Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg/DDR

Zur Erneuerung unseres Verhältnisses zum Judentum
Synodalerklärung vom 24. April 1990

Votum des von der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg aufgrund des Beschlusses der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg eingesetzten Ausschusses:

1. Das Bekenntnis zu Jesus von Nazareth als dem Christus und Herrn unterscheidet den christlichen vom jüdischen Glauben, ist aber zugleich Grund einer besonderen Zusammengehörigkeit der Christenheit mit dem Gottesvolk Israel.

2. Aus der besonderen Zusammengehörigkeit der Kirche mit dem Gottesvolk Israel ergeben sich weitreichende Konsequenzen für eine kritische Sicht der eigenen Tradition.

3. Das Alte Testament hat bleibende Bedeutung für unseren Glauben.

4. Das Judesein Jesu ist stärker als bisher zu bedenken.

5. Das Judentum muß in seinem Selbstverständnis respektiert werden.

6. In Predigt und Katechese, im Gemeindegespräch und im Umgang mit kirchlicher Kunst muß unser Umdenken zum Ausdruck kommen.

Vorwort

Die 9. Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg hatte am 8.4.1986 die Kirchenleitung mit der Bildung eines Ausschusses "Christentum und Judentum" beauftragt. Aufgabe dieses Ausschusses war es, die in Theologie und kirchlicher Praxis geltenden Verhältnisbestimmung von Christentum und Judentum kritisch zu prüfen und nach dem Maß heutiger Einsicht neu darzustellen. 1989 legte dieser Ausschuß einen Entwurf vor, der von der Synode in unserer Kirche zur Aussprache gestellt wurde. Eingegangene Stellungnahmen wurden eingehend geprüft.

Mit diesem Votum wollen wir Mut zum Umdenken und zum Verändern der Praxis machen.

Das Denken an die Toten von Ausschwitz und das Wissen von den offenen Wunden der Überlebenden nötigen uns, die jahrhundertealte kirchliche Position gegenüber dem Judentum zu verändern. Nach diesem Geschehen "haften wir alle", so sagt es das gemeinsame Wort der Kirchen des Bundes [der Evangelischen Kirchen in der DDR] und der EKiD zum 9.11.1988, "für die Folgen der schuldhaften Vergangenheit. Indem wir dieser bitteren Erkenntnis standhalten, werden wir uns bewußt, daß Theologie und Kirche an der langen Geschichte der Entfremdung und Feindschaft gegenüber den Juden beteiligt waren."

Wenn Außenstehende den Glauben anderer beschreiben, können Vorurteile und falsche Bewertungen entstehen. Wie in früheren Zeiten so verbreiten bis in unsere Tage hinein Andachtsbücher, Predigtmeditationen, Arbeitshilfen für Bibelwochen, Kalenderblätter, Predigten, Andachten und Unterrichtsstunden oft unbewußt in herablassender Weise formelhaft ein Bild des Judentums, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Niemand, der ein Gespür für jüdisches Denken und Leiden entwickelt hat, kann diese Praxis unwidersprochen hinnehmen.

Wir stehen mit dem vorgelegten Votum weder am Anfang noch am Ende eines solchen Prozesses des Umdenkens. Auch theologische Forschung und kirchliche Verkündigung können sich nur allmählich von verfestigten Denkgewohnheiten lösen und haben an den Mühen und der Langsamkeit eines allgemeinen Bewußtseinswandels teil. Kirchentage, Evangelische Akademien, engagierte Gemeindegruppen, Verlautbarungen von Kirchen und Synoden und auch einzelne christliche und jüdische Autoren haben uns in den letzten vier Jahrzehnten Schritt um Schritt vorangeholfen. Wenn wir heute sehen und sagen, was in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten noch nicht so gesehen und gesagt wurde, so sind wir nicht eine klügere und bußfertigere Generation, sondern wir haben im Annehmen von Schuld und Vergebung mehr Hilfe erfahren für das Verstehen der Schrift.

Je genauer wir das Judentum wahrnehmen und je mehr wir mit seiner Bibelauslegung ins Gespräch kommen, umso reicheren Gewinn haben wir für unser Bibelstudium des Alten und Neuen Testaments und für Entfaltung und Vertiefung unseres Glaubens an Jesus Christus.

Die Klärung und Gestaltung des besonderen Verhältnisses zum Judentum ist eine bleibende Aufgabe der Kirche Jesu Christi, die nicht nur in der Schuld der Christen gegenüber den Juden begründet ist. Dabei muß uns deutlich sein, daß es für Juden keine entsprechende Verpflichtung gibt, mit uns Christen in Beziehung zu treten. Sie können auch ohne uns Christen Juden sein - wir aber können und dürfen nicht Christen und Kirche sein, ohne in Beziehung zu den Juden zu treten.

Das Votum ist in sechs Abschnitte gegliedert. Alle Abschnitte sind inhaltlich aufeinander bezogen, Wir gehen von der Geschichte Jesu Christi aus. Überlegungen auf der Grundlage biblischer Tradition und historisch-wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit führen zu neuen Orientierungen für unsere kirchliche Praxis.

Das Votum ist als Markierung des heute erreichten Wegabschnittes in der Geschichte des Verhältnisses von Christentum und Judentum gedacht und soll Anregungen für alle Mitarbeiter unserer Kirche geben, um in diesen Fragen richtig zu lehren und zu verkündigen.

1. Das Bekenntnis zu Jesus von Nazareth als dem Christus und Herrn unterscheidet den christlichen vom jüdischen Glauben, ist aber zugleich Grund einer besonderen Zusammengehörigkeit der Christenheit mit dem Gottesvolk Israel.

1.1 Die Christenheit hat über weite Strecken ihrer Geschichte im Bekenntnis zu Jesus Christus nur den Grund ihrer Trennung von Israel gesehen und ist für die darin liegende Verbindung mit dem Judentum blind gewesen. So konnte in der Geschichte der Christenheit gerade das Bekenntnis zu Jesus Christus Ausgangspunkt antijüdischer Tendenzen werden.

1.2 Wer die heilschaffende Nähe des Gottes Israels in der Person Jesu Christi erkennt und weiß, daß uns durch seinen Tod und seine Auferweckung der Zugang zum Gott Israels vermittelt ist, sieht Juden und Christen unter der Barmherzigkeit und dem Recht des Einen Gottes.

1.3 Das christliche Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn stellt das jüdische Bekenntnis zur Einzigkeit Gottes, des Vaters (5. Mose 6,4f) nicht in Frage, denn es dient "zur Verherrlichung Gottes, des Vaters" (Philipper 2,11). Auch die trinitarische Gestalt des christlichen Bekenntnisses will Gottes Einzigkeit bezeugen.

1.4 Das Bekenntnis zur Herrschaft Jesu Christi, der sein irdisches Leben für seine Sendung an Israel eingesetzt hat, schließt Herrschaftsansprüche gegenüber Menschen aus. Nachfolge Jesu heißt für uns: Teilnahme an Gottes Ohnmacht in der Welt und Tun des Gerechten.

1.5 Deshalb ist es heute unsere Aufgabe herauszufinden, wie wir Jesus Christus allen bezeugen können, ohne die heilsgeschichtlich einmalige Stellung des jüdischen Volkes zu nivellieren oder zu negieren. Eine Judenmission lehnen wir ab.

1.6 Die gegenwärtige Trennung von Christen und Juden in der Stellung zu Jesus Christus steht nach Römer 9-11 innerhalb einer Geschichte, die uns voll Hoffnung nach Überwindung dieser Trennung ausblicken läßt.

2. Aus der besonderen Zusammengehörigkeit der Kirche mit dem Gottesvolk Israel ergeben sich weitreichende Konsequenzen für eine kritische Sicht der eigenen Tradition.

2.1 Die Kirche ist ohne den jüdischen Glauben, die jüdische Tradition, die Geschichte Gottes mit Israel nicht denkbar. Darum ist es für uns eine beschämende und bittere Einsicht, daß erst nach der Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland die Kirche zu begreifen begann, wie tief sie selbst in dieses unheilvolle Geschehen verstrickt ist und wie weit sie sich damit von ihrem Ursprung entfernt hat. Eine Kritik dieser Zusammenhänge im Selbstverständnis und in der Lehre der Kirche ist die notwendige Voraussetzung, um eine veränderte Einstellung zu jüdischen Menschen und jüdischem Glauben zu gewinnen.

2.2 Wir bekennen: Wer seine Existenz einzig und allein der Gnade Gottes verdankt, verleugnet diese Gnade, wenn er sie auf sich selbst eingrenzt und andere davon ausnimmt.

2.3 Wir verstehen uns als das Gottesvolk, das von Israel bleibend herkommt und zu dem Israel, auch wenn es Christus ablehnt, bleibend gehört (Römer 11,17ff). Mit Israel zusammen wissen wir uns auf dem Weg, der die Heimholung der Welt unter Gottes Herrschaft zum Ziel hat.

2.4 In der kirchlichen Auslegung und Lehre wurden Judentum und Christentum als Gesetzes- und Gnadenreligion voneinander unterschieden, Juden und Christen als Verworfene und Erwählte einander gegenübergestellt. Nach dem Negativ-Positiv-Schema wurde auch die Enterbung Israels zugunsten des neuen Gottesvolkes gelehrt und gepredigt. Wir halten diese Interpretationsmuster und den entsprechenden Sprachgebrauch für theologisch falsch und politisch gefährlich.

2.5 Wir sind der Überzeugung, daß antijüdische lautende Sätze, gerade in judenchristlichen Schriften des Neuen Testaments, niemals ein prinzipielles Nein zum jüdischen Volk ausdrücken.. Der Gebrauch solcher Texte in der heidenchristlichen Kirche hat vielmehr ihren Stellenwert verändert. Aus der innerjüdischen Auseinandersetzung zwischen Judenchristen und Juden wurde antijüdische Polemik, so daß schließlich die Tempelzerstörung, Zerstreuung und Leiden der Juden als Strafe Gottes für die Ablehnung Christi und seine Kreuzigung gedeutet wurde. Der verhängnisvollen Wirkung dieser Deutungen sind wir uns bewußt.

2.6 Als Kirche der Reformation haben wir in besonderer Weise zu klären, ob und wie Luthers Verurteilung der Juden mit seiner Christologie und seiner Rechtfertigungslehre zusammenhängt. Wir haben zu fragen, inwieweit die lutherisch-orthodoxe Lehre von Gesetz und Evangelium einer judenfeindlichen Grundhaltung Eingang in die lutherischen Kirchen verschafft hat.

2.7 Kirchliches Reden über die Juden als Andersdenkende und Andersglaubende muß bestimmt sein von dem Wissen um die Vorläufigkeit und Begrenztheit unserer eigenen Glaubenseinsichten. Denn das endgültige Urteil über alle steht allein Gott zu.

2.8 Wir relativieren die Wahrheit unseres Glaubens nicht, wenn wir anerkennen, daß der Gott, an den die Juden glauben, der ist, der uns Jesus als Vater anzureden lehrt. Demgegenüber läuft die gelegentlich um der Gemeinschaft mit den Juden willen geforderte Revision des christologischen Inhaltes des Evangeliums Gefahr, das neutestamentlichen Christuszeugnis in Frage zu stellen. Dies dient nicht dem Gespräch, das von Juden und Christen nur auf dem Boden ihres je eigenen Bekenntnisses geführt werden kann.

3. Das Alte Testament hat bleibende Bedeutung für unseren Glauben.

3.1 Die Autoren des Neuen Testaments verstehen und deuten Leben, Sterben und Auferweckung Jesu im Horizont der Schriften Israels (1. Korinther 15,3f). Nur mit Hilfe der "Schrift" ist Jesu Leben und Sterben als Heilsgeschehen verkündbar, "denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja" (2. Korinther 1,20). Christus bestätigt die Verheißungen der Schrift.

3.2 Von dem jüdischen Gebrauch der Schriften Israels unterscheidet sich unserer christlicher dadurch, daß erst im Licht von Jesu Auferweckung das Verständnis der "Schrift" eröffnet wird (Lukas 24,25-32). Darum hat die Christenheit später im Anschluß an 2. Korinther 3,12-18 die Schriften Israels "Altes Testament" genannt. Das bedeutet nicht "veraltet" und "überholt", sondern unterstreicht die Zuordnung zur Geschichte Jesu Christi, von der her die Christenheit ihren Zugang zu den Schriften Israels gefunden hat.

3.3 Die neutestamentlichen Autoren lesen das Alte Testament von Jesus Christus her und sind dabei überzeugt, daß ihre christologische Deutung in der "Schrift" selbst angelegt ist und keine sachfremde Verstehensmöglichkeit darstellt. Auch im Frühjudentum gab es unterschiedliche Schriftverständnisse. Jede Gruppe las die Schrift im Lichte ihrer eigenen Tradition, Erfahrung und Situation und fand so ihre Besonderheit von der Schrift her bestätigt. Denn das Alte Testament ist eine für viele Deutungen offene Schriftensammlung, deren Texte erst in ihrer Auslegung und Verkündigung Eindeutigkeit und Verbindlichkeit erhalten.

3.4 Diese Offenheit des Alten Testaments macht es uns möglich, von der jüdischen Schriftauslegung zu lernen, sie bietet gleichzeitig eine Voraussetzung für den Dialog zwischen Christen und Juden.

3.5 Wie jedes Schriftverständnis steht auch unsere christliche Schriftauslegung unter einem eschatologischen Vorbehalt (2. Korinther 13,9-12) und kann daher keine Endgültigkeit in Anspruch nehmen. Deshalb ist bereits im Neuen Testament eine Vielfalt von theologischen Aussagen zu beobachten. Christliche Schriftauslegung hat ein vorläufige und dienende Funktion im Blick auf die noch ausstehende Offenbarung Gottes in der Christen und Juden gemeinsamen Geschicht (Sacharja 14,9; 1. Korinther 15,28).

3.6 Das Alte Testament ist von bleibender Bedeutung für unseren christlichen Glauben, weil es Gottes Handeln an den Menschen bezeugt, von seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit und seinem Heil berichtet und so die Sendung Jesu verstehbar macht. Darüber hinaus ist es für unseren Glauben bedeutsam, weil es den Weg des Gottesvolkes Israel in der Geschichte erzählt und so die Christusbotschaft vor falscher Individualisierung schützt, weil es stärker als das Neue Testament auf das Diesseits mit seinen Freuden und Leiden verweist und so den christlichen Glauben vor einer Flucht ins Jenseits bewahrt. Ohne seine Visionen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und ohne seine Anrufungen Gottes in Lob, Klage und Bitte wäre unser christlicher Glauben ärmer.

4. Das Judesein Jesu ist stärker als bisher zu bedenken.

4.1 Als Jude gehört Jesus ganz ins Judentum seiner Zeit und ist von daher zu verstehen, Darum ist eine genaue Kenntnis der verschiedenen jüdischen Gruppierungen und Traditionen notwendig, um Jesu Besonderheit zu erkennen.

4.2 Bei der Erforschung des "historischen Jesus" muß beides: das Kriterium der Besonderheit und das Kriterium des Umweltbezugs verwendet werden, denn ein Mensch erhält sein Profil nicht nur durch Abhebung, sondern auch durch Identifizierung mit seiner Umwelt. Nur wenn in dieser Weise Unterscheidendes und Verbindendes sorgfältig erhoben wird, kann ein Bild von Jesu Stellung im Judentum seiner Zeit gewonnen werden.

4.3 Die Frage, ob sich Jesus als Messias verstanden habe, läßt sich aus den vorhandenen Quellen nicht beantworten. Eindeutig ist jedoch, daß schon zu seinen Lebzeiten Messiaserwartungen an ihn herangetragen wurden, die nach Ostern eine grundsätzliche Wandlung erfuhren (vgl. Lukas 24,21 mit Apostelgeschichte 2,32-36).

4.4 In seiner Sendung zu ganz Israel befindet sich Jesus in der Nähe der Lehrer und Propheten, nahe den Pharisäern und Johannes dem Täufer. Die Besonderheit Jesu sehen wir in seiner vollmächtigen Auslegung der Tora im Zusammenhang mit seiner Ansage der Gottesherrschaft und mit seiner Zuwendung zu den Ausgestoßenen.

4.5 Indem Jesus von Gott her und auf Gott hin lebt, dient seine ganze Sendung der Verherrlichung des Gottes Israels.

4.6 In Entsprechnung dazu zielt Jesu Verkündigung auf die unbedingte Bindung des menschlichen Herzens und Willens an Gott. Insofern stellt die Jesus-Bewegung eine radikal auf Gott und sein Reich gerichtete Bewegung dar, die im Bewußtsein sich ereignender endzeitlicher Erneuerung lebte.

4.7 Im Blick auf Jesu Tod muß genauer bedacht werden, wer die Gegner waren, die Anstoß an Jesu Auftreten und Verkündigung nahmen und wie die Macht- und Sozialverhältnisse in Judäa und Galiläa in dieser Zeit aussahen. Es ist unhaltbar, "den Juden" die Schuld am Tode Jesu zuzuweisen, wie es in der kirchlichen Tradition weithin verbreitet war.

5. Das Judentum muß in seinem Selbstverständnis respektiert werden.

5.1 Das Judentum - als der Ausdruck der religiösen, kulturellen und nationalen Identität des jüdischen Volkes - ist als eine in geschichtlicher Kontinuität von der Antike bis in die Gegenwart lebendige Gemeinschaft zu begreifen. Dabei ist uns bewußt, daß die Identifikation mit der religiösen, der kulturellen und nationalen Tradition in verschiedenen Gruppierungen unterschiedlich war und ist. Auch diese Differenzen müssen von uns respektiert werden.

5.2 Das Judentum zur Zeit der Entstehung des Christentums darf nicht länger als "Spätjudentum" abqualifiziert werden, sondern sollte als Frühjudentum, das den Übergang vom biblischen Israel zum nachbiblischen, rabbinischen Judentum darstellt, gewürdigt werden. Dabei ist zu beachten, daß das Frühjudentum keine monolithische Größe ist, sondern aus einer Vielzahl von Gruppen und Gruppierungen besteht. Allen jedoch ist das Bemühen gemein, die Tora angemessen auszulegen und zu verwirklichen.

5.3 Auch der Pharisäismus aus der Zeit vor der Zerstörung des Zweiten Tempels ((vor 70 n.Chr.) ist nur eine der Richtungen innerhalb des zeitgenössischen Judentums. Der Pharisäismus hat zwar die Fundamente des späteren rabbinischen Judentums gelegt, darf aber nicht als das "normative Judentum" deklariert werden.

5.4 Die im Neuen Testament überlieferten generalisierenden Vorwürfe gegen die Pharisäer, die Schriftgelehrten und "die Juden" müssen wir Christen kritisch lesen. Sie sind Zeugnisse der Abgrenzung der sich neben und außerhalb des pharisäisch-rabbinischen Judentums konstituierenden frühen christlichen Gemeinde.

5.5 Wichtig ist das Studium der jüdischen zwischentestamentarischen Literatur (Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, Flavius Josephus, Philo u.a.). Insbesondere gilt es, ihre Bedeutung als Zeugnis der Wirkungsgeschichte alttestamentlicher Aussagen und Vorstellungen zu erkennen, um die Vielfalt jüdischer Schriftauslegung zur Zeit Jesu verstehen zu können.

5.6 Die Geschichte des Judentums als die Geschichte des jüdischen Volkes sollte in der Darstellung der Kirchengeschichte einbezogen werden. Dabei ist ebenso dem Einfluß jüdischer Überlieferungen auf das Christentum wie der wechselweisen jüdisch-christlichen Polemik und Apologetik nachzugehen. Vor allem aber müssen die Quellen und Ursachen für Diffamierung und Verfolgung der Juden in Ländern des Christentums bis hin zu Ausschwitz freigelegt werden.

5.7 Die Bedeutung der hebräischen Bibel, des rabbinischen Schrifttums, des jüdischen Gottesdienstes, die Bedeutung und Gattung des Religionsgesetzes und insbesondere die Tragweite wesentlicher Konzeptionen wie der Erwählung, der Messiaserwartung u.a. sollten anhand jüdischer Literatur erhellt werden.

5.8 Eine zuverlässige Information über Ziel und Geschichte des Zionismus, über den Staat Israel und insbesondere über die grundlegende Bedeutung des Landes Israel für das Judentum ist heute dringend erforderlich.

6. In Predigt und Katechese, im Gemeindegespräch und im Umgang mit kirchlicher Kunst muß unser Umdenken zum Ausdruck kommen.

6.1 Mitarbeiter im Verkündigungsdienst sollten die unterschiedliche Situation der Gemeindeglieder wahrnehmen und berücksichtigen. Bei der älteren Generation sollten Erinnerungen und Erfahrungen, Nähe und Distanz zur Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus, Verdrängung und Verarbeitung von Schuld beachtet werden. Bei Jugendlichen muß die Art und Weise bedacht werden, in der sie bisher mit der Judenvernichtung konfrontiert wurden: im Schulunterricht, bei Besichtigungen von Konzentrationslagern, in Filmen und Literatur, bei Besuchen von jüdischen Friedhöfen. Auch auf unüberlegten antijüdischen Sprachgebrauch und auf eine provokatorische Verwendung von Nazisymbolik unter Gleichaltrigen ist zu achten. Daß Kindern meist jegliche Vorstellung des jüdischen Gegenübers fehlt und sie das, was sie über jüdischen Glauben und Geschichte der Judenverfolgung hören, kaum einordnen können, darf nicht vergessen werden.

6.2 Gedenktage - wie der auf die Zerstörung Jerusalems bezogene 10. Sonntag nach Trinitatis und der zur Pogromnacht 1938 am 9. November - geben Anlaß zum Erinnern und motivieren zum Bedenken des Verhältnisses von Christen und Juden. Die Erfahrung lehrt, daß Dokumentationen mit grausamen Fakten und großen Zahlen weniger Betroffenheit auslösen als die Begegnung mit Einzelschicksalen. Insbesondere ältere Kinder und Jugendliche brauchen die Möglichkeit der Identifikation durch erzählte oder gelesene Berichte vom Leben und Leiden jüdischer Menschen, um die Ungeheuerlichkeit des Judenhasses zu ahnen. Man sollte nach Zeugnissen am Ort oder in der näheren Umgebung suchen (Beispiele in Berlin-Brandenburg sind die Überlieferungen von angeblichen Hostienschändungen in Heiligengrabe, Brandenburg und Beelitz), nach jüdischen Friedhöfen und jüdischen Spuren in der Lokalgeschichte, nach alten Menschen, die als Zeitzeugen zu berichten bereit sind.

6.3 Die Gemeinden müssen etwas erfahren von der Geschichte der Juden und der Geschichte des christlichen Antisemitismus. Nur so werden Verantwortung und Mitschuld der Christen deutlich. Die ältere Generation wird auf diese Weise herausgefordert, Meinungen zu ändern, die durch Vorurteile und Propaganda im Bewußtsein festsitzen. Für die jüngere Generation ist eine Information wichtig, die zur Auseinandersetzung mit der Geschichte führt.

6.4 In Gemeindegruppen und Arbeitskreisen sollte das Judentum als historische und lebendige Größe dargestellt werden. Für ältere Christenlehrekinder und Konfirmanden sollte jeweils eine besondere Unterrichtseinheit vorgesehen werden. Dazu sind die notwendigen Voraussetzungen in der Aus- und Weiterbildung zu schaffen. Wichtige Themen sind: Jüdischer Gottesdienst - Hebräische Bibel - Gebet - Sabbat - Festjahr - häusliche Feiern - Land Israel - Messiaserwartung.

6.5 Für Predigt, Katechese, Bibelarbeit und Kirchenmusik sind biblische Texte im Sinn der Anregung dieses Votums exegetisch, dogmatisch und didaktisch zu durchdenken. Das betrifft besonders Texte des Neuen Testamentes von der Passion Jesu, von den Streitgesprächen Jesu, von der Konfrontation der frühen Christenheit mit dem Judentum sowie viele Texte aus dem Alten Testament, wie z.B. die Verheißungen. Unterrichtshilfen und Predigtmeditationen müssen die genannten Probleme aufnehmen und Anleitung zum Umdenken geben.

6.6 In kirchlichen Kunstwerken haben vielfach antijüdische Einstellungen Ausdruck gefunden. Darauf muß bei Führungen und Verwendung von Abbildungen geachtet werden. Es geht u.a. um die bildliche Darstellung antijüdischer Legenden ("Hostienschändung" - z.B. auf den sieben Tafelbildern in Heiligengrabe), um Verwendung diffamierender Symbolik (Judensau - z.B. im Kreuzgang des Domes in Brandenburg/Havel und an der Stadtkirche in Wittenberg) und um antithetische Bildwerke von Kirche und Synagoge (z.B. am Dom in Magdeburg). Besonders bei Darstellungen der Passiongeschichte werden die Feinde Jesu in Gesichtszügen und Kleidung als Juden gekennzeichnet, nicht aber Jesus und seine Jünger (z.B. auf dem Havelberger und Naumburger Lettner), sofern die Kunstwerke an ihrer Stelle verbleiben, sollte der Betrachter durch Hinweise (auch in Form von Tafeln) auf Schuld und Betroffenheit der Kirche aufmerksam gemacht und zu neuer Sicht angeleitet werden.

Berlin, den 24, April 1990
gez. Becker (Präses)


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Andreas Schmidt,
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Letzte Änderung: 12.11.1999