DAS WUNDER BIBEL

Vom Wesen der Heiligen Schrift
Ein Manifest.

ANDREAS SCHMIDT


Glauben in Freiheit

Glauben ist Vertrauen auf den einen persönlichen Gott. Nicht zu unterschätzen ist dieser Ausgangs- und Zielpunkt. Im Zentrum steht von nun an die persönliche Beziehung, von ihr her wird alles gedacht, zu ihr hin wird alles gedeutet. Und sie ist nicht nur ein Lebensgefühl, sondern Wesensmerkmal der Existenz. Ein Mensch, der auf Gott vertraut, fühlt sich nicht besser, er kann vielmehr erst durch den Glauben der Absurdität der Welt, die ihn umgibt, erst richtig gewahr werden. Nein, Glaubende fühlen sich nicht besser, aber ihre Existenz steht nicht mehr am Abgrund zum Nichts, sie steht auf einem festen Urgrund, ihr Vertrauen auf den Gang der Dinge, ohne das niemand leben kann, ist keine Inkonsequenz mehr, es weiß sich wohlbegründet. Glaube ist also nicht widervernünftig, sondern im unüberbietbaren Maße vernünftig, vernünftiger als jede Menschenvernunft.

Wie jede wirkliche Beziehung kann auch die tiefste aller Beziehungen nur in Freiheit eingegangen werden. Und Gott der Schöpfer hat dem Menschen diese Freiheit geschenkt trotz all dessen, was sie anrichtet. Der Mensch darf sich ständig neu entscheiden, ob er vertraut oder nicht, er darf sogar noch mehr: ihm ist gestattet, was jede andere Beziehung überfordern würde, die Klage, die sich bis zur Anklage steigert, das flehende Bitten, der überschwengliche Lobgesang, kurzum der Dialog der vielbewegten Existenz mit ihrem Urgrund.

Offenbarung

Der Mensch kann Gott nicht greifen, er kann Gott nicht von sich selbst aus gedanklich erschließen. Was er von Gott erfährt, erfährt er Kraft göttlicher Offenbarung. Das ist, wovon die ganze Bibel handelt. Gott offenbart sich dem Menschen in der Beziehung in seiner Allmacht, ohne dabei dem Menschen die Freiheit seines Glaubens zu nehmen. In der Bibel haben Menschen vieles von dieser Offenbarung festgehalten, in Freiheit festgehalten, Die islamische Vorstellung von einem göttlichen Diktat ist also völlig abwegig. Aber auch alle anderen supranaturalistischen Entstehungsgeschichten sollten sich noch einmal überprüfen, ob sie nicht einen bevormundenden Gott damit zeichnen, daß sie Ihm nicht zutrauen, daß er dem Menschen die Überlieferung Seiner Offenbarung überläßt.

Wunder

Denn das ist ja das eigentliche Wunder der Geschichte, das sich vollzogen hat: Menschen vor dreitausend Jahren haben es geschafft, etwas zu tradieren, was die Existenz des Menschen immer noch wie kein zweites Buch anzusprechen vermag. Das ist doch ein gewaltiges Wunder, daß Gott seinem Geschöpf die Fähigkeit gegeben hat, Seine Offenbarung in der Zeit - und nicht gegen die Zeit - zu überliefern. Und die Erkenntnisse der Moderne vergrößern dieses Wunder nur noch.

Die Sprachwissenschaft hat herausgefunden, in welch extremer Relativität die Sprache funktioniert. Zur Freiheit des Menschen gehört eine der wichtigsten Freiheiten: nämlich die Freiheit, Begriffe zu bilden - eine Freiheit, die man z.B. in die totalitären Diktatur von George Orwells 1984 nehmen wollen (newspeak). Dies ist die Voraussetzung für das Denken überhaupt, daß der Mensch Konzepte zu bilden vermag, das Erfahrene abstrahieren kann. Dieser Begriffsbildungsprozeß vollzieht sich zunächst individuell und gänzlich kultur- und zeitbezogen. Ein anderer bildet Begriffe ganz anders, eine andere Zeit versteht die Begriffe ganz anders. Es entstehen Diskrepanzen, die sich wundersamerweise so weit ausräumen, daß Menschen sich verständigen können, zwar oftmals mehr schlecht als recht, aber immerhin. Ein Mensch kann dem anderen etwas mitteilen. Freilich oftmals auf ganz andere Weise, wie man das gemeinhin annimmt: nicht in einer wissenschaftlich-sachlichen Sprache, nicht in berichtender Weise, sondern in einer Sprache der Bilder, die wundersamerweise ähnliche Assoziationen hervorrufen. Weit mehr als abstrakte Begriffe können Bilder etwas vermitteln, das die Existenz des anderen ergreift. Das zu erklären, ist ein schier unlösbares Unterfangen: Literaturwissenschaftler haben auf den Begriff der Metapher beschränkt damit Bibliotheken gefüllt.

Überlieferung

Aber trotz allem: Gott traut es Seinen Geschöpfen zu, Seine Offenbarungen zu überliefern, in Freiheit zu überliefern, indem der Überliefernde alles daran setzt, das auszudrücken, was ihm oder anderen widerfuhr, und indem der die Überlieferung Lesende alles daran setzt, zu begreifen, was hier ausgesagt werden soll. Gott hat dem Menschen alles gegeben, was dieser braucht, um von Ihm etwas zu erfahren. Und die Zeit erweist es ja auch: trotz der Jahrtausende, die uns vom AT trennen, trotz der Anschauungswelten, die aufeinanderprallen, es kann uns - freilich in unsere heutige Sprache übersetzt - noch etwas sagen. Nicht weil Gott darüber gewacht hätte, daß ja keine Irrung vorkommen wird, nein, sondern weil Gott dem Menschen in Freiheit die Fähigkeiten gegeben hat zu verstehen, wenn dieser nur will. Trotz aller Fehler, die Menschen machen. Trotz aller Unzulänglichkeiten der Sprache. Trotz aller Biegungen der Geschichte.

Das, was wir heute als Bibel in der Hand haben, hat sich bewährt, sie kann, das hat sich gezeigt, den Menschen existentiell ergreifen, sie kann, auch das hat sich gezeigt, uns von Gott bezeugen. Sie ist zunächst einmal ganz Menschenwort wie alles Geschriebenes, wie alle Literatur, wie alle Sprache, aber sie kann wie sonst kein Buch in unseren Ohren zu Gottes »Wort« (nur im Sinne von der zugrundeliegenden Wahrheit) werden, indem wir es vernehmen und es in unsere Beziehung einbringen. Die Tradition - eine wahrhaft lebendige Tradition - hat geschieden zwischen Büchern, die dies zu leisten vermögen, und Büchern, die das nicht können. Auch das ist verwunderlich, daß ein solcher Scheideprozeß funktioniert hat. Deshalb: die Bibel ist etwas Besonderes, auf den ersten Blick nur Zufallsprodukt, erweist der Gegensatz zwischen urmenschlicher Entstehung und ihrem ganz und gar nicht menschlichen Vermögen sich als ein Wunder - Gottes.

Der Auftrag des Menschen

Der Mensch soll nicht ganz unbeteiligt das Wunder bestaunen. Denn er hat einen Auftrag, der in diesem Wunder enthalten ist. Der Mensch muß alles daran setzen, die überlieferte Wahrheit, die in den Begriffen drinsteckt, offenzuhalten, indem er mit (und nicht gegen) alle sprachlichen und geistesgeschichtlichen Veränderungen auch die Begriffe der Bibel offenhält, für den Menschen der jeweiligen Zeit zugänglich. Die Leistung, die hier erbracht werden muß, ist enorm, und es gibt noch nicht einmal ein wirkliches Richtig oder Falsch. Aber Gott gibt uns nicht preis, er läßt uns nicht alleine. Im Gottvertrauen steckt auch das Vertrauen, daß es wider jegliche Wahrscheinlichkeit gelingt, in jedem Zeitalter. Vielleicht kann von hier aus neu verstanden werden, was es bedeutet, Gott »wache« über die Tradierung der Bibel. Im Ergebnis heißt das doch auch, daß nur durch Gottes Hilfe das Überliefern gelingt. Nimmt man das Wachen als ein Bild für diesen höchst komplexen Vorgang, so könnte sich herausstellen, daß man mit unterschiedlichen Begriffen dasselbe meint.

Die Anschauung, daß der Mensch die Überlieferung immer wieder neu für die Zeit aktualisieren muß, hat sich auf der Ebene der Wörter ja schon durchgesetzt: es ist selbstverständlich, Übersetzungen an den derzeitigen Sprachgebrauch anzupassen - ganz im Gegensatz zum Beispiel zu islamischen Vorstellungen, wo nicht einmal eine Übersetzung in eine andere Sprache ihren Platz hat. Sie darf aber bei Worten nicht haltmachen, wollen wir nicht riskieren, daß etwas von der zugrundeliegenden Botschaft verlorengeht, wollen wir nicht dereinst uns eingestehen müssen: wir verstehen nicht mehr, was damit ausgesagt werden sollte. Auch Begriffe und Konzepte, die versucht haben, das Ungreifbare greifbar, das Unverstehbare verstehbar - mit allen Mitteln, die die Schreiber hatten - müssen nicht nur heute, sondern immer wieder neu verstanden werden. Dieses Neuverstehen ist ja gerade das, was man als Lebendigerhalten bezeichnet.

Und in der Vergangenheit war das ja auch etwas ganz Selbstverständliches, wenn auch nicht immer besonders glückend, aber Unzulänglichkeit ist Wesensmerkmal des Menschen. So begegnete bereits das Judentum der geistesgeschichtlichen Herausforderung des Hellenismus mit der Apologetik des Glaubens in griechischen Kategorien; so begegnete man dem schriftarmen Mittelalter mit den heute (naiv anmutenden) Bildern, mit Allegorien von Teufel, Hölle, Fegefeuer, die in einem Dante ihren Meister fanden. So spiegelte die Reformation und die Übersetzung der Bibel ins Deutsche den Geist der Renaissance wider, den erwachenden Humanismusgedanken, der mit mittelalterlichen Vorstellungen brach.

Aber trotz aller Änderungen und Umwälzungen: die Bedeutung der Bibel blieb, weil sie für jede Zeit Antworten hatte, weil durch sie, indem wir versuchen zu verstehen, Gott an uns wirksam werden konnte. Das Begreifen der Bedeutung, der Sinn, auf dieser Ebene spielt sich das Wesentliche ab, nicht auf der menschlichen Ebene der Konzepte, Wörter, Bilder. Deshalb: Konzepte, Wörter, Bilder sind nicht heilig, ihre Bedeutungen sind es. Also kein Festhalten an Konzepten um der Konzepte willen, sondern ein Anpassen der Konzepte, so daß immer das bestmögliche Konzept, die zulänglichste unzulängliche Beschreibung des Unbeschreibbaren uns zugänglich ist.

Vom Wesentlichen

Im Lichte dieses Auftrages kann man den Charakter biblischen Wortes genauer betrachten. Jedes Verstehen ist Interpretation. Das ist eine hermeneutische Grundeinsicht. Man muß aber noch weitergehen: Jedes Reden ist Interpretation. Somit ist bereits der Bericht des Erstzeugen einer göttlichen Offenbarung Interpretation. Man kann Gott nicht greifen, dies erweist sich hier in einem weitreichenden Zusammenhang: wenn wir versuchen, dem Wesentlichen in der Bibel auf die Spur zu kommen, können wir uns nicht allein auf das in der Bibel Berichtete verlassen. Denn niemals kann ein Mensch Gottes Wort rein und absolut vernehmen, denn immer vernimmt er es in einer Beziehung, einer Beziehung, die notwendigerweise Göttliches mit Menschlichem vermischt. Das tatsächliche Offenbarungsereignis bedeutet nicht, daß sich ein göttlicher Inhalt in ein leeres menschliches Gefäß ergieße; die tatsächliche Offenbarung bedeutet die Brechung des einigen göttlichen Lichtes in die menschliche Vielfältigkeit. Wir kennen keine andere Offenbarung als die der Begegnung von Göttlichem und Menschlichem, an der das Menschliche faktisch beteiligt ist. Das Göttliche ist das Feuer, das das menschliche Erz umschmilzt, aber was sich ergibt ist nicht von der Art des Feuers. (M. Buber).

Das Wesentliche ist Gott und die persönliche Beziehung zu ihm. Alles menschliche Sprechen ist nur unvollständiges und verzerrtes Abbild dessen. Das ist keine Abwertung. Ganz im Gegenteil. Diese Sichtweise eröffnet dem Menschen einen ganzheitlichen Zugang zur Bibel. Mit allem, was er hat, kann er mit dem Text ringen, dem Text sein Wesentliches Abringen, hinter den Text dringen, wo nicht Leere ist, wo nicht das Reich der Phantasie schlummert wie in anderer Literatur, sondern Gott in seiner verborgenen Gegenwart.

Ein paar Folgerungen

Denn alle Schrift ist von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. (2 Tim 3,16)

Dieser Satz darf deshalb nicht als Selbstzeugnis der Bibel zur Verbalinspiration verstanden werden, sondern er spricht etwas ganz anderes aus: Diese Bibel hat einen unauslöschbaren, allen Zeiten gewachsenen Kern, weil durch sie hindurch, trotz aller Bemühungen, die wir hineinstecken müssen, Gott zu uns spricht, uns in unserer tiefsten Existenz erreichen kann. »Eingebung« meint also kein Diktat und keine mystische Inspiration, sondern die göttliche Offenbarung. Diese Bibel ist keine wilde Spekulation, keine ganz und gar menschliche Philosophie, sondern hinter ihr verbirgt sich Gott. Und daß sie »nütze« ist, meint nicht weniger, als daß die Auseinandersetzung mit ihr - in der oben geschilderten Ganzheitlichkeit - ein fruchtbares Unterfangen ist, eine Auseinandersetzung, die mehr ist als das bloße Hinsetzen und Lesen. Verstehen ist ein viel komplexerer Vorgang.

Dieser komplexe Vorgang steht nicht im Widerspruch zum Satz: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder... Denn das meint: wenn ihr nicht so unbedingt vertraut, wie nur Kinder es tun, dann habt ihr nicht teil am Gottesreich. Die Glaubensbotschaft ist einfach und komplex zugleich: einfach, was die Grundfrage, das Vertrauen, angeht; komplex, wo sie Antworten liefern soll, die keine Vernunft und kein Gefühl geben kann, eben weil sie an der beinahe unzugänglichen Existenz kratzt. Und jeder einzelne muß sich mühen, sie so zu verstehen, wie sie seiner Beziehung zuträglich ist. Ein naturverbundener Afrikaner ganz anders als einem Menschen an der Schwelle zur Informationsgesellschaft, einem Akademiker ganz anders als einem Handwerker. Nur eines darf nicht passieren: keine Simplifizierung, keine erzwungene Rückkehr zum naiv-einfältigen Glauben. Es gibt kein Zurück hinter die Aufklärung, es gibt kein Zurück hinter das Erwachsenwerden, was das Verstehen anbelangt. Ein solches Zurück ist nur im existentiellen Vertrauen möglich. Und im übrigen: gerade ein Glaube, der sicht als geschichtlich versteht, dem muß es darum gehen, zu begreifen, was wirklich passiert ist. Begreifen, d.h. keine Vergötzung der Historizität: sie ist nicht der Maßstab der Wahrheit. Was wirklich passiert ist, d.h. keine Vergötzung von unzulänglichen Menschenzeugen, sondern bewußtes Bejahen der Forschung.

Da ein jeder anders begreift, begründet dies nun einen Pluralismus der Glaubensauffassungen, die Chancen und Gefahren in sich bergen. Die Chancen sind die vielfältigen Bilder, die hier von dem einen Gott entstehen, die die Ungreifbarkeit Gottes nur unterstreichen, die Gefahr ist die ausufernde Beliebigkeit, die jede Überlieferung zunichtemacht.

Freiheit der Interpretation

Und so sind wir wieder am Punkt angelangt: der Mensch hat die Freiheit der Interpretation, die nur von der Verantwortung beschränkt wird, daß sein Gegenüber Gott, sein Schöpfer und Inhalt dessen ist, was er interpretiert. Wer die Freiheit nicht annimmt, wer sich fundamentalistisch oder biblizistisch an die Worte wie einen zweiten Gott klammert, der riskiert, seinem Auftrag in eigener Sache nicht gerechtzuwerden, ganz nach dem pointierten Wort von dem jüdischen Theologen Pinchas Lapide: Man kann die Bibel wörtlich nehmen, oder man nimmt sie ernst. Wer umgekehrt die Verantwortung nicht ernstnimmt, riskiert die Sünde, die Entfernung von Gott, weil die Beliebigkeit sich in Wirklichkeit nur noch am Menschlichen orientiert und damit Hybris ist.

Gott hat den Menschen zur Freiheit geschaffen, er kann sie in Verantwortung meistern, er kann in ständiger Infragestellung aller menschlichen Beimischungen die Wahrheit, ohne je ihrer habhaft zu werden, für sich selbst und für alle anderen lebendig erhalten, vielleicht ganz in dem Sinne, wie Martin Buber schrieb: Es geht letztlich nicht darum, daß diese oder jene Person eine biblische Erzählung mißverstanden hat; es geht darum, daß in dem Werk der Kehlen und Griffel, aus dem der Bibeltext entstanden ist, sich wieder und wieder Mißverstehen ans Verstehen heftet, Hergestelltes sich mit Empfangenen verquickte. Wir haben kein objektives Kriterium für die Scheidung, wir haben einzig den Glauben - wenn wir ihn haben.


© Andreas Schmidt 1995-1999
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