der Leib aber [ist] nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib.

Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Macht. Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Soll ich denn die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen? Das sei ferne!

Oder wißt ihr nicht, daß, wer der Hure anhängt, ein Leib [mit ihr] ist? »Denn es werden,« heißt es, »die zwei ein Fleisch sein.« Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist [mit ihm].

Flieht die Unzucht! Jede Sünde, die ein Mensch begehen mag, ist außerhalb des Leibes; wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen den eigenen Leib. Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott mit eurem Leib.(1 Kor 6,16-20)

Im Begriff des Fleisches liegt eine fatale theologische Begrifflichkeit vor. Es ist nicht legitim, einfach aus der Verurteilung des Fleisches bei Paulus seine Leibfeindlichkeit zu schließen. Denn »Fleisch« ist bei Paulus mehr als nur einfach der Leib. »Fleisch« ist Sammelbegriff für alles Sündhafte im Menschen, für alles Widerchristliche, für alles Vergängliche, Hort der (zerstörerischen) Leidenschaften und (schlechten) Begierden »Fleisch« ist der Gegensatz zum »Geist« Christi. »Fleischliche Begierden« sind für Paulus automatisch sündhaft und schlecht, »Unzucht«. Er weitet also den Literalsinn des Wortes »Fleisch« in eine theologische Dimension aus, und dabei verengt er diesen Begriff auch gleichzeitig im nicht-theologischen Bereich.

Er greift den griechischen Leib-Seele-Dualismus der Stoa auf, der den Leib geradezu diskriminierte. als minderwertig. weil vergänglich hinstellte. Demgegenüber wertet Paulus den Leib geradezu auf, indem er ihn - ganz in jüdischer Tradition, die den Leib einheiligte - als »Tempel des Heiligen Geistes« bezeichnet. Und dadurch wird die »Unzucht«, die Entheiligung des eigenen Leibes, zur Kardinalsünde. In dieser Tradition steht Paulus' Agitation gegen Hurerei. Paulus' Agitation ist nicht fehlgerichtet, nur überzogen, und wie jede überzogene Agitation greift sie weitaus weiter als gewollt. Sie will sich abgrenzen von den Dionysoskultfeiern, geprägt von sexuellen Ausschweifungen im Alkoholrausch, die auch die griechische Religion unter den Gebildeten in Mißkredit gebracht hatte, gleichzeitig setzt sie die Tradition der Abgrenzung gegen orientalische Fruchtbarkeitsriten (Astarte-Kult) fort, die das israelitische religiöse Leben seit der Landnahme gezeichnet hat. Nicht ohne Grund sehen manche Kulturhistoriker eine Einheit von Astarte-Aphrodite-Venus als Verkörperung einer einzigen Kraft. [27]

»Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen.« Entkleidet man Paulus' Ausführungen seiner verkrampften Agitationen, so bleibt dieser Satz zurück, der den richtigen Weg hätte weisen können. Paulus' Dämonisierung des Fleisches wäre nicht so gewichtig in dem Urteil über ihn, wenn seine Schüler und nachfolgende Generationen den obengenannten (zeitlosen) Satz tradiert hätten, aber sie haben die zeitbezogenen Ausführungen tradiert, woh weil sie die Freiheit und den Anspruch Jesu nicht ertrugen und so zu engstirnigen Moralisten wurden. Und dadurch hat das Christentum einen fatalen Drall erhalten.

Die Folgen 
Zementierung des Patriarchalismus

Ich will nun, daß die Männer an jedem Ort beten, indem sie heilige Hände aufheben, ohne Zorn und zweifelnde Überlegung, ebenso, daß [die] Frauen sich in würdiger Haltung mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern [mit dem], was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen, durch gute Werke.

Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. Ich erlaube aber einer Frau nicht, zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern [ich will], daß sie sich in der Stille halte, denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung. Sie wird aber durch das Kindergebären gerettet werden, wenn sie bleiben in Glauben und Liebe und Heiligkeit mit Sittsamkeit. (2 Tim)

Während bei Paulus das Patriarchat nur latent erscheint, ihm also für die damalige Zeit übergebührliche Frauenfeindlichkeit bestimmt nicht vorgeworfen werden kann, wird bei seinen Schülern die Unterordnung der Frau unter den Mann, die auch Paulus vertrat, zu einem Naturgesetz, das von der Schöpfung an besteht. Die jahwistische Genesis-Erzählung wird hier umgedeutet, um damit das Patriarchat zu stützen. Die zweite, nicht die erste (priesterschriftliche) Schöpfungsgeschichte wird herangezogen, um die Unterordnung zu begründen - wohlwissentlich, denn: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.« Und genauso verfehlt auch die Interpretation der jahwistischen Genesis-Erzählung von der Schöpfung die Pointe: Es geht doch nicht darum, wer zuerst erschaffen worden ist, sondern darum, daß der Mensch nicht allein sein kann und sein soll. Und noch gravierender ist die Umdeutung in der Frage zur Schuld am Sündenfall. Die Herrschaft des Mannes (der genausowenig schuldlos ist) über die Frau, das Patriarchat also, ist doch das Merkmal einer gefallenen Welt, einer sündhaften Welt. Im Reich Gottes hat diese Unterordnung doch keinen Platz. Oder hat Jesus irgendetwas von Unterordnung geredet?

Ist es nicht seltsam, daß solche harschen Agitationen notwendig werden, nachdem Jesu Evangelium in die Welt gekommen ist, der nicht von Herrschaft oder Unterordnung, sondern von der Liebe spricht, der selbst das Gesetz in der Liebe aufgehoben sehen will? Ist es nicht der Impetus der Freiheit, der Jesus ausging, der hier von einem Paulus-Schüler konterkariert wird? Hier verknüpft sich unverblümt der angstbesetzte Patriarchalismus mit der paulinischen Abwertung der Sexualität und tendenziellen Reglementierung der Partnerschaft. Die Frau wird als Ursache der Fleischlichkeit gesehen, die den Mann verführt, deshalb soll sie »sittsam« und »schamhaft« sein (kann der Mann etwa nicht sittenlos und schamlos sein?). Paulus hat die Frauen nur zur Unterordnung und zum Schweigen in der Gemeinde gemaßregelt, nur die Sexualität herabgewertet, sein Schüler hat diese beiden Elemente verschmolzen und heilsgeschichtlich begründet und sie somit für Jahrhunderte festzementiert.


Ein Rückgriff auf Jesus
Neuorientierung des Konfliktes

Jesu Salbung durch eine Sünderin.

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, daß er mit ihm essen möchte; und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.

Und siehe, [da war] eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war; und als sie erfahren hatte, daß er in dem Haus des Pharisäers zu Tisch liege, brachte sie eine Alabasterflasche mit Salböl, trat von hinten an seine Füße heran, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen, und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes. [Dann] küßte sie seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.

Als aber der Pharisäer, der ihn geladen hatte, das sah, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau [das ist], die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.

Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sagt: Lehrer, sprich! - Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig; da sie aber nicht zahlen konnten, schenkte er es beiden. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon aber antwortete und sprach: Ich denke, dem er das meiste geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.

Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuß gegeben; sie aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Salböl meine Füße gesalbt. Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Er aber sprach zu ihr: Deine Sünden sind vergeben. Und die mit zu Tisch lagen, fingen an, bei sich selbst zu sagen: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt? Er sprach aber zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden! (Lk 7,36-50)

Schöner könnte man es kaum darstellen, schöner hätte es Jesus kaum darstellen können, und unmißverständlicher könnte man es einem Paulus und insbesondere seinen Schülern nicht vorhalten, als ständige Herausforderung und Dorn im Fleisch: Es war Jesus fremd, die Sünde zu verteufeln, es ist seiner Liebe fremd, die Sinnlichkeit zu verteufeln. Eine Sünderin kommt zu ihm, salbt und küßt seine Füße, und er nimmt diese körperliche Berührung als Ausdruck der Liebe an, schätzt sie viel höher als die »gesetzestreuen« (vergeistlichten) Pharisäer. Er begeht den unerhörten Affront: er schätzt die Liebe einer Sünderin, eines Niemands höher als alle Gesetzestreue. Und welche Sünde wird es wohl gewesen sein, die ihre Umgebung dazu brachte, sie wie eine Aussätzige zu behandeln: es ist die paulinische Sünde des Fleisches. Jesus will sie nicht davon befreien, fleischlich zu sein, körperlich, sondern er preist ja gerade das Körperliche als Erweis ihrer Liebe, die ihre Sünde vergeben macht. Die Liebe ist es, nicht der Sieg über das Fleisch, die im Sinne Jesu ist.

Vom Ehebruch

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen.

Ich aber sage euch, daß jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen.

Wenn aber dein rechtes Auge dir Anlaß zur Sünde gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist dir besser, daß eins deiner Glieder umkommt und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn deine rechte Hand dir Anlaß zur Sünde gibt, so hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist dir besser, daß eins deiner Glieder umkommt und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.

Es ist aber weiter gesagt: Wer seine Frau entlassen will, gebe ihr einen Scheidebrief.

Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlassen wird, außer aufgrund von Hurerei, macht, daß sie Ehebruch begeht; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch.

Es ist ja vollkommen richtig, daß Ehebruch nicht schlagartig beginnt, wenn man Geschlechtsverkehr mit jemandem anderen als seinem Partner hat. Wenn Ehebruch all das meint, was eine Beziehung zerstört, so ist tatsächlich bereits das begehrliche Ansehen eines anderen Ehebruch, weil bereits dies ein Zeichen dafür ist, daß die Liebe brüchig geworden ist. Also: die Bedeutung des Nicht-Ehebrechen-Gebotes ist doch diese: wenn du voll und ganz aus Liebe handeln willst, dann muß dir doch daran gelegen sein, die Beziehung zu deinem Partner zu schützen und zu bewahren. Darum geht es doch. Deshalb klingt es doch irgendwie lächerlich, daß man freizügige Bilder in Zeitschriften und im Fernsehen allein aus dem Grund verbieten will, daß hierdurch Männer in Versuchung geführt würden, eine andere Frau begehrlich anzuschauen und dadurch Ehebruch zu begehen Welch Männer-, ja welch Menschenbild grassiert hier, und wie wenig traut man der Liebe zu! Wenn es nur keine Versuchung gibt, dann gibt es auch keinen Ehebruch: die einsame Insel als Ort des Heils für die Ehe! Wenn eine Beziehung nur durch die fehlende Konkurrenz hält, welch trauriges Bild!

Ehebruch ist der Verrat an der Liebe. Ehebruch kann schon das bißchen Selbstsüchtigkeit zu viel sein, das bißchen Bequemlichkeit zu viel, das bißchen Kampf zu wenig. Das meint doch das Ausreißen von Augen und Arm. Es kann doch kaum im wörtlichen Sinne gemeint sein und somit einer exzessiven (selbstverstümmelnden) Leibfeindlichkeit das Wort reden, sondern es muß doch als ein Appell verstanden werden, um den Bestand der Liebe zu kämpfen, auch wenn es wirklich wehtut, auch wenn es bedeutet, daß man etwas von seinem selbstsüchtigen Ich aufgeben muß.

Also: wer Ehebruch auf die Sexualität beschränkt, verfehlt den Sinn, der sich erschließt, wenn das das Gebot positiv formuliert: Kämpfe um den Bestand deiner Liebe, laß es nicht zu, daß sie zugrundegeht.


Was bleibt

Die alte Vorstellung von Partnerschaft als romantisches Beieinander ein Leben lang, eingebunden in eine Familie und uralte Traditionen, die Unterordnung der Frau als Hüterin von Heim und Herd unter den Mann als Ernährer der Familie, hat sich überlebt, und angesichts neuer Tendenzen in Richtung sexuelle Freiheit muß eine Rückbesinnung auf das einsetzen, was eigentlich wichtig ist. Will man keine Scheingefechte um Belanglosigkeiten und Lächerlichkeiten führen, muß geklärt werden, was das Eigentliche ist, das, was Liebe ausmacht.

Von der Einheit von Eros und Agape

Eine Trennung der Liebe in Eros und Agape ist hilfreich, wenn es zur differenzierten Betrachtung eines fast unüberschaubaren Ganzen herangezogen wird, fatal hingegen, wenn die beiden gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen uns entfernen von der (verständlichen) Abgrenzung der Juden und der Urchristen mit ihrem Begriff von Liebe (der schenkenden Agape) gegenüber den sexuellen Triebausschweifungen der griechischen Kultfeiern (der begehrende Eros in seinen Entartungen); wir müssen Agape als das Sich-dem-Nächsten-Hingeben und Eros als das Begehren verstehen, das nach dem Vollkommenen strebt. Liebe ist alles: Eros und Agape, Liebe ist Elternliebe, Bruderliebe, Freundschaft, Liebe zur Kunst, Liebe zum Leben, Liebe zu Gott und eben auch partnerschaftliche Liebe, um die es in diesem Essay gehen soll. Und gerade die letzten beiden verdienen besondere Beachtung. Während die Liebe zum Partner diejenige ist, die in einer Weise den Leib vereinnahmt, wie es keine andere tut (keine andere hat das Zeug zu Feuergluten in den Adern, keine andere peitscht das Herz zu schnelleren Schlägen, keine andere kann von der Ekstase zeugen). Auch die Gottesliebe ist einzigartig, einzigartig, eben weil es keine reinere, keine unverfälschtere, keine grenzenlosere, keine bedingungslosere Liebe gibt, die so selbstlos und begierdelos ist. Aber so sehr dies auch eine Zuordnung nahelegt, in der Agape wegen ihrer göttlichen Abkunft höherwertig ist, so darf dies eben nicht zu einem Dualismus zwischen den beiden werden oder vielmehr bleiben, der die Seele gegen den Leib ausspielt, alsob der Leib nicht lieben dürfte. Genausowenig darf es zu einer Konkurrenz zwischen Menschen- und Gottesliebe kommen, denn für Jesus war eben das Gebot der Nächstenliebe die Erfüllung des Gebotes der Gottesliebe. Gottesliebe hat den unbestrittenen Vorrang vor der Menschenliebe, da rein irdische Liebe ohne Gott an des Menschen Unvollkommenheit zugrundegeht, doch Gottesliebe ist ebenso leer ohne die Menschenliebe, die keine Grenzen kennen soll, weder die zwischen Freund und Feind, noch die zwischen den Geschlechtern, zwischen den Nationen, noch die zwischen begehrendem Eros und selbstloser Agape [28]. Nicht zuletzt steht das Hohelied in der Bibel, um zu zeigen, daß diese erotische Liebe mit ihren »Feuergluten« nichts anderes ist als »Flammen Gottes«, Seine Manifestierung in der Welt.

Vorrang der Liebe

Wenn man Jesus richtig verstehen will, kommt man daran nicht vorbei: Liebe in ihrer Reinform hat den Vorrang vor allem anderen in der Welt, eben weil diese ominöse Liebe uns mit Gott verbindet, seit Anbeginn der Zeiten, seit dem Tag, da Gott dem Menschen mit dem Lebensodem auch die Liebe eingehaucht hat, seit er sie erweckt und erhält. Deshalb kann man von der archetypischen Kraft der Liebe sprechen, die in den Tiefen eines jeden Menschen schlummert. Liebe braucht man nicht erlernen (Jesus wollte niemandem die Liebe beibringen, er wollte die Menschen nur von den moralischen, selbstsüchtigen, bequemen Einwände befreien), Liebe braucht keine Regeln, Liebe ist die Überwindung der Regeln. Liebe in ihrer Reinform kann allem gefährlich werden: jedem Weltbild, jeder Gesellschaftsform, jeder Gesetzlichkeit, aber eben nicht dem Menschen in seiner wirklichen Gestalt. Liebe kann gar nicht grausam, unmenschlich werden, solange, ja solange man sie der wesensfremden Beimischungen entkleidet.

Die Liebe muß zu ihrem Recht kommen. Und nur in der Freiheit kann sie ihre heilsame Kraft entfalten, in der Knechtschaft hingegen wird sie allzu leicht vereinnahmt, vereinnahmt von der Selbstsucht, von der Eifersucht, von der Unsicherheit im allgemeinen, von Machthunger, von Sensationslust. Nichts ist frevelhafter und unwahrhaftiger, als zu behaupten, man tue alles aus Liebe. Damit reklamiert man nur die Autorität der Liebe für das eigene Tun. Denn die Liebe bläht sich nicht auf, etwas, das wirklich aus Liebe getan wird, braucht sich nicht damit zu brüsten. Ebensowenig gibt es einen Verzicht aus Liebe: die Liebe überwältigt, die Liebe ist stärker als andere Bedürfnisse, stark wie der Tod. Der Liebe ist das Sich-Brüsten fremd. Und weil die Liebe diese existentielle Dimension hat, tiefer als alles andere in die Seele eindringt, sind Entscheidungen und Opfer um der Liebe willen nur Phrasen. In Wirklichkeit läßt die Liebe auf existentieller Ebene keinen Raum für rationales Abwägen. Wenn man sich die Ohren nicht aus Angst vor den Folgen zuhält, folgt man dem Ruf der Liebe, ohne zu lange zu zögern.

Und ist es ist nicht der Kern der Jesus-Predigt, daß das Gesetz der Liebe, der allumfassenden Liebe, vorrangig vor allen anderen Gesetzen, vor allen anderen Institutionen menschlichen Lebens - selbst der familiären Bindungen - zu behandeln ist? Alles, was sich der Liebe in den Weg stellt, muß sich hiernach vor Gott dafür verantworten. Nicht ohne Grund heißt es: Liebe denn IHN deinen Gott mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Liebe dem, der dir nahe ist, als ob es dir gelte. In diesen beiden Geboten hängt die Weisung und die Propheten.[29] Das Vertrauensverhältnis zu Gott ist ein Liebesverhältnis, und das Liebesverhältnis zum Geliebten ist ein Vertrauensverhältnis. Und so wie sich die beiden ihrem Wesen nach ähneln, so gilt: Wenn ich Gott liebe und mich dies vor Seinem Angesicht bewährt, so bewährt es mich auch, wenn ich einen Menschen in einer rückgebundenen Menschenliebe liebe. Und Bewährung ist das höchste in einem Menschenleben.

Ehe und Sexualität

Somit kann es auch kein Beziehungs»ideal«, denn ein solches wäre ja der Liebe vorrangig, sie müßte ihm nachstreben. Weder in die Ehe noch in irgendeine andere Institution darf die Liebe hineingezwungen werden, wenn sie es nicht will. Auch braucht die Liebe keine dieser Institutionen, um irgendeinen Bereich auszuloten. Es ist doch einmütig allen wichtig, zu betonen, daß die Sexualität ein Teil der Liebe ist, also in ihren Herrschaftsbereich fällt. Wer in aller Welt darf sich dann anmaßen, sexuelle Regeln aufzustellen. Erst durch die Isolation der Sexualität aus dem sicheren Schoß der Liebe heraus wird sexuelle Perversion möglich. Die Liebe weiß am besten, wann die Zeit reif ist für diese ultimative leibliche Selbstpreisgabe.

Wenn Ehe eine Absichtserklärung meint, die Absichtserklärung, der Liebe auf absehbare Ewigkeit treu zu bleiben, ihr den Raum einzuräumen, der ihr gebührt, und sie gegen Anfeindungen zu verteidigen, wenn Verheiratetsein meint, in dem Partner gegenüber das Archetyp Liebe personifiziert zu sehen, mit dessen Kraft das Leben bewältigen zu wollen, dann kann ich sie ohne Widerspruch akzeptieren.

Aber unser Verständnis von Ehe ist doch so überfrachtet mit Clichés, vorgeformten Bildern, spießbürgerlicher Moral, gesellschaftlichen Notwendigkeiten, sinnentleerten Symbolen und längst überkommener Tradition, so daß es doch so mancher Liebe schwerfallen muß, sich damit zu identifizieren. Wenn Ehe etwas Äußerliches ist, so muß die Liebe sich doch weigern, sich unterzuordnen.

Wenn Ehe jedoch tatsächlich einen inneren Prozeß meint, so ist es doch die Liebe selbst, die das heraufbeschwört, dann ist Ehe voll und ganz unter der Autorität der Liebe. Und die Liebe muß sich nicht aller Welt darstellen (sie darf es aber, wenn sie es will), sie muß nicht protzig ein symbolisches Versprechen geben (sie darf es aber, wenn sie es will), sie muß keine Ringe austauschen, sie muß keinen Namen ändern (sie darf es aber, wenn sie es will). Schon gar nicht darf eine solch billige (wenn auch manchmal kostspielige) Äußerlichkeit einen Unterschied machen im Bezug auf das Maß sexueller Nähe. Es darf kein vorher-nachher geben im Sinne von: vorher ist alles Sünde [30], nachher alles göttliche Bestimmung, vorher das Verbot, nachher der Zwang. Eine Liebe, die sich in sexueller Nähe äußert, hat genausoviel Wert wie eine, die das nicht tut, vorher wie nachher. Denn der Wert einer Liebe macht sich alleinig an dem Raum fest, den man ihr einräumt - wiederum innerlich gesprochen. Äußerlichkeiten sind billiger Tand (an dem sich die Liebe manchmal aber vielleicht auch erfreuen will!), Moral ist der Liebe nachgeordnet (Jesus hat sich nie zu ihrem Anwalt gemacht), somit kann sich jene in die Dinge dieser nicht einmischen, sie darf es nicht, aber sie tut es allzu häufig.

Vom Scheitern der Liebe

Nun aber da diese Welt eine gebrochene Welt ist, bleibt das »Eheversprechen« - innerlich oder äußerlich, rituell oder unkonventionell vollzogen - eine Absichtserklärung, also kein Ich werde bei dir sein, sondern ein »Ich will bei dir bleiben«, alles andere wäre Heuchelei oder bloßer Selbstbetrug. Wäre die Liebe eine gewaltige Übermacht, so wäre damit alles erledigt. Aber die Liebe - trotz all ihrer Kraft, die sie entfaltet und freisetzt, trotz des Vorrangs, die Gott ihr in seiner Schöpfung eingeräumt hat - ist einer Unzahl von Widrigkeiten ausgesetzt: Anfeindungen, Neid, Leid, Ängsten etc. - inneren wie äußeren Gegnern -, so daß nicht jede Liebe gewinnen kann, sondern stirbt, ohne daß es irgendjemand aufhalten könnte, unter Umständen auch durch eine andere Liebe ersetzt wird.

Wenn ein Mensch sich eingestehen muß, daß er sich selbst und seine eigenen Gefühle überschätzt hat, daß er gescheitert ist, dann ist auch seine Absichtserklärung gescheitert. Es muß doch den Punkt geben, wo man sich das Scheitern eingesteht, wo der letzte Rest an Liebe noch darum winselt, durch Trennung (sprich: Scheidung) befreit zu werden. Man muß doch auch ein Scheitern der Liebe akzeptieren, so grausam das auch ist, so fatal seine Auswirkungen sein können - wiederum ohne die Moral auch nur um ihre Meinung zu fragen. Die Moral hat auf diesem Gebiet nichts zu melden. Die Liebe muß sich nur vor dem Schöpfer verantworten, und so muß der Mensch, der ihr Scheitern postuliert, sich auch nur vor Gott verantworten.

Auch wenn die Ehe unter dem besonderen Schutz Gottes steht (um nicht der verengenden Begrifflichkeit anheimzufallen, besser: die zwischenmenschliche Liebe), so schließt doch das ihr Scheitern nicht aus, da das Reich Gottes noch nicht vollendet ist. Dort tatsächlich würde keine Liebe scheitern, wie auch im Paradies keine Liebe gescheitert wäre. Aber weder die Schöpfung noch die Erlösung sind uns unmittelbar zugänglich, wir leben in einer Welt, die »zwischen Schöpfung und Erlösung schwingt«. Jesus protestierte ja gegen eine religiöse Gesetzlichkeit, die den Menschen zerstört, weil er trotz bester Absichten Gottes Weisung eben nicht folgen kann. Die Anerkenntnis eines Scheiterns der Ehe heißt nicht dessen Legitimierung als gleichberechtigtes Prinzip neben dem Eingehen der Ehe, es heißt nur der Verzicht auf ein Urteil in jedweder Form, das alleinig Gott zusteht, dem Gott, der trotz allen Scheiterns und aller Vergehen immer wieder die helfende Hand anbietet. Man kann doch keinen Menschen ächten und verurteilen, nur weil er an seiner eigenen Begrenztheit gescheitert ist. Und genausowenig kann man ihm doch verbieten, es noch einmal mit der Liebe zu versuchen.

Jesu Präzisierung zum Nicht-Ehebrechen-Gebot meint zunächsteinmal den Aufruf, die Liebe zu bewahren, ihr den Raum zu erkämpfen, seine Ausführungen zur Unauflösbarkeit der Ehe, daß sie dazu bestimmt ist fortzudauern, und nicht zu scheitern, und wer diesem Aufruf nicht folgt, wer diese Bestimmung aus dem Blick verliert, lädt ohne Zweifel Schuld auf sich. Aber wenn der Punkt erreicht ist, Liebe nicht mehr da ist, wo die beiden Menschen, die die Ehe gewagt haben, Schuld auf sich geladen haben, da mahnt er doch geradezu die anderen, wer schuldlos sei, solle den ersten Stein werfen. Jesus läßt doch den Menschen mit seiner Schuld nicht allein, ermöglicht ihm immer wieder einen Neuanfang. Voraussetzung ist natürlich, daß sich der schuldiggewordene Mensch sich auch diese Schuld eingesteht, zugibt, versagt zu haben.

Die ständige Entscheidung

Von hier aus läßt sich doch ein neues Konzept für die Ehe entwickeln. Und als konstitutives Merkmal soll hier nicht die einmalige Entscheidung dienen, mit einem Menschen sein Leben zu verbringen, ihm beizustehen, was immer dieser ihn braucht. Eine solche Sichtweise verleitet zu einer Passivität und geht an der existentiellen Bedeutung der Lebensgemeinschaft Ehe vorbei. Vielmehr muß Ehe als eine ständige Entscheidung begriffen werden, als tagtägliche Entscheidung, ob man diese Beziehung bejaht, ob man sich für sie einsetzt, für sie kämpft, sie versucht zu erneuern, wiederaufzubauen oder zu bewahren - oder ob man vor den Schöpfer hintritt und das eigene, persönliche Scheitern (keinesfalls das so schnell über die Lippen gleitende »Die Ehe ist gescheitert«, sondern das rückhaltlose und demütigende »Ich bin gescheitert«) sich eingesteht und sich schonungslos die Schuld daran mitzurechnet. Diese Entscheidung ist existentiell, und kaum jemand, der begriffen hat, welche Bedeutung sie für das eigene Leben haben, was Liebe heißt und für sie zu kämpfen, was Scheitern heißt und die Schuld dafür vor Gott - dem Gott, der zur Aufrechterhaltung mahnte - zu verantworten, wird eine Ehe leichtfertig in die Brüche gehen lassen.

Die Verantwortung für ein Du

»Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du« (Martin Buber). Genau das ist der Punkt, der bislang vielleicht etwas zu kurz gekommen ist. Denn Liebe meint ja nicht nur den Zustand der eigenen Seele, der eigenen Existenz, sondern auch Bindung an einen anderen Menschen. Dieser ist das Zentrum der Liebe, nicht die eigene Empfindung. Und wenn ein Mensch liebt, dann muß es zunächst und ausschließlich um dieses Du gehen.

Mit wachsender Nähe übernimmt jeder Partner auch wachsende Verantwortung für den anderen. Das ist in jeder Beziehung so. Und je mehr man sich gegenseitig vertraut, um so wichtiger ist diese Verantwortung. Diese Verantwortung besteht in dem Sich-um-den-anderen-Sorgen. Man will nicht mehr aus sich selbst heraus handeln, sondern zum Wohl, zum Glück eines anderen. Eine Liebe, die sich nicht sorgt, kann es nicht geben: wenn ein anderer sich einem selbst offenbart, die Stellen bloßlegt, wo man ihn (tödlich) verletzen könnte, dann muß man sich der Verantwortung stellen. Man muß alles tun, damit dem anderen nicht wehgetan wird, damit er nicht verletzt wird, damit er heil bleibt oder wird. Deshalb kann zum Beispiel Liebe nicht im Davonlaufen bestehen, wenn Schwierigkeiten auftreten. Deshalb ist Liebe nicht wie der Wind, der seine Richtung wechselt, wann es ihm beliebt. Deshalb ist der Geliebte nicht austauschbar.

Untreue

Neuerdings sieht man die Ursache für »Untreue« in der Evolutionsbiologie. Das mag schon möglich sein. Aber wann schon sonst versteht sich der Mensch als Produkt der Biologie, wann schon verzichtet er auf seine Würde, die eben nicht von unten aus der Biologie, sondern von oben von Gott her kommt. Die biologische Funktion von Promiskuität kann also nicht als Argument zählen, schon gar nicht wider die Liebe.[31]

Untreue meint Bundesbruch, den Bruch eines Versprechens, den Verrat an einer Absichtserklärung. Untreue ist also ein Begriff, der nie allgemein gebraucht werden kann, sondern immer nur im ganz konkreten Fall eines Bundes. Es obliegt also den beiden Menschen, die einander lieben, wie sie diesen Bund gestalten, wie die Liebe diesen Bund gestaltet. Die Liebe nimmt Rücksicht auf die Gegebenheiten des anderen: für einen Menschen, den es nach Liebe dürstet, kann schon eine kleine Vernachlässigung Untreue sein, für andere können selbst sexuelle Abenteuer noch kein Treuebruch sein. Was Untreue ist, müssen die Liebespartner - im Geist der Liebe - implizit oder explizit festlegen. Nicht die Selbstsucht, nicht die Genußsucht, nicht die Bequemlichkeit dürfen die »Vertrags«bedingungen diktieren, auch nicht die gesellschaftliche Norm, sondern allein die Liebe. Vor ihr gilt es die besitzergreifende Eifersucht zu verantworten genauso wie die fast schrankenlose sexuelle Freiheit: Ist das erste nicht vielleicht zu egozentrisch, zu wenig auf die Bedürfnisse des anderen ausgerichtet, das zweite vielleicht zu wenig ganzheitlich, zu sehr nach »unten« - auf die Triebebene - ausgerichtet? Aber dies darf keine moralische Institution, sondern nur der Liebende entscheiden, denn er muß es auch verantworten.

Monogamie und Eifersucht

Eifersucht ist der Krebs, der im Fleisch der Liebe wuchert, sie vergiftet, schlägt, tötet, zerstört. Keine andere Gefühlsregung ist der Liebe fremder, und keine ist so schicksalhaft mit ihr verwoben. Es liegt daher nichts näher - wenn es einem wirklich voll und ganz um die Liebe geht -, sie von dieser zersetzenden Kraft befreien zu wollen, die Eifersucht auszurotten. Und in der Tat sieht es ja so aus, als wäre die Eifersucht eine Zivilisationskrankheit. Eine Gesellschaft, die verbürgerlicht Besitz als konstitutives Merkmal vereinnahmt hat, kann natürlich nicht teilen. Liebe wird zum Besitz, zum Statussymbol. Und niemand fragt, ob dies wirklich etwas mit den Gefühlen zu tun hat, wenn man Monogamie als unumstößliches Gesetz hochhält. Daß nuneinmal jeder Mensch irgendwie eifersüchtig ist, kann nicht zählen: man würde sonst die ganze Psychologie in den Orkus werfen, wenn man den Anteil der Sozialisation an den Moralvorstellungen leugnen würde. Ein natürlicher Ansatz ist daher ganz fehl am Platze, um polygame, wenn nicht völlig freie Ansätze sexuellen Zusammenlebens, zu disqualifizieren.[32] Es wäre doch wirklich eine wunderschöne Utopie, wenn die Liebe selbst in dieser Hinsicht die absolute Freiheit hätte. Vielleicht wären ganz neue Formen der Zwischenmenschlichkeit denkbar, die verantwortet werden könnten, wenn der Schmerz, das Elend der Eifersucht ihnen nicht in jeder Sekunde das Gewissen beschwerte.

Aber ist Eifersucht einfach mit Besitzdenken gleichzusetzen? Kann man sie sich abgewöhnen, indem man lernt, jemanden auch loszulassen (in Liebe - denn die Liebe »liebt« die Freiheit!)? Ist Besitz nicht viel zu abstrakt, um gegen die Liebe eine so hartnäckige Krake zu sein? Warum will denn ein Mensch besitzen, was hat man von »Besitz«? Ist Besitz nicht vielleicht nur ein Deckmantel für ein viel existentielleres Problem, für etwas viel Verletzenderes: die Angst? Angst gibt man nicht gerne zu, aber Angst hat man, die Angst, das zu verlieren, was man am nötigsten braucht, die Angst davor, die Existenz zusammen mit der Liebe zu verlieren. Und kommt diese Angst aus der nich noch viel universaleren Existenzangst, die den Menschen von Geburt an bis zum Tode begleitet? Und eben darum ist auch die Eifersucht unausrottbar.

Also: es wäre eine unmenschliche Utopie, von einer Welt zu träumen, in der das Teilen des Liebsten kein Problem mehr darstellt. Dies ist der Sinn der Monogamie. Sie ist kein sinnentleertes Moralgesetz, sondern eine wichtige Einsicht. Der Mensch will sich einer Sache sicher sein. Der Mensch kann Liebe nicht teilen, weder den Geliebten, noch seine eigene Liebe. Es geht nicht darum, daß man nur einen einzigen Menschen lieben kann, nein, nicht die Isolation ist gemeint. Der Mensch kann sehr wohl lieben, wenn damit Zuneigung, Freundschaft, Begeisterung gemeint ist, die an der Existenz nur kratzen, nicht aber in ihren Kern eindringen. Aber der Mensch kann nur einem einzigen Menschen - wenn überhaupt - zur gleichen Zeit diese Große Liebe geben.

Es drängt einem doch selbst, dem anderen Exklusivität einzuräumen, weil Exklusivität die höchste Auszeichnung und gleichzeitig auch Vorbedingung für eine Öffnung des Selbst ist. Zuerst muß das Gefühl der Sicherheit da sein, dem konstitutiv der eine Punkt im Universum, auf den man sich konzentriert, vorausgehen muß. Nichts ist größeres Gift, als eine »divided allegiance«, die Geteiltheit des eigenen Zugehörigkeitsgefühl (verschiedene Menschen, auf die man sich einläßt, ziehen in unterschiedliche Richtungen, und würden die Seele zerreißen). Diese Einschränkungen ließen sich nur mit einem hypothetischen Hätte der Mensch keine Angst überwinden. Aber der Mensch hat Angst.[33]

Monogamie als vielleicht einzig gesunde Beziehungsform schließt Dreiecksverhältnisse und Ähnliches nicht aus. Und man sollte sich davor hüten, diese vorschnell als Verfehlungen, Entartungen, als Sünde zu qualifizieren. Denn wer kann ausschließen, daß trotz aller Vorsätze plötzlich eine Situation der divided allegiance auftritt, wo die Seele in einem Spannungsfeld zwischen zwei Polen steht, sich zu zwei Seelen hingezogen fühlt. Aber die z.T. katastrophalen psychischen Auswirkungen zeigen doch, wie instabil solche Verhältnisse sind. [34]

Fazit
Von der verantworteten Liebe

»Nicht alles, was gefällt, ist erlaubt, sondern alles, was verantwortet werden kann,« habe ich einmal geschrieben. »Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen,« schrieb Paulus. »Liebe, und tue, was du willst,« schrieb Augustin.

Die Liebe ist »stark wie der Tod, ihr Eifern hart wie das Gruftreich«, und die Verantwortung ist das einzige, was die Freiheit der zwischenmenschlichen Liebe begrenzt. Gleichzeitig ist aber diese Verantwortung auch das einzige, was diese ungeheuere Freiheit rechtfertigt: Verantwortung ist nämlich synonym mit der Rückbindung an Gott den Schöpfer, der den Menschen zu einem Menschen mit Würde geschaffen hat, der den Menschen zu mehr als einem instinktgelenkten Tier, vielmehr zu seinem Ebenbild bestimmt hat. Nur vor dem grenzenlosen Anspruch Gottes muß der Mensch Rechenschaft ablegen und kann vor ihm nur auf Gnade hoffen. Also keine kleinmütigen moralischen Spitzfindigkeiten, keine Moral um der Moral willen, keine Gesetz auf Kosten des Menschseins, kein Abwägen zwischen Eros und Agape, keine künstlichen Grenzen, keine Macht den Äußerlichkeiten. Soviel Gesetz wie nötig, soviel Selbstverantwortlichkeit wie möglich. Man muß der Liebe etwas zutrauen, man muß sie wieder als einen lebendigen Dialog auffassen, in dem alles möglich ist, ein Dialog zwischen den Liebenden untereinander und ein Dialog der Liebenden mit Gott, einem Dialog, der auch aus Ver-antwortung besteht,

Die zwischenmenschliche Liebe ist wie jeder andere Lebensbereich zum verantwortungsvollen Handeln angehalten, das wegen der Gefallenheit der Welt unabdingbar die Bereitschaft zur Schuldübernahme nach sich zieht. Und vielleicht das Beste, das zu diesem Thema geschrieben wurde, stammt aus Dietrich Bonhoeffers Ethik (S.186f):

Es geht aus dem Gesagten hervor, daß zur Struktur verantwortlichen Handelns die Bereitschaft zur Schuldübernahme und die Freiheit gehört Gerade weil und wenn es verantwortlich ist, weil und wenn es in ihm ganz um den anderen Menschen geht, weil und wenn es aus selbstloser Liebe zum wirklichen menschlichen Bruder hervorgeht, kann es sich der Gemeinschaft der menschlichen Schuld nicht entziehen wollen. Weil Jesus die Schuld aller Menschen auf sich nahm, darum wird jeder verantwortlich Handelnde schuldig. Wer sich in der Verantwortung der Schuld entziehen will, löst sich aus der letzten Wirklichkeit des menschlichen Daseins, löst sich aber auch aus dem erlösenden Geheimnis des sündlosen Schuldtragens Jesu Christi und hat keinen Anteil an der göttlichen Rechtfertigung, die über diesem Ereignis liegt. Er stellt seine persönliche Unschuld über die Verantwortung für die Menschen, und er ist blind für die heillosere Schuld, die er gerade damit auf sich lädt, blind auch dafür, daß sich die wirkliche Unschuld gerade darin erweist, daß sie um der anderen Menschen willen in die Gemeinschaft seiner Schuld eingeht. Daß der Sündlose als selbstlos Liebender schuldig wird, gehört durch Jesus Christus zum Wesen verantwortlichen Handelns.

Wenn Kant aus dem Prinzip der Wahrhaftigkeit heraus zu der grotesken Folgerung kommt, ich müsse auch dem in meinem Haus eingedrungenen Mörder seine Frage, ob mein Freund, den er verfolgt, sich in mein Haus geflüchtet habe, ehrlicherweise bejahen, so tritt die zum frevelhaften Übermut gesteigerte Selbstgerechtigkeit des Gewissens dem verantwortlichen Handeln in den Weg. Wenn Verantwortung die ganze, der Wirklichkeit angemessene Antwort des Menschen auf den Anspruch Gottes und der Nächsten ist, so ist hier der Teilcharakter der Antwort eines an Prinzipien gebundenen Gewissens grell beleuchtet. Die Weigerung, um meines Freundes willen am Prinzip der Wahrhaftigkeit schuldig zu werden, die Weigerung hier um meines Freundes willen kräftig zu lügen - denn jeder Versuch, diesen Tatbestand der Lüge wegzudeuteln, entspringt wieder dem gesetzlich-selbstgerechten Gewissen -, die Weigerung also, Schuld zu tragen aus Nächstenliebe, setzt mich in Widerspruch zu meiner in der Wirklichkeit begründeten Verantwortung. Es wird sich auch hier gerade im verantwortlichen Aufsichnehmen von Schuld und Unschuld eines allein an Christus gebundenen Gewissens am besten erweisen.

Wer in Verantwortung Schuld auf sich nimmt - und kein Verantwortlicher kann dem entgehen -, der rechnet sich selbst und keinem anderen diese Schuld zu und steht für sie ein, verantwortet sie. Er tut es nicht in dem frevelnden Übermut seiner Macht, sondern in der Erkenntnis, zu dieser Freiheit - genötigt und in ihr auf Gnade angewiesen zu sein. Vor den anderen Menschen rechtfertigt den Mann der freien Verantwortung die Not, vor sich selbst spricht ihn sein Gewissen frei, aber vor Gott hofft er allein auf Gnade.

Fußnoten

[1] Martin Buber, Ich und Du, Heidelberg 1983 (11. Auflage), abgedruckt in Reclams Universalbibliothek Nr. 9342

[2] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Kaiser Taschenbuchausgabe, S.158

[3] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Kaiser Taschenbuchausgabe, S.164

[4] Die Übersetzungen sind sich nicht darüber einig, ob es nun heißen muß; »mein König« oder »der König«, also ob der König das Bild für den Geliebten ist oder als eine dritte Person, die allenfalls in der Metapher auf den Geliebten übertragen wird. DIE GUTE NACHRICHT überträgt die Stelle (und auch die anderen) als einfaches Bild für den Geliebten (1,4: »Komm, laß uns eilen, / nimm mich mit dir nach Hause, faß meine Hand! // Du bist mein König! [...]« LUTHER hingegen übersetzt: »Der König führte mich in seine Kammer«, ähnlich wie die EINHEITSÜBERSETZUNG »Der König führt mich in seine Gemächer«. Die EBERFELDER Übersetzung »Der König möge mich in seine Gemächer führen.« und die BUBERsche Verdeutschung »Brächte der König mich in seine Gemächer...« legen jedoch eine engere Verwandtschaft von Königsbild und Geliebten nahe, so daß hier und im folgenden der König synonym mit dem Geliebten verstanden wird. Als einzige übersetzt DaBhaR die Stelle im Imperfekt: »Kommen ließ mich der Regent in seine Kammer« und legt den Gedanken an etwas bereits Vollzogenes nahe, nicht des in die Zukunft Weisenden. Diese Variante wurde sowohl wegen ihrer Isoliertheit als auch wegen des Kontextes verworfen. Eine interessante Interpretation liefert TUR-SINAI, indem er die Stelle von zwei Gedankenstrichen einrahmt und schreibt: »in seine Zimmer hat er mich gebracht«, was einen Szenenwechsel nahelegt; aber auch diese Interpretation kann die Unklarheiten nicht ganz beseitigen. HAAG (Haag/Elliger: Wenn er mich doch küßte, Benziger Verlag) deutet den Wechsel der Personen (er, du, wir) als verschiedene »8Stufen der Liebe« (S.72). Die dritte Person wird hiernach immer dann gebraucht, wenn SIE eine gewisse Scheu daran hindert, den Geliebten direkt anzusprechen.

[5] Die Frau/das Mädchen wird im folgenden als SIE im Text genannt; ihr Geliebter als ER.

[6] HAAG übersetzt als einziger: »Schalma«. Kedar und Schalma sind Nomadenstämme der syrisch-arabischen Wüste, und ihre Zelte waren aus dem Haar der schwarzen Ziegen gewebt (S.73).

[7] TUR-SINAI übersetzt die Strophe: »Schwarz bin ich, treibend in Jeruschalaims Triften / wie Kedars Zelte, wie die Behänge Schelomos.« In den Anmerkung schreibt er dazu: »Im Hohenlied bedeutet Vers 1,5 nicht, was sinnlos wäre, 'Schwarz bin ich und schön (nawa), Jeruschalaims Töchter (benot), wie Kedars Zelte, wie die Behänge Schelomos'; in benot ist hier (und vielleicht auch anderwärts) be die Präposition (in) und not, wie neot oder newot, bedeutet 'Triften'; dazu ist, wie das Arabische zeigt, hier nawa als Zeitform zu stellen: 'in den Triften wandernd'. Wie die Zelte der Beduinenstämme, die aus schwarzem Ziegenhaar gewebt sind, in den Triften umherwandernd, so wandert die Heldin des Liedes und wird von der Sonne geschwärzt.«

[8] So TUR-SINAI und WUPPERTALER, ähnlich, aber unklar DaBhar: »Warum werde ich wie [eine] sich Umhüllende auf [die] Herden deiner Verbündeten [zu]?« Anders dagegen EINHEITSÜBERSETZUNG, HAAG und LUTHER, die hier »Umherirrende« setzen. BUBER: »denn warum soll ich wie eine Schmachtende sein an den Herden deiner Genossen?«. Diese Übersetzung stellt mehr den Charakter des Umherirrens in den Mittelpunkt, leitet aber weniger die nun folgende Antwort ein. WUPPERTALER (Studienbibel) erklärt zu dem Übersetzungsproblem, daß vom Hebräischen eher an eine »Verhüllte« zu denken sei, wobei als Motive Trauer und Kennzeichen einer Prostituierten angeführt werden. Der Aspekt der Verhüllung als Zeichen für eine Prostituierte kehrt auch später wieder (in der Traumszene mit den Wächtern) und könnte - freilich ohne in dieser Hinsicht von der Interpretationslinie der WUPPERTALER gedeckt zu sein - die neckisch-sexuelle Deutungsvariante stützen. Denn von hier aus wird das Motiv der »Zicklein« für ihre Brüste zum Spiel mit ihren Bedenken, einen unmoralischen Eindruck zu machen.

[9] Es wird hier eine ironische Färbung der Aussage des Geliebten angenommen - entgegen zum Beispiel DER GUTEN NACHRICHT (1,8: »Muß du mich fragen, / du Schönste unter den Frauen? / Du mußt es doch wissen, / wo du mich findest! // Nimm deine Zicklein / und folge dem Schafsweg! / Dort wirst du mich treffen, / nah bei den Zelten!«. Aber ansonsten wäre die Antwort des Geliebten (sie solle einfach den Spuren der Schafe folgen) doch fast schon beleidigend billig. Sowohl LUTHER, EINHEITSÜBERSETZUNG als auch BUBER lassen dieses Spiel zu, in dem er ihre beiden Fragen neckisch miteinander verknüpft, und dann scheint es mir - ganz subjektiv - viel plausibler, viel intelligenter als die platte Antwort, die ein jeder sich auch selber beantworten kann. Wenn auch WUPPERTALER sich in dieser Hinsicht völlig unsensibel zeigt und mit sehr viel Mühe dem Text einen nicht-ironischen Sinn ohne Trivialität ableiteen will, so öffnet ihre Interpretation der Verhüllung zusammen mit dem späteren Traum der Begegnung mit den Wächtern gerade eine tiefe ironisierende Bedeutung. Auch HAAG nimmt einen ironisch-spöttischen Sinn an. Den Einleitungssatz übersetzt er mit »Warum soll man denken, ich striche umher bei den Herden deiner Gefährten?« und schreibt dann die kaum ernsthafte Antwort den Gefährten zu, die auf ihre Schönheit anspielen (»Zicklein« als Bild für die Brüste) und sich über sie lustig machen wollen (S. 73f). Ich glaube, daß der Text beide Interpretationen hergibt. Aber das Neckische habe ich instinktiv einfach besser gefunden. Diese Deutungsvariante kann DaBhaR stützen, denn sie übersetzt Zicklein als »Böcklige«.

[10] DaBhaR streicht den Charakter des Gedrängten Zwiegespräches noch dadurch heraus, indem jeweils das »Schön bist du« mit einem Ausruf »da!« eingeleitet wird. Es ist also ein echtes Zwiegespräch und kein barock-romantisierendes Gedicht.

[11] HAAG sieht dieses »Weinhaus« als eine Art Besenwirtschaft, in der saisonbedingt mit einem Banner darauf hingewiesen wird, daß Wein ausgeschenkt wird. ELBERFELDER: »Zeichen«. DaBhaR: »Panier«. TUR-SINAI: »Da jauchzt er über mich in Liebe«, was natürliche einen starken sexuellen Unterton hat.

[12] TUR-SINAI weicht hier erheblich von den anderen Übersetzung ab: »O, lehnt mich an die dicken Stämme hin / und bettet an den Apfelbäumen mich«. In den Anmerkungen führt er dazu aus: »In 2,5 meint aschischot (vgl. II Sam 6.19) ›dicke Baumstämme‹, nicht ›Trauben‹.« Die Entscheidung gegen diese Übersetzung war nicht einfach, schon weil auch sie plausibel in den Kontext paßt. Es tut sich an dieser Stelle natürlich die Frage auf, was diese Übersetzung an der Interpretation ändern würde. Ich denke, daß zwar die Bilder stark voneinander abweichen, aber beide in etwa dasselbe ausdrücken: die Stärkung. Insofern ist die Entscheidung für die eine oder die andere Variante nicht so gewichtig und kann leichteren Herzens getroffen werden.

[13] Diese wiederkehrende Strophe, fast schon refrainartig, kann in mehrerlei Hinsicht gedeutet werden. Sie kann z.B. zur Mäßigung aufrufen, nicht zu schnell »zur Sache« zu kommen. Aber zum einen würde dies ein mahnendes Gebärden an den Text herantragen, der ihm sonst so gänzlich fremd ist, zum anderen würde übersehen, daß diese Passage immer an traumartige und traumhafte Szenen angeschlossen wird, und es somit mehr als verständlich wirkt, wenn ein Liebender versucht, den Traum zu bewahren. Die junge Liebe träumt, und es tut ihr nicht gut, wenn man zu früh sie aufweckt. Während alle anderen Übersetzungen die Interpretation offenhalten, entscheidet sich auch DIE GUTE NACHRICHT für diese Variante: »Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen: / Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!«
Für den letzten Satzteil habe ich die Übersetzung von TUR-SINAI (der nach Hiob 40,17 übersetzt) gewählt, der als einziger »erstarken« setzt, alle anderen benutzten Übersetzungen schreiben »bis es ihr gefällt«. Ich kann ihm nur zustimmen, daß diese Übersetzung viel plausibler ist. Nirgendwo im vorausgehenden Abschnitt war etwas von »gefallen« gesagt, sehr wohl aber von »krank«, wo »erstarken« ein logisches Pendant ist. Dies stützt natürlich auch entschieden die oben dargelegte Interpretationsvariante, weil es andeutet, daß die Liebe erst wachsen muß, bevor sie aus der Traumwelt in die Wirklichkeit hinein bestehen kann.
Auch HAAG hat eine interessante Interpretation: »Die Liebenden sind in ihrer Vereinigung der Wirklichkeit so entrückt, die Erfahrungen, die sie machen, sprengen so sehr ihren bisherigen Erfahrungsbereich, sind so heilig, daß nur eine feierliche Beschwörungsformel alle ungünstig gesonnenen Menschen, die 'Töchter Jerusalems', die Nebenbuhler und Familienangehörigen fernhalten kann. Gazellen und Hinden sind die scheuen, schnellfüßigen Tiere des Feldes, die die Verborgenheit und Dringlichkeit der Liebessehnsucht symbolisieren. Daß die Liebenden bei ihnen schwören, wie man sonst bei Jahwe schwört, erhebt die Liebe in eine religiöse Sphäre. Die Begegnung der beiden Liebenden ist durch nichts nach außen hin legitimiert. Sie steht ausschließlich unter dem Motto 'Liebe'. Und niemand ist berechtigt, ihr Geheimnis, ihre Eigengesetzlichkeit ('bis sie es will'), ihre Intensität, ihren Ernst und ihre Feier zu stören.« (S. 76f) DaBhaR: »[Wehe], wenn ihr erwecken lasset, und [wehe], wenn ihr erweckt die Liebe, bis es gefällt.« Hier natürlich ist die Interpretation nach beiden Seiten offen, ähnlich BUBER: »Störtet, aufstörtet ihr die Liebe, bis ihrs gefällt...«

[14] Zunächst scheint es gewagt, dies als einen metaphorischen Appell aufzufassen, aber auf den zweiten Blick kann hier überhaupt kein anderer Sinn unterlegt werden, als der Ruf gegen die zersetzenden Kräfte der Welt gegenüber der Liebe. Der wörtliche Sinn wäre wie eine isolierte Insel der Landwirtschaft inmitten von poetischen Bildern der Liebe. Ähnlich interpretiert auch HAAG. »Dann sind mit den Füchsen andere junge Burschen gemeint, die dem Mädchen lästig und seiner Liebe gefährlich werden können, aber wohl auch die mißgünstige Umgebung, die ständig meint, sich in sein Verhältnis einmischen [HAAG schreibt diese Passage IHM zu, Anm. d. Vf.] zu müssen.« HAAG relativiert jedoch diese Bedrohungen über den schelmenhaften Umgang mit diesen, den er zu erkennen glaubt.

[15] Die Präsensübersetzung dieser Passage folgt BUBER. DaBhar, LUTHER und ELBERFELDER haben Vergangenheit gesetzt. Da es sich hier jedoch um eine traumhafte Passage handelt, macht dies keinen besonders großen Unterschied. Bei präsentischer Übersetzung wird beim Erzählen des Traumes mehr auf die Vergegenwärtigung wertgelegt (»szenisches Präsens«), bei Vergangenheit auf das Bereits-Geschehensein des Traumes. Da aber ersteres wichtiger für das Individuum ist, wurde hier die präsentische Variante gewählt. In der erzählenden Passage findet sich dann das Erzähltempus Imperfekt. Auch die anderen Übersetzungen verzeichnen Tempuswechsel zwischen Präsens und Imperfekt - wenn auch teilweise an anderen Stellen.

[16] auch hier szenisches Präsens (TUR-SINAI übersetzt z.B. Imperfekt)

[17] HAAG deutet dies insoweit, daß sie von den Wächtern als Dirne behandelt wird, versäumt aber, dies in Verbindung zu der Über-Ich-Funktion der Wächter zu bringen: Jeder, der die Sinnlichkeit genießt, muß in deren Augen als Dirne gelten.

[18] HAAG möchte diese Stelle ganz auf die sexuelle Seite der Liebe verengt haben: »Alles an ihm ist Lust«. DaBhaR könnte dies stützen: »Begehrtes«

[19] Wieder wurde BUBER (leicht abgewandelt im Verb: »verlocken« statt »versetzen«) ausgewählt, da dies mir poetisch das Tiefschürfendste war. Außerdem erschient es am Plausibelsten, die Stelle IHR zuzuschreiben. Die anderen übersetzen widersprüchlich. ELBERFELD: »da setzte mich - [wie] weiß ich nicht - mein Verlangen [auf] die Prachtwagen meines edlen Volkes.« (ER); LUTHER: »Ohne daß ich's merkte, trieb mich mein Verlangen zu der Tochter eines Fürsten« (ER); EINHEITSÜBERSETZUNG: »Ich weiß nicht, wie mir geschah, meine Seele verlockte mich zu den Streitwagen von Aminadiv« (ER); DIE GUTE NACHRICHT: »Was ist mit mir? Ich kann mich kaum beherrschen, / obwohl ich aus edlem Hause stamme« (SIE, mit der Anmerkung, daß der masoretische Text hier nicht sicher zu deuten ist). DaBhaR: »Nicht erkannte ich['s]; meine Seele[ngier] versetzte mich [zu den] Dahinfahrenden meines willigen Volkes.« TUR-SINAI: »Da hat meine Seele - wie, weiß ich nicht - zu Wagen edlen Volkes mich versetzt.«

[20] nach BUBER. Ähnlich EINHEITSÜBERSETZUNG: »Was wollt ihr an Schulamit sehen? / Den Reigen im Lager!« Dagegen LUTHER: »Was seht ihr an Schulamit beim Reigen im Lager?«, ELBERFELD: »Was wollt ihr an Sulamith schauen beim Reigen von Mahanajim?«, DIE GUTE NACHRICHT: (SIE): »Was habt ihr davon, mich beim Tanz zu sehen / Was ist denn Besonderes an Schulammit?« TUR-SINAI: »Was könnt ihr schauen an der Schulamitin wie bei dem Spiel zu Mahanaim?« DaBhaR übersetzt die gesamte Passage: »Kehre zurück [um], kehre zurück, die Schulamit. / Kehre zurück, kehre zurück, und wir gesichten dir gebiets! / Was gesichtet ihr gebiets [der] Schulamit, [die] wie wirbelnder Tanz des Doppellagers«

[21] Diese Zwiesprache als Einfall IHRERSEITS zu interpretieren, folgt BUBER und DER GUTEN NACHRICHT. Demgegenüber verobjektivieren EINHEITSÜBERSETZUNG (»der glatt in mich eingeht und die Lippen der Schlafenden murmeln läßt«) und EBERFELDER: »und dein Gaumen wie vom würzigen Wein, der einem Liebhaber [süß] eingeht, der die Lippen der Schlafenden erregt.« sowie TUR-SINAI: »der meinem Freund zu Kräften eingeht, der Schlafenden Beschwörung murmelnd« LUTHER scheut jeden Personen- oder Ebenenwechsel: »der meinem Gaumen glatt eingeht und Lippen und Zähne mir netzt.« DaBhaR stützt den Personenwechsel, in dem sie die Personalpronomen beim ersten auf sie bezieht und beim zweiten auf ihn: »und dein(f) Gaumen wie der gute Weine, wandelnd zu meinem (m) Freund, zu Begradigenden, beredend [die] Lippen [der] Schlafenden.«

[22] HAAG übersetzt dies in Beziehung auf den Geliebten, der SIE belehren soll, sozusagen in der ars armandi unterweisen soll. Ich kann mich mit dieser Deutungsvariante nicht ganz anfreunden, da es - dem Text sonst ziemlich fremd - clichéhaft auf die Unerfahrenheit der Frau und die Erfahrenheit des Mannes anspielt. An den anderen Stellen wird doch aber vielmehr die gemeinsame Entdeckungsreise betont, wo keiner Vorrecht besitzt. Es sei angemerkt, daß DaBhaR beide Lesarten kennt: »du belehrst mich« und »die mich belehrte«

[23] Erstaunlich ist, daß HAAG zwar ganz richtig auf die Beschlußwirkung von Siegeln in der Antike hinweist, aber gleichzeitig nicht sieht, was dies für die zwischenmenschliche Beziehung bedeutet, daß hier in eine Bindung eine gewisse Verbindlichkeit kommt.

[24] DaBhaR übersetzt Präsens mit futurischem Charakter. Dies würde auf eine jetzt noch andauernde Keuschheit andauern, die mit der vorigen Sinnlichkeit nicht zu vereinbaren wäre. Auch die ELBERFELDER Übersetzung meint: »Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind wie Türme. Nun [aber] bin ich vor ihm wie eine, die Frieden anbietet.« Auch hier also gibt sie die Keuschheit auf. TUR-SINAI variiert: »die Frieden findet«, was auch eine interessante Deutung im Hinblick auf die Bejahung der Sexualität hin ist.

[25] HAAG zeichnet den Gang der Exegese in seinem Buch nach: die jüdische Synagoge wollte es als heilsgeschichtliches Lied über die Liebe JHWHs zu seinem Volk wissen. Die christliche Kirche übernahm diese Deutung: es wurde zu einer Allegorie auf die Liebe Christi (der Geliebte ist der Bräutigam, die Kirche/die Gemeinde ist die Braut). Auch Luther, der diese allegorische Deutung als absurd empfand, sträubt sich gegen weltliche Liebeslieder in der Bibel; für ihn war es ein Danklied Salomos für seine glückliche Regierung. Erst mit Herder kam der Durchbruch, dies fand mit Budde Eingang in die alttestamentliche Forschung, jedoch wurde alles in den Rahmen einer Hochzeit gepreßt. Erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde verschiedentlich erkannt, daß das Hochzeitsthema nirgends zu finden ist, es stattdessen voll und ganz um Liebe, Sehnsucht und Schönheit zweier Menschen geht.
Über diese exegetische Tradition hinaus finden sich vor allem in evangelikalen Kreisen tatsächlich Vertreter, die zwar keineswegs abstreiten, daß es im Hohenlied keine ernstzunehmenden Indizien für eine Hochzeitszenerie gibt, sie doch darauf beharren, dies den Gläubigen weiter vorzugaukeln, damit sie ja nicht das hier Gesagte zugunsten einer Legitimierung außerehelicher Lebensgemeinschaften miß(!)verstehen. Wenn man die Menschen vor der Bibel bewahren muß...

[26] Bemerkenswert ist, daß bereits hier genau die Ausgliederung des Sexuellen aus der Liebe vorgezeichnet wird, den man nun der sexuellen Revolution zum Vorwurf macht. Ist es nicht vielmehr so, daß die sexuelle Revolution nur Reaktion war, eine längst vollzogene Trennung (oder nie geschehene Integration?) zugunsten des Sexuellen umzuwerten?

[27] Die Sexualität ist Paulus' Reizthema, insbesondere die Verurteilung sexueller Perversion, wie man z.B. auch im Römer-Brief sieht, wo er an der unpassendsten Stelle breite Ausführungen über zu verurteilende heidnische Sexualpraktiken bringt. Dies soll nicht als Waffe gegen Paulus gebraucht werden, denn jeder hat letztendlich ein solches Reizthema; aber man muß dies erkennen, um nicht in die Irre geleitet zu werden. Die Ursachen dafür liegen bei Paulus sicherlich in vielfältigen Dingen: hellenistische Sexualkulte, vielleicht aber auch - wie Schalom Ben-Chorin in seinem Buch Paulus - Der Völkerapostel in jüdischer Sicht anklingen läßt - in einer nachdrücklichen Beeinträchtigung durch die für Paulus wohl schockierende sexuelle Tabulosigkeit (zumindest in sprachlicher Hinsicht) von seinem Lehrer in Jerusalem Gamaliel.

[28] Daß neutestamentarisch das Wort Eros kein einziges Mal und alttestamentarisch nur vereinzelt und durchweg abwertend vorkommt, darf nicht in der Hinsicht verstanden werden, daß das, was Eros meint, keinen Platz im Glaubensbereich hat, sondern umgekehrt muß berücksichtigt werden, wie diskreditiert (ähnlich wie heute das Wort Erotik) es durch Sexualexzesse war. Nein, dieses Exzesse hat man bestimmt nicht gemeint, also vermied man auch dieses Wort.

[29] Mt 22,37-40. Das erste Gebot wurde nach der BUBER-Übersetzung zitiert, das zweite nach Gedanken von Martin Buber in Zwei Glaubensweisen formuliert.

[30] An dieser Stelle muß man sich wirklich immer wieder ins Bewußtsein rufen, was Sünde wirklich meint: keine moralische Verfehlung (also eine Verfehlung gegen menschliche Verhaltensmaßregeln), sondern eine Entfernung von Gott, man begreift sich nicht mehr als Sein Geschöpf, man verschließt sich dem Dialog mit Seinem Schöpfer. Also ist etwas nur dann Sünde, wenn man dadurch Gott aus seinem Leben verdrängt. Umgekehrt lebt ein Mensch, der Gott nie in sein Leben eingelassen hat, ständig in der Sünde, nämlich der Entfernung von Gott. Somit ist die Sexualität nicht mehr Anlaß zur Sünde als Karriere o.ä. Man muß endlich davon wegkommen, die Sexualität als etwas Schlimmes zu verteufeln. Unser Verhältnis zur Sexualität muß auch im Sinne der Ganzheitlichkeit entkrampft werden, nur so - wirklich nur so - kann ein verantwortlicher Umgang mit ihr entstehen, der unserer Geschöpflichkeit angemessen ist.

[31] An dieser Stelle sieht man, wie sehr eigentlich der Streit zwischen fundamentalistischen Positionen und der Evolutionsbiologie ein fehlgeleiteter Streit ist. Während die Biologie naturwissenschaftlich erklärt, wie dieser gigantische Zellhaufen Mensch geworden ist, gibt die Bibel auf ganz andere Fragen eine Antwort: Was ist der Mensch geworden? Warum ist er geworden? Wozu ist er bestimmt? Naturgesetze haben einem Menschen noch nie ein Leben erfüllt, doch die biblische Botschaft rührt an die Existenz. Für diese Botschaft ist es unerheblich, nach welchem Modell die Entwicklung des Menschen erklärt wird.

[32] Genauso ist die naturrechtliche Begründung auf der Basis des jahwistisches Schöpfungstextes untauglich, da die Pointe der Aussage in Gen 2,24 auf »ein Fleisch« liegt, nicht auf »ein Mann« und »eine Frau«.

[33] An dieser Stelle sei angemerkt, daß natürlich hier der Einwand gebracht werden könnte, daß es Naturvölker gibt, die keine Eifersucht kennen. Die Umstände wären dort genauer zu untersuchen, um eine abschließende Antwort darauf zu geben, aber die Ergebnisse spielen an dieser Stelle insofern keine Rolle, da es hier um den status quo, nicht um irgendein Idealbild geht. Hier und heute hat der Mensch Angst, und auf absehbare Zeit könnte nur eine unmenschliche Umerziehungsaktion ihn von dieser Eifersucht abbringen - und auch dies nur mit zweifelhaftem Ausgang. Hier will man wieder einen Paradieszustand in das Hier und Heute projizieren.

[34] Dies nur auf die gesellschaftlichen Einflüsse, ihre Begriffe von Normalität und ihre Mißbilligung zurückzuführen, kann vielleicht wissenschaftlich haltbar sein. Von einem Menschen aber zu fordern, die zerstörererischen Wirkungen zu Gunsten einer besseren Zukunft auf sich zu nehmen (deren Existenz zudem noch ungewiß ist), ist unmenschlich und verantwortungslos, einem religiösen Schwärmertum nicht fern.


© Andreas Schmidt 1995
eMail: Andreas.P.Schmidt@gmx.de

Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.