DER PFEIL IM KÖCHER

Eine Deutung des Gottesknechtes nach Gedanken von Martin Buber als Chance für eine neue Sichtweise für die Messianität Jesu

ANDREAS SCHMIDT

INHALT


TEIL I
Deuterojesajas Gottesknecht1

Ein neues Messiasbild

Denn ein Neugeborner
ist uns geboren,
ein Sohn
ist uns gegeben,
auf seiner Schulter
wird die Fürstenschaft sein.

Seinen Wundernamen ruft man:
Ratsmann des heldischen Gottes,
Vater des Siegesgewinns,
Fürst des Friedens.

Zu reicher Fürstenschaft
und zum Frieden ohne Ende
über Dawids Stuhl,
über seiner Königsmach,
zu gründen die, sie zu stützen
mit Gerechtigkeit, mit Wahrhaftigkeit,
von jetzt in die Zeit fort:
vollbringen wird das SEIN des Umscharten Eifer.

Jes 9,4-6
Hier bei Jesaja erscheint der Messias, der Gesalbte noch als der wahre König, der erfüllende Statthalter, der neue Dawid, der endlich erfüllt, was Gott von ihm erwartet als SEIN Stellvertreter auf Erden, der herrschen wird, der siegen wird, dessen Herrschaft nicht ins Irrsal führt. Hier ist der Messias noch das mächtige Gegenbild gegen die tatsächlichen Könige, die aber Israel an den Abgrund führen, weil sie sich nicht als JHWHs Statthalter, ihm völlig verantwortlich begreifen. Hier noch ist die Möglichkeit klar vor Augen: Es wird einen solchen Herrscher geben, und das in aller Bälde. Er ist bereits geboren.

Demgegenüber wird die deuterojesajanische Messiaskonzeption weitaus leiser und weniger mächtig daherkommen. Das Exil hat seine Wunden geschlagen und damit auch die Messiashoffnung umgeprägt. Alles Davidische ist getilgt, der Knecht ist eine prophetische Gestalt, der eine besondere Tragik innewohnt, die noch zu erfassen sein wird. Es ist dieselbe Hoffnungsbotschaft, die dieser Schüler Jesajas verkündet, aber verändert, weil durch Leiden gereift, durch Enttäuschung gealtert. Wie sollte auch in der politischen Machtlosigkeit des Exils noch ein davidischer Herrscher aufsteigen, welchen Thron sollte er ergreifen?

Es steht wohl außer Zweifel, daß Deuterojesaja in Kyros, dem persischen Herrscher zu Anfang den Messias sah, genau jenen herrscherlichen Messias, der Jesaja verkündete, aber dann feststellen mußte, daß Kyrus keineswegs bereit war, sich JHWH unterzuordnen. So hat Deuterojesaja, als er die Flugblätter seiner Botschaft zu einem ganzen ordnete und überarbeitete, den Gottesknecht oftmals bewußt als Gegenbild zu Kyrus gezeichnet. So folgt auch das erste Gottesknechtlied direkt auf eine Ankündigung der Taten des Kyrus.

Das erste Gottesknechtlied (Jes 42,1-9)
Die Erwählung

Mein Knecht hier,
an dem ich halte,
mein Erwählter,
dem meine Seele gnadet,
auf ihn gebe ich meinen Geisthauch,
den Weltstämmen führe er Recht hin.
Bereits hier ist etwas zu konstatieren, was nie ganz aufzulösen sein wird: das Verhältnis von Israel und dem Gottesknecht: beide werden als Knecht bezeichnet, beide sind SEINE Erwählte, an beiden hält ER, doch scheint der Knecht einer zu sein, an dem ER Gefallen gefunden hat und dem er deshalb seinen Geisthauch gibt.

Deuterojesaja greift hier die Motivik seines Lehrers Jesaja auf, auch dort (Jes 11) ist der Gesalbte einer, auf dem SEIN Geisthauch ruht, der Recht schafft (zu beachten bei Deuterojesaja ist immer wieder die Tatsache, daß er sich an die "Weltstämme" wendet), doch die kraftvolle Beschreibung seines Richtens, der Wirkung des Geisthauchs fehlt, als stehe sie, allgemein bekannt, im Hintergrund, auf dem Deuterojesaja sein Neues ausbreitet.

Nicht schreit er,
nicht erhebt,
nicht läßt auf der Gasse seine Stimme er hören,
ein geknicktes Rohr bricht er nicht,
einen glimmenden Docht, den löscht er nicht ab,
Welch eine Beschreibung eines, der der Welt das Recht hinführen soll: nicht einmal wie ein wortgewaltiger Prophet erhebt er die Stimme, schon gar nicht braucht er Gewalt wie Kyrus. Hier sieht man, wie Deuterojesaja zwar in der Tradition Jesajas steht, aber dessen Bild vom Gesalbten umprägt, sicherlich im vollen Bewußtsein der Spannung, die aus diesem herauswächst.
Recht führt hinaus er in Treuen.
Er selber verglimmt nicht
und knickt nicht ein,
bis das Recht er setzte auf Erden
und seine Weisung die Ozeanküsten erwarten.
Doch so schwach er erscheinen mag, so machtlos dieser Knecht JHWHs der Welt erscheinen mag: seine Flamme, das Licht des Heils wird nicht verlöschen, weil es den Menschen ausgebrannt hat, auch wird er nicht brechen, er wird standhaft bleiben, bis die Aufgabe erfüllt ist, bis eine neue gerechte Ordnung des Erdreichs Wirklichkeit wird, bis die Ozeanküsten Gottes Weisung nicht nur hören, sondern gar erwarten.

Dieses Motiv ist im Auge zu behalten: ein Knecht, der schwach ist, ohne Macht und Gewalt, doch aber nicht zu schwach für die größte aller Aufgaben, ein deuterojesajanisches Paradox, das wohl den Schlüssel zum Verständnis darstellt.

So hat der Gottherr, ER, gesprochen,
der die Himmel schuf und sie spannte,
der die Erde breitete zusamt den aus ihr Gesprossnen,
der dem Volk auf ihr Odem gab,
Hauch den sie Begehenden:
In dieser Nähe zur Beschreibung der Gestalt des Knechts steht nun die Macht JHWHs als des Schöpfergotts, ohne den nichts geschaffen wäre, nichts Leben hätte. Er, der alle Macht der Welt hat, er sucht sich nicht einen mächtigen Herrscher, der gewaltsam das Reich Gottes heranbringt, er sucht sich einen, der seine Stimme nicht erhebt und niemandem etwas zuleide tut.
ICH rief dich an in Bewährung,
ich fasse dich an der Hand,
ich will dich verwahren,
ich will dich begeben
zu einem Volksbund,
zu einem Weltstämme-Licht,
blinde Augen zu erhellen,
aus dem Kerker Gefangne zu führen,
aus dem Hafthaus, die in Finsternis sitzen.
In gedrängter Folge steht hier etwas sehr Großes, nämlich - wie wir noch an anderer Stelle sehen werden - ein Zeitplan, besser: eine Abfolge. Zunächst die Berufung (die hier im Imperfekt steht, also bereits geschehen ist - meint sich hier Deuterojesaja selbst?), dann das An-der-Hand-Fassen, dann das Verwahren (von dem später noch die Rede sein wird), dann erst das Begeben zu einem Volksbund. Erst nach dem Verwahren wird der Knecht zum Kristallisationskeim zu einem Bund, der nun nicht mehr nur die Stämme Israels umfaßt, sondern alle Weltstämme, erst dann wird er offenbar zum Licht für alle Welt, zum Licht für die in Finsternis leben, zum Befreier aller Welt.
ICH BIN DA: das ist mein Name,
rneinen Ehrenschein gebe ich nicht einem andern,
noch den Meißeldocken meinen Lobpreis:
das Frühre, hier, es kam,
Neues melde ich an,
eh es wächst, lasse ich euch es erhorchen.
Und das alles wird ER wirken, der sich als der Daseiende offenbart hat. So wie er Israels Untergang und das Exil ankündigte, so wie Jesaja also die Zerstörung wahrheitsgemäß ankündigte, so wird auch die Deuterojesajanische Frohbotschaft vom messianischen Zeitalter in Erfüllung gehen (und damit auch die jesajanische Freudenbotschaft - freilich in äußerlich veränderter, aber im Kern gleichgebliebener Form).

Das zweite Gottesknechtlied (Jes 49,1-13)
Verborgenheit und Offenbarung

Hört auf mich, Ozeanküsten,
fernher aufmerkt, Nationen!
Wieder sind die Nationen betroffen, diesmal sogar ergeht das ganze Lied an sie.
ER berief mich vorn Schoße weg,
von meiner Mutter Leib auf gedachte er meinen Namen.
Hier spricht unverkennbar Deuterojesaja, woraus sich unmittelbar ergibt, daß dieser sich in einer noch genauer zu analysierenden Beziehung zum Knecht JHWHs sah. Die Berufung ist bereits geschehen, wie wir oben sahen, und es ist Deuterojesaja damit gemeint. Und er war schon vom Mutterleib an von Gott ausersehen.
Er machte meinen Mund einem scharfen Schwert gleich
- hat im Schatten seiner Hand mich versteckt!
er machte mich zu einem blanken Pfeil
- hat in seinem Köcher mich verborgen!
Ja mehr, Gott hat ihn mit einer scharfen Zunge ausgerüstet, Gott hat den Künder Deuterojesaja mit einer besonderen rhetorischen Begabung ausgestattet. Doch nun folgt vielleicht das Seltsamste: Gott hat es ihn nicht nutzen lassen, er hat im Schatten seiner Hand ihn versteckt. So unbegreiflich, wie es für uns jetzt erscheint, noch viel unbegreiflicher muß es auf Deuterojesaja gewirkt haben (manche deuten es auf seine in seinen Augen geringe Schreibertätigekeit an Kyrus' Hof), er steigert dieses noch durch das Bild des spitzen Pfeils, der im Köcher verborgen bleibt. Das Paradox des Gottesknechts, das wir vorhin bereits ansprachen, erhält hier eine neue Schattierung, eine persönlich und tragische: in der Berufung mit Macht versehen, durfte sie sich doch nicht auswirken.
Er sprach zu mir:
Mein Knecht bist du,
Jisrael du, mit dem ich prangen darf.
Wieder haben wir die eigenartige Verknüpfung von Israel und dem Knecht im Auge zu behalten: hier wird der Knecht, gar Deuterojesaja als Israel angesprochen. Dies ist kein Versehen, auch kein späterer Fremdzusatz (entstammt wohl aber einer Überarbeitung durch Deuterojesaja selbst), wie manche Forscher vermuten, sondern gewolltes Paradox, um aufs Innigste, ja aufs Unauflösbare die Gestalt des Gottesknechts mit Israel, sein Schicksal mit dem Israels, sein Erlösungswerk mit der Erlösung Israel zu verknüpfen. Das eine ist ohne das andere nicht zu begreifen. Zwar ist der Gottesknecht ein einzelner, eine ganz konkrete Person, gleichwohl ist sie unlösbar an das Kollektivum Israel gebunden: der Knecht kommt aus Israel und verläßt Israel nie, als würde er in eine göttliche Sphäre gehoben.
Und doch habe ich sprechen müssen:
Ins Leere habe ich mich gemüht,
in Irrsal und Dunst meine Kraft alIvertan -!
Gleichwohl:
mein Recht war bei IHM,
mein Werklohn bei meinem Gott.
Wer kann ermessen, was hinter diesen beiden Zeilen steht: ins Leere gemüht, die Kraft vertan, mit Macht begabt und doch ein scheinbares Scheitern. Ja, dieses Schicksal begreift er erst jetzt: er ist der verborgene Pfeil im Köcher. Erst jetzt sieht er, daß sein Leiden und Mühen, seine Verzweiflung nicht umsonst war, erst jetzt, in einer späteren Phase seines Wirkens weiß er: es war nicht vergebens, es war im Dienste Gottes.
Jetzt aber
hat ER gesprochen,
der vom Mutterleib auf mich bildete zum Knecht sich,
Jaakob zu ihm zurückkehren zu lassen,
daß Jisrael zu ihm heimgebracht werde
- gewichtig bin ich in SEINEN Augen
und mein Gott ist mein Sieg nun -,
er sprach:
Zu gering ists dafür daß du mir Knecht wardst,
zu erstellen Jaakobs Stäbe,
die Bewahrten Jisraels umkehren zu lassen, -
den Weltstämmen gebe ich dich zum Licht,
daß meine Freiheit werde bis an den Rand des Erdreich.
Ja, es wurde ihm kundgetan, was diese unbegreifliche Wirkungs- und Machtlosigkeit vor dem Hintergrund der Machtbegabung für einen Sinn hatte. Seine Aufgabe ist es, Jisrael zu ihm zurückkehren zu lassen. Man spürt, die Euphorie der Erleichterung, des Bestätigtwordenseins ist noch nicht verebbt: er fühlt sich wieder wichtig, sein - nach außen als Scheitern erscheinendes - Wirken ist ein Sieg, für ihn ein Triumph. Obgleich die Aufgabe, Israel zu JHWH zurückzubringen, nicht vollendet ist, wird hier seine Aufgabe noch ausgeweitet: nicht nur Israel, der ganzen Welt soll er zum Licht werden, der ganzen Welt soll er die Freiheit bringen.

In diesem überschwenglichen Enthusiasmus ist einen Moment innezuhalten, um eine Frage zu stellen: Ist diese gewaltige Aufgabe denn in einem Menschenleben zu bewältigen, wenn gar die kleinere und doch schon zu große Aufgabe seltsam unbewältigt blieb? Ist sich Deuterojesaja dessen nicht bewußt, warum macht er keinen zweiflerischen Einwand vor dem Hintergrund seiner leidlichen Erfahrungen?

So hat ER gesprochen,
der Auslöser Jisraels,
sein Heiliger,
zu dem Seelenverachteten,
zum Abscheu der Stämmewelt,
zum Knecht der Zwingherrn:
Könige werdens sehn, und aufstehn,
Fürsten, und sich niederwerfen,
um SEINER willen, daß er treu ist,
des Heiligen Jisraels, der dich wählte.
Eine Teilantwort erfolgt hier. Keineswegs vergißt Deuterojesaja seine Nichtigkeit in der Welt, und damit auch die Nichtigkeit des Knechts in der Welt. Im Gegenteil: es ist eine Stunde, da die Vergeblichkeit seiner Arbeit am stärksten in Erscheinung tritt, er muß den verachteten Knecht irdischer Herrscher abgegeben (wieder das deuterojesajanische Schicksal?), und es ist dieselbe Stunde, da dieser Knecht offenbar werden soll: Könige, Fürsten werden es sehen und vor JHWH niederknien.

Deuterojesaja weiß sich sicher, es wird kein Scheitern werden, auch wenn es lange so aussieht: der Sieg wird kommen.

So hat ER gesprochen:
In der Stunde der Gnade
antwortete ich dir,
am Tag der Befreiung
half ich dir,
ich will dich aber verwahren,
ich will dich aber begeben
zu einem Volksbund,
das Erdreich herzustellen,
verödete Eigentume einzueignen,
zu den Gekerkerten zu sprechen:
Fahret aus!
zu denen in Finsternis:
Werdet offenbar!
JHWH hat Deuterojesaja die Aufgabe an der neuwerdenden Menschenwelt in einer unmittelbaren Anrede anvertraut, und doch will ER ihn "verwahren" und dann erst "begeben" zum verkörperten Bund des geeinten Menschenvolk. Zuerst kommt die Verborgenheit, dann erst das Offenbarwerden, die Befreiung, das Licht.

Und wieder ist die Frage zu stellen: Ist das in einem Menschenleben zu schaffen? Hat sich Deuterojesaja eingebildet, das in seinem eigenen nichtigen Leben zu schaffen? Hat er sich eingebildet, daß er derjenige sei, mit dem Gott all das wirken wird? Und: ist Deuterojesaja der Knecht? Oder ist der Knecht mehr, umschließt dieser also den Propheten?

An den Wegen sollen sie weiden,
auf allen Kahlhängen ist ihnen Weidegrund,
sie werden nicht hungern,
sie werden nicht dürsten,
nicht schlägt sie Samum und Sonne,
denn sie lenkt ihr Erbarmer,
an Wassersprudel leitet er sie.

All meine Berge mache ich zu Weg,
hoch laufen meine Straßen:
diese da kommen von fern,
diese da vom Norden, vom Westmeer;
diese vom Siniterland.
Jubelt, ihr Himmel,
frohlocke, Erde,
brecht, ihr Berge, in Jubel aus,
denn ER tröstet sein Volk,
seiner Gebeugten erbarmt er sich.

Die messianische Freudenbotschaft des Jesaja, verknüpft mit dem Werk des Gottesknechts, verwoben mit der Trostbotschaft an die Exilierten zeichnet hier ein großartiges Bild von der hereinbrechenden messianischen Zeit: es ist nicht nur Israel, das befreit ist und wird, das zurückkehrt, es sind auch die Menschenvölker, die in der Finsternis eingekerkert waren und nun zum Licht befreit sind, so daß man mit Martin Buber sagen kann: "Die Völker der Erde werden in den Stand eines Volkes versetzt, so daß sich die Tröstung Israels steigert zu einer Tröstung des ganzen Menschenvolks."

Das dritte Gottesknechtlied (Jes 50,4-9)
Der Beistand

Gegeben hat ER, mein Herr,
mir eine Lehrlingszunge.
Daß ich wisse,
den Matten zu ermuntern,
weckt er Rede am Morgen.
Am Morgen weckt er das Ohr mir,
daß ich wie die Lehrlinge höre.
Die jesajanische Botschaft war überschattet von einer seltsamen Verborgenheit der Botschaft von der messianischen Volksbefreiung: "Die Bezeugung ist einzuschnüren, die Weisung ist zu versiegeln in meinen Lehrlingen." (Jes 8,16) Jetzt soll sie aus der Verborgenheit hervordringen.2 Wieder begegnen wir dem Paradox: das Messianische wird verwahrt auf einen späteren Zeitpunkt, hier gar für ganze Generationen. Wenn wir unsere Frage von eben im Hinterkopf behalten, so scheint sich hier eine Antwort anzudeuten.
Geöffnet hat ER, mein Herr,
mir das Ohr.
Ich aber, ich habe nicht widerstrebt,
ich bin nicht nach hinten gewichen,
den Schlagenden gab ich hin meinen Rücken,
den Raufenden meine Wangen beide,
mein Antlitz habe ich nicht verborgen
vor Schimpf und Bespeiung.
Deuterojesajas Ohr wurde geöffnet. Was hat er gehört? Welches Geheimnis wurde ihm aufgetan? Hat es etwas damit zu tun, daß er mit einer Selbstverständlichkeit, die für uns nur schwerlich zu begreifen ist, sich mit dem Knecht identifiziert und doch nicht der Knecht ist?
Mir hilft ER, mein Herr,
darum wurde ich nicht zum Schimpf;
darum konnte ich mein Antlitz kieselgleich machen,
ich wußte, daß ich nicht enttäuscht werde:
nah ist, der mich bewährtspricht!
Wer will mit mir streiten?
treten miteinander wir vor!
wer ist mein Rechtsgegner?
er stelle sich mir!

Da, mir hilft ER, mein Herr, -
wer ists,
der mich bezichtigen mag?
da, allsamt
zerfasern sie einem Gewand gleich,
die Motte frißt sie auf.

Es folgt ein großes Bekenntnis Deuterojesajas (oder des Knechtes?) zu seinem Herrn, zu dem Daseienden, zum beistehenden Gott, der alle Feinde wie Nichts erscheinen läßt. Welche Wort von einem, der sein Mühen für JHWH, sein Leiden für JHWH einst als vergebens erachtete. Wir können nur erneut die Frage stellen: was hat Deuterojesaja gehört, welches Geheimnis wurde ihm enthüllt?

Das vierte Gottesknechtlied (Jes 52,13-53,12)
Das Leiden

Wohlan,
ergreifen wirds mein Knecht,
wird sich erheben.
emporgetragen werden,
mächtig ragen.
Eben wie vor ihm die Vielen erstarrten
- so unmenschlich verderbt war sein Aussehn,
ungleich Adams Söhnen seine Gestalt -,
so wird er die vielen Weltstämme überraschen,
Könige werden ihren Mund über ihn spötzen,
denn was ihnen nie erzählt wurde,
das sehen sie,
wovon sie nie hörten,
des werden sie inne:
Das Geheimnis, um das wir uns hier mühen, es wird offenbar werden, wenn der Knecht es "ergreifen" wird, wenn er "emporgetragen" wird. Der Knecht tritt aus der Verborgenheit, aus der Verderbtheit seines Aussehens, und er wird alle überraschen, und das Geheimnis Deuterojesajas, dessen auch er selbst innewurde, es wird allen kundgetan.
- Wer konnte vertrauen dem für uns Erhorchten?
SEIN Arm,
an wem hat er sich da offenbart?!
Aber ein so großes Geheimnis war es doch nicht. Man hat es "erhorcht", doch kein Vertrauen geschenkt, weil es doch gar zu unglaublich war. Und warum war es so unglaublich: weil der Träger dieser Botschaft so ganz anders war als die Vorstellungen, die man sich von dem Gesalbten machte.

Im folgenden legt Deuterojesaja den zurückblickenden Königen das in den Mund, was er erhörte. Wichtig dabei ist, daß es die Völker sind, die hier reden, nicht Israel.

Wie ein Keimling stieg er auf vor sich hin,
wie eine Wurzel aus dürrer Erde,
nicht Gestalt hatte er, nicht Glanz,
daß wir ihn angesehn hätten,
nicht Aussehn,
daß wir sein begehrt hätten,
von Menschen verschmäht, gemieden,
ein Mensch der Schmerzen,
der Krankheit bekannt,
wie wenn das Antlitz sich vor mir verbergen muß:
so verschmäht -
wir achteten sein nicht.
Dieser Knecht hat eine unscheinbare, unansehnliche Gestalt. Die Leiden, die Deuterojesaja erfahren hat, sind hier gesteigert: aus dem Leiden wurde eine aussatzartige Entstellung, aus dem Verachtetsein ein Gemiedensein. Kurzum: Deuterojesaja hat begriffen: es ist das ganz andere, der ganz andere Mensch, den Gott zum Träger seiner Offenbarung macht, und zwar gerade in Ausnutzung seiner erbärmlichen Menschlichkeit.
Dennoch:
unsere Krankheiten hat der getragen,
unsere Schmerzen sie hat er aufgeladen -
und wir,
wir achteten ihn für einen Schadengeplagten,
einen von Gott Geschlagnen und Niedergebeugten!
er aber,
durchbohrt war er für unsre Abtrünnigkeiten,
gemaimt für unsre Verfehlungen,
Züchtigung uns zum Frieden war auf ihm,
durch seine Strieme wurde uns Heilung:
wir alle,
wie Schmalvieh hatten wir uns verlaufen,
jeder seines Wegs hatten wir uns gewandt,
Im Rückblick erkennen die aus den Völkern sind, daß dieser Knecht in seinem Leiden all die Verfehlungen und Abtrünnigkeiten auf sich nahm, an ihnen litt. Hier wird an der Gestalt des Knechtes jener Gedanke Israel erschreckende Wirklichkeit: nämlich die enge Verknüpfung von Sünde und Krankheit: die Sünden und Verfehlungen werden zu Krankheiten am Leib des Knechtes.

Am Horizont der deuterojesajanischen Theologie taucht ein neuer Gedanken auf: es gibt ein Leiden um Gott und seines Begehrens willen, und dieses Leiden erfüllt eine Funktion, die freilich im Dunkeln bleibt und die wir auch nicht vorschnell versuchen sollten zu beantworten. Doch sollten wir auch die konkrete geschichtliche Erfahrung des Deuterojesaja nicht aus den Augen lassen: leidet ein Künder nicht daran, wenn seine Botschaft scheinbar nicht auf fruchtbaren Boden fällt? Kann ein Teil des Sinnes dieses Leidens nicht darin begründet liegen, daß ein Warten auf die rechte Stunde schon im Sinne Gottes sein kann?

Wichtig an dieser Stelle ist noch zu betonen, daß dieser Knecht die Verfehlungen der Völker trägt, nicht die Israels. Denn es ist zum einen ein Grundelement des JHWH-Glaubens, daß Israel unmittelbar zur Rechenschaft gezogen wird und gezüchtigt wird für das, woran es sich verfehlte. Zum anderen erhebt die Freudenbotschaft die Stimme mit der Erklärung Gottes, daß die Verfehlungen Israels weggewischt sind, also vergeben sind. Es sind die Völker der Welt, um deren Willen er leidet.

ER aber ließ auf ihn die Fehlbuße treffen
für uns alle.
Getrieben wurde er,
und er, er beugte sich hin,
öffnete nicht den Mund,
wie ein Lamm,
das zur Schlachtbank gebracht wird,
wie ein Mutterschaf,
das vor seinen Scherern verstummt,
öffnete nicht den Mund.
Auch hier erfährt die Erfahrung Deuterojesajas eine Steigerung: aus dem willigen Ertragen der Leiden wird ein williges Gehen in den Schlachttod. Es liegt in der Sendung dieses Knechtes begründet, daß er sterben muß, und dieser lehnt sich auch nicht dagegen auf.
Aus der Abgehegtheit,
aus dem Gerichtsbann
ist er genommen worden,
aber in seinem Geschlecht, wer mochte klagen,
daß er abgeschnitten war aus dem Land der Lebendigen,
ihm der Schade geworden war aus der Abtrünnigkeit meines Volks!
Man gab sein Grab neben Frevlern an,
neben Übeltätern bei seinen Toden3,
obgleich er nie Unbill getan hatte,
Betrug nie in seinem Mund war.
Wichtig ist noch einmal, daß hier die Könige der Völker sprechen, die - jetzt nach dem Offenbarwerden - bekennen, daß dieser Knecht ohne Schuld zu Tode kam wegen der Abtrünnigkeit des eigenen Volks, sie sehen den Horizont ihrer Verantwortung.

Aber das ist nicht das Wichtige an dieser Stelle. Das Wichtige ist, daß hier ein seltsamer Plural steht: bei seinen Toden. Man darf nicht vorschnell darüber hinweglesen. Wir haben ja noch die offenen Fragen im Hinterkopf, die in uns beim Lesen der anderen Gottesknechtlieder aufgekommen sind. Könnte sich nicht hier eine Antwort anbahnen? Findet sich nicht unsere Frage bestätigt, ob diese Aufgabe nicht für ein Menschenleben zu groß ist? Steht hier nicht ganz beiläufig: ja, natürlich ist diese Aufgabe für einen Menschen zu groß, es ist eine unbestimmte Anzahl von Menschen, die im Dienste dieser Aufgabe stehen, und es ist eine unbestimmte Anzahl von Menschen, die des Unrechts getötet wurden, die litten wegen der Sünden der Völker, die litten um ihres Gottes JHWH willen.

- So wollte es ER:
sein Zermalmter.
den er verkränkt hatte,
setzt seine Seele das Schuldopfer ein,4
soll noch Samen sehen,
Tage längern,
und durch seine Hand gerät SEIN Wille.
Die Antwort scheint sich zu bestätigen, denn mit dem Tod ist ja nicht alles aus, es gibt eine Zukunft nach dem Tod, obwohl ja die individuelle Auferstehung ein dem Deuterojesaja völlig fremder Gedanke ist. Der Knecht "soll noch Samen sehen", er soll die Frucht seines Leiden sehen. Damit kann nicht eine einzelne Person mit dem Gottesknecht gemeint sein, ohne einen dem Deuterojesaja fremden Vorstellungskreis hineinzubringen. Die Gestalt des Knecht ist eine Gestalt, aber nicht eine Person, sondern mehrere Personen, wobei die Zahl wohl auch für Deuterojesaja unbestimmt bleibt.

Was ist damit gemeint "setzt seine Seele das Schuldopfer ein"? Wir müssen uns mit aller Schärfe der Vorstellung eines stellvertretenden Menschenopfers erwehren, da dies bereits seit Abraham in Mißkredit stand, nein, was hier dem Wort nach gemeint ist, ist das Opfer, das ein Aussätziger für sich am Tage seiner Reinigung darbringen soll (Lev14,11ff). Und dann erinnert diese Stelle doch an die gewaltige Szene bei Jesaja, wo seine Zunge mit der glühenden Kohle erst gereinigt werden muß von den Verfehlungen des Volkes. Was sich dort auf Israel bezog, bezieht sich nun auf die Völker der Welt. Also nicht der Tod ist das Opfer, sondern: bevor das Messianische Zeitalter hereinbrechen kann, bevor der Knecht es herbeiführen kann, muß er, der alle Verfehlungen in Form von Krankheit am eigenen Leib erfuhr, in einem Opfer sich davon reinigen, was sich überträgt auf das Hinwegwischen der Verfehlungen auch bei den Völkern, ein wahrhaft kosmisches Ritual.

Der Pein seiner Seele los
wird er sehen,
wird ersatten
an dieser seiner Erkenntnis:
Bewähren sollte die Vielen der Bewährte, mein Knecht,
indem er ihre Fehle sich auflud,
drum teile ich die Vielen ihm zu,
die Menge teilt er als Beute,
dafür daß er entblößte seine Seele zum Tode,
unter die Abtrünnigen gerechnet ward.
Und trug doch, er, die Sünde der Vielen,
für die Abtrünnigen ließ er sich treffen.
Die Aufgabe, den der Knecht in den vielen Personen erfüllen sollte, wird offenbar: "Bewähren", jenes höchste Gut menschlichen Lebens, die Geschöpfe des Schöpfers ihrer Schöpfungsintention zuführen.

Was uns Deuterojesaja hier gibt, ist ein kurzer Abriß, und wir sollten uns davor hüten, ihn auszudeuten, weil wir darin ansonsten nur das finden werden, was wir finden wollen. An Deuterojesaja war es nämlich nicht, die eigene Kunde mit sich selbst unwirksam zu machen. Am Ende erst, wenn der Knecht offenbar wird, dann wird sich das Geheimnis, dieses Mysteriums auflösen. Nur so kann die große Einsicht der König erst gen Ende kommen. Wir können zwar immer wieder Spuren erheischen, doch vieles wird für uns stets unerklärlich bleiben.

Eine Gestalt, viele Personen

Wie wir gesehen haben, ist mit dem Knecht also weder Kyrus, dessen Gegengestalt er ja gerade darstellt, noch Deuterojesaja, obwohl Deuterojesaja viele Züge des Knechtes trägt, ja, der Knecht ist überhaupt keine einzelne Person. Der Knecht ist eine Gestalt, die viele (wieviele?) Personen verwirklichen, jede auf einer unterschiedlichen Stufe.

Aus dem, was Deuterojesaja dargetan war, können wir drei Stadien des Wegs ausmachen, den die Gestalt des Knechtes geht. Das erste ist das prophetische: In ihm spiegelt sich die Vergeblichkeit des Mühens der israelitischen Propheten wider, was sich in dem Bild des Pfeiles, der im Köcher verwahrt worden ist, ausdrückt. Das zweite Stadium ist das Tun des Leidens: der Knecht erduldet nicht nur das Leid, sondern vollzieht es, und es ist ein Leiden um Gott und seines Begehrens willen. Er bereitet das messianische Zeitalter, indem er die Völker entschuldet. Das dritte Stadium ist schließlich das Gelingen des Begehrens: das leidgeborene Werk, die Befreiung der versklavten Völker, die dem Knecht obliegt, der Gottesbund des Menschenvolks, der im Knecht seine menschliche Mitte hat. Jetzt wird der Pfeil abgeschossen, jetzt wird die Herrlichkeit offenbar, jetzt beginnt das messianische Zeitalter.


TEIL II
Messianität Jesu5

Methodische Vorerwägungen

Die Behandlung des jesuanischen Selbstverständnis ist für uns ungleich schwieriger als die Behandlung der deuterojesajanischen Gottesknechtlieder, da dort Deuterojesaja selbst niederschrieb und die Endredaktion vornahm, hier aber wir nur Zeugnisse finden, die gleich einem Palimpsest mit einer Vielzahl der Deutungen, der Antworten auf Jesus, den historischen Jesus übermalen. Wie hätte auch das schon für Jesus wohl Unbegreifliche für die Tradenten begreiflich sein sollen. Doch das soll uns nicht zur Resignation verleiten, wohl aber der hier gegebenen Deutung schon vor ihrem Ausgesprochenwerden Grenzen setzen: sie wird in vielem hypothetisch bleiben und allenfalls den Anspruch haben, eine Stimme im großen Chor der Stimmen, der Deutungsmuster zu sein, eine besonders kraft- und hoffnungsvolle vielleicht, zumindest jedoch eine plausible.

Der exegetische Weg, den wir hier beschreiten müssen, wenn wir Jesus vor dem Hintergrund des deuterojesajanischen Gottesknechts sehen wollen, ist das Bubersche Hinhören, wo der historische Jesus sichtbar wird, wo wir Rückschlüsse auf sein Selbstverständnis und seine Person machen können. Wenn wir klären wollen, ob Jesus mit dem Gottesknecht in Verbindung gebracht werden kann, so können wir uns nicht darauf verlassen, daß er als derselbe verkündigt worden ist, wenn er wirklich der Knecht ist, so kennt nur er - wenn überhaupt - das Geheimnis. Wie gesagt: vieles auf diesem Weg wird hypothetisch erscheinen, aber wir haben keinen anderen.

Das Tauferlebnis

Man darf sich die Taufberichte wohl allesamt als kerygmatische Ausgestaltungen denken, aber die historische Forschung ist inzwischen davon überzeugt, daß die Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer mit zu den gesichertsten Fakten im Lebenslauf Jesu gehört, da sie stets dogmatisch unbequem war. Und auch Buber macht vorallem in der markinischen Fassung der Taufgeschichte einen historisch echten und zudem für Jesu Persönlichkeitsentwicklung (sofern in der Dürftigkeit der Indizien davon gesprochen werden darf) bedeutsamen Kern aus. Was geschah, bleibt uns wohl nicht nur wegen des Quellencharakters der Evangelien verborgen, sondern weil es ein höchst intimes Ereignis war, den Prophetenberufungen vergleichbar: "Du bist mein Sohn." Die Überlieferung bewahrt sicherlich zurecht diesen Spruch, der wohl nach außen hin am besten wiedergibt, was wirklich geschah. Jedenfalls hat Jesus unmittelbaren Kontakt gewonnen zu seinem Gott. Und nicht ohne Grund beginnt er hiernach das Wirken Jesu. Ein Mensch wird herausgerufen zu einem ganz besonderen Dienst.

Die Frage

An einer weiteren Stelle tritt aus dem dogmatisch überzeichneten Dunkel das Licht eines Menschen aus Fleisch und Blut, ja, eines besonderen Menschen, dem die Last seiner Besonderheit bestimmt nicht immer leicht war. Was sonst mit Bekenntnis Petri betitelt, ist in Wahrheit eine ernstzunehmende Frage Jesu, die Antwort Petri ist Nebensache.
Jeschua und seine Talmidim zogen weiter, in die Städte von Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er seine Talmidim: "Wer sagen die Leute, daß ich sei?"
"Manche sagen, du bist Jochanan der Eintaucher," antworteten sie ihm, "andere sagen, Elijahu, und noch andere, einer der Propheten."
"Aber ihr," fragte er, "wer sagt ihr, daß ich sei?"
Kefa antwortete: "Du bist der Maschiach"
Da ermahnte sie Jeschua, niemandem von ihm zu erzählen.
Mk 8,27-30 (JNT)
An dieser Stelle bricht etwas hervor, was bislang im Markus-Evangelium nicht dagewesen ist, und die Frage Jesu danach, wer er denn nun sei, darf nicht einfach so abgetan werden, als füge sie sich ohne Probleme in sein Lehren. In dieser Frage spiegelt sich ein seelischer, ein existentieller Vorgang wider, und Martin Buber hat recht, wenn er sagt: "Wohl aber ist von jedem, der Jesus weder für einen nur zum Schein in Menschengestalt gekleideten Gott noch für eine Paranoiker hält, zu erwarten, daß er die menschliche Selbstgewißheit, und sei es die höchste Gewißheit des höchsten Menschen, nicht als eine ungebrochene Linie ansehe." Und in der Tat wäre es entwürdigend, wenn der Jesus, der in seinen Heilungen ein so inniges Verständnis für die existentiellen Probleme der Menschen zeigte, der immer wollte, daß diese Menschen Gott begreifen, gerade dann auch die, die er sich als seine Schüler auserwählt hat, es wäre entwürdigend, wenn dieser Jesus jetzt an seine Schüler herantritt, um sie testen zu wollen oder um sie pädagogisch (?) auf das richtige Verständnis seiner Person hinweisen wollte.

Vielmehr ist doch hier ein Mensch zu finden, der nach all den Dingen, die er vollbracht hat, wozu Gott ihn begabt hat, nach all den Dingen, die er gelehrt hat und mit denen er die Autoritäten provozierte, spürte, daß es nicht auf ewig weitergehen kann. Er war doch nicht blind gegen die Zeichen der Zeit, die alles andere als eine offene Aufnahme signalisierten. Und vielleicht ist auch ein Zusammenhang zu dem zu sehen, was in dem vorausgehenden Abschnitt berichtet wird, daß die Aufnahme seiner Lehren nicht so unproblematisch ist, daß die Botschaften, die für ihn so selbstverständlich sind, von anderen - und zwar nicht von irgendwelchen anderen, sondern seinen eigenen Schülern, die mit ihm leben - nicht verstanden werden, vielleicht hat in diesem Fall Johannes (Joh 6,66) den historischen Kern am besten bewahrt und Jesus wurde gar von Teilen seiner Jüngerschaft verlassen. Jeder Mensch kennt dies doch: auch Erfolge können ihn nicht davon abhalten, irgendwann nach der eigenen Identität zu fragen. Und so klar, wie man als ein Leser, der eine zweitausendjährige Theologiegeschichte vor Augen hat, es nimmt, ist es ja in der Tat nicht: Jesus erhält auf seine Fragen die unterschiedlichsten Antworten: Johannes der Täufer, Elia, Prophet, Messias, die aus ihres herausragenden Charakters so gut wie nichts gemein haben. Und auch die Antwort des Petrus ist eine zutiefst persönliche. Jesus nimmt sie zur Kenntnis, er bestätigt sie nicht, er widerlegt sie nicht. Ob ihn diese Rolle, die ihm zugeschrieben wird, ängstigt, ob sie ihn freut, ob er sie innerlich ablehnt, man erfährt nichts darüber. Man erfährt nur, daß er nicht will, daß die anderen davon erfahren. Warum dies aber? Spürt man hier nicht - wie schon bei den Wundern - einen Widerwillen, eine Ahnung, daß ihm diese Rolle des Heilsbringers zu groß ist, daß er sich zu sehr als Mensch fühlte, um das zu erfassen, vielleicht fängt Jesus hier an, wirklich zu begreifen, wie der Anbruch der Gottesherrschaft zutiefst mit seiner Person verknüpft ist, vielleicht begreift er hier (sicherlich schmerzlich) wie groß die Macht ist, die ihm verliehen und wie er sie doch nicht nutzen kann oder darf.

Jesus und der Gottesknecht

Und er fing an, sie zu lehren, daß der Sohn des Menschen viel Leid erdulden und von den Ältesten, den Haupt-Kohanim und den Torahlehrern verworfen werden müsse; daß er hingerichtet werden müsse; doch daß er nach drei Tagen wiederauferstehen werde.
Er sprach sehr offen über diese Dinge. Kefa nahm ihn beiseite und begann ihn zu tadeln. Doch er drehte sich um, sah seine Talmidim an und wies Kefa zurecht. "Weiche hinter mich, Satan!" sagte er, "denn dein Denken entspricht menschlichem Standpunkt, nicht dem Standpunkt Gottes!"
Mk 8,31-33 (JNT)
Kann man nicht auch hierin die Spur eines historischen Ereignisses sehen? Es ist natürlich fraglich, ob unmittelbar auf jenen Bruch in der Selbstgewißheit Jesu dies folgte, aber ein plausibler Zusammenhang ist offenkundig und wurde (richtigerweise) vom Evangelist redaktorisch ausgedrückt. Nimmt man noch eine andere Stelle hinzu, so erhält man ein klareres Bild.
Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohnes sein. (Mt 24,27)

Zuvor aber muß er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. (Lk 17,25)

Jesus hat sich als Träger der messianischen Verborgenheit verstehen gelernt. Und er lehrte seine Jünger diese Erkenntnis, wie Jesaja seine Schüler lehrte, damit zu einem späteren Zeitpunkt es offenbar werden sollte. Er hat erkannt, daß seine Aufgabe die Aufgabe des Knechtes sein soll, daß seine persönliche Leiden zu seinem Dienst gehören. Doch welche Station des Weges ist ihm zugedacht, wird er das Offenbarwerden bringen? Wird er die messianische Zeit bringen? Vieles spricht dafür, daß er - zumindest anfangs - fest davon überzeugt war, daß mit ihm das Gottesreich, die messianische Gottesherrschaft beginnt, anders wäre auch die Naherwartung der Urgemeinde kaum zu erklären. Die Logien vom gekommenen Gottesreich müssen ohne Wenn und Aber als bare Münze genommen werden. Waren die Zeichen auch nicht demensprechend:
Geht und verkündet Johannnes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt. (Lk 17,22)
Ganz so, wie es in den messianischen Verheißungen lautete:
[Ich will dich begeben,]
blinde Augen zu erhellen,
aus dem Kerker Gefangne zu führen,
aus dem Hafthaus, die in Finsternis sitzen.
Jes 42,7

SEIN, meines Herrn , Geist ist auf mir,
weil ER mich gesalbt hat,
mich entsandt hat,
Glücksmär zu bringen den Demütigen,
zu verbinden die gebrochenen Herzen,
zuzurufen den Gefangenen: Loskauf!
Eingekerkerten: Auferhellung!

Jes 61,1
Doch genauso muß man die Logien vom kommenden, wenn auch unmittelbar bevorstehenden Gottesreich für bare Münze nehmen. Mit voranschreitender Zeit und wachsender Widerstände, vielleicht auch sich mehrenden Enttäuschungen sind wohl auch die Zweifel gewachsen, ob er es ist, der alles offenbar werden macht.

Die Botschaft des Seder-Mahles6

Was wir meist als kirchliches Ritual "Abendmahl" vollziehen und uns dabei innerkirchlich um dessen Bedeutung streiten, was in der hellenistischen Gemeinde genauso ritualistisch als Herrenmahl begangen wurde, das war ursprünglich das Seder-Mahl im Rahmen des jüdischen Pessach-Festes. Bevor wir genauer untersuchen, was diese Episode im Leben Jesu für unsere Betrachtung bedeutet, wollen wir zunächst einmal den ursprünglichen bzw. heute noch praktizierten Ablauf und die ursprüngliche Bedeutung hervorheben.

Das Pessach-Fest findet im Monat Nissan statt und erinnert aus den Auszug aus Ägypten:

In diesem Monat hielt das Volk Einzug in die Geschichte, ein junges, soeben geborenes Volk wurde Mitglied der Völkerfamilie. Nicht für Jahrhunderte, allem Anschein nach für immer. 7
Zum Pessachmahl, das an das in Eile und stetiger Erwartung und bereit für Reise eingenommen wurde, spielen drei Dinge eine besondere Rolle: ungesäuertes Brot, die sogenannten Matzen, was die Eile und das Brot des Elends verkörpert, das Pessachlamm als das Zeichen der Bewahrung und als das Zeichen des ersten Essens in der Freiheit und bittere Kräuter als Zeichen dafür, daß die Ägypter das Leben der Israeliten schrecklich bitter gemacht hatten, damit sie den Unterschied zwischen dem Brot der Knechtschaft und dem Brot der Freiheit zu schätzen wissen.

Auf dem Seder-Tisch steht die sogenannte Seder-Schüssel, in der heutzutage durch ein Knochen liegt, an dem kaum Fleisch ist, weil wegen des fehlenden Tempels es kein Lamm geben. Darunter, das ist für uns bedeutsam, liegen drei Matzen, mit eineer Serviette zugedeckt. Nach einer Volksüberlieferung symbolisieren sie von oben nach unten: Cohen (Priesterkaste), Levi (Tempelsänger) und Israel (das Volk), so daß ganz Israel als dem Fest beiwohnend gedacht wird. Zu Anfang des Seder-Mahles bricht der Hausherr ein Stück der mittleren Matze ab und versteckt sie bis zum Ende der Mahlzeit. Dann wird die Seder-Schüssel hochgehoben und alle am Tisch sprechen zusammen auf aramäisch Dies ist das Brot des Elends, das unsere Vorfahren im Lande Ägypten gegessen haben.

Am Seder-Abend werden vier Becher Wein getrunken, ein fünfter wird nach volkstümlichem Brauch für Elia reserviert. Der erste wird nach dem obigen Anfang der Seder-Feier getrunken. Dann folgen die Fragen der Haggada, wo vorallem jüngere Familienmitglied spielend-fragerisch die Thematik des Abends ins Gespräch bringen. Dann beginnt die Erzählung aus der Haggada. Danach gleitet man in freiere Gespräche, Erinnerungen o.ä. ab, bevor man Bibelstellen analysiert wie z.B. auch die Zehn Plagen. Zuletzt werden die Symbole des Abends erklärt und die Hallel-Psalmen 113 und 114 gesungen, bevor der zweite Becher getrunken wird. Dann beginnt das eigentliche Mahl. Am Ende wird die zurückgehaltene Matze hervorgeholt und unter die Anwesenden verteilt. Dann wird der dritte Becher getrunken. Damit ist das Mahl beendet, der Seder aber geht weiter, indem man die Türe weit öffnet, denn heute ist die Nacht, der der Schutz Gottes über dem Volk liegt, was vorallem in der Vergangenheit nicht ungefährlich war, da Diebe und Mörder diesen Moment nur abwarteten. Zum Schluß wird der vierte Becher gefüllt, der von einer Zusammenstellung der Psalmen 79,6-7; 69,25 und Klgl 3,66 begleitet ist und somit als Becher des Zornes gelten kann, und die Psalmen 115-118 sowie 136 zu singen.

Nun kommen wir zu Jesu Letztem Mahl, wie es bei Lukas geschildert wird:

Es kam aber der Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Passah geschlachtet werden mußte. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passah, daß wir es essen. Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, daß wir es bereiten? Er aber sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr in die Stadt kommt, wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt. Folgt ihm in das Haus, wo er hineingeht! Und ihr sollt zu dem Herrn des Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir: Wo ist das Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann? Und jener wird euch einen großen, mit Polstern belegten Obersaal zeigen, dort bereitet.
Als sie aber hingingen, fanden sie es, wie er ihnen gesagt hatte; und sie bereiteten das Passah.
Und als die Stunde gekommen war, legte er sich zu Tisch und die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passah mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, daß ich es gewiß nicht [mehr] essen werde, bis es erfüllt sein wird im Reich Gottes. Und er nahm einen Kelch, dankte und sprach: Nehmt diesen und teilt ihn unter euch! Denn ich sage euch, daß ich nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde, bis das Reich Gottes kommt.
Und er nahm Brot, dankte, brach und gab es ihnen und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis! Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch [Mk: für viele] vergossen wird. (Lk 22,7-29)
Es ist unverkennbar, daß hier ein Seder-Mahl geschildert wird, auch wenn die Datierung nicht klar ist.8 Doch das Seder-Mahl steht unter einer seltsam zwiespältigen Atmosphäre: es ist die Nacht, in der die Todesahnung Jesu Raum gewinnt: "Jesus erkennt nun, daß sich das Schwert [aus Sach 13,7], die Macht, die Vernichtung gegen ihn richten muß, was aber nicht einem Scheitern gleichkommt, sondern einem nötigen Opfergang." Es ist das Mysterium des Deuterojesaja, das hier immer klarer für Jesus heraufdämmert: er ist es nicht, der das Offenbarwerden bringen wird. Er wird einen jener Tode sterben.

Bevor wir nun die sog. "Abendmahlsworte", die ja bis zur evangelistischen Redaktion einiges an Überlieferungsgeschichte durchgemacht haben - insbesondere im Hellenismus, analysieren können, sollten wir zunächst das dogmatische heiße Eisen anpacken: Brot = Leib Jesu? Wein = Blut Jesu? Ich möchte nicht wissen, wie viele dogmatische Schlachten um das Wörtchen "ist" geführt worden sind, zu dem Pinchas Lapide pointiert bemerkt, daß es Jesus wohl nie gesprochen habe, da es das Hebräische/Aramäische nicht kenne. Wir müssen festhalten: der Blutgenuß war für Juden in allen Zeiten verpönt, vom Essen des Leibes eines Menschen ganz zu schweigen. Wie sollen wir aber dann diese Worte erfassen? Schalom Ben-Chorin9 gibt uns vielleicht den Schlüssel, wenn er eine im Talmud übliche Redewendung zugrundelegt, die Jesus vielleicht mit dem Seder-Mahl verknüpft hat: "Heute bin ich noch in Fleisch und Blut unter euch, morgen schon nicht mehr." Hier bedeuten Fleisch und Blut die Leibhaftigkeit im Gegensatz zur göttlichen Ewigkeit. Könnte es nicht sein - fern aller sakramentalen Magie -, daß Jesus die Jünger in der Bitterkeit des Abends darauf hingewiesen hat: "Hier, mein Fleisch, hier, mein Blut" und ihnen damit implizit die Botschaft seines Endes mitteilte? Ein Wort- und Bilderspiel, wie es der jesuanischen Botschaft keineswegs fremd ist!

Die berühmten Abendmahlsworte sind nun nichts anderes als die Worte, die Jesus sprach, als er die letzte Matze austeilt. Was ist nun darunter zu verstehen, wenn Jesus sich mit dieser Matze identifiziert. Vielleicht hilft uns hier der Gedanke, den wir eben in einem alten Volksbrauch entdeckten, daß nämlich die Matzen als die Verkörperung Israels verstanden wurden. Jesus identifiziert sich mit Israel, ganz so wie sich Deuterojesaja mit Israel identifiziert. Sein Leiden ist auch das Leiden Israels. Das Brot, das für Israels Elend in Ägypten steht, steht auch für sein Elend. Und wir dürfen diesen Worten nicht eine gewisse Bitterkeit absprechen. Ganz im Sinne der Haggada wird hier in einer Aktualisierung und Umprägung der letzliche Sinn der Seder-Symbole erklärt.

Die Weinworte in der markinischen Fassung deuten nach Ben-Chorin nur auf eine weitere Umdeutung des Seder-Mahles hin: normalerweise ist das Trinken des vierten Becher ja von Zornesworten für die Völker begleitet. Hier nun aber heißt die Botschaft, dei nicht nur an Israel, sondern an "viele" ergeht: "Nicht der Zorn Gottes wird ausgegossen, kein Zornesbecher wird den vielen zu trinken gegeben: Der Becher, der ausgegossen wird, ist der neue Bund, in welchem sich Gottes Liebe und Barmherzigkeit offfenbart."10 Wobei anzumerken ist, daß im Hebräischen/Aramäischen "neu" stets nicht als Gegensatz zu "alt", sondern als "erneuert", "frisch", "von unverbrauchter Lebenskraft" zu verstehen ist. 11 Hier finden wir den deuterojesajanischen Universalismus wieder. Auch Jesus, der ja seine Aufgabe ursprünglich nur an den Juden verstand, hat nunmehr erfahren, daß der Auftrag über Israel hinausgeht, daß die Völkerwelt in einer seltsamen Weise miteingeschlossen ist.

Jesus nimmt das Seder-Mahl und seine Botschaft auf und prägt es um, aber ohne die Tradition zu verlassen. Im Lichte des heraufdämmernden Leidensmysterium Deuterojesajas erkennt er, daß sein Tod etwas Bedeutsames sein wird und sich in die Reihe der heilsgeschichtlichen Begebenheiten einreihen wird. Zwar darf man nicht überbetonen, was Jesus hier im engsten Kreise als Abschiedsmahl feiert. Bewußt aber wird die Erinnerung an das gemeinschaftstiftende historische Faktum in der Geschichte Israels, nämlich die Befreiung aus Ägypten, mit der Erinnerung an ihn verwoben - nicht aber durch sie ersetzt. Er identifiziert sich mit Israel und inkorporiert in einer Nebenhandlung auch die Weltstämme, indem auch dem Becher, der mit der Bitte um Ausgießung des Zornes über die Völker begleitet war, die Botschaft der Liebe aufprägt.

Im Garten Gethsemane

Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. (Mt 26,30)
Hier haben wir den Abschluß des Seder-Mahles im Öffnen der Türen und des Hinausgehens in die Nacht im Schutzes des befreienden Exodus-Gottes. Doch hier ist von einer drückenden Melancholie und eines tiefen Leidensbewußtseins und einer Verlassenheit Jesu überschattet, was sich vorallem im Sacharja-Zitat widerspiegelt:
Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen. (Sach 13,7)
Keine Passionsromantik: Jesus erfährt den bitteren Ernst des Leidensmysteriums bei Deuterojesaja.
Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: "Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet"
Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, daß, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge und sprach: "Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!" (Mk 14,32-36)
Die Gewißheit verdichtet sich. Wir erleben hier den Menschen Jesus, der sich dem tragischen Ausgang seiner Sendung bewußt wird. Und das in der Nacht der Behütung, der Wacht-Nacht, in der er seine Jünger bittet, für ihn zu wachen, damit er behütet werden - doch sie schlafen ein. "Er jedoch wacht, geschüttelt von der Todesangst der Kreatur. Man kann diesen Bericht in den Evangelien nicht lesen, ohne zu Tränen erschüttert zu sein: Hier steht kein Held, kein Halbgott, kein Mythos! Hier zittert ein Mensch um sein Leben. Und in dieser Stunde der Angst ist uns Jesus besonders nahe. Es ist mir unfaßbar, wie man diese menschliche Tragödie auf dem Hintergrund eines Dogmas von der Zweinaturenlehre Christi verstehen kann: wahrer Mensch und wahrer Gott" 12. In der Tat sollten wir uns spätestens hier fragen, ob dieses Dogma von der Göttlichkeit noch haltbar ist oder ob wir nicht endlich völlig und uneingeschränkt den Menschen Jesus sehen und ihn zum Grunde unserer Theologie machen sollen.

Die Gebetsbitte knüpft direkt an das Seder-Mahl an: Jesus ahnt, daß für ihn diese Nacht noch nicht vorüber ist, er ahnt, daß nach dem vierten Becher, dem Jesus seine eigene Deutung gegeben hat, nun noch ein fünfter folgen soll, "ein furchtbarer Becher, wie der Taumelbecher, den Gott denen reicht, die zum Verderben bestimmt sind" 13 Dieser fünfte Becher - nach den Bechern der Befreiung, Rettung, Erlösung, Annahme - ist umstritten, wird in der Volksüberlieferung in talmudischer Tradition dem Elia, dem Herold des Messias zugeschrieben. Eine messianische Konnotation ist ihm also nicht abzusprechen. Aber was ist das im Bewußtsein Jesu für ein Becher? Ein Becher der Leiden. Jesus will leben, er will sich mit Israel in dieser Nacht der Freude freuen. Und dennoch ergibt er sich in den Willen dieses an dieser Stelle dunklen Gottes, weil er erkennt: "Er ist Israel in dieser Stunde, das immer wieder von dem erwählenden und rettenden Gott in die Passion hineingeführt wird, das leiden muß, um diese verfallene Welt zu retten."14 Wir können und dürfen dieses unverkennbare Mysterium Jesu und der Geschichte Israels nicht zu erklären versuchen: weder Sühne noch Pädadogik noch irgendetwas anderes kann das Leiden der Auserwählten für die anderen erklären. Spiegelt das nicht vielleicht die Erfahrung wider, daß das Reich Gottes nur durch Blut, durch Menschenschicksale erkauft wird, deren Tragik in der Natur der Welt liegt. Letzlich dürfen wir nämlich nicht vergessen, daß nicht Gott es ist, der Blut vergießt, sondern Menschen sind es. Indem man das Leiden Jesu als ein Leiden-Müssen interpretierte, ja das Leiden des Gottesknechtes als ein Leiden-Müssen versteht, wird vielleicht jener grausamen Wahrheit Ausdruck verliehen, die in der Treue zu Gott manchmal verborgen liegt. Wieviele Menschen, wieviele Juden wurden umgebracht, weil sie ihrem Gott treu waren? Aber wir dürfen dieses Leiden und Sterben nicht instrumentalisieren: es gehört zu den großen Geheimnissen der menschlichen Existenz und dem Leidensmysterium Deuterojesajas.

Und Jesus erweist sich als treu, selbst in dieser Stunde: so sehr er auch Gott anfleht, er will SEINEM Willen gehorsam sein.

Was geschieht nun aber in der Verborgenheit dieser Nacht? Uns ergeht es wie den Jüngern, die davon ausgeschlossen bleiben, was hier in intimer Zwiesprache erlebt wird. Doch wir können trotzdem fragen: bleibt Gott stumm? Oder erfährt Jesus jenen Zuspruch, den Deuterojesajas Euphorie einst widerspiegelte? Daß er nämlich über den Tod hinaus noch Frucht sehen wird. Sein Tod wird kein Scheitern sein, auch wenn er nicht abzuwenden ist.

Eine Antwort im Angesicht des Todes?

Da fragte ihn der Hohepriester abermals und sprach zu ihm: Bist du der Messias, Sohn des Hochgelobten?
Jesus aber aprach: Ich bin's; und ihr werdet sehen den Menschen sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels
Buber sieht in der Frage und der Antwort von Mk14,62 eine historische Frage bewahrt, freilich vielfach übermalt von den Tradenten. Er meint eine Frage, ausgesprochen oder unausgesprochen, herauszuhören, die Jesus mehr an sich selbst stellt als daß sie an ihn gestellt wurde. "Bin ich's, der Offenbarwerdende." Und die Antwort war: "Ihr werdet den sehen, der ich werden soll." Er sah einer zukünftigen Entrückung entgegen. Und zwar eine Entrückung des Knechtes, die aus dem Lebensstande der Verborgenheit herausführt, dann aber nicht mehr in eine neue Verborgenheit hineinführt, sondern in die messianische Offenbarung. Und im Angesicht des Ende war er sich sicher, daß dieser Offenbarwerdende von oben kommen muß, da er nun mit der anderen, verwirklichenden Macht begabt ist, die ihm im früheren Stadium nicht verliehen war: der ihr Fehlen erfuhr, kann sie sich nicht mehr als in den irdischen Bedingungen behaust denken und verknüpft die Gottesknechtvorstellung mit der danielischen Vision vom himmlisch Entrückten.

Im Angesicht des Todes vermischen sich Zuversicht und Resignation. Die Zuversicht im Bild der Entrückung: daß es nämlich weitergehen wird, daß er noch Samen sehen wird. In der Sprache der Urchristenheit dann: daß er (wieder)kommen wird, und dann mit Macht, so daß sein Reich ohne Ende ist. Das nächste Stadium ist das Offenbarwerden, keine erneute Verborgenheit, kein erneutes Leiden! Doch im Gegenbild des von oben Kommenden steht die Resignation zu lesen. Der unverkennbare Mensch im deuterojesajanischen Mysterium, der das Offenbarwerden bringen wird, Jesus glaubt nicht mehr daran, er kann den Messias nunmehr als von oben kommend denken und nicht mehr aus der menschlichen Niederheit. Er weiß jetzt, daß er der deuterojesajanische Gottesknecht ist, aber er steht nicht darüber, er kann nicht einfach so bereitwillig in den Tod gehen, so sehr er das will, er muß noch einmal vor seinem Tod Gott mit Entsetzen fragen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"


TEIL III
Spuren in der Verkündigung 15

Emmaus-Jünger-Geschichte

Die erste Geschichte, die wir betrachten wollen, ist die Emmaus-Jünger-Geschichte, in der der auferweckte Jesus mit den verzweifelten Jüngern ein Stück des Weges mitgeht und ihnen erklärt:
Wie schwer fällt es euch doch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn steht. (Lk 24,25-27)
Wie Erich Zenger in seinem Buch Das Erste Testament zurecht bemerkt, sind hier zwei Aussagen hervorzuheben: zum einen steht hier nirgends etwas davon, daß das messianische Zeitalter bereits angebrochen sei. Wenn dies so wäre, hätte Jesus ihnen das bestimmt zur Tröstung zugesprochen. Was aber noch viel wichtiger ist: hier wird nicht das Vorurteil genährt, daß das gesamte AT nur auf Jesus hinweise. "Er legt ihnen nicht das Alte Testament aus, sondern er legt sich selbst aus - im Horizont des Alten Testaments." 16 Haben wir hier nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit zu Deuterojesajas Gottesknechtliedern, der dort sein Lebensschicksal auslegt, genauso im Horizont des Gewesenen der Überlieferung - und des noch Kommenden? Hier steht nicht, daß Jesus ihnen das Alte Testament auslegt, ihnen die Geheimnisse erschließt, die nun offenbar sind, sondern er legt ihnen aus, was über ihn geschrieben steht, d.h. er legt ihnen aus der Gewißheit, die er über seine Sendung erlangt hat, Teile jenes Mysteriums aus, ganz so wie Jesaja und Deuterojesaja ihr Wissen vom Mysterium an ihre Schüler weitergaben.

Der Kämmerer aus Äthiopien

Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Äthiopier, ein Kämmerer, ein Gewaltiger der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über ihren ganzen Schatz [gesetzt] war, war gekommen, um zu Jerusalem anzubeten; und er war auf der Rückkehr und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Tritt hinzu und schließe dich diesem Wagen an! Philippus aber lief hinzu und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen und sprach: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie könnte ich denn, wenn nicht jemand mich anleitet? Und er bat den Philippus, daß er aufsteige und sich zu ihm setze.
Die Stelle der Schrift aber, die er las, war diese: "ER aber ließ auf ihn die Fehlbuße treffen für uns alle. Getrieben wurde er, und er, er beugte sich hin, öffnete nicht den Mund, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gebracht wird, wie ein Mutterschaf, das vor seinen Scherern verstummt, öffnete nicht den Mund. Aus der Abgehegtheit, aus dem Gerichtsbann ist er genommen worden, aber in seinem Geschlecht, wer mochte klagen, daß er abgeschnitten war aus dem Land der Lebendigen"
Der Kämmerer aber antwortete dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dies? Von sich selbst oder von einem anderen? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit dieser Schrift an und verkündigte ihm das Evangelium von Jesus. (Apg 8,27-35) 17
Auch hier hören wir natürlich deutlich die Verkündigungsabsicht heraus. Wieder müssen wir darauf achten, was, gerade weil diese Stelle Verkündigungscharakter hat, nicht verkündigt wird. Philippus widerspricht dem Kämmerer nicht, als dieser die Stelle auf Deuterojesaja bezogen sieht, sondern "verkündigt ihm das Evangelium Jesu". Wenn die Stelle Jes 53 und Jesus wie Verheißung und Erfüllung zueinander stehen, so würde dies hier ausgesagt werden. Aber nein, hier ergänzt das Evangelium Jesu die Einsicht, die der Kämmerer beim alleinigen Lesen gewonnen hat. Das eine wird nicht durch das andere ersetzt, sondern vervollständigt - ganz in unserem Sinne!

Predigt des Petrus

Nachdem ein Gelähmter heil geworden ist, predigt Petrus vor dem Tempel zu den "Männern aus Israel" und zeigt ihnen auf, welches Unrecht durch sie Jesus widerfahren ist. Doch er weißt ihnen die Schuld nicht zu, als hätten sie wissentlich den Gesandten Gottes getötet, sondern betont gegen jede falsche Theologie von den "Gottesmördern", daß dies ja gerade - in der Sprache Deuterojesajas - ein Charakteristikum der Verborgenheit ist:
Nun, liebe Brüder, ich weiß, daß ihr's aus Unwissenheit getan habt, wie auch eure Oberen.
Gott aber hat erfüllt, wer durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: daß sein Christus leiden sollte.
Kehrt um und bekehrt euch, damit eure Sünden getilgt werden, bis Zeiten der Erquickung vom Anlitz des Herrn herkommen, und er den für euch bestimmten Messias senden wird, nämlich Jesus, den (einstweilen) der Himmel aufnehmen muß, bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, wie Gott verkündigt hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher. (Apg 3,17-21)
Hier steht es ganz deutlich, was Erich Zenger so zusammenfaßt: "Jesus ist also der Messias - und er ist es doch nicht, weil er erst noch kommen muß, um das Reich des umfassenden Schalom zu bringen, das die Propheten als Gabe Gottes verheißen haben. In der Kette dieser Verheißungsgeschichte ist Jesus für uns Christen das entscheidende Glied der Kette, das uns mit dem schalom-gebenden Gott verbindet - und er ist zugleich eine weitere, neue Verheißung."

Ist das nicht mit anderen Worten, das was das deuterojesajanische Mysterium, die Messiasdiskussionen um Jesus noch nicht vor Augen, uns sagen will: der Eine sein und doch nicht sein, sterben und doch nicht scheitern, mit Macht begabt und doch nicht ermächtigt, sie einzusetzen. Spricht hier nicht Petrus dieses Geheimnis, das wir bei Deuterojesaja mit dem Bild des im Köcher verborgenen Pfeils kennengelernt haben, in einer neuen Sprache aus. Ja, dieser Jesus, er ist es, und doch ist er es noch nicht. Der Messias, der erlösungsbringende Messias wird noch kommen, aber es wird keine andere Gestalt sein, er wird nicht der ganz andere sein, sondern der, den wir bereits in Jesus kennengelernt, den wir bereits bei Deuterojesaja kennengelernt haben. Ein weiteres Stück des Mysteriums hat sich gelüftet, freilich ohne uns die Klarheit zu schenken.

Abschließendes

Zwischen Schon und Nochnicht

Die christliche Theologie hat in den letzten Jahrzehnten gelernt, die Botschaft Jesu im Spannungsfeld von Schon und Nochnicht zu sehen. Und es steht ja auch außer Zweifel: Mit Jesus hat sich in der Welt einiges verändert, sein Werk ist für einen bloßen Propheten zu groß, für einen bloßen Messiasprätendenten zu greifbar, doch für den Messias ist das alles zuwenig: die Welt ist auch nach ihm unerlöst, zu unerlöst, um als messianisch zu gelten. 18

Aber auch die urchristliche Gemeinde glaubte dies nicht, sie bekannte Jesus ja stets als den Kommenden 19, nicht als dem gekommenen Messias, ja, in unserer Sprache: sie bekannten ihn als den offenbarwerdenden Gottesknecht, der die Erlösung bringen wird. Selbst wenn die spätere christliche Theologie das Erlösungsereignis privatistisch verengt hat, hat sie doch etwas von Nochnicht im Zweiten Kommen bewahrt: Jesu Wirken, von dem die Evangelien berichten, war noch nicht alles.

Doch was ist nun der große Unterschied, wenn Juden sagen, daß der Messias noch nicht gekommen sei, Jesus aber gleichzeitig nicht in irgendeine biblische oder sonstige Kategorie stecken können oder wollen 20? Wir erkennen beide, daß die Erlösung noch aussteht und daß Jesus jemand war, den wir nicht einfach fassen können. Die Christenheit nennt ihn Christus, die Juden geben ihm keinen oder die verschiedensten Bezeichnungen. Streiten wir uns um Bezeichnungen? Wir sehen ihn zurecht als den Begründer der Kirche und damit unseren Zugang zu JHWHs Heilsgeschichte, die Juden können es so nicht sehen, weil es schon immer ihre Heilsgeschichte war. Streiten wir uns um Geschichte?

Das Mysterium

Desweiteren: wie wir bei Deuterojesaja und bei Jesus beobachtet haben, sind Israel und die Völker stets auseinanderzuhalten. Der Knecht trägt die Verfehlungen der Völker und identifiziert sich im Leiden mit Israel. Muß damit nicht nur historisch, sondern auch theologisch gesagt werden: ja, Jesus hat für das Christentum (die Völkerwelt) und das Judentum (Israel) höchst unterschiedliche Bedeutungen? Und könnte es nicht sein, daß die ewigen Messiaserfüllungsdiskussionen nichts als ein Streit um das große messianische Mysterium waren, zu dem wir zwar beide berufen sind, über dessen Gestalt wir uns aber höchst unterschiedliche Vorstellungen machen?

Wenn Jesus auf der Linie des deuterojesajanischen Gottesknechts gesehen werden soll, dann ist Jesus genauso in der Verborgenheit des Mysteriums zu sehen, da wie gesagt die messianische Erlösung noch nicht da ist. Dann aber können wir auch nicht vollständig wissen, welche Bedeutung er, sein Leiden, sein Tod hat. Die Klärung wird uns zugessgt, ist aber noch nicht vollzogen.

Wie verhält man sich nun vor dem Mysterium Gottes? Sicherlich nicht besserwisserisch, sondern in Demut. Was wir nicht widerlegen können, das müssen wir stehenlassen. Wir sind nicht dazu bestellt, dieses Mysterium aufzuklären mit gewagten theologischen Konstruktionen, die sich immer mehr in Widersprüche verstricken und mehr den Weg zu Gott verstellen als öffnen. Das wird Gott schon selbst besorgen.

Wenn die Kirche Jesu als ihren Christus, als den, der die Einladung, zu JHWH heranzukommen, Wirklichkeit werden ließ, so hat sie uneingeschränkt recht. Und wenn Jesus für die Synagoge diese Bedeutung nicht hat, so hat auch diese uneingeschränkt recht. Warum das so ist? Darauf kann nur geantwortet werden: wir kennen den Heilsplan Gottes allenfalls schemenhaft.

Jesus hat nie erwartet, daß man ihr für irgendwen halte, für ihn stand seine Person zurück hinter der Sache Gottes, hinter die wahre Gemeinschaft des Menschenvolks. Solange aber der dogmatische Streit um Begriffe und Bekenntnisse weitergeht, solange wir unseren Glauben in irgendwelchen dogmatischen Bekenntnisformeln sehen, wird uns immer gewisser, daß der Messias uns von diesem Abfall erst noch erlösen muß.

Hoffen wir darauf. Mit tätiger Hoffnung.


Nachbemerkungen

Messias ben Joseph - eine jüdische Perspektive21

Schalom Ben-Chorin macht eine für unsere Betrachtung interessante Bemerkung, daß nämlich der Talmud die Geatalt eines leidenden Messias kennt, der dort Messias ben Joseph genannt wird, worüber der Talmud-Übersetzer Lazarus Goldschmidt schreibt: "Nach der jüdischen Eschatologie ist der Messias ben Joseph der Vorläufer des Messias aus dem davidischen Hause, der im Kampf umkommen wird. Dieser Name ist übrigends so auffallend, daß die Entlehnung aus dem Urchristentum kaum zu übersehen ist." Welche Konvergenz der Meinungen: was anderes haben wir hier versucht aufzuzeigen, freilich ohne es so zu bezeichnen: ein und dasselbe kann vor dem Angesicht des Mysteriums Gottes viele Namen haben.

Mißverständnisse

Es wird im folgenden darum gehen, das eben Gesagte gegen zwei Mißverständnisse abzusichern, die allzu leicht gesehen werden können, wenn man sie sehen will.

Opfertheologie

Wir haben bereits bei der genauen Betrachtung der Gottesknechtlieder gesehen, daß im Leidenslied keineswegs von einem stellvertretenden Opfer die Rede ist, sondern von einem Reinigungsopfer. Auf den ersten Blick mag vielleicht der Unterschied nicht als bedeutend erscheinen und so die klassische Opfertheologie als durch diesen Entwurf hier unwidersprochen durchgehen. Dem ist aber nicht so.

Die klassische Opfertheologie ist und bleibt etwas, was nicht an Jesus herangetragen werden darf. Wenn Jesus auch die Sünden auf sich nahm - ganz im deuterojesajanischen Sinn - und damit die Gojim von ihren Sünden befreit hat, so hat nicht der Tod diese Befreiung gewirkt, schon gar nicht hat der Tod diese Menschen mit dem zürnenden Gott versöhnt. Wie wir bei Deuterojesaja festgehalten haben: der Knecht führt dieses Opfer stellvertretend aus. Diese Opferhandlung ist also kein Selbstopfer, sondern eine kultische Handlung, die nur vom alttestamentlichen Kult aus auch verstanden werden kann.

Daß diese Nuance natürlich für Menschen, die kaum vertraut mit der alttestamentlichen Tradition sind, die auch nicht die schon sehr früh (bei Abraham!) überwundenen Menschenopfer kannten, konnte die Vorstellung von stellvertretendem Sündenerleiden und dem Schuldopfer leicht dahingehend mißverstanden werden, daß Jesus selbst das Opfer war. Aber wie gesagt: der Knecht führt nach dieser Tradition dieses Opfer aus. Für den genuin jüdischen Menschen war ein Menschenopfer außerhalb des Vorstellungsvermögens.

Von wegen Verheißung und Erfüllung

Erich Zenger schließt seine Reihe von Beispielen aus dem Neuen Testament in seinem Buch Das Erste Testamentmit der Bemerkung "'Die Verheißungen des AT haben über Jesus hinaus einen bleibenden Überschuß.' Die Sendung Jesu läßt sich nicht darauf reduzieren, daß das von ihm angekündigte Gottesreich durch ihn und seit ihm schon 'da sei'; er ist vielmehr für Christen der unüberholbare Zeuge und Garant dafür, daß dieses Gottesreich, allen bösen Mächten zum Trotz, kommen wird - so wie sein Tod sich in der Auferweckung vollendet hat." Ja, Jesus ist die Bestätigung und Fortführung und Ergänzung der deuterojesajanischen Frohbotschaft, nicht jedoch das Offenbarwerden des Mysteriums, von dem dieser spricht. Der Messias ist der Kommende.

Deshalb: wenn wir hier Jesus im Lichte der deuterojesajanischen Verheißung sehen, so wollen wir uns keineswegs in die Tradition derer stellen, die mit seitenlangen Gegenüberstellungen von Verheißung und Erfüllung glänzen wollen. Das Alte und das Neue Testament stehen zueinander nicht im Verhältnis von Verheißung und Erfüllung, so wie Deuterojesaja zu Jesaja nicht in diesem Verhältnis steht. Das Neue Testament greift Gedanken und Traditionen auf, um daraus Deutemuster zu gewinnen, schreibt in gewissen Punkten die Tradition fort. Aber das AT bleibt der unverändert lebendige Quell, aus dem das Leben des Glaubens sprudelt.

Noch eines zum Anspruch dieses Essays

Ich habe mich immer wieder aufs schärfste gegen die fundamentalistischen Tendenzen innerhalb des Christentums gewehrt, weil sie vorgaben, den einzig gültigen Umgang mit der Heiligen Schrift, die einzig gültige Theologie samt Christologie und Pneumatologie haben. Mein Argument dagegen war stets die Vielfalt der Entwürfe und Konzepte, die in beiden Teilen der Bibel an uns herantreten, die Farbe des Bildes, das daraus entsteht. Demgegenüber erscheint eine fundamentalistische Enge nur trostlos.

Es könnte jetzt der Eindruck erweckt werden, als würde hier genauso eine Einheitssichtweise der Sache propagiert, als würde hier genauso versucht, Zwangsläufigkeiten aufzuzeigen, wo es nur eine Vielzahl von Wegen gibt. Doch weiterhin gilt: es gibt diese Vielzahl von Wegen. Der Anspruch dieser Deutung hier liegt darin, eine Stimme im Chor der Stimmen zu sein, eine Stimme freilich, die als theologisch legitim und plausibel erachtet wird. Der Leser soll hier nicht in falscher Sicherheit geführt werden: gerade im zweiten Teil habe ich darauf hingewiesen, daß die Faktenbasis ziemlich dünn ist und daß vieles hypothetisch bleiben muß. Wenn ich trotzdem im Verlauf der Argumentation eine Kette von scheinbar notwendigen Schlüssen meine aufzuzeigen, so ist das nur so zu verstehen: ich lade den Leser ein, meine Sichtweise kennenzulernen und führe ihm die für mich zwangsläufigen Schlüsse vor. Wenn der Leser dies nicht teilen will, so hat er dazu sein gutes Recht und ich spreche ihm keineswegs die Rechtgläubigkeit ab. Was hier geboten wird, ist ein persönliches Zeugnis und keine dogmatische Abhandlung. Wer mir folgen will, der soll mir folgen, wer nicht, der habe seine guten Gründe dafür.


Fußnoten

[1] Dieser Teil stützt sich hauptsächlich auf die Gedanken Martin Bubers, die er in dem Abschnitt Das Mysterium in seinem Buch Der Glaube der Propheten ausgesprochen hat. Freilich darf man dieses Essay nicht mit Bubers Gedanken verwechseln. Es ging hier um keine getreue Wiedergabe, sondern um ein persönliches Zeugnis. Aus demselben Grund entschuldige man es mir, wo ich nicht hinreichend genug Zitate oder Anlehnung an Bubers Wortwahl und Formulierungen gekennzeichnet habe.

[2] Die Bezogenheit dieser beiden Stellen aufeinander ergibt sich - nach Buber - schon allein aus dem lexikalischen Befund, daß nämlich "Lehrling" nicht außerhalb des Jesajabuches in dieser Bedeutung vorkommt.

[3] Hier übersetzt Luther (mit den anderen gängigen Übersetzungen) : "als er gestorben war" und nivelliert somit die Herausforderung des masoretischen Textes, der hier den Plural stehen hat, wie auch die sehr urtexttreue DaBhar-Übersetzung von F.H. Baader beweist: "in seinen Toden", was dieser freilich erklärt als "der Seele und des Leibes Tod", doch dies ist bereits Deutung .

[4] Luther (wie auch alle anderen gängigen Übersetzungen) schreibt hier: "Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat". Es darf aber als ein Erweis der Treue zum masoretischen Text gerechnet werden, wenn F.H. Baader in seiner DaBhaR-Übersetzung, die ja quasi interlinear in kompromißloser Treue den Urtext wiedergibt, ebenfalls schreibt: "Wenn seine Seele [das] Schuld[opf]er legt". Hier ist also nicht das Leben/die Seele das Opfer, sondern das Ausführende des Opfers.

[5] Die Grundgedanken in diesem Teil stützen sich hauptsächlich auf Martin Bubers Deutungen des Lebens Jesu in Zwei Glaubensweisen

[6] Dieser Abschnitt stützt sich hauptsächlich auf Gedanken, die Schalom Ben-Chorin in seinem Buch Bruder Jesus entfaltet hat. Zum Ablauf eines Seder-Mahles in der jüdischen Pessach-Tradition vgl. De Vries, Jüdische Riten und Symbole

[7] De Vries, Jüdische Riten und Symbole S. 128

[8] Schalom Ben-Chorin vermutet, daß Jesus sich nach dem Qumranischen Sonnenkalender richtete, der die Seder-Nacht bereits am 14. Nissan stattfinden läßt. Er gibt auch Entgegnungen auf weitere Einwände gegen die Seder-Deutung

[9] vgl. Nachwort zu Bruder Jesus

[10] Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus, S. 137

[11] vgl. E. Zenger: Das Erste Testament

[12] Schalom Ben-Chorin a.a.O. S.148

[13] Schalom Ben-Chorin, a.a.O. S.149

[14] Schalom Ben-Chorin a.a.O. S.151

[15] Manche der Gedanken in diesem Abschnitt verdanke ich dem Buch Das Erste Testament von Erich Zenger (S.127ff)

[16] E. Zenger, Das Erste Testament

[17] nach Luther, Zitat aus Deuterojesaja nach Buber-Rosenzweig

[18] Daß die Vorstellungen von einer radikalen Veränderung der irdischen Lebensverhältnisse kein ursprünglich dominanter Teil der Messiasvorstellungen waren, behauptet Thoma in seinem Buch Das Messiasprojekt. Ich halte dies für eine Folgerung aus seiner methodischen Selbstbeschränkung, da er nämlich in seinem Dialog mit dem Judentum die kirchliche Tradition und den "Konsens" nicht vor den Kopf stoßen möchte. Wer Jesaja für die Messiaskonzeption heranzieht, der muß z.B. auch den paradiesischen Frieden heranziehen. Von einer zeitlichen Verzögerung von zweitausend Jahren ist da nicht die Rede. Daß freilich später durchaus Konzessionen gemacht worden sind im Angesicht des Nichterfülltwerdens sehen wir über und über bereits in der biblischen Botschaft.

[19] so z.B. bedeutet unsere "Wiederkunft" im griechischen Original Parusie = "Ankunft"

[20] so z.B. Martin Buber in Zwei Glaubensweisen

[21] folgt Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus S.129


© Andreas Schmidt 1996 (Buber-Rosenzweig-Übersetzung © Gütersloher Verlagshaus)
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