Anthropologischer Atheismus -
Ludwig Feuerbach

Biographie
1804 geboren in Landshut
katholisch getauft, protestantisch erzogen
entstammt einer angesehenen Gelehrtenfamilie (Vater: Rechtsgelehrter)
Seine Jugend war sehr religiös, das Bedürfnis dazu kam aus sich
Er war aber nicht im Kirchenunterricht und hatte auch kein Interesse am Religionsunterricht
studierte in der Schule Griechisch, Hebräisch und die Bibel
wollte Pfarrer "auf dem Standpunkt denkender Religiosität" werden
Gott als erster Gedanke
1823 beginnt er ein protestantisches Theologiestudium in Heidelberg; war bald frustriert von der Theologie und blieb dort nur ein Jahr
1824 ging er nach Berlin; hörte dort Schleiermacher und Hegel, den er als seinen zweiten Vater ansah.»Theologie ist für mich wie eine verwelkte Blume. Ich muß in die weite Welt, und die trägt nur ein Philosoph auf dem Rücken.« »Palästina ist mir zu eng; ich in die weite Welt, und diese trägt nur ein Philosoph auf seinen Schultern.«»Ich wußte, was ich sollte und wollte: nicht Theologie, sondern Philosophie.«

Hegel als Lehrer

Vernunft als zweiter Gedanke

1825 Wintersemester in Erlangen in den Naturwissenschaften
1828 Promotion in Erlangen
Dissertation noch unter Hegels Einfluß, der aber bereits im Schwinden begriffen war: Über die Einheit, Universalität und Unendlichkeit der Vernunft; erste Wendung gegen das Christentum (Tod, Jenseits, Gott => Abrechnung)
1830 (26 J.) erste Schrift (anonym):
Gedanken über Tod und Unsterblichkeit
pantheistische Religionskritik mit einem "Anhang theologisch- satyrischer Xenien" - Leugnet die Unsterblichkeit der Seele und versucht die christliche Hoffnung darauf zu widerlegen. Bezieht gegen die Vorstellung eines persönlichen Gottes und den egoistischen Glauben an die Unsterblichkeit Position.
"Jetzt gilt es vorallem. den alten Zwiespalt zwischen Diesseits und Jenseits aufzuheben, damit die Menschheit mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen auf sich selbst, auf ihre Welt und Gegenwart sich konzentriere."
  • Provokation der Theologen
  • durch die enge Verbindung zwischen Kirche und Staat (Zeit der Restauration): Schrift wird verboten, Ermittlung des Autors durch die Polizei
  • Ende seiner Professorenkarriere trotz zahlreicher Versuche

Opfer der Restauration

Mensch als dritter Gedanke

1837 (33 J.) Heirat von Bertha Löw, einer reichen Frau und Mitbesitzerin einer kleinen Porzellanfabrik lebt von nun zurückgezogen auf Schloß Bruchberg bei Ansbach; führte ein zufriedenes und naturverbundenes Leben als Privatgelehrter
"Einst in Berlin und jetzt auf dem Dorfe! Welch ein Unsinn! Nicht doch, mein teuerer Freund! Siehe, den Sand, den mir die Berliner Staatsphilosophie in die Zirbeldrüse, wohin er gehört, aber leider! auch in die Augen streute, wasche ich mir hier an dem Quell der Natur vollends aus. Logik lernte ich auf einer deutschen Universität, aber Optik - die Kunst zu sehen, lernte ich erst auf einem deutschen Dorf."
distanziert sich von der Philosophie Hegels
1841 (37 J.): Das Wesen des Christentums - Hauptwerk
Zentrales Werk seiner Religionskritik. Gott ist eine bloße Projektion des Menschen, ein Wunschgebilde seiner eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte. Weil der Mensch es nicht aushält, unvollkommen und endlich zu sein, erfindet er sich ein vollkommenes und allmächtiges Wesen; weil er selbst nicht sterben will, erfindet er die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele; weil er die Ungerechtigkeit auf Erden nicht erträgt, kommt er auf den Gedanken einer himmlischen Gerechtigkeit
Der Titel sollte ursprünglich in Erinnerung an den »Alleszermalmer« Kant Kritik der reinen Unvernunft heißen.
"Die Aufgabe dieser Schrift ist es, den grundverderblichen Gegensatz von Menschlichem und Göttlichem aufzuheben."
"Alles ist meine Schrift negativ, verneinend, aber, wohlgemerkt, nur gegen das unmenschliche Wesen der Religion. Sie zerfällt daher in zwei Teile, wovon der Hauptsache nach der erste der bejahende, der zweite der verneinende ist."

Das Wesen des Christentums

1843 Grundsätze der Philosophie der Zukunft
Kritik an Hegel und Perspektive einer neuen Philosophie der Sinnlichkeit.
"Wenn die alte Philosophie zu ihrem Ausgangspunkt den Satz hatte: Ich bin ein abstraktes, ein nur denkendes Wesen, der Leib gehört nicht zu meinem Wesen, so beginnt dagegen die neue Philosophie mit dem Satze: Ich bin ein wirkliches, ein sinnliches Wesen: Der Leib gehört zu meinem Wesen; ja, der Leib in seiner Totalität ist mein Ich, mein Wesen selber."

Sinnlichkeit

1844 Tochter Mathilde stirbt im Alter von drei Jahren
Feuerbach ist von der völligen Sinnlosigkeit des Todes überzeugt
"Die Macht des Todes erscheint als eine blinde, kalte, gefühllose Macht, der es ebenso gleichgültig ist, ob er auf einen Würdigen oder einen Unwürdigen trifft, als es dem Stein gleichgültig ist, ob er auf einen Klotz oder auf einen Menschen fällt. Und diese Macht wartet nicht etwa, wie der fromme Wahn wähnt - am wenigsten gilt dieser fromme Wahn bei jungen Wesen -, bis die Anlagen entwickelt, das Lebensvermögen angewandt ist. Nein! Sie zertritt die Knospe, ehe sie sich zur Blume entfaltet."
1845 Das Wesen der Religion
1848 Revolutionsjahr, hält öffentliche Vorträge über Religionskritik, stellt sich als "Kommunist" auf die Seite der Revolution, lehnt aber jegliche Gewalt ab.
1857 (53 J.) Theogonie (Die Entstehung der Götter)

naturalistischer Materialismus

1860-72 mit 56 Jahren: Tod seiner Frau; wegen der Erben wurde er enteignet, wirtschaftlicher Zusammenbruch
8 Jahre lang Leben in Armut zurückgezogen am Fuße des Rechenberges bei Nürnberg
1868 liest Marx' Kapital
1870 schließt sich der Sozialdemokratischen Partei an
13.9.1872 stirbt mit 64 Jahren in Rechenberg bei Nürnberg nach einem Schlaganfall


Stichwort

Materialismus Hegels Philosophie
Richtung der Philosophie, die im Stofflichen der Grund aller Wirklichkeit sieht, daher das gesamte Weltgeschehen einschließlich des Lebens, der Seele und des Geistes als Wirkung des Stoffs sieht. Damit geht das Sein dem Bewußtsein voraus. Der M. war besonders ein Zeitgeist des 19.Jh., wo Fortschritt zu einer Wissenschaftsgläubigkeit verleitete. (vgl. auch Freud). Hegel proklamierte in seinem großen philosophischen System, daß die Endlichkeit des Menschen in der Unendlichkeit Gottes, daß die Religion (und mit ihr der Widerspruch zwischen Gott und Welt) in der Philosophie aufgehoben wird. Das kann entweder bedeuten: die Philosophie rechtfertigt die Religion rational (positiv aufgehoben), oder die Religion wird durch die Philosophie aufgelöst (negativ aufgehoben).

Grundgedanken

Ausgangspunkt

a) Feuerbach erkennt die Unversöhnlichkeit zwischen christlichem Glauben und der Philosophie

b) Der Mensch leidet am Zwiespalt zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der Unendlichkeit (Gottes) und der Endlichkeit (seines Wesens)

c) Der Ausgangspunkt allen Philosophierens muß der Mensch sein, und zwar der konkrete, sinnliche, soziale Mensch. Der Mensch ist das Maß aller Dinge und der Wahrheit.

Ziel

d) Aufhebung des o.g. Widerspruchs in der Wirklichkeit, indem man Gott vermenschlicht und verwirklicht.

e) Rückführung des menschlichen Geistes auf die Sinnlichkeit, das sinnliche Empfinden des Menschen (anthropologischer Materialismus), um eine Einheit von Körper und Geist herzustellen.

f) Aufhebung des Unendlichen im Endlichen als Umkehrung von Hegels Philosophie

Wesen Gottes

1) Das Bewußtsein des Unendlichen ist nichts anderes als das Bewußtsein von der Unendlichkeit des Bewußtseins.

2) Das Bewußtsein Gottes ist damit das Selbstbewußtsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen.

3) Gott ist der verselbständigte Gattungsbegriff, das offenbare und ausgesprochene Innere, das öffentliche Bekenntnis seiner Liebesgeheimnisse und seiner Ängste, die er aus sich heraus projiziert.

4) Gott ist die Projektion des menschlichen Verstandes (Intelligenz), Willens (Vollkommenheit, Gerechtigkeit) und Herzens (Liebe). Die Phantasie des Menschen macht aus Kräften, Trieben, Bedürfnissen, Wünschen, Idealen ein reales Wesen: Gott, der sie in vollkommener Weise verkörpert. Wesen der Religion

5) Religion ist das Verhalten des Menschen zu seinem Wesen als zu einem anderen Wesen.

6) In der Religion spaltet der Mensch sein endliches, individuelles Wesen vom unendlichen Gattungswesen ab, schmückt das letztere mit dem wertvollsten aus und betet es als Gott an.

7) Diese falsche Unterscheidung zwischen menschlichen und göttlichen ( = übermenschlichen) Prädikaten führt dazu, daß sich das Individuum minderwertig und sündhaft fühlt und der andere Teil des Ichs als Gott überhöht wird (das Gattungswesen).

8) Die Folge ist die Selbstzerissenheit, Entfremdung und Verarmung des Menschen, z.B. durch die Trennung von Körper und Geist, Jenseits statt Diesseits.

Schlußfolgerungen

9) Der Untergang der Religion im Säkularisierungsprozeß. Entwicklungsgang der Religion: am Anfang führt der Mensch alles und jedes auf Gott zurück, im Laufe der Geschichte immer weniger, und diesen Prozeß gilt es zu vollenden.

10) Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie (wozu sie in Wahrheit sowieso schon längst geworden ist).

11) Die Leugnung der Existenz Gottes bedeutet keine Negation der Werte, die sich mit ihm verbinden, der Atheismus ist vielmehr der wahre Humanismus.

12) Homo homini deus est. (Der Mensch ist des Menschen Gott.) Unmittelbare Anbetung des Menschen durch den Menschen. Menschenliebe statt Gottesliebe, ursprüngliche statt abgeleiteter Liebe. Diesseits statt Jenseits. Alles zum Wohle des Menschen und seiner Einheit => Anthropotheismus.

13) Ersetzung des Gottesbegriffs durch die menschliche Gattung. Dies stellt den Wendepunkt der Weltgeschichte dar.

Feuerbach nimmt das philosophische Gottesbild, das sich nach der Aufklärung und mit Hegel als Höhepunkt entwickelt hat: Gott als das Unendliche und Religion als eine Form von Idealismus. Außerdem sieht er sich einer fortschrittsfeindlichen und vernunftfeindlichen Kirche gegenüber, die eng mit der repressiven Obrigkeit der Restauration verquickt ist. Feuerbach will eine Philosophie der Zukunft, die nicht aus idealistischen Spekulationen besteht, sondern den Menschen konkret zum Ausgangspunkt nimmt, nicht mehr das absolute Wesen, sondern das relative Menschenwesen, seine sinnliche Erfahrung. Von dort aus erklärt er die Religion als die Projektion menschlicher Wünsche und Vorstellungen und schließt so auf die Nicht-Existenz Gottes. Zugunsten eines wahren Humanismus setzt er den Gattungsbegriff der Menschheit an die Stelle Gottes, so daß der Mensch sich wieder als Einheit sehen kann.

Würdigung und Kritik

Würdigung Kritik
Das menschliche Bewußtsein ist auf die Unendlichkeit ausgerichtet. Es ist unglaubwürdig, daraus auf eine unabhängige göttliche Unendlichkeit zu schließen. Man kann jedoch nicht von der Ausgerichtetheit des Bewußtseins auf die Nicht-Existenz einer göttlichen Unendlichkeit schließen.

phänomenologische Kritik

Feuerbach projiziert selbst etwas aus sich heraus, wenn er vom allgemeinen Menschen oder der guten Menschennatur spricht, diesem Abstraktum, das es in Wirklichkeit nicht gibt, und seine Unendlichkeit postuliert.

Er hat allzu leichtfertig des konkreten und den allgemeinen Menschen ausgetauscht, ohne daß er auf den konkreten Menschen, seinem Bösen und seinem Tod eingegangen wäre.

Projektion Feuerbachs:
der allgemeine Mensch

Es ist richtig, daß die Gesellschaft einen Säkularisierungsprozeß durchgemacht hat. Die Verweltlichung der Politik und des öffentlichen Lebens meint jedoch nicht unbedingt die grundsätzliche Gottlosigkeit der Welt.
Säkularisierung <=> Säkularismus
Die Krise des traditionellen Christentums bedeutet nicht die Unmöglichkeit eines gestärkten Neubeginns.

Säkularisierung

Auch beim Gottesglauben sind psychologische Kräfte wie Wünsche, Bedürfnisse, Glückeligkeits- und Selbsterhaltungstrieb beteiligt. Jegliche Erfahrungen - auch Gotteserfahrungen - sind subjektiv und wechselseitig mit Vorstellungen verknüpft. Die Beteiligung dieser Kräfte bedeutet nicht, daß Glaube nur Psychologie ist. Und wenn Gott mit menschlichen Wunschvorstellungen zusammenfällt, so sagt das über seine Existenz überhaupt nichts aus.

Psychologie der Religion

Bilder sind ein notwendiges Element des Glaubens (vgl. bildhaftes Sprechen von Gott: Gleichnisse, Ps 23, Jes 66,13; Dtn 32,4+11;1 Kor 13,12). Man muß sich ihnen nur bewußt sein und sie nicht verabsolutieren. Gott ist mehr als die Projektion menschlicher Bilder. Z.B. entspricht das Bild des ärmlichen Jesus, das Gott von sich selbst gemacht hat, ganz und gar nicht menschlichen Vorstellungen (vgl. 1Kor 1,18ff)

Problematik der Gottesbilder

Also kein naiv-anthropomorphes Gottesbild, das allzuoft für eigene Interessen mißbraucht und dahingehend modifiziert wurde. Du sollst dir kein Bildnis machen! Gott ist unverfügbar. (vgl. Ex 3,14; Ex 20,14)

naiv-anthropomorphes Gottesbild

Auch kein philosophisch-spekulatives Reden von einem unmenschlichen, enthobenen (pantheist.) Gott und keine spekulative Einheit Gottes und des Menschen, die dann das Verhältnis Gott => Mensch umkehrbar macht.

philosophisch-spekulatives Gottesbild

Kritik am traditionellen Christentum ist gerechtfertigt, das Gott vielfach auf Kosten des Menschen verteidigte, die Natur, das Diesseits, den Leib und insbesondere die Frau unmenschlich abwertete. Die Religion im Sinne von Jesus Christus ist keine leibfeindliche, asketische Religion, die auf Kosten des Menschen geht, sondern ihn befreit und erhöht.

Christentum auf Kosten des Menschen?

Vielzuoft wurde - vorallem auf protestantischer Seite - die Theologie mit der Anthropologie verwechselt, als man die Interessen Gottes mit denen des Menschen identifizierte und das Geheimnis des Seins Gottes nur in der Liebe sieht.

Theologie = Anthropologie?


Feuerbachs Atheismus ist ein postulierter, intuitiver Atheismus, dessen formallogische Argumente bei näherem Hinsehen falsch sind. Er geht von einem menschenfernen Christentum aus und kritisiert zu recht Mißstände. Doch seine humanistische Alternative zum Christentum kann auch nicht überzeugen, da sie allzu sehr einem Fortschrittsglauben und einem unhaltbar optimistischen Menschenbild entspringt, die sich beide als fatal erwiesen haben.
Seine Projektionstheorie liefert jedoch die philosophische Grundlage für den Atheismus des Naturwissenschaften und auch für den des Marxismus.



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© Andreas Schmidt 1997
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