Erklärung der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zum Verhältnis von Christen und Juden vom 3. Juni 1983

a) Christen und Juden sind in besonderer Weise miteinander verbunden. Im Gotteszeugnis der Schriften des Alten Testamentes liegt die gemeinsame Wurzel ihres Glaubens. Obwohl sich die Wege der Offenbarung Gottes in Christus geschieden haben, bleiben sie doch an das gemeinsame Erbe und damit aneinander gewiesen. Beide haben miteinander zu bedenken, was das Gotteszeugnis der Bibel für das Zeugnis von Gott in der Welt bedeutet.

b) Christen sind betroffen über Erscheinungsformen eines neuen Antisemitismus, der sich auch in unserem Land zeigt. Diese Betroffenheit erhält ihr besonderes Gewicht durch die Einbindung in eine leidvolle Geschichte zwischen Juden und Christen, die ihren unvorstellbar schrecklichen Ausdruck im Nationalsozialismus fand.

c) Der Massenmord an Juden hat eine lange, oft verdeckte Vorgeschichte in Kirche und Gesellschaft unseres Landes gehabt. Durch die Jahrhunderte hindurch wurde in der christlichen Verkündigung das Mißverständnis überliefert, die Juden seien von Gott verworfen, weil sie Jesus von Nazareth getötet haben. Diese Tradition und die jeweilige Einbindung der Kirche in politische Entwicklungen haben dazu geführt, daß die christliche Kirche den Anfängen der Judenverfolgungen keinen eindeutigen Widerstand leistete.

d) Die Vernichtung von Millionen Juden geschah unter weitgehendem Schweigen der Kirchen und mit Duldung vieler Menschen, die hiervon Kenntnis erhalten hatten. Das war nicht durchweg so; es gab einzelne, die sich als Christen und Menschen gegenüber Juden bewährten. Die Kirchen in Deutschland sind noch immer durch ihre unbestreitbare Mitverantwortung und Mitschuld in der damaligen Zeit tief betroffen. Auch die nach der Zeit des Nationalsozialismus Aufgewachsenen und Geborenen suchen die Vergangenheit zu überwinden und fragen nach Möglichkeiten eines neuen Anfangs. Obwohl sie am damaligen Unrecht nicht beteiligt waren, tragen sie dennoch die Folgen mit.

e) Wir sehen heute unsere Verpflichtung darin, auch in der breiten Öffentlichkeit mit der Botschaft von der Liebe Gottes jedem Antisemitismus und jeder Diskriminierung von Juden entgegenzutreten und dabei daran zu erinnern, daß nicht nur diejenigen dem zerstörerischen Charakter des Antisemitismus zum Opfer fallen, gegen die er sich richtet, sondern auch diejenigen, die ihn schüren. Der Widerstand gegen jegliche Form des Antisemitismus schließt auch die Aufgabe ein, deutliche Unterschiede zwischen der Kritik an der Politik des Staates Israel und dem berechtigten Anspruch des jüdischen Volkes auf einen eigenen, sicheren Staat zu machen.

f) Wir sind dankbar dafür, daß es nach 1945 auf vielen Ebenen wieder zu Gesprächen und Kontakten zwischen Juden und Christen gekommen ist. Christen haben sich den Fragen geöffnet, die Juden an sie richtete, und haben sich den Aufgaben gestellt, über ihre Haltung gegenüber den Juden und über das Verhältnis der Kirchen zum Judentum neu und intensiv nachzudenken und daraus Folgerungen für ihr Leben und Tun zu ziehen.

g) Im Gespräch mit Juden, das auf dem gemeinsamen Grund des Gotteszeugnisses der Bibel geführt wird, kann das christliche Bekenntnis zu Jesus Christus nicht verschwiegen werden. Christen bekennen Jesus Christus als den Mittler zwischen Gott und den Menschen, als Messias und Heiland der Welt. Dieses Bekenntnis kann niemandem aufgezwungen werden. Christliches Zeugnis wird sich nur durch Gottes Geist an Menschen als echt erweisen, so wahr Gott selbst der Herr seiner ihn bekennenden Gemeinde ist, die er sich aus den Völkern sammelt.

h) in der gegenwärtigen Situation sehen wir folgende Aufgaben für Christen, Gemeinde und unsere Landeskirchen:

Aus: Texte der VELKD Nr.23/1983


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Andreas Schmidt,
eMail: Andreas.P.Schmidt@gmx.de

Letzte Änderung: 12.11.1999