ABSCHIED VON DER WAHRHEIT

Wie lebt man in der radikalen Relativität aller Welt

ANDREAS SCHMIDT




Die Situation

Der Mensch steht heute vor einem Abgrund, und bemerkt gerade, daß der Felsvorsprung, auf dem er sich vor dem Absprung sicher wähnte, nichts als ein wackeliges Kartenhaus ist. Begriffe wie Wahrheit und Gewißheit, gar alles richtig und falsch hat seinen traditionellen Sinn eingebüßt, man kann ihn nicht mehr halten angesichts dessen, was einem durch die wissenschaftliche und philosophische Moderne vor die Augen getreten ist.

Der Weg dorthin

Die Theologie hat als erste bemerkt (und verlustreich zu bekämpfen versucht), daß ihr Weltbild, das sie aus der Wahrheit abzuleiten meinte, nicht zu halten ist angesichts dessen, was der Mensch über diese Welt erfuhr. Der Abschied vom geozentrischen Weltbild durch Kopernikus und Galilei war der erste Schritt in die schier unerträgliche Relativität der Moderne.

Aber die Theologie war nur durch Zufall erstes Opfer, als nächstes traf es die politischen Verhältnisse, da man nach der Legitimation von Herrschaft fragte. Keine Tradition, nichts Sakrosanktes wurde anerkannt als Legitimation. Wenn auch die Demokratie scheinbar dieses Problem löste, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, daß seither die Stimmen nicht mehr verstummt sind, die hartnäckig die Legitimität von Herrschaft an sich bezweifeln. Sie ist notwendig, meinen die meisten, und deshalb legitim. Doch diese Antwort verlagert das Problem nur auf eine andere Ebene.

Aber auch die Naturwissenschaften, die bei diesem Prozeß radikaler Infragestellung mit die Pioniere waren, wurden nicht verschont. Selbst Einsteins Relativitätstheorie war kein Bollwerk gegen den Schock, den Heisenbergs Entdeckung der Unschärferelation der Naturwissenschaft versetzte. Nach fast einem Jahrhundert vergötzender Wissenschaftsgläubigkeit, wo man dachte, daß das, was man nicht weiß, man eben noch nicht weiß, daß irgendwann die ganze Wahrheit offenbar und greifbar daliegen würde, sagte diese Relation nun aus: man kann Ort und Bewegungsrichtung eines Körpers nur bis zu einer gewissen Schranke genau bestimmen, weil darunter das Meßgerät, gleichwie exakt es sein mag, die zu messenden Größen beeinflußt und damit verfälscht. Die Auswirkungen sind unermeßlich: Denn wenn man nur bis zu einer gewissen Genauigkeit messen kann, dann wird man nie die Wahrheit wissen können, weil man sich ja nie sicher sein kann, ob das Raster, zu dem man verdammt ist, nicht zu grob ist. Und dies bedeutet, daß der naturwissenschaftliche Wahrheitsbegriff der verifizierten Hypothese nur eine Scheinwahrheit liefert: man kann nie die Wahrheit einer These nachweisen, sondern sie allenfalls im Moment nicht widerlegen. Naturwissenschafliches Wissen ist vorläufig, derselben Fehlbarkeit unterworfen. Die naturwissenschaftliche Methode kann nicht mehr Weg zur Wahrheit sein, sondern allenfalls ein Behelf, der sich in der Fehlbarkeit trotzdem bewährt hat. Aus der Traum vom naturwissenschaftlichen Weltbild.

Aber auch hier hörte die Enthüllung der Relativität, der Ungewißheit all unseres Wissens, all unseres Seins nicht auf. Die Sprachwissenschaft hat uns vorgeführt, wie Sprache funktioniert, daß es nach diesen Ergebnissen als ein Wunder betrachtet werden muß, daß man sich verständigen kann. Begriffe sind keine statischen Einheiten, unter denen jeder das gleiche versteht, sondern dynamische Gebilde, von denen sich jeder andere Konzepte gemacht hat, die nur in einem komplexen Prozeß sich einander annähern können, sich aber kaum zur Deckung bringen lassen. Überhaupt, was heißt hier Verstehen? Auch die Hermeneutik hat ihr Stück dazu beigetragen, daß wir eingestehen müssen: so etwas wie: ich lese etwas und verstehe es, kann es gar nicht geben, vielmehr findet bei jedem Verständnisprozeß eine Horizontverschmelzung statt zwischen Leserhorizont und Autorenhorizont. Verstehen ist Annäherung, wobei aber nie gewährleistet wäre, daß man die Dinge so versteht, wie sie gemeint sind, weil man sich selbst nie ausschalten kann. Also weder auf dem Wege der Sprache noch auf dem Wege des Verstehens kann man zur Wahrheit gelangen. Dies hat weitreichende Auswirkungen, wiederum auch für die Theologie. Das Paradigma der Heiligen Schrift als dem Text der von Gott offenbarten Wahrheit muß fallen und durch ein dynamisches neues ersetzt werden.

Aber auch hier ist nicht Schluß, auf der Ebene des Abstrahierten. Auch die konkrete menschliche Wahrnehmung: Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen. Es sind nicht nur die Sinnestäuschungen, die uns auf den Weg weisen müßten, auch diese Erfahrungen anzuzweifeln, es ist die grundsätzliche Manipulierbarkeit von Wahrnehmung, die in den Medien uns vor Augen geführt wird (die Erforschung ihrer Möglichkeiten hat man heute sogar zum Inhalt einer Wissenschaft gemacht -> Werbepsychologie), es ist die dramatische Interdependenz von Wahrnehmung und Wirklichkeit. Ja, wir können schlechterdings überhaupt nicht mehr von der Wirklichkeit reden, geschweige denn von Wahrheit.

Und wenn man konsequent sein will, dann muß man noch einen Schritt weitergehen: nicht nur das, was die Entdeckungen der Moderne zutage gefördert haben über die extreme Relativität von der Welt, sondern auch die Entdeckungen an sich sind fraglich geworden, es ist alles fraglich geworden: ob es ein Morgen gibt, ob es wirklich ein Gestern gab, ob nicht alles, was wir sehen und tun und für richtig halten, nicht eine grandiose Einbildung ist. Wenn man konsequent sein will, dann kann man nur noch konstatieren: der Mensch ist. Dies ist noch viel weniger als Albert Camus in seinem Mythos von Sisyphos: Das Herz in mir kann ich fühlen, und ich schließe daraus, daß es existiert. Die Welt kann ich berühren, und auch daraus schließe ich, daß sie existiert. Damit aber hört mein ganzes Wissen auf. Aber man kann sich nur voll und ganz anschließen: Alles andere ist Konstruktion. Alles andere ist eine mit nichts zu begründende Konstruktion.

Die Krisis des modernen Menschen

Jetzt sind wir am Kern der Krise des modernen Menschen angelangt: All das kann der Mensch von heute, wenn er konsequent sein will und seiner inneren Logik und seiner Wahrhaftigkeit treu bleiben will, nicht von der Hand weisen, gleichzeitig aber kann er nicht so leben, mit der bloßen Tatsache des inhaltslosen Seins. Er kann so nicht leben, weil er so noch nicht einmal eine Straße entlanggehen kann. Dazu muß er nämlich darauf vertrauen, daß der Weg nicht unter ihm einbricht, das seine Beine nicht plötzlich das Laufen vergäßen, dies und noch viel mehr. Der Mensch könnte, wenn er bis ins Letzte konsequent wäre, nichts tun, nicht leben, nichts, rein gar nichts. Also: er muß auf Dinge vertrauen, die ungewiß sind, er muß Dinge fürwahrhalten. Aber meint dies nicht, wider besseres »Wissen« etwas als wahr zu postulieren? Nicht unbedingt. Denn man kann sehr wohl eine Behauptung aufstellen, eine Annahme machen, ohne die Wahrhaftigkeit zu verraten. Aber ist das auch konsequent? Konsequent ist es nur dann, wenn dieses Behaupten und Annehmen einen Sinn hat, weil es einen Sinn hat zu leben, weil es einen Sinn hat, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen, weil der Mensch einen Sinn hat und nicht nur als ein verkrüppelter Unfall in der Evolutionsgeschichte zur Welt gekommen ist. Nur dann meint dieses Verhalten keine Inkonsequenz.

Sinn nun aber setzt etwas Absolutes voraus, einen absoluten Maßstab, weil ja alles Relative im Lichte der Konsequenz grundsätzlich als fraglich zu gelten hat. Aber der Mensch ist nicht befähigt, etwas Absolutes als Absolutes zu erkennen. Um leben zu können, muß der Mensch ein einziges Mal inkonsequent sein. Er muß in einem einzigen es wagen, sich etwas Ungewisses als gewiß anzunehmen. Er muß inkonsequent sein, weil er sich dazu getrieben sieht, der Mensch will leben, er kann es aber nicht ohne dieses Absolute. Der Lebenswille des Menschen weist ihn zu Gott als dem Absoluten im Relativen. Es geht letztlich um den Glauben, es geht nicht darum, die Existenz Gottes zu postulieren als die Existenz von etwas, das wir nicht sehen können, sondern es geht um das Wagnis des Dialogs mit einem Wesen, der meinen Anfang und mein Ziel kennt, es geht um den Dialog, in dem ich zu Gott sprechen kann und in dem Gott mich ansprechen kann, mich berufen kann, zu einem Sinn in meinem Leben berufen kann, der all diese Annahmen und Wagnisse rechtfertigt, die ich in meinem Leben machen muß, um schon allein den Alltag zu bestehen. Gott ist hier kein Axiom im mathematischen Sinne, sondern ein Quell des Lebens im existentiellen Sinne, und zwar immer in Form einer Beziehung.

Ich wage zu behaupten, daß ein aufrichtiger Mensch nur dann in der modernen Welt nicht zerbricht, wenn er von Gott her lebt, wenn er den Dialog nicht abreißen läßt oder ihn immer wieder aufnimmt. Glauben ist nicht wider die Vernunft, weil ja nicht die Vernunft, die alles in Frage stellt, ausgeschaltet werden soll. Es geht ja, wie schon gesagt, gerade nicht um die Anerkenntnis irgendeiner Tatsache, irgendeines Faktums, sondern um den wechselseitigen Dialog. Entweder ich erfahre in diesem Dialog, daß es Antwort gibt, daß es Hören gibt, und die Vernunft schafft es so nicht, diese Aufnahme Gottes in das eigene Leben als absurd zu falsifizieren, oder ich erfahre diesen Dialog als Monolog, dann gibt es Gott nicht, und die Vernunft kann ihre Konsequenz daraus ziehen. Es ist an dieser Stelle sehr wichtig zu betonen, daß dieses Dialogische grundsätzlich vernünftig ist: man nimmt an, daß es so etwas gibt wie eine dialogische Beziehung eines Geschöpfes zu seinem Schöpfer und überläßt es dem ganzen Wesen, ob es sich bewährt.Und wenn es sich bewährt, wenn man den Dialog erfährt, dann zwingt einem eine innere Konsequenz, aus diesem Dialog heraus zu leben und das Vertrauen auf diesen so erfahrenen Gott im gesamten Leben zu bewähren. Denn eine lebendige Beziehung kann nichts anfeinden, was ihr begegnet, sie kann nur durch sich selbst liquidiert werden.

Das Wesen der Beziehung

Diese Beziehung ist Bindung an ein Absolutes, ihr Wesen ist für unser Verständnis höchst eigentümlich: Relation heißt nicht ohne Grund Beziehung, und insofern ist diese Beziehung natürlich im höchsten Maße relativ. Aber gleichzeitig etabliert diese Beziehung für den Menschen etwas Absolutes. Das Geheimnis dabei nennen wir Transzendenz. Diese Beziehung transzendiert unsere menschliche Wirklichkeit und läßt uns an einer anderen Wirklichkeit teilhaben, an der Wirklichkeit Gottes. Gleichzeitig hebt sie nichts von der Relativität unseres Daseins auf: wir erkennen genausowenig die Wahrheit als Wahrheit, wir können uns nichts in der Welt gewisser sein wie zuvor. Und die Gefahr, dies zu überspielen, ist groß. Deshalb kann hier ein theologischer Begriff, der oft mißdeutet wurde, hilfreich sein: Demut. Und zwar Demut verstanden als der Gegenpol zur Selbstüberhebung des Menschen über seine Möglichkeiten. Alle Indizien dieser Welt können die Selbstüberschätzung des Menschen nicht rechtfertigen, er muß sich demütig eingestehen, daß die Wahrheit für ihn etwas ist, das er nie besitzen wird, er muß sich demütig eingestehen, daß er ohne Seinen Schöpfer nicht existieren könnte, es sei denn in einer inkonsequenten Lügenexistenz. Dieser Schöpfer erweist ihm aus Liebe und Fürsorge die Gnade des Dialogs: ER antwortet auf das Bitten, das Flehen, das Gestehen, das Weinen, das Hadern, das Rechten, ER antwortet!

Königsherrschaft Gottes

ER tut sogar noch mehr für uns. ER bietet uns an, von IHM geführt zu werden, er will der Herzog sein, der in unseren Schlachten des Lebens vor uns herzieht, wenn wir IHN nur lassen bzw. wenn wir IHM nur folgen. ER weist uns den Weg mit SEINEM Licht. Und dieses Licht erscheinigt sich in vielfältiger Weise: von Propheten, die SEINE Sache verkünden, bishin zu den kleinen Wundern des Alltags, die nur (und nur) in unserem Glauben den Baustein für den nächsten Schritt liefern, den wir so verzweifelt gesucht und nicht gefunden haben.

Gott weiß, daß wir Menschen in unserer Daseinsverfassung Führung brauchen, und ER bietet uns SEINE Führung an, damit wir keiner menschlichen Herrschaft anheimfallen, seien es Despoten, seien es Ideologien oder sonstige Moloche. Denn menschliche Herrschaft meint ja immer: das Absolutsetzen von etwas Relativen, und von dort aus ist der Schritt nicht weit, zu verkennen, daß Absolutsetzen nicht Absolutsein impliziert, sondern daß dieses nur vorläufig und unzulänglich ist. Und wenn etwas Menschliches und damit Unzulängliches als absolut begriffen ist, so zieht dies immer die Knechtung des Menschen nach sich: Absolutismus, Nationalismus, Kapitalismus, Marxismus.

Und Gott nimmt SEINE Verantwortung für uns ernst, ER bleibt ihr treu, mag kommen, was will. ER reicht dem Menschen immer wieder eine neue Möglichkeit, eine neue Probe. ER hat mit einem einzelnen Volk begonnen, dem ER die Hand gereicht hat, dessen Gemeinwesen er anführen wollte, dann trat er mit SEINEM Herrschaftsanspruch an jeden einzelnen heran, um über jeden einzelnen individuell König zu sein, Und um dies zu verkünden, sandte ER Jesus. Von hier aus, vom Abgrund der unerträglichen Relativität aller Dinge erhält die Königsherrschsft den ihr gebührenden Sinn: nämlich den der vollständigen Befreiung und Erlösung des Menschen.

Die Bibel

Auch das Verhältnis zur Bibel kann kein so einfaches mehr sein wie vor der Entdeckung der extremen Relativität. Man kann nicht mehr sagen, sie sei das Wort Gottes, man kann auch nicht mehr so einfach sagen, sie sei die Wahrheit, und wer sie lese, der wisse die Wahrheit. So einfach ist das alles nicht mehr. Muß man sie deshalb verwerfen? Verwirft man denn Literatur, nur weil man nicht sagen kann, sie sei Wahrheit? Niemand ist es je auf so eine Idee gekommen. Und noch ein weitere Parallele zur Literatur: warum liest man? Man liest, weil man sich von den Dingen, die geschrieben wurden, angesprochen fühlt. Genau dasselbe ist es ja auch bei der Bibel. Im ersten Fall werden wir vom Autor angesprochen, und es entfaltet sich unter Zusammenwirkung von Autor und Leser ein Gebilde, das mit dem Leser irgendetwas anstellt, im zweiten Fall ist es ähnlich: indem Menschen von Gott berichten, von SEINEN Offenbarungen, von SEINEN Taten, von SEINEM Wirken und von unserem Glauben, spricht Gottes Wirklichkeit, ja Gott selbst uns durch diese Menschenberichte hindurch an. Die Frage nach der Wahrheit des Schriftstückes ist an dieser Stelle vollkommen unwichtig, weil sich dies in der Beziehung für jeden einzelnen erweisen wird, natürlich nur unter der Voraussetzung, daß es eine wirkliche Beziehung ist mit dialogischem Charakter und kein monologisches Selbstbestätigen.

Also: man kann im Bezug auf die Bibel sagen und vor der Moderne verantworten: Alles in der Bibel kann man, wenn man sich dazu genötigt sieht, bezweifeln, infragestellen, hinterfragen, es in seiner Relativität begreifen, und sie ist dennoch ein unverzichtbares Glaubensdokument, wenn man nur der Stimme lauscht, die aus ihren Zeilen uns anspricht, ganz unvoreingenommen und mit unserem ganzen Ich.

Abschied von der Wahrheit

Es gilt nun, Abschied von der Wahrheit zu nehmen, nicht in dem Sinne, daß man auf den Begriff Wahrheit ganz zu verzichten hätte, alsob es keinen Unterschied mehr zwischen Wahrheit und Lüge gäbe; den gibt es nach wie vor. Nur: im menschlichen Bereich muß man sich eingestehen, daß Wahrheit nichts ist, dessen man habhaft werden kann, nichts ist, wofür man ein Sinnesorgan besitzt, was man in der Hand halten kann. Wahrheit muß als eine Größe verstanden werden, die zwar in den menschlichen Bereich hineinwirkt, die ihn durchdringt, die ihn fordert, auf die er zustreben soll, aber immer eine Grenzgröße, die außerhalb des menschlichen Begriffshorizontes liegt. Man kann sogar soweit gehen und sagen, daß Wahrheit so wie Heil, Gerechtigkeit und die Vollendung der Königsherrschaft Gott eine eschatologische Größe ist, eine Größe, deren Spuren bereits gegenwärtig sind, die immer wieder, mal hier, mal da durchbricht, die aber nicht greifbar wird, weil sie noch nicht zur Vollendung gereift ist.

Eschatologie

Überhaupt bietet das Konzept der Eschatologie eine gute Erklärung für vieles. Es begreift Mensch und Welt als auf ein letztes Ziel, ein eschaton gerichtet, auf das er zustrebt, einen Grenzwert irgendwo im Unendlichen. Dieses Streben ist kein lineares Streben, gleichsam eine gleichbleibende, immer weiter fortschreitende Annäherung; viele Schwankungen, Ausschläge nach oben und nach unten können dazwischentreten, die der Mensch durchmacht, ohne aber je zu wissen, wie nah er dem Ziel ist. Eschatologie ist also weder die Andeutung eines vom Menschen zu beobachtenden Wachstums, noch die Vertröstung auf ein Jenseits, sondern eine aufrichtige Antwort auf die Absurdität der menschlichen Wirklichkeit: das Getragenwerden von Sinn in einer von Unvollkommenheit gebrochenen Welt.

Wer das Konzept der Eschatologie falsch versteht, wer meint, das Letzte sei bereits gegenwärtig, der beraubt sich selbst des Sinnangebots Gottes und setzt sich ungeheuerlich unter Druck, denn in seinem Weltbild bleibt kein Raum für die nicht wegzuerklärende Gebrochenheit, Unvollkommenheit. Umgekehrt: wer die eschatologische Größe deshalb ablehnt, weil man ihrer im Hier und Jetzt nicht habhaft werden kann, der beraubt sich des Sinnangebotes Gottes, weil er gänzlich ohne Ziel und Richtung leben muß.

Paradigmenwechsel

Der oben angesprochene Abschied von der Wahrheit ist also mehr ein Paradigmenwechsel, der gerade im Vollzug ist. Viele Konzepte der Theologie und der Ethik, der Wissenschaft und anderer Bereiche müssen auf neue Fundamente gestellt werden. Nichts ist falscher, als diesen Paradigmenwechsel aufhalten zu wollen, man muß ihn mitgestalten, das neue Paradigma mit Inhalt füllen. Es ist noch so viel zu tun, und wir dürfen nicht vergessen, daß dies unsere Existenz in ihrem Kern trifft. Es darf uns nicht gleichgültig sein.

Und inmitten dieser Umbrüche können wir uns darauf verlassen, daß Gott mit uns ist, mit uns sein wird, jetzt und für immer, auch wenn wir SEINE Gegenwart nicht immer wahrnehmen.


© Andreas Schmidt 1995,

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