GESCHICHTEN AUS DEM TALMUD

Die Opfergabe der armen Frau

Zur Zeit des Tempels brachte einmal ein armes Weib eine Handvoll Semmelmehl als Opfergabe. Da schmähte der Priester sie und rief: Seht an, was diese da darbringen will! Kann man so etwas als Speise genießen? Darf man so etwas als Gabe verwenden?

Aber im Traume der Nacht wurde dem Priester gesagt: Verachte dieses Weib nicht! Vor Gott gilt es so, als hätte sie ihre Seele dargebracht.

Midrasch Vajikra r.3,4

Gottes Zorn

Eine Jungfrau geriet in Gefangenschaft; ein Grieche wurde ihr Herr, und sie wuchs in seinem Hause auf. Da kam in der Nacht der Traumengel zu dem Manne und gebot: Das Mägdlein soll aus deinem Hause ziehen! Aber das Weib des Mannes sprach: Laß sie nicht fort. Da kam abermals der Traumengel und sagte: Stößt du das Mädchen nicht aus deinem Hause, so töte ich dich. Nun faßte sich der Mann ein Herz und schickte sie fort. Aber er ging ihr nach, denn er sprach bei sich: Ich will sehen, wie das endet.

Die Jungfrau zog ihres Weges, sie wurde durstig und stieg in einen Brunnen hinab zu trinken. Als sie sich aber mit der Hand an der Brunnenwand hielt, kam auf einmal eine Schlange heraus und biß sie zu Tode. Und der Leichnam des Mädchens schwamm auf dem Wasser.

Der Grieche aber stieg hinunter, holte sie herauf und begrub sie. Alsdann sprach er zu seinem Weibe: Siehst du wohl, es ist nicht anders, als daß der himmlische Vater diesem seinem Volk zürnt.

Awot de-Rabbi Nathan I,174

In die Tiefen des Meeres

Vespasian belud drei Schiffe mit Männern und Frauen aus den vornehmsten Geschlechtern Jerusalems; die sollten in die Schandhäuser Roms gebracht werden. Die Gefangenen dachten: Nicht genug damit, daß wir den Herrn in seinem Heiligtum erzürnten, sollen wir uns noch außerhalb seines Landes gegen ihn vergehen müssen.

Die Männer fragten die Frauen: Geht ihr willig dorthin, wohin man euch führen will? Die Frauen erwiderten: Nein. Da sprachen die Männer bei sie: Wenn die, die von Natur so geschaffen sind, sich der Wollust entschlagen, um wieviel mehr müssen wir uns weigern, die man wider die Natur zur Wollust zwingen will! Doch sagt an: Wenn wir uns jetzt ins Meer stürzen, werden wir das ewige Leben haben?! - Sogleich erleuchtete der Heilige, gelobt sei er, ihr Auge, daß ihnen der Vers in den Sinn kam: "Aus der Tiefe des Meeres will ich sie holen."

Die Gefangenen auf dem ersten Schiffe erhoben sich, riefen aus: "Wenn wir des Namens unsres Gottes vergessen hätten ..." - und stürzten sich ins Meer. Die Gefangenen auf dem zweiten Schiffe erhoben sich und riefen aus: "Um deinetwillen werden wir täglich erwürgt ..." - und stürzten sich ins Meer. Die dritte Reihe der Gefangenen erhob sich und rief aus: "Gott aber wird dies ergründen; kennt er doch unseres Herzens Grund" - und stürzte sich ins Meer.

Da wehklagte der Heilige Geist und rief: "Um diese ists, daß ich weine."

Midrasch Echa r. 1,45

Hadrian und der Lebensmüde

Ein Mann namens Imikantron schrieb an den Kaiser Hadrian den folgenden Brief: Hassest du die Beschnittenen, so halte dich an die Ismaeliter; hassest du die Sabbathüter, so halte dich an die Samaritaner. Aber nein: du hassest nur dieses Volk, Israel; und das wird der Gott dieses Volkes dir heimzahlen.

Da machte Hadrian bekannt: Wer diesen Brief geschrieben habe, solle sich melden; der Kaiser habe ihm ein Wort zu sagen. Es begab sich auch einer vor den Herrscher und gestand: Ich bin es gewesen. Der Kaiser befahl, dem Manne den Kopf abzuschlagen, fragte ihn aber vorher: Warum hast du dich selbst bezichtigt? Der Mann erwiderte: Der Verurteilte wird von drei bösen Plagen befreit: von seinem eigenen Leibe, der jeden Morgen und jeden Abend seine Nahrung fordert, während der Mensch nicht weiß, woher ihn zu befriedigen; desgleichen von seinem Weibe und, letztlich, von seinen Kidern, die dasselbe heischen.

Nunmehr sprach Hadrian: Weil der Mann ein so jämmerlicherliches Leben hat, laßt ihn laufen!

Midrasch Kohelet r. 2,16

Kein Feuer am Sabbat

Hadrian, dessen Gebeine zermalmt werden mögen, sagte einst zu Rabbi Josua ben Chananja: Ich bin mehr als euer Meister, Mose. Der Rabbi fragte: Wieso? Hadrian erwiderte: Weil ich lebe und er tot ist, und es heißt: "Besser ein lebender Hund als ein toter Löwe." Da sagte der Rabbi: Vermagst du, einen Befehl durchzuführen, wonach während dreier Tage kein Bürger ein Feuer anmache? Hadrian erwiderte: Ich bin es imstande. Und er erließ das Verbot.

Am Abend desselben Tages stiegen sie beide auf das Dach des Palastes. Da sah der Rabbi einen Rauch von ferne aufsteigen. Er fragte den Kaiser: Was ist das für ein Rauch? Der Kaiser antwortete: Einer meiner Fürsten ist krank, und der Arzt hat ihn besucht und ihm gesagt: Du wirst nicht eher gesund, als bis du einen heißen Trank zu dir genommen hast.

Nunmehr sprach der Rabbi: Dein Geist schwinde! Dein Befehl ward noch zu deinen Lebzeiten zunichte. Mose aber - seitdem er die Satzung erlies: "Ihr sollt kein Feuer anzünden am Sabbattag in allen euren Wohnungen", hat noch kein Jude an diesem Tage ein Feuer angezündet. Von Moses Tagen an bis auf unsere Zeit blieb sein Befehl in Kraft. Meinst du noch immer, daß du mehr vermagst als er?

Midrasch Kohelet r. 9,4, Ruth r 3,2

Mose und Akiwa

Zu der Stunde, da Mose in die Höhe stieg, um die Tora zu empfangen, sah er den Heiligen, gelobt sei er, wie er Krönchen auf die Schriftzeichen des Buches setzte. Er fragte nach dem Grunde und erhielt zur Antwort: Ein Mensch wird kommen, am Ende einer langen Kette von Geschlechtern, mit Namen Akiwa ben Joseph; der wird auf jedem einzelnen Strichlein Berge von Gesetzen errichten.

Da sagte Mose: Herr der Welt! Laß mich ihn sehen! Und Gott hieß ihn nach rückwärts sich wenden, da war er im Lehrhause Akiwas und saß in der achten Reihe; er verstand nicht den Sinn der Dinge, die sie dort besprachen, und fühlte seine Kraft geschwunden. Die gelehrte Auseinandersetzung aber gelangte an eine Stelle, die der Erläuterung bedurfte, und die Schüler Akiwas fragten ihren Meisten: Wo stammt diese Deutung her? Er erwiderte: Sie ist noch unserem Meister Mose am Sinai überliefert worden. Wie Mose das hörte, ward er wieder ruhigen Sinnes.

Und Mose trat abermals vor den Heiligen, gelobt sei er, und sprach vor ihm: Herr der Welt! Einen solchen hast du vor zu erschaffen, und du gibst die Tora durch mich?! Der Herr erwiderte: Schweige still, das ist mein Ratschluß. Da sprach Mose: Herr der Welt! Du hast mich sein Tun sehen lassen, laß mich auch seinen Lohn sehen! Wieder sprach Gott zu ihm: Wende dich nach rückwärts. Und Mose blickte hinter sich und sah, daß das Fleisch Akiwas gewogen wurde wie Stücke geschlachteten Viehs in einem Metzgerladen. Er sprach: Das ist die Tora, und das ihr Lohn?! Gott antwortete: Sei stille, so ist mein Ratschluß.

b. Menachot 29b

Von den Tagen des Messias

Die Schüler des Rabbi Josse ben Kisma fragten ihren Lehhrer: Wann wird der Sohn Davids kommen?`Der Meister antwortete: Ich will es euch nicht offenbaren, denn ihr werdet verlangen, daß ich euch ein Zeichen für die Richtigkeit meiner Worte gebe. Die Schüler sprachen: Wir wollen keinerlei Zeichen von dir haben.

Da sagte der Lehrer: Wenn dieses Tor hier einstürzt und neu erbaut sein wird, wenn es abermals zerstört und aufgebaut sein wird und dann zum dritten Male verfallen wird, so wird, ehe das Tor wieder aufgerichtet ist, der Sohn Davids kommen. Hierauf sprachen die Schüler: Meister, gib uns ein Zeichen, daß deine Worte zutreffen. Der Lehrer erwiderte: Sagtet ihr nicht, daß ihr von mir keinerlei Zeichen fordert würdet? Die Schüler sprachen: Dennoch möchten wir ein haben. Der Sohn Kismas sagte: So möge das Wasser der Quelle Panias, der der Jordan entspringt, zu Blut werden. Und das Wasser der Quelle ward alsbald zu Blut.

Als der Lehrer verscheiden sollte, sprach er zu seinen Jüngern: Vergrabt meinen Sarg tief in der Erde, denn es wird keinen Baum in Babel geben, an dem nicht eines Persers Roß angebunden sein wird, und es wird keinen Sarg im Lande Israel geben, der nicht für die Pferde der Meder als Krippe wird dienen müssen.

b. Sanhedrin 98a, Midrasch Echa r. 1,41

Vor den Toren Roms

Rabbi Josua, der Sohn Levis, fand einst den Propheten Elia am Eingang zur Höhle des Rabbi Simeon ben Jochai. Josua fragte den Seher: Werde ich das künftige Leben erlangen? Elia antwortete: So es unserem Herrn gefallen wird. Der Sohn Levis sah zwei Männer vor sich; aber noch eines Dritten Stimme war zu hören. - Die Majestät Gottes weilte unter ihnen. -

Ben Levi fragte den Propheten weiter: Wann wird der Messias kommen? Der Seher erwiderte: Du mußt ihn selbst darum befragen. Rabbi Josua sprach: Wo befindet er sich? Elia entgegnete: Er sitzt vor den Toren Roms. Josua fragte: Woran erkenne ich ihn? Der Prophet antwortete: Er ist unter den Armen, mit Schwären Behafteten. Alle Siechen außer ihm machen die Leinwand von ihren Wunden auf einmal ab und verbinden sie darauf frisch. Der Messias allein verbindet erst die eine Wunde, bevor er von der anderen den Streifen löst. Er spricht: Vielleicht werde ich gerufen; ich will mich nicht versäumen.

Also zog Rabbi Josua nach dem Orte, wo der Messias weilte. Er trat vor ihn und sprach: Friede sei mit dir, mein Herr und Meister! Der Gesalbte erwiderte: Friede sei mit dir, du Sohn Levis. Josua fragte: Wann wird meines Herrn Ankunft erfolgen? Der Messias antwortete: Ich komme noch heute.

Hierauf kehrte Rabbi Josua zu Elia zurück. Der Seher fragte ihn: Was hat der Gesalbte dir verkündet? Josua antwortete: Er sagte: Friede sei mit dir, du Sohn Levis. Elia sprach: Mit diesem Gruße hat er sowohl dir als deinem Vater das ewige Leben verheißen. Josua sprach weiter: Er sagte, er würde heute noch kommen, und er ist nicht gekommen. Darauf sprach der Prophet: Er meinte es so: Ich komme noch heute, wenn ihr auf die Stimme Gottes hört.

b. Sanhedria 98a

Der Opferdienst im Kriege

Zu der Zeit, da das Haus der Hasmonäer seinen Bruderkrieg führte, war Hyrkanos drinnen in Jerusalem und Aristobulos draußen. Tag um Tag ließen die Belagerten einen Korb voller Denare zu den Belagerern herab, und diese gaben ihnen dafür auf demselben Wege Opfertiere für das immerwährende Opfer hinauf.

Da war im Heere des Aristobulos ein Greis, der in der Weisheit der Griechen unterrichtet war; der sprach zu den Soldaten: Solange die da oben den Opferdienst beobachten können, werdet ihr sie nicht bezwingen. Als nun die Belagerten am nächsten Tage, wie gewohnt, den Korb mit den Denaren heruntedießen, taten die Belagerer einen Eber hinein und ließen sie diesen hinaufziehen; auf der halben Höhe aber des Walles angelangt, stieß das Tier seine Klauen in das Mauerwerk, und das ganze Land Israel, vierhundert Meilen im Geviert, erbebte.

In dieser Stunde wurden zwei Sätze angeordnet: Verflucht, wer da Schweine großzieht! Verflucht, wer seinen Sohn die Weisheit der Griechen lehrt!

b. Baba Kama 82b; Sota 49b; Menachot 64b

Wenn ein Eisen stumpf wird ...

Einem der Jünger des Rabbi Simeon ben Jochai widerfuhr es, daß er alles vergaß, was er gelernt hatte. Da begab er sich unter Tränen auf den Friedhof, wo der Meister begraben lag, und wie er so bitter weinte, verfiel er in Schlaf. Im Traume aber sah er seinen Meister, der sprach zu ihm: Wirf drei Steine auf mich, und ich komme zu dir.

Der Jünger suchte einen Traumdeuter auf und erzählte ihm die Begebenheit. Da sagte der Deuter: Wenn du künftig jeden Abschnitt, den du lernst, dreimal laut wiederholst, so kommt dein Wissen wieder zu dir zurück und bleibt bei dir.

"Wenn ein Eisen stumpf wird, muß mans mit Macht wieder schärfen."

Midr. Kohelet r. 10,10

Die aufgehobene Todesstunde

Wer nicht darauf besteht, Böses mit Bösem zu vergelten, dem werden auch seine Sünden vergeben.

Raw Huna, Sohn des Raw Josua, war krank geworden. Raw Papa kam, nach seinem Wohle zu fragen; da sah er, daß der Kranke sehr entkräftet war, und sprach: Bereitet ihm Zehrung auf den Weg! - Am Ende aber genas Raw Huna, und nun schämte sich Raw Papa, ihm vor Augen zu kommen.

Daraufhin wurde Raw Papa gefragt: Was hattest du gesehen, daß du sein Ende voraussagtest? Der Rabbi gab zur Antwort: Doch, der Tod war schon über ihn beschlossen, als der Heilige, gelobt sei er, sprach: Weil dieser Mann nie auf dem Seinigen bestanden hat, so bestehet auch ihr ihm gegenüber nicht auf dem Eurigen!

b. Rosch ha-Schana 17a

Um die Auferstehung Ein Disput.

Ein Sadduzäer sprach zu Gewiha ben Pesissa: Wehe euch, ihr Schuldbeladenen, die ihr behauptet, die Toten würden wieder lebendig werden! Müssen doch die, die am Leben sind, sterben, und wie sollen da die, die gestorben sind, wieder leben?!

Der Weise erwiderte: Wehe euch, ihr Schuldbeladenen, die ihr behauptet, die Toten würden nimmer wieder lebendig werden! Wenn die, die noch nicht gelebt haben, zu Lebenden werden, um wieviel mehr die, die bereits gelebt haben!

b. Sanhedrin 90b-91a

Die goldene Regel.

Abermals erzählt man von einem Heiden, der vor den Lehrer Schammai trat und sprach: Ich will Jude werden, wenn du mich die ganze Tora lehren kannst in der Frist, da ich auf einem Beine stehe. Schammai hielt gerade einen Stab in der Hand, eine Eile zum Messen beim Hausbau, und stieß ihn damit fort.

Nun kam der Heide vor den Lehrer Hillel, und der nahm ihn auf in den Bund. Er sprach zu ihm: Was dir zuwider ist, das tu auch deinem Nächsten nicht an - dieses ist die ganze Tora, und alles übrige ist nur Auslegung. So mach dich auf und forsche!

b. Schabbat 31a

Priester und Laie.

Und wiederum wird von einem Heiden berichtet, der einst an einem Lehrhause vorbeiging und einen Lehrer den Vers ausrufen hörte: "Das sind die Kleider, die sie machen sollen: das Brustschild, denLeibrock, den Purpurrock, den engen Rock, Hut und Gürtel." Da stellte er die Frage: Für wen sind diese Kleider bestimmt? und crhielt den Bescheid; Für den Hohenpriester.

Da trat der Heide vor Schammai und sprach zu ihm: Ich will Jude werden, wofern du mich zum Hohenpriester machst. Aber Schammai stieß ihn fort mit dem Meßstab, den er in der Hand hielt.

Danach kam der Heide vor den Lehrer Hillel, und der nahm ihn auf in den Bund. Aber er sprach zu ihm: Setzt man einen Mann ohne weiteres zum König ein? Nein, er muß sich zuerst auf die Kunst der Herrschaft verstehen. Also mache auch du dich auf und erlerne die Ordnungen des Königtumes.

Da begann der Neubekehrte die Schrift zu lesen. Hier stieß er auf den Satz: "Wo ein Fremder sich dazumacht - zum Tempeldienste -, der soll sterben." Der Jünger fragte den Lehrer: Für wen gilt dieser Satz? Hillel anneortete: Er gilt selbst von David, der König war über Israel.

Nunmehr stellte der Neubekehrte einen Vergleich an zwischen dem, was nahe, und dem, was ferne ist, und sprach bei sich selbst: Die Kinder Israel werden Kinder Gottes genannt, und der Herr, da er sie liebt, nennt Israel seinen erstgeborenen Sohn; gleichwohl heißt es bei ihnen und gilt für sie, daß der dem Tempeldienst Fremde, der aus ihrer Mitte herzutritt, des Todes ist . . . Um wieviel mehr gilt dieses von dem Neubekehrten, der da so geringe ist und mit nichts daherkommt als mit seinem Wanderstabe und Mantelsack?!

Nach Tagen begab es sich, daß jene drei Bekehrten einander an einem Orte begegneten. Da sprachen sie: Der Jähzorn Schammais drohte uns aus der Welt zu verstoßen; die Sanftmut Hillels hat uns unter die Flügel der Gottheit gebracht.

b. Schabbat 31a

Das Alphabet.

Ein Perser begab sich zu dem Lehrer Raw und sprach zu ihm: Lehre mich die Tora. Da zeigte ihm der Lehrer das Schriftzeichen Alef und sagte: Sage Alef. Der Perser erwiderte: Wer bürgt mir dafür, daß dieses das Alef ist? Vielleicht sagt ein anderer: Das ist kein Alef. Der Lehrer wies ihm das Bet, und der Perser antwortete mit denselben Worten. Da schrie der Meister ihn an und entließ ihn mit einer Verwünschung.

Nun begab sich der Perser zu dem Lehrer Samuel und sprach zu: ihm Lehre mich die Tora. Der Rabbi zeigte ihm das Alef und sagte: Sprich mir nach: Alef. Der Perser antwortete: Wer sagt mir, daß das wirklich ein Alef ist? Da zog der Rabbi ihn derb bei den Ohren. Der Perser schrie: O mein Ohr, mein Ohr! Samuel sprach: Wer sagt mir, daß das dein Ohr ist?! Der Perser erwiderte: Das sehen doch alle Leute, daß das mein Ohr ist. Sprach der Rabbi: So wissen auch alle, was ein Alef ist und was ein Bet!

Nun gab der Perser Ruhe und ließ sich belehren.

Midr. Kohelet r. 7,8

Die goldene Regel.

Einer trat eines Tages vor Rabbi Akiwa und sprach zu ihm: Rabbi, lehre mich die gesamte Tora auf einen Zug! Akiwa antwortete: Mein Sohn! Hat doch selbst unser Meister Mosche, Friede mit ihm, vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berge verweilt, bis er die Lehre aufgenommen hat - und du verlangst sie auf einen Hieb zu begreifen? Aber dieses ist die Grundregel der Tora: "Was dir verhaßt ist, das tu auch deinem Nächsten nicht an. Willst du, daß keiner das Deine versehre, so versehre auch du niemandes Eigentum. Wünschst du nicht, daß jemand sich an dem Deinigen vergreife, so greife auch du nicht an, was deines Nächsten ist."

Der also Belehrte begab sich zu seinen Genossen zurück. Mit diesen gemeinsam ging er an einem Feld vorbei, das Futterpflanzen trug. Der eine Begleiter riß zwei Schößlinge aus, der andere riß ebenfalls zwei Schößlinge aus, er aber nahm nichts hinweg. Danach kamen sie an einem Krautfelde vorbei. Da raubte sich der eine zwei Kohiköpfe, und ebenso der andere, er aber nahm wieder nichts. Sie fragten ihn: Warum tust du nicht wie wir? Er gab zur Antwort: So hat mich Akiwa belehrt: Was dir selbst nicht recht wäre, das füge auch deinem Nächsten nicht zu.

Awot de-Rabbi Nathan II, 26

Segen und Fluch.

Ein Heide begegnete einst dem Rabbi lsmael und segnete ihn. Der Rabbi erwiderte ihm: Die Antwort auf dein Wort ist bereits gesprochen. Ein anderes Mal begegnete ihm ein anderer Heide und fluchte ihm. Der Rabbi erwiderte: Die Antwort ist schon gesprochen.

Die Schüler fragten ihren Meister: Wieso hast du, was du dem einen gesagt hast, auch dem anderen erwidert? Der Rabbi sprach: Sagt nicht so die Schrift: "Gesegnet sei, wer dich segnet; verflucht sei, wer dir flucht."

j. Sukka 3,54c

Der Einfluß der Frau

Ein frommer Mann hatte ein frommes Weib, aber sie hatten keine Kinder. Da sprachen sie: Unsere Ehe bringt dem Heiligen, gelobt sei er, keinen Nutzen. Und der Mann gab seiner Frau den Scheidebrief, und sie trennte sich von ihm. Er heiratete in zweiter Ehe eine böse Frau, und die machte ihn zu einem Bösewicht. Die Geschiedene wiederum heiratete einen bösen Mann und verwandelte diesen in einen frommen.

Ob der Mann gottlos wird, ob der Mann fromm wird - alles bewirkt die Frau.

Midr. Bereschit r. 17,7

Die Rose unter den Dornen

Es war einmal ein König, der hatte einen Fruchtganen, in dem waren die Obstbiume reihenweise gepflanzt: erst Feigen, dann Trauben, danach Granaten und am Ende Äpfel. Diesen Garten vertraute er einem Gärtner an.

Nach Jahr und Tag besuchte der König den Garten, um zu sehen, was der Gärtner verrichtet hätte, und fand ihn voller Dornen und Disteln. Da ließ er Männer kommen, die die Pflanzung niederlegen sollten, aber auf einmal entdeckte er mitten in dem Gestrüpp eine blühende Rose: er roch den Duft, und seine Seele wurde erquickt. Und der König sprach: Um dieser Rose willen soll der Garten erhalten bleiben!

"Wie eine Rose unter den Dornen", heißt es im Hohenlied.

Midr. Schir ha-Schirim r. 2,2

Stroh, Stoppel und Spreu

Das Stroh, die Stoppel und die Spreu rechteten miteinander. Ein jedes von ihnen sprach: Um meinetwillen ist das Feld besät worden. Da sprachen die Weizenkörner zu den dreien: Wartet, bis ihr in die Scheuer kommt; dann werden wir erfahren, um wessentwillen das Feld besät worden ist.

Sie kamen auf die Tenne, und der Bauer worfelte das Getreide; da zerstob die Spreu in alle Winde. Dann nahm der Landmann das 5twh und streute es auf die Erde. Die Stoppeln verbrannte er.

Und die Körner schichtete er zu Haufen auf.

Midr. Bereschit r. 86,4

Die Strafe

Raw Rechumi pflegte all seine Zeit im Lehrhause seines Meisters Rabba zu Machosa zuzubringen; doch kehrte er jedes Jahr einmal, am Rüsttage des Versöhnungsfestes, zu seiner Frau heim, Einmal jedoch studierte er mit so großem Eifer und vertiefte sich dermaßen in die Schrift, daß er versäumte, nach Hause zu kommen.

Indes schaute seine Frau nach ihm aus und sprach: Nun kommt er doch wohl! Nun muß er doch kommen! Aber er kam nicht.

Da wurde ihr Herz zage, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Und drüben saß ihr Mann in seiner Dachstube und forschte weiter in der Schrift. Da gab der Boden unter ihm nach, er stürzte hin und war tot.

Gottes Ort

Ein Heide fragte einmal den Rabban Gamliel: An welchem Orte befindet sich Gott? Der Lehrer erwiderte: Das weiß ich nicht. Da sagte der Heide: Ist das eure Weisheit? Ihr betet zu ihm Tag für Tag und wißt nicht, wo er weilt?

Rabban Gamliel sagte darauf: Du hast mich um etwas gefragt, was einen Weg von dreitausendfünfhundert Jahresreisen* von mir entfernt ist; laß mich also dich zuerst fragen nach einem Ding, das bei dir ist, bei Tage und bei Nacht. Der Heide sagte: Frage mich.

Da fragte der Rabbi: Die Seele, die in dir ist, wo ist sie? Sage mirs! Der Heide antwortete: Das weiß ich nicht.

Midr. Tehillim 103,5 (gekürzt)

Gottes Verborgenheit.

Der Kaiser sprach zu Rabban Gamliel: Ich weiß, was euer Gott treibt, und wo er weilt.

Da seufzte Rabban Gamliel schwer auf. Der Kaiser fragte ihn: Warum stöhnst du so? Der Rabbi erwiderte: Ein Sohn von mir ist über Meer gefahren, ich habe Sehnsucht nach ihm und möchte, daß du ihn mir zeigest. Der Kaiser sprach: Woher soll ich wissen, wo er ist? Der Rabbi erwiderte: Was sich auf Erden zuträgt, weißt du nicht, und du meinst zu wissen, was im Himmel geschieht?

b. Sanhedrin 39a

Gütigkeit - nicht Opfer

Jochanan ben Sakkai war unterwegs, als sein Schüler Josua ihn ereilte und ansprach mit den Worten: Wehe uns, daß der Tempel gefallen ist, das Gebäude unseres Lebens, die Opferstätte, durch die wir immer entsühnt wurden! Der Meister erwiderte: Es sei dir nicht leid; ein anderes Sühnemittel ist uns dafür zuteil geworden.

Der Schüler fragte: Welches? Und Jochanan ben Sakkai antwortete: Ich meine das Wohltun, wie auch der Prophet gesagt hat: "Gütigkeit heische ich, nicht Opfer."

Awot de-Rabbi Nathan I,4

Mann und Weib

Die Jünger fragten den Rabbi Josua: Warum ist der Mann leicht zu überreden, das Weib aber nicht? Er erwiderte ihnen: Adam wurde aus Erde erschaffen, und wenn du einen Erdenkloß mit Wasser benetzest, wird er sogleich geschmeidig; Eva aber wurde aus der Rippe gebildet, und wenn du einen Knochen auch tagelang in Wasser weichst, er löst sich nicht auf.

Sie fragten ferner: Warum heftet der Mann beim Gehen den Blick auf den Bodcn, das Weib aber blickt empor?

Er antwortete: Der Mann schaut das an, woraus er geschaffen ist, und das Weib schaut den an, aus dem sie geschaffen ist.

Sie fragten weiter: Warum sucht der Mann das Weib und nicht das Weib den Mann? Er gab zur Antwort: Ich will euch ein Gleichnis sagen: Wenn einer etwas verloren hat, so sucht er das, was er verloren hat; nicht aber sucht das Verlorene den Verlierer.

Midr. Bereschit r. 17,8 (umgestellt und gekürzt)

Der Blinde mit der Laterne

Rabbi Josse erzählt:

Mein Lebtag mühte ich mich, um hinter den Sinn des Verses zu kommen, der da lautet: "Du wirst tappen am Mittag, wie ein Blinder im Dunkeln tappt"; denn was macht es, so meinte ich, einem Blinden aus, ob er im Finsteren weilt oder im Hellen? Dann aber begegnete es mir, daß ich die Richtigkeit jenes Wortes erkannte.

Eines Tages närnlich ging ich in dunkler Nacht meines Weges und sah einen Blinden mir entgegenkommen, der trug eine brennende Laterne in der Hand. Ich fragte ihn: Mein Sohn! Wozu bedarfst du einer solchen? Er erwiderte: Solange ich die Laterne halte, können die Menschen mich sehen und mich vor Gruben warnen, vor Dornen und Disteln, die auf meinem Wege sind.

b. Megilla 24b

Von der Zunge

Rabban Gamliel sagte einst seinem Sklaven Tabi: Geh auf den Markt und besorge mir etwas Gutes zu essen. Da brachte ihm der Sklave eine Zunge. Ein anderes Mal sprach der Rabbi zu ihm: Geh auf den Markt und hole mir etwas, was nicht gut ist. Da brachte ihm der Sklave wieder eine Zunge. Nun sprach Rabban Gamliel: Was soll das heißen? Wenn ich dir sage: etwas Gutes - so bringst du mir eine Zunge, und sage ich: etwas nicht Gutes - so bringst du mir wieder eine. .. Der Sklave erwiderte: Von der Zunge kommt das Gute, von der Zunge kommt das Böse; ist sie gut, so kommt nichts ihrer Güte, ist sie schlecht, so kommt nichts ihrer Schlechtigkeit gleich.

Rabbi, der Fürst, gab einst seinen Jüngern ein Mahl, und zwar setzte er ihnen Zungen vor, einige weich gesotten, einige, die waren zäh geblieben. Sie aber suchten sich aus der Schüssel die gargekochten aus und ließen die halbrohen unberührt. Da sprach Rabbi zu ihnen: Verstcht wohl, was ihr tut, und handclt danach; cure eigenen Zungen, wenn ihr miteinander redet, sollen sanft sein.

Midr. Vajikra r. 33,1

Wort und Tat

Rabbi Tarphon und die Ältesten alle waren in der Oberstube des Hauses Nitesa zu Ludd versammelt. Da wurde die Frage aufgeworfen: Was ist bedeutender: die Lehre oder das Tun? Rabbi Tarphon antwortete darauf und sprach: Das Tun ist die Hauptsache. Rabbi Akiwa aber antwortete entgegengesetzt: Die Lehre geht vor.

Und alle bekannten einhellig: Die Lehre geht vor, denn die Lehre führt zur Tat.

Awdan und Ismael

Rabbi, der Fürst, trat ins Lehrhaus ein; die Jünger eilten auf ihre Plätze, nur lsmael ben Josse, der sehr schweren Leibes war, schritt langsam durch die Reihen. Da rief Awdan, der vertraute Jünger Rabbis, aus: Wer ist der Mann, der über die Köpfe des heiligen Volkes hinwegschreitet?

Ismael antwortete: Ich bin Ismael, der Sohn des Rabbi Josse, und hingekommen, damit mich der Meister unterweise. Awdan fragte darauf: Bist du denn dessen würdig, daß der Meister dich die Tora lehre? lsmael erwiderte: War Mose denn würdig, die Tora zu vernehmen aus dem Munde der Allmacht?

Awdan sprach: Bist du denn Mose? Ismael entgegnete: Ist denn dein Meister Gott?

b. Jewamot 105b

Die Welt geht ihren Gang.

Die Philosophen stellten an die Ältesten der Juden zu Rom die folgende Frage: Wenn euer Gott dem Götzendienst so feind ist, warum hebt er ihn nicht auf? Die Ältesten gaben zur Antwort: Beteten die Heiden zu einem Ding, dessen die Welt nicht bedarf, Gott würde es auf der Stelle vernichten. Aber siehe da, sie beten die Sonne, den Mond, die Sterne und die Planeten an, und sollte Gott um der Narren willen seine Welt zerstören?! Nein, er läßt die Welt so, wie sie eingerichtet ist, und die Toren, die ihren Wandel verderben, werden dereinst Rechenschaft darüber abzulegen haben.

Dazu ein Gleichnis: Ein Mann hat einen Scheffel Weizen gestohlen und das Korn als Saatkorn verwandt - sollte Gott nun diesen Samen nicht aufgehen lassen?! Nein, die Welt geht ihren Gang wie eh und je, über die Schuldigen aber ergeht das Gericht.

Ein anderer Fall: Ein Mann hat seines Nächsten Weib beschlafen - sollte Gott sie nun nicht schwanger werden lassen?! Nein, die Weltordnung bleibt, wie sie gewesen ist, nur die Übeltäter verwirken ihre Strafe.

Die zehn Dinge

Zehn Dinge gibts in der Welt, davon ist eines immer stärker als das andere. Mächtig ist der Berg, aber das Eisen gräbt sich in ihn ein. Hart ist das Eisen, aber das Feuer schmelzt es. Glühend heiß ist das Feuer; das Wasser löscht es. Gewaltig ist das Wasser; die Wolke saugt es auf und trägt es. Schwer und drohend hängen die Wolken am Himmel; der Wind zerstreut sie. Groß ist die Kraft des Windes; aber der Mensch bezwingt ihn. Stark ist der Mensch; aber der Schmerz zerbricht ihn. Furchtbar ist der Schmerz; der Wein vertreibt ihn. Berauschend ist der Wein; der Schlaf läßt den Rausch vergehen.

Es gibt aber eines, das stärker ist als alle zehn: das ist der Tod. Allein die Tugend überwindet den Tod.

b. Baba Batra 10a

Vom frühen und späten Leide

Man erzählt von einem Manne, der seines Weges ging und unversehens von einem Wolfe angefallen wurde, der Bestie aber glücklich wieder entkam; wohin er nun gelangte, dort berichtete er, was ihm mit dem Wolf widerfahren war. Es begab sich darauf, daß er einmal auf einen Löwen stieß, sich aber noch rechtzeitig retten konnte; hinfort pflegte er überall zu erzählen, wie er dem Löwen entronnen war. Schließlich wurde ihm eines Tages eine Schlange gefährlich, doch glückte es ihm ebenfalls, sich in Sicherheit zu bringen. Da vergaß er, was ihm mit dem Wolf und dem Löwen geschehen war, und spradi von nichts anderem mehr als von der Schlange.

b. Berachot 13a

Der Weinstock Israel

Rabbi Simeon ben Lakisch sagte: Das Volk Israel ist mit einem Weinstock zu vergleichen: die Reben sind der Stand der Bürger, die Trauben sind die Jünger der Lehre, die Blätter sind das einfache Volk, die Auswüchse sind die unnützen Buben.

Dieses entspricht dem Worte, das von Babel nach Israel übermittelt wurde: Die Trauben haben für das Gedeihen der Blätter zu beten, denn ohne Blätter müßten die Trauben verkümmern.

b Chullin 92a

Die Hindin der Morgenröte

Es ergab sich einst ein Gespräch zwischen den zwei Lehrern Rabbi Chija dem Älteren und Rabbi Simeon ben Chalafta. Sie wanderten gegen Tagesanbruch durch die Ebene von Arbel in Galiläa und sahen die Hindin der Morgenröte am Horizont hervorbrechen.

Da sagte Chija zu Simeon: Gelehrtensproß! Diese Morgenröte ist mir ein Sinnbild für die künftige Erlösung Israels; sie kommt erst strich- und strahlenweise, dann aber leuchtet sie heller und heller, bis der ganze Osten erglänzt und die Sonne aufgeht.

j. Berachot 1,2c; j. Joma 3,40b (vgl. Ps 22,1)

Die hier vorgestellten Geschichten aus dem Talmud sind entnommen aus Emanuel bin Gorion [Hrsg.], Geschichten aus dem Talmud, Insel: Frankfurt am Main 1985. Alle Rechte dafür liegen bei Verlag und Autor.
Andreas Schmidt
eMail: Andreas.P.Schmidt@gmx.de

Letzte Änderung am 12.11.1999