Die Erwählung Israles

Andreas Schmidt

Israel ist kein Volk wie jedes andere, schon gar nicht für das Christentum. Doch was ist das Geheimnis, das dieses Volk zu etwas Besonderem macht? Es ist die Erwählung: JHWH hat Israel erwählt. »Der Christ, der die Bibel erstnimmt, muß von der Erwählung Israel als Eigentumsvolk JHWHs Kenntnis nehmen. Tut er das nicht, redet er von vorneherein an Israel vorbei.«1 Deshalb sollen anhand von ein paar Bibelarbeiten die wesentlichen Züge dieser Erwählungstheologie herausgearbeitet werden.

a. Eine theologische Größe

Martin Buber stellt seinem tiefgründigen Essay über die Erwählung Israels2 zwei Stellen aus dem Propheten Amos voran, die den Charakter dieser Erwählung näher beleuchten, und zwar von einem scheinbaren Paradox aus.

Euch nur habe ich auserkannt
von allen Sippen des Bodens,
darum ordne ich euch zu
all eure Verfehlungen.3

Seid ihr mir nicht wie die Mohrensöhne,
Söhne Jisraels?!
Habe ich nicht Israel aus dem Land Ägypten heraufgeführt
und die Philister aus Kaftor
und die Aramäer aus Kir.4

Zunächst einmal zur zweiten Stelle. Die sagt nichts weiteres aus, als daß Israel als Geschichtsvolk den Völkern der Erde nichts, aber auch gar nichts voraus hat. Dann aber müssen wir zur ersten blicken. Wenn Israel den Völkern in der Geschichte nichts voraushat, so nimmt es doch in der Heilsgeschichte eine ganz besondere Stellung ein. Und von dieser besonderen Stellung sind hier zwei Aspekte hervorzuheben:

Die Erwählung Israels ist also eine theologische Größe, die zwar immer wieder den Lauf der Geschichte stört, in ihn hineinwirkt, aber im eigentlichen Sinne keine geschichtliche Erwählung ist. Und es ist eine Erwählung, die für Israel etwas etabliert, was für die Völker nicht gilt. Mit Martin Buber: »Geschichtlich hat Israel nichts vor den andern voraus, übergeschichtlich hat es vor ihnen diesen Bund, diese Gebundenheit voraus, diese unbedingte Verbindlichkeit in allem Tun und Lassen und dieses daraus folgenden: daß alle Verfehlung an der berith ihm ›zugeordnet‹ wird.«5

b. Zentrale Elemente

Die Hebräische Bibel ist voll von Zeugnissen über die Erwählung, ihren Grund, ihre Auswirkungen für Völkerwelt und Israel. In vielen Aspekten beleuchtet sie das für Israel so zentrale Moment der Erwählung, von denen wir manche im folgenden uns genauer anschauen wollen.

1Wenn ER dein Gott dich in das Land kommen läßt,
dahin du kommst, es zu ererben,
er mehre Stämme wegstreift vor dir her, [...]
sieben Stämme, mehr und markiger als du,
2ER dein Gott sie vor dich hingibt, du sie schlägst,
banne sie, banne,
schließe ihnen nicht einen Bund, Gunst erzeige ihnen nicht,
3verschwägre dich nicht mit ihnen, [...]
5Sondern so sollt ihr ihnen tun:
ihre Schlachtstätten schleifen,
ihre Standmale zertrümmern,
ihre Pfahlbäume zerhacken,
ihre Schnitzbilder im Feuer verbrennen.
6Denn ein heiliges Volk bist du IHM deinem Gott,
dich erwählte ER dein Gott, ihm ein Sonderguts-Volk zu sein,
aus allen Völkern, die auf der Fläche des Erdbodens sind.
7Nicht weil euer ein Mehr wäre gegen alle Völker,
hat ER sich an euch gehangen, hat euch erwählt,
denn ihr seid das Minder gegen alle Völker:
8sondern weil ER euch liebt
und weil er den Schwur wahrt, den er euren Vätern zuschwor,
führte ER euch heraus mit starker Hand,
galt er euch ab aus dem Haus der Dienstbarkeit,
aus der Hand Pharaos, des Königs von Ägypten.6

Es finden sich in diesem Textstück viele wesentliche Elemente einer »Erwählungstheologie«, die gerade auch für ein christliches Bild von der jüdischen Existenz und für unser eigenes Selbstverständnis eine wesentliche Rolle spielen:

12Jetzt aber, Jisrael,
was heischt ER dein Gott von dir
als IHN deinen Gott zu fürchten,
in all seinen Wegen zu gehn,
ihn zu lieben,
IHM deinem Gott mit all deinem Herzen,
mit all deiner Seele zu dienen,
13SEINE Gebote zu wahren und seine Satzungen,
die ich dir heuttags gebiete,
dir zu Gute.
14Sind ja SEIN deines Gottes die Himmel
und die Himmel ob Himmeln,
die Erde und alles was drauf ist,
jedoch an deine Väter hing ER sich, sie zu lieben,
er erwählte ihren Samen nach ihnen, euch aus allen Völkern,
wies nun am Tag ist.7

Während im obigen Abschnitt eigentlich die Seite Gottes im Vordergrund stand, finden wir hier nun die andere Seite, die menschliche näher beleuchtet. Am Sinai hat ER sich auf einen Bund der Gegenseitigkeit, der gegenseitigen Treue mit seinem geliebten und erwählten Volk eingelassen. Beide Seiten haben Verpflichtungen einzuhalten: Gott schwört ihnen zu, ihr Gott zu sein, sie zu bewahren wie in Ägypten immerdar. Was verlangt nun Gott von Israel als Gegenleistung?

c. Israel als »Sondergutsvolk«8

Preiset oh Ihn, denn ER ist gütig,
harfet seinem Namen, denn er ist mild!
Denn erwählt hat oh Er Jaakob sich,
zu seinem Sonderschatz Jisrael.9

Israel ist sein Sonderschatz. Man kann es mit der Königsunmittelbarkeit vergleichen, was hier so gepriesen wird: die Freiheit, dem Souverän direkt unterstellt zu sein und seinen besonderen Schutz, ja auch seine besondere Wertschätzung zu genießen.

Söhne seid ihr IHM eurem Gott!
Zerfurchet euch nicht und legt nicht eine Glatze
zwischen eure Augen an um einen Toten.
Denn ein heiliges Volk bist du
IHM deinem Gott,
dich erwählte ER, ihm ein Sonderguts-Volk zu sein,
aus allen Völkern, die auf der Fläche des Erdbodens sind.10

Immer wieder kehrt die Begründung dafür wieder, daß Israel nicht heidnischen und abergläubischen Bräuche huldigen solle: weil es ein heiliges Volk, das Sonderguts-Volk Gottes ist. Nicht die Nichtigkeit dieser Handlungen steht im Vordergrund - das kommt viel später -, sondern das Anderssein durch die Erwählung. Wir müssen versuchen zu begreifen, was dies bedeutet. Dies meint ja nicht immer eine Auszeichnung, sondern oft genug eine Last. Israel darf nicht sein wie irgendein anderes Volk auf dem Erdboden, in seinem Schicksal ist es einsam, hat keinen Vergleich und keinen Genossen:

[ [Bilam] aber hub sein Gleichwort an, er sprach: ]
Ja, ich sehe es vom Haupte der Felsen,
ich erspähe es von den Hügeln:
Da, ein Volk, einsam wohnt es,
unter die Erdstämme rechnet sichs nicht.11

Gerade nach den Jahrhunderten der Judenverfolgungen, insbesondere nach der Schoa war es für so manche Juden der innigste Wunsch, endlich ein Volk wie jedes andere zu sein. Die Christenheit meint Spuren jener Einsamkeit in der Verfolgung zu entdecken, aber in dieser Verfolgung hat sie Leidensgenossen: nicht nur Christen wurden verfolgt. Aber für die Erwähltheit Israels gibt es keine Parallele, genausowenig wie für den Umgang Gottes mit seinem Volk. Vielleicht ist gerade deshalb vieles so unergründlich und für uns so unbegreiflich.

Einen Ausdruck für diesen Wunsch, endlich aus der Einsamkeit herauszutreten, findet sich bereits bei Ezechiel:

Und was aufsteigt in eurem Geist,
das wird, wird nicht geschehn,
die ihr sprecht:
Wie die Weltstämme wollen wir werden,
wie sie Sippen der Erdländer,
Holzes und Steins zu pflegen!12

»Wie die Weltstämme wollen wir werden« - Dieser Satz drückt diesen Wunsch nach Erlösung von der Last der Erwählung aus. Aber der Prophet geht nicht darauf ein, er kann nicht darauf eingehen. Es gibt kein Entrinnen. Seine bloße Antwort: »Es wird nicht geschehen.« Israel kann nichts tun, um diese Erwählung rückgängig zu machen, sie zu annullieren.

d. Ein Gott der Treue

Insbesondere bedeutet dies aber aber auch: Israel kann diese Erwählung nicht verlieren. Keine Verfehlung Israels, kein Fehlverhalten nimmt Israel die Erwählung, nichts läßt Gott sein eigenes Eigentum verstoßen:

Das ist ER, unser Gott,
in allem Erdreich seine Gerichte.
Auf Weltzeit gedenkt er seines Bunds
- der Rede, die er hat entboten
auf tausend Geschlechter -,
den er mit Abraham schloß,
seines Schwures an Jizchak;
er erstellte es Jaakob zum Gesetz,
Jisrael zum Weltzeitbund,
sprechend: »Dir gebe ich das Land Kanaan,
Schnurbereich eures Eigentums.«13

Gott erinnert sich seines Bundes, er ist ein Gott der Treue, er steht zu seinem Wort, er hält fest an seiner Entscheidung. Das ist die Kurzformel auf die man diesen Abschnitt bringen. Gott hält fest und steht zu Bund und Verheißung auf Weltzeit.

Du aber,
Jisrael, mein Knecht,
Jaakob, den ich wählte,
Same Abrahams, meines Liebenden!
du, den ich erfaßte von den Rändern der Erde her,
von ihren Achseln her habe dich ich gerufen,
ich sprach zu dir:
Mein Knecht bist du!
Gewählt habe ich dich einst
und habe dich nie verworfen,
fürchte dich nimmer,
denn ich bin bei dir,
Starre nimmer umher,
denn ich bin dein Gott,
ich stärke dich,
ich helfe dir auch,
ich halte dich auch
mit der Rechten seiner Wahrhaftigkeit.14

Wenn es auch manche Zeit der Finsternis gibt, der »Gottesfinsternis« (M. Buber), wie auch das Babylonische Exil eine war, so heißt die Erwählung Gottes auch:

Das ist die Seite der Erwählung, die Israel über die Jahrtausende bewahrt hat inmitten aller Verfolgung. Denn die fortdauernde Existenz Israels kann nicht anders verstanden werden als ein Zeichen, daß Gott über die ganze Zeit mit seinem Volk war, und zwar nicht gegen alle Widrigkeiten der Welt, sondern inmitten derselben.

e. Erwählung als Bestimmung15

Ein Geheiligtes ist Jisrael IHM,
sein Anfangsteil von der Ernte,
alle, die den zehren wollen,
müssen es büßen,
Bäses kommt an sie,
SEIN Erlauten ists.16

»Wir müssen in die Tiefe des Bildes schauen, um es recht zu verstehen. Man bringt Gott, was man zuerst geerntet hat, und das ist Israel. Warum gilt es als zuerst abgeerntet hat, und das ist Israel. Warum gilt es als zuerst geerntet? Es muß ein besonderer Sinn darin sein. Wenn man etwas mit besonderem Grund zuerst erntet, dann wohl doch deshalb, weil es zuerst gereift ist. War denn aber Israel in seiner Frühzeit, von der der Prophet redet, schon gereift, gab es innerhalb der Völkerwelt denn - denn nur diese kann das ganze Wachstum sein, von dessen Ernte gesprochen wird - bereits diesen einen Teil, der würdig war, Gott dargebracht zu werden? Die ganze Geschichte des Auszugs spricht dagegen. Es kann offenbar nicht das Bisherige sein, was die Bezeichnung Israels als qodesch, als reschit begründet, sondern nur seine ihm in seiner Frühzeit kundgegebene Bestimmung. Israel ist seiner - bisher von ihm verfehlten - Bestimmung nach ein ausgeheiligter Anfangsteil; es ist von Gott erwählt, um das zu werden.«17

Werde ein Segen.18

In mitten eines Abschnittes findet sich dieser Satz an Abraham, nachdem dieser von Gott erwählt worden war, herausgerufen, um in ein Land zu gehen, das Gott ihm zeigen will. Gott sichert ihm Nachkommenschaft zu und den Segen für diese Nachkommenschaft und die Treue gegenüber Feinden. Doch es findet sich auch eine Aufforderung an Abraham: Werde ein Segen. Die Erwählung ruht also nicht in sich, sondern beinhaltet eine Bestimmung: Zum Segen für die Welt werden. Nach dem Scheitern der Gesamtmenschheit durch Brudermord und Turmbau hat sich Gott einen Menschen auserkoren, den er zu einem Volk machen will, das den Völkern einmal die gehorsame Eintracht vorleben soll.

Werden solls:
Wie ihr eine Verwünschung seid worden
unter den Weltstämmen,
Haus Jehuda und Haus Jisrael,
so befreie ich euch,
daß ihr Segen werdet.19

Israel hat sich nicht immer dem entsprechend verhalten. Aber was wir bereits über die Erwählung sagten, gilt auch hier: Gott bleibt seinem Ansinnen treu. Der prophetische Text sagt ja ausdrücklich, wenn Juda und Israel nicht mehr ein Segen sein können, weil sie zum Fluch geworden sind, dann befreit ER sie dazu, wieder zum Segen werden zu können. Wie die Erwählung umumstößlich ist, so ist auch die daran gebundene Bestimmung unabänderlich.

So sprich zum Hause Jaakobs,
melde den Söhnen Jisraels:
Selber habt ihr gesehn, was ich an Ägypten tat,
ich trug euch auf Adlerflügeln und ließ euch kommen zu mir.
Und jetzt, hört ihr, hört auf meine Stimme
und wahret meinen Bund,
dann werdet ihr mir
aus allen Völkern ein Sondergut.
Denn mein ist all das Erdland,
ihr aber,
ihr sollt mir werden
ein Königsbereich von Priestern,
ein heiliger Stamm.20

Hier finden wir die wesentlichen Elemente des biblischen Erwählungsverständnisses noch einmal zusammengefaßt. Hören wir, wie Martin Buber die biblischen Worte umschreibt: »Ich bin der König der Welt, euch aber habe ich zu meinem unmittelbaren Königsbereich erwählt. Ihr sollt daher mein Königtum über euch errichten, aber als meine Boten und Helfer, um dadurch zu beginnen, die Menschenwelt mir zum Königreich zu bereiten. Zu solcher Verfügung und Verwendung habe ich mir euch aus meinem Welteigentum erkoren. Aber das seid ihr nur, wenn und solange ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund wahrt. Königsboten, die nicht auf die Stimme des Königs hören, sind keine mehr. Wo mein Volk meinen Bund verrät, bin ich ihm nicht mehr verbunden.«21 Die Erwählung ist nur dort wirklich, wo sie verwirklicht wird. Aber sie wird immer wieder erneuert und bekräftigt, wo ihr Anspruch gehört wird.

Noch eines verdient der Beachtung: Was bedeutet dieses Bild des Adlers? »In dem gewaltigen Zusammenhang der Selbstdeutung, den die Bibel darstellt, hat besonders das Buch Deuteronomium es sich zur Aufgabe gesetzt, den Adlerspruch zu erläutern. [...] Gegen Ende des Buches wird (32,11f) im Liede gesagt, wie das Tragen ›auf Adlerflügeln‹ zu verstehen sei. Im Adlerhorst hocken die eben flüggegewordenen, aber noch flugunkühnen Jungen. Da stört der Adler sein Nest auf, erregt die Jungen zum Flug, schwingt mit leichtem Flügelschlagen über ihnen, der Gottadler über den Völkern, wie einst im Anfang der Schöpfung sein Geistbraus über den Wassern geschwungen hatte. Dann aber breitet er Seine Flügel aus und setzt eins von den Jungen auf seinen Fittich, trägt es hinweg., um es, es in die Luft werfend und auffangend den freien Flug lehrend. Wozu wohl das eine? Wozu anders, als daß es den andern voranfliege!«22

f. »Volk Gottes«

Wir haben bisher wie selbstverständlich davon gesprochen, daß Israel Gottes Sonderguts»volk« ist, ohne jedoch genauer darauf einzugehen, was dieses Volk-Sein bedeutet. Deckt sich dieser Begriff mit dem - nicht zu Unrecht in Mißkredit geratenen - Volkbegriff, der aus der deutschen Romantik in den Nationalismus Einzug hielt?

Merke, höre Jisrael!
An diesem Tag
bist du IHM deinem Gott zum Volke geworden.23

Gerade nicht. Der Volksbegriff Israels ist kein biologischer, erst recht kein rassischer, sondern ein theologischer. Volk ist mehr und anderes als eine biologische Abstammungsgemeinschaft. Volk ist ein theologischer Begriff und eine Auszeichnung. Gott spricht hier davon, daß Israel ihm zum Volke geworden ist.

Man muß noch einmal genau hinschauen: mit Abraham erwählt sich Gott nicht ein Volk, sondern einen Mann, den und seine Sippe er zum Volk machen will, und zwar zu einem Volk, das nicht wie die Völker ist, das sich nicht über die Fortpflanzung definiert, sondern über die Zugehörigkeit zu diesem Gott und dessen Erwählung. Nicht alle Nachkommen Abrahams gehören zu diesem Volk, sondern nur die, auf die Gottes Wahl trifft. Israel ist also Abstammungsgemeinschaft, Glaubensgemeinschaft und Schicksalsgemeinschaft - alles in einem, und keines von alledem.

g. Verstoßung und endzeitliches Heil

Anbeginn SEINES Redens an Hoschea ists,
da sprache ER zu Hoschea:
Geh hin,
nimm dir ein hurerisches Weib und Kinder der Hurerei [...]
Er ging und nahm die Gomer Tochter Diblajims.
Sie wurde schwanger und gebar ihm einen Sohn.
Da sprach ER zu ihm:
Rufe seinen Namen Jesreel, »Den-Gott-sät« [...]
Sie wurde wieder schwanger und gebar eine Tochter.
Da sprach er zu ihm:
Rufe ihren Namen Lo-ruchama,
»Ihr-wird-Erbarmen-nicht«,
denn nicht weiter erbarme ich mich noch
des Hauses Jisrael. [...]
Sie entwöhnte Lo-ruchama,
wurde schwanger und gebar einen Sohn.
Da sprach er:
Rufe seinen Namen Lo-ammi,
»Nicht-mein-Volk«,
denn ihr seid nicht mein Volk,
und ich, für euch bin ich nicht da.
Aber einst wird die Zahl der Söhne Jisraels
wie des Sands des Meeres sein,
der nicht gemessen und nicht gezählt werden kann,
es soll geschehn:
an ebendem Ort, wo zu ihnen gesprochen ward:
Mein Volk seid ihr nicht!,
wird zu ihm gesprochen:
Söhne des lebendigen Gottes!
Zuhauf kommen dann die Söhne Jehudas
und die Söhne Jisraels mitsammen,
sie setzten sich Ein Haupt
und ziehen vom Lande herauf,
denn groß ist der Tag, des Den-Gott-sät.
Sprecht zu euren Brüdern: Mein Volk!
und zu euren Schwestern: Dir wird erbarmen!24

Es gibt sie, die Beziehungskrisen, auch im Verhältnis von Gott und seinem erwählten Volk. Und es ist keinem christlichen Blick entgangen, daß Gott für sein geliebtes Gegenüber auch recht drastische Worte findet. Aber selten wird daran erkannt, daß von Gottes Allgüte und seinem Allverzeihen und seiner Allbarmherzigkeit zu sprechen eben nur die halbe Wahrheit trifft. Gott ist nicht nur duldende Liebe, sondern auch eifernde Liebe. Wie wir schon gesehen haben, stellt auch die Liebe Gottes Ansprüche. Nachdem sie so viel als Vorleistung gegeben hat, will sie Gegenleistung. Und wenn diese Gegenleistung ausbleibt, dann bleibt der Zorn nicht aus. Wir werden nicht zu anthropomorph, wir ziehen Gott damit nicht als unsereinen vom Himmel auf die Erde, sondern treffen das theomorphe Wesen der Liebe, wenn wir hier vom Zorn des Eifers sprechen, vom Zorn der Liebe gar. Hier aber den Gott des Zornes zu sehen, der sich im »Neuen« Testament zum Gott der Liebe wie ein Chamäleon verwandelt, zeugt doch mehr davon, daß das Geheimnis der Liebe einem verschlossen geblieben ist, als von theologischem Sachverstand. Denn wir müssen genau hinhören, was hier geschieht:

Das heißt doch aber nicht weniger als daß der Keim für das Wiederheilwerden, für die Wiedergutmachung schon vor der Verstoßung gesät worden ist. Im Zorn der Liebe (zu unterscheiden - wenn auch menschlich gesehen schwierig - von anderen Formen des Zornes) ist die Versöhnung schon von Anfang an mitgedacht. Die Verstoßung ist keine Verstoßung im wirklichen Sinne, weil ihr die Endgültigkeit fehlt. Das kommende Heil wird vor dem Unheil gesät. Das ist auch das Unerhörliche der Verstockung Jisraels bei Jesaja: in Mitten der Droh-, Straf- und Gerichtsworten ist bereits das Heil gesät, das Deuterojesaja dereint verkünden wird, aber es wird vom Volk nicht wahrgenommen.

Wir haben viel von der Anatomie der göttlichen Liebe gelernt, wenn wir erkennen, daß es bei Gott keine Verstoßung gibt, ohne daß schon die Wiederaufnahme mitgedacht wäre, keine Erbarmungslosigkeit ohne das letztgültige Erbarmen. Wenn sich Gottes Liebe auserkoren hat, dem wird Heil zuteil werden, gerade Israel, auch wenn es in selbst- oder nicht selbstverschuldetes Unheil geraten.

Die werden mir,hat ER der Umscharte gesprochen,an dem Tag, den ich mache,ein Sonderschatz,ich will ihrer schonen,wie ein Mann seines Sohnes schont,der ihn bedient.24

Wenn sich manche Christen auch mit der Frage plagen, welchen Ausgang das Leben des jüdischen Volkes beim Jüngsten Gericht nehmen wird, so ist für Gott dies schon bedingungslos klar, so bedingungslos klar, daß er seinen Propheten er es verkünden läßt. Auch am Ende der Tage gilt: Israel ist Gottes »Sonderschatz«, dem nicht nur Gerechtigkeit widerfahren wird, sondern der geschont wird wie ein treuer Sohn. So wird es sein, ohne Wenn und Aber. Und wer anderes behauptet, nennt Gott einen Lügner, dessen Wort nichts wert ist. Gott selbst hat nur eine Möglichkeit für eine Verwerfung Israels offengelassen. Wenn wir das schaffen, dann, ja dann, würde Gott vielleicht sein Volk verwerfen:

Könnten je gemessen werdendie Himmel droben,könnten durchspäht je werdendie Erdgründe drunten,dann nur könnte ich verwerfenallen Samen Jisraels,um alles, was sie getan haben,ist SEIN Erlauten.

Doch ob das ein Mensch von sich behaupten mag, der, je mehr er entdeckt und findet, desto mehr Geheimnissen er sich gegenübersieht, das ist doch wohl eine berechtigte Frage.

h. Erwählung und Glaubensleben

Bevor wir abschließend zusammenfassen, was wir über die Erwählungs Israels gelernt haben, müssen wir noch auf etwas eingehen, was sonst gerne von christlicher Seite unterlassen wird: die praktische Konsequenz. Hat es denn eine Auswirkung auf das, wie wir das religiöse Leben der Juden einschätzen, da wir nun wissen, daß Israel das auserwählte Volk ist. Die theologische Bewertung des religiösen Lebens der Juden aus der Erwähltheit heraus schließt die Beantwortung der Frage ein (auf die wir später noch genauer eingehen werden): Haben wir vom Judentum etwas zu lernen? Oder schärfer: müssen wir vom Judentum etwas lernen?

Lassen wir einen Juden zu Worte kommen: »Die Erwählung Israels kann nicht als ein einzelner göttlicher Akt betrachtet werden, der in einem bestimmten Augenblick der Offenbarung, oder auch im Laufe des biblischen Zeitraums beschlossen wurde. Stattdessen muß sie als göttlicher Ruf verstanden werden, der durch alle Zeiten hindurch fortdauert und alle Länder [der Diaspora, Anm. d. Verf.] einschließt, als eine fortwährende Betätigung des Geistes, der immer neue Künder und Helden aufrief, um die Wahrheit, die Gerechtigkeit und den erhabenen Glauben in einer beispiellosen Verachtung des Todes zu bezeugen, und um durch Worte, durch Taten wie durch ihr ganzes Leben auf deren Verbreitung hinzuarbeiten.«26

Wenn Israel der Welt zum Segen werden soll, müssen wir dann nicht auch diesen Segen zu würdigen wissen und ihn annehmen?

Die Erwählung Israels

Gott hat sich Israel aus letztlich unergründlicher Liebe auserwählt und hat es so zu seinem Sondergutsvolk gemacht, das sich wegen seines Gottes nicht zur Völkerwelt rechnen kann. Weil JHWH ein Gott der Treue ist, gilt diese Erwählung auf Weltzeit; Gott hat Israel nie verworfen und wird es nicht verwerfen. Diese Erwählung begründet aber auch einen Auftrag an Israel: Israel soll der Welt zum Segen werden, es soll Gottes Königsbote für die Völkerwelt sein.


Fußnoten

1) Franz Mußner, Traktat über die Juden, S.18
2) Martin Buber, Die Erwählung Israels, in: ders., Werke, Bd. II
3) Amos 3,2 (MB)
4) Amos 9,7 (MB)
5) Martin Buber, Die Erwählung Israels
6) Dt 7,1-2.5-8 (MB)
7) Dt 10,12-15 (MB)
8) vgl. dazu auch Ex 19,5; Dt 7,6; 14,2; 26,18; Ps 135,4
9) Ps 135,4 (MB)
10) Dt 14,1-2 (MB)
11) Num 23,9 (MB)
12) Ez 20,32 (MB)
13) Ps 105,6 (MB)
14) Jes 41,8-10 (MB)
15) Dieser Abschnitt folgt Gedanken von Martin Buber, Die Erwählung Israels
16) Jer 2,3f (MB)
17) Martin Buber, Die Erwählung Israels
18) Gen 12,2 (MB)
19) Sach 8,13 (MB)
20) Ex 19,4f (MB)
21) Martin Buber, Die Erwählung Israels
22) Martin Buber, Die Erwählung Israels
23) Dt 27,9 (MB)
24) Hos 1 (in Auszügen (MB))
25) Mal 3,17 (MB)
26) Kaufmann Kohler, Jewish Theology, MacMillan: New York 1931, S.326


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