Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert

Als Soziale Frage bezeichnet man die wirtschaftlichen und sozialen Fragen des Übergangs von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Dieser Prozeß setzt in England bereits um 1750 ein, in Deutschland erst um 1850.

Historische Situation

Die Industrialisierung - ursächlich oder parallel mit der Entstehung der Sozialen Frage verbunden - setzte zuerst in England ab 1750 ein (zum Vergleich: in Deutschland erst ab etwa 1830/40), dessen geographische und sozio-ökonomischen Grundlagen ihm eine Sonderstellung einräumten. Voraussetzungen waren das rationalistische Weltbild der Aufklärung und bahnbrechende Entdeckungen der Naturwissenschaften, die auch zu medizinischen Fortschritt führten. Initialzündung der sogenannten Industriellen Revolution, der radikalen Änderung der Produktionsmethoden, war eine Krise des traditionellen Feudalsystems. Das Bevölkerungswachstum führte dazu, daß die Landmenge nicht mehr ausreichte. Ein Ausweg zur Sicherstellung der Ernährung bestand in der Intensivierung der Landwirtschaft (Dünger, Maschinen), was aber zu einem verminderten Bedarf an Landarbeitern führte. Diese wanderten in die Städte ab und lieferten das Arbeitskräftepotential für die entstehende Industrie. Die industrielle Massenfertigung trat in Konkurrenz zur traditionellen Hausindustrie und dem Handwerk. Dies bedeutete wiederum ein Ansteigen der Arbeitslosenzahl, da die maschinelle Fertigung weniger Arbeitskräfte benötigt. Dieses doppelte Überangebot an Arbeitskräften führte zu extrem niedrigen Löhnen und miserablen Arbeitsbedingungen.

Soziale Situation

Den Preis für den industriellen Fortschritt mußten die Arbeiter bezahlen. Maschinen, die rund um die Uhr benutzt werden konnten, führten oftmals zu einem 12-Stunden-Tag in einer Tages- und einer Nachtschicht an sechs bis sieben Tagen in der Woche. Bezahlt wurde den Arbeitern oft sowenig, daß ihnen gar nichts anderes übrigblieb, als ihre Frauen und ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, die für noch geringere Löhne Schwerstarbeit leisten mußte (Kinder z.B. in Bergwerksschächten o.ä.). Daher kommt auch die Bezeichnung »Proletarier« für die Arbeiterschaft, die nur noch ihre Nachkommenschaft besitzen. Die Arbeiter waren ihren Arbeitgebern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, es gab keinerlei Arbeitsschutz o.ä., und die unternehmerische Gründergeneration entbehrte jeglichen sozialen Verhaltens. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten in Deutschland mehr als 50% unterhalb des Existenzminimums, die Massenarmut (Pauperismus) führte zu einer Verslumung der Großstädte, die Lebenserwartung der Arbeit lag unter 20 Jahren. Die Kinderarbeit, die schon ab einem Alter von 4 oder 6 Jahren an der Tagesordnung war, verhinderte jeglichen Schulbesuch. Traditionelle Fürsorgestrukturen wie Großfamilie, Zunftwesen oder Schollenbindung und Bindung an den Gutsherrn waren durch die Urbanisierung verlorengegangen. Das machte Alter und Krankheit zu einer unmittelbaren Existenzbedrohung.

Politische Situation

Die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts war in Deutschland geprägt durch das Zeitalter der Restauration (oder auch Vormärz) und den Partikularismus. Die Preußischen Reformen von 1807 proklamierten die Bauernbefreiung, die erheblich zum Elendspotential in den Städten beitrug. Eine Demokratisierung blieb nach dem Sieg über Napoleon aus; im Gegenteil wurde das System gegen Oppositionelle immer repressiver (Karlsbader Beschlüsse). Die fast unumschränkt herrschenden Landesfürsten standen auf Seiten der Unternehmer und unterstützen nach anfänglichem Zögern den Laissez-faire-Kapitalismus, der in England schon längst in Form einer liberalkapitalistischen Wirtschaftsdoktrin selbstverständlich geworden ist. Die Revolution von 1848, an die sich viele Hoffnungen der Sozialrevolutionäre knüpften, scheiterte. Erst 1880 wurde durch Bismarck eine zaghafte Sozialgesetzgebung (die dennoch vorbildhaft für ganz Europa war), um der aufkommenden Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die Rolle der Kirche

Vor allem für den Protestantismus war das 19. Jahrhundert geprägt von einer unheilvollen Ehe von Thron und Altar. Ursache hierfür war die Tatsache, daß seit Luther die Landesfürsten gleichzeitig Oberhäupter der evangelischen Landeskirchen waren. Da die Landesfürsten zu allererst an der Ruhe und der Erhaltung ihrer Macht interessiert waren, wurde aus dem progressiven Charakter der Kirchen (den die protestantischen Kirchen zumindest bis ins 18. Jahrhundert hinein noch trugen) ein Sprachrohr der reaktionären Kräfte. Lange Zeit verschloß sie sich vor den Veränderungen und Umbrüchen der Industriellen Revolution; wenn überhaupt, dann war sie nur zu karitativen Maßnahmen bereit, die das Sozialgefüge jedoch nicht antasteten. Eine staatskonforme und obrigkeitshörige Theologie der Ordnung und eine uminterpretierte Zwei-Reiche-Lehre heiligten den Fürst von Gottes Gnaden und die Gesellschaftsordnung. Ursachen für das soziale Elend sah die Kirche lange Zeit in der Revolution, dem Kommunismus, mangelndem Kirchgang und dem allgemeinen Werteverfall. Es trug sehr zur antikirchlichen Wendung der Arbeiterschaft bei, daß sie erst spät anfing (1880), sich sozialpolitisch zu engagieren.

Theologie der Ordnung

Der Gesellschaftsumbruch in Deutschland im 19. Jahrhundert, der von der Industrialisierung in Gang gesetzt wurde, traf vorallem die Arbeiterschaft mit einem Leben im Elend. In einer verhängnisvollen Ehe von "Thron und Altar" verschlossen sich Staat und Kirchen (Theologie der Ordnung) vor einer Veränderung der Sozialstruktur. Diese reaktionäre Haltung der Kirchen trug viel zur Entfremdung von Kirche und Arbeiterschaft bei.



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© Andreas Schmidt 1997
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