Israel und wir -
Eingeschlossene im Geheimnis Gottes

(Die Israelkapitel des Paulus in Römer 9-11)

Andreas Schmidt

Wir man bei Deuterojesaja sehen kann: die Einladung Gottes an die Heidenvölker ist nichts spezifisch Neutestamentliches; sie wurde schon längst vor Jesus ausgesprochen. Wirksam wurde sie jedoch erst durch ihn, durch eine Botschaft und eine geschichtliche Konstellation, die die Herzen der Heiden für den Gott Israels öffneten. Doch schon sehr früh hatten die Eingeladenen ihr Eingeladensein vergessen und spielten sich als die Herren im Hause auf. Die ehemaligen »Feinde Gottes« machten dem »Eigentumsvolk Gottes« den Platz streitig.

In diese Situation hinein schreibt Paulus die Israel-Kapitel seines Briefes an die Römert, nicht als Apologet heidnischer »Gesetzeslosigkeit« (wie vielfach behauptet), sondern als Apologet Israels. Lange Zeit wurden aus diesen Kapiteln viele Argumente christliche Überheblichkeit bezogen, viele Passagen als Polemik gegen das Judentum gelesen, allenfalls als Anpassung (bis zum postulierten Punkt der Verfälschung (!)) der Christus-Lehre für jüdische Ohren. Aber die Ansätze der Ideologiekritik in der Exegese des 20. Jahrhunderts haben zutagegefördert, wieviel durch ein durch die antijudaistische Tradition geprägtes, unreflektiertes Vorverständnis in einen Text hineingelesen wird: Man bestätigt so, was man ohnehin schon weiß. So geschah es auf christlicher Seite, die Paulus als den christlichen Alibijuden benutzten, und auch auf jüdischer Seite, wo er der Apostat, der Abtrünnige schlechthin war, weit mehr als Jesus, der inzwischen allgemein als Jude akzeptiert wird.

Wir versuchen deshalb, hier Paulus anders zu lesen: als den jüdischen Völkerapostel, der durch die Christusbotschaft aus einer erdrückend engen Glaubenswelt (die nicht mit dem Judentum als Ganzem zu verwechseln ist!) herausgeführt wurde und der mit großer Besorgnis die Animositäten zwischen Juden und Christen beobachtet. Und so gelangen wir hier zu ganz neuen Erkenntnissen1, die auch ein Licht auf die Diskussion um den paulinischen Antijudaismus werfen könnten (wobei sie freilich dadurch nicht als gelöst zu betrachten ist). Und wir finden hier viele neue Ansätze, die in Theologien der christlich-jüdischen Verständigung erst angedacht werden. Machen wir uns auf die Entdeckungsreise nach Paulus, dem Juden:

a. Paulus als Sohn Israels

9 1 Ich sage als einer, der Christus angehört, die Wahrheit und lüge nicht, und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist:

2 Mein Kummer ist groß, und mein Herz brennt unaufhörlich; 3 ja, ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.

4 Sie sind ja Israeliten, ihnen gehört die Kindschaft, SEINE Einwohnung, die Bundesschlüsse; ihnen ist die Tora gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen; 5 sie haben die Väter und aus ihnen stammt Christus, der über allem ist.

Gott sei gepriesen für alle Zeiten. Amen.

Paulus eröffnet seine Ausführungen über Israel, die im Briefaufbau des Römerbriefes wie der Höhepunkt seiner Argumentation erscheinen - nicht weil Israel unbedingt die zentrale Frage christlicher Existenz ist, wohl aber weil die Infragestellung, die die christliche Botschaft durch das jüdische Nein erfährt, die härteste und schmerzlichste ist, die Paulus überhaupt widerfährt- mit einer zutiefst persönlichen Bekundung des Schmerzes.

Und genau das ist es ja, was Paulus in den einleitenden Zeilen zu verstehen geben will: Israels Nein zerreißt ihm das Herz - nicht weil es die »verlorenen Seelen« eines Evangelisten sind, sondern weil die Christusbotschaft, das zentrale Ereignis in seinem Leben, ihn von seinen Brüdern, seinen Volks- und Glaubensgenossen trennt. Er ist ein durch und durch jüdischer Evangelist, aber Widerhall findet seine Botschaft nur in der Völkerwelt. Er würde alles geben, wenn nur die Möglichkeit bestünde, daß dies die Spannung aufhebt, auch das Wichtigste in seinem Leben. Wie ganz wenige in der Kirche, der er den Weg bereitet hat, liebt er das jüdische Volk und jeden Juden in ihm. Und er liebt sie nicht nur als Menschen, sondern gerade in ihrer theologischen Sonderstellung als Israel, als diejenigen, denen Gott zuerst und vorallem zugesprochen hat, daß sie seine Kinder sind. Sie sind der Ort, an dem Gott seine herrliche Gegenwart schenkt, denen ER einen Bund geschlossen hat, denen ER die Tora geschenkt hat und aus denen Jesus, der Jude stammt. Manch christlichem Ohr mögen solche Lobeshymnen seltsam anmuten, doch Paulus spricht diese Attribute uneingeschränkt jedem seiner Brüder zu, gerade auch jenen, die ihm wegen ihrer Verweigerung so viel Schmerz bereiten.

b. Erwählung

6 Es ist aber keineswegs so, daß Gottes Wort hinfällig geworden sei. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, machen Israel aus,

7 ja, nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, machen auch seinen Samen aus. sondern: »Was dein Same genannt werden soll, soll in Isaak sein« (Gen 21,12) 8 Das bedeutet: Nicht die leiblichen Kinder sind die Kinder Gottes, sondern diejenigen, auf die sich die Verheißung bezieht, werden als Same erachtet. 9 Denn das ist ja eine Verheißung: »Zur festgelegten Zeit werde ich kommen, und Sarah wird einen Sohn haben.« (Gen 18,14)

10 Doch nicht nur bei ihr war es so, sondern auch bei Rebekka: Sie wurde von einem einzigen Mal mit Isaak, unserem Vater, schwanger. 11 Und als [die Kinder] noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten (damit Gottes Plan eine Sache der freien Wahl bleibe, unabhängig von dem, was sie taten, abhängig nur von Gott, der die Berufung ausspricht) 12 wurde zu ihr gesagt: »Der Ältere wird dem Jüngeren dienen«; 13 so wie es auch heißt: »Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehaßt.« (Mal 1,2-3)

Umso seltsamer erscheint dann die Wendung in Vers 6. Was eben noch uneingeschränkt galt, was eben noch in einen Lobpreis auf Gott endete, mündet nun in ein kühles Differenzieren zwischen einer Israel-Definition nach Abstammung und einer nach Erwählung (was die christliche Theologie »geistliches Israel« zu nennen pflegt). Warum verwickelt sich Paulus hier auf so engem Raum in offensichtliche Widersprüche? Wir müssen genauer hinschauen: Paulus entgegnet die zweite Aussage auf einen Einwand, den er wohl in seinen Ohren hört: er ist die so typische (heiden-)christliche Stimme, die im Nein Israels eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit des Gotteswortes sieht. Paulus flüchtet sich vor diesen Einwänden in eine Aussage, deren Inhalt im folgenden keine Rolle mehr spielt, wohingegen die erste in der Aussage vom ungekündigten Bund wiederaufgegriffen wird.

Wirklich bedeutsam werden nun aber die Gedanken, die er im Anschluß daran über die Erwählung entwickelt: er greift zwei der Erwählungsgeschichten der Genesis heraus - die der Erwählung Isaaks und Jakobs. Er streicht so ein Strukturmerkmal der Genesis heraus, wo das Werden Israels als eine Geschichte erzählt wird des immer wiederkehrendes Durchbrechens des Prinzips der Erstgeburt durch göttliches Erwählungshandeln: Gott zieht Abel dem Kain vor. Der Brudermord läßt dann die Linie durch Set fortsetzen. Abrahams Sohn Isaak ist der Sohn der Verheißung, und nicht der Erstgeborene Ismael. Jakob verwirklicht im Erschleichen des Vatersegens die göttliche Bestimmung, die ihn dem Esau vorzieht. Ähnlich läuft es auch bei Joseph (statt Ruben) und Ephraim (statt Manasse) ab. Es ist jedoch ein gängiges Mißverständnis, das sich durch auf ein Mißverständnis der biblischen Sprache stützt (Mal 1,2-3): Denn wenn hier vom Hassen die Rede ist, so nur in einer Überzeichnung des »weniger Liebens«. So ergeht es auch den Nichterwählten nicht, als hätten sie es mit einem menschlichen Nichterwählen zu tun: Gott schützt Kain mit einem Zeichen, ER errettet Hagar mit ihrem Ismael in der Wüste, Jakob findet erst Frieden, als er sich mit Esau versöhnt hat, alle Brüder Josephs gehören zu den Zwölf Stämmen und ihr Unrecht gegen Joseph gilt als Gottes Plan und wird nicht vergolten, und auch Manasse wird wie Ephraim zu einem der Stämme Israels.2

Was lernen wir also daraus? Das Strukturmoment Erwählung gehört zum Werden Israels, und es durchbricht das natürliche Vorrecht der Geburt. Aber Nichterwählung bedeutet nicht mehr als ein Zurückstellen.

c. Ist Gott ungerecht?

14 Heißt das nun, daß Gott ungerecht handle? Das möge der Himmel verhüten!

15 Denn ER sagte zu Moses: »Ich gnade, wem ich gnade, und ich erbarme mich, wes ich mich erbarme.« (Ex 33,19) 16So liegt es nun nicht am wollenden oder strebenden Menschen, sondern am begnadigenden Gott.

17 In der Schrift wird zu Pharao gesagt: »Eben hierzu habe ich dich bestimmt: daß ich an dir meine Macht erzeige und daß auf der ganzen Erde mein Name verkündet werde.« (Ex 9,16)

18 Also: ER begnadet, wen ER begnaden will, und ER verstockt, wen ER verstocken will.

Mit dieser Gewißheit im Rücken kann Paulus dann auch dem Vorwurf, daß ein erwählender Gott ein ungerechter Gott sei, begegnen. Wir machen uns oft die Vorstellung, Gott sei ein perfekter Mensch, der keine Unterschiede macht und alle absolut gleich behandelt. Aber gerade so charakterisiert Paulus den Gott nicht, an der er glaubt. Paulus charakterisiert ihn über eine Selbstoffenbarung Gottes: »ICH gnade, wem ICH gnade, und ICH erbarme mich, wes ICH mich erbarme.« Wenn Gott nicht mehr erwählen könnte, dann wäre er nicht mehr Gott, bloß noch eine Wunschvorstellung, ein menschliches Hirngespinst. Gottes Freiheit ist das Erwählen, das unbeeindruckt bleibt vom Handeln des Menschen. Das heißt aber auch insbesondere: Nichterwähltwerden ist unverschuldet!

Doch Paulus geht es nicht nur um das Erwähltwerden. Ihm geht es darum, zu erklären, was es mit Israel auf sich hat. Er führt hier das Konzept einer ausdrücklich gottgewirkten Verstockung ins Feld, die nicht nur in der Pharao-Stelle eine Rolle spielt, sondern z.B. auch bei Jesaja, als diesem mitgeteilt wird, daß Gott die Ohren Israels verfetten wird, auf daß sie die Botschaft des Heils in den Drohungen des Unheils nicht hören. Aber dieses Verfetten ist keine Böswilligkeit: das Heil ist beschlossen und wird in den Schülern verwahrt, bis Deuterojesaja sie verkündigen kann. Verstockung ist nicht nur gottgewirkt, sie kann auch einen wichtigen Sinn haben.3

d. Die Freiheit Gottes

19 Nun wirst du einwenden: »wie kann Gott dann noch tadeln? Wer hat denn seinem Willen schon widerstanden?«

20 Ja, wer bist du denn, o Mensch, daß du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Geschöpf zu seinem Schöpfer: »Warum hast du mich so gemacht?«
21Oder hat etwa der Töpfer nicht die Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß für Reines und ein anderes für Unreines herzustellen?

22 Und wenn nun Gott, obwohl ER seinen Zorn zeigen und seine Macht erweisen wollte, die Gefäße des Zorns, die zur Vernichtung bestimmt sind, mit großer Langmut ertragen hat? 23 Und was, wenn ER das tat, um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erzeigen, die er zur Herrlichkeit bestimmt hat?

Der Widerspruch wallt Paulus entgegen: Verfallen wir bei dieser Art von Argumentation nicht in einen Fatalismus: Es ist ohnehin alles Schicksal, was sollen wir dann denn noch tun? Doch Paulus hat kein Verständnis für solch ein Fragen: er weist alles, was Gottes Freiheit einschränken könnte, aufs Schroffste zurück. Der Schöpfer kann seine Geschöpfe bestimmen, zu was es ihm beliebt. Das hebt nicht die Verantwortlichkeit des Menschen auf. Und in der Tat: Paulus sagt ja nicht, daß Gott alleswirkt und alles vorherbestimmt. In welch kleinem Teil unseres Alltagslebens beeinträchtigt denn Gottes Erwählungshandeln unseren Verantwortungsbereich? Es ist durchaus Freiheit und Verantwortung möglich und gefordert, auch wenn wir vielleicht nicht genau wissen, ob wir uns doch für alles verantworten müssen oder nur etwas weniger.

Vielleicht kann man sogar noch weiter gehen: Nirgends ist wohl Paulus näher an der dunklen Seite Gottes: wenn Gott das Gute wirkt, das spürt - nicht: denkt - Paulus hier, dann muß er auch das Böse wirken, das er ohnehin mit Langmut erträgt.

Zwar meinen viele Kommentatoren hier, es sei selbstverständlich, daß Paulus in der Kontrastierung der Gefäße des Zorns mit den Gefäßen des Erbarmens die Konstrastierung Israel und Kirche meine, aber wir hören ja bereits am Anfang des Römer-Briefes vom Zorn Gottes über die Gottlosigkeit der Heiden, und wir hören, wir er die Heiligkeit Israels, und gerade auch des ablehnenden Israels bestätigt, und müssen uns so über eine derartig einfach gestrickte ideologische Auslegung nur wundern.

e. Die Berufung der Heiden und eines Restes aus Israel

24 Genau dazu hat ER uns nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden berufen.

25 So spricht ER auch bei Hosea: »Die, die nicht mein Volk waren, werde ich mein Volk nennen; sie, die nicht geliebt war, werde ich Geliebte nennen; 26 und an demselben Ort, an dem ihnen gesagt wurde: 'Ihr seid nicht mein Volk', dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden!« (Hos 2,25;2,1)

27Jesaja ruft über Israel aus: »Selbst wenn die Zahl der Menschen in Israel so groß wäre wie die Zahl der Sandkörner am Meer, wird doch nur ein Rest gerettet werden. 28Denn ER wird sein Wort auf Erden erfüllen mit Sicherheit und ohne Verzug.« (Jes 10,22-23)
29 Und an früherer Stelle: »Wenn nicht der Herr der himmlischen Heerscharen uns eine Nachkommenschaft gelassen hätte, wären wir geworden wie Sodom, wären wir Gomorra gleich gewesen.« (Jes 1,9)

Hier schon erkennt man, daß es Paulus nicht darum geht, in irgendeiner Form die Verwerfung, die Vernichtung oder den Gotteszorn zu betrachten. Ihm geht es stets um die Erwählung, die Berufung, das Erbarmen Gottes. Und deshalb muß Paulus nun konsequenterweise erklären, wie es denn in diesem Denkschema des Erwählungshandeln Gottes zur Berufung der Heiden gekommen ist. Denn für Paulus ist - im Gegensatz zum christlichen Denken - die Erwählung Israels selbstverständlich, die Erwählung aus den Heiden bedarf dagegen der Erläuterung.

Und hier stoßen wir auf eine Eigenheit des Paulus, die in den folgenden Abschnitten des Paulus noch von Bedeutung sein wird: Paulus zieht die Hosea-Stelle heran, um zu sagen: so wurden die Heiden herangerufen, wie ein Nichtvolk, wie von Gott Geschmähte und zu Söhnen Gottes erklärt. Sicherlich weiß auch Paulus, daß die Hosea-Stelle auf Israel bezogen war, das nach einer Zeit der scheinbaren Verwerfung wieder als Söhne Gottes angenommen wurde, wobei sich aus dem Kontext ergibt, daß die Wiederannahme bereits im Namen der Kinder (Jesreel - »den Gott sät«) vor der Verwerfung (Lo-ruchama - »ihr wird Erbarmen nicht« und Lo-ammi - »Nicht mein Volk«) beschlossen und verkündet war - was sicherlich die Unwiderruflichkeit der Erwählung Israels bestätigt und konkretisiert. Wir erkennen in einem solchen Vorgehen eine kontextwidrige Auslegung, aber das ist eine postkritische, nachaufklärerische Sichtweise. Wir versuchen zu verstehen, was dasteht, um es dann auf andere Sachverhalte zu übertragen. Paulus hingegen sucht nach sprachlich ausgedrückten Denkmustern und fügt diese in neue Zusammenhänge ein, wo sich hierdurch eine ganz andere Bedeutung ergibt. Daraus ergibt sich eine wichtige, bei den meisten Auslegern schmerzlich zu vermissende Folgerung: wenn wir den Gedankengang des Paulus nachvollziehen wollen, so dürfen wir nicht davon ausgehen, daß Paulus aus der Schrift etwas beweisen will, sondern wir müssen nach den sprachlichen Denkmustern suchen, die Paulus seiner Argumentation einpflanzt - und die sprachlichen Ecken und Kanten, die zurückbleiben, ignorieren.

Auf ähnliche Weise, wie Paulus die Berufung der Heiden zu erklären versucht, versucht er auch das Phänomen des Judenchristentums begreifbar zu machen: mit der Idee des »Restes«, den er aus der jesajanischen Prophetie bezieht. Das Judenchristentum ist nach Ansicht des Paulus derjenige Teil Israels, auf den Gott momentan den Schwerpunkt seines Handelns verlegt hat, aus dem er die Impulse für die Zukunft erwartet. Doch Paulus weiß nicht, daß rund zwei Jahrhunderte später das Judenchristentum aus der Kirche ausgestoßen sein würde und ausstirbt (wohlgemerkt: das Judenchristentum als jüdische Größe im Christentum, nicht assimilierte Juden im Heidenchristentum).

f. Um die Gerechtigkeit

30 Was sollen wir also sagen? Dies: daß Heiden, obwohl sie nicht nach Gemeinschaftsgerechtigkeit strebten, Gemeinschaftsgerechtigkeit erhalten haben - aber eine Gemeinschaftsgerechtigkeit, die aus Vertrauen kommt.

31 Israel jedoch hat, obwohl es einer Tora folgte, die Gemeinschaftsgerechtigkeit anbietet, die Tora nicht erreicht.

32 Warum? Weil sie der Gemeinschaftsgerechtigkeit nicht folgten, als sei sie auf Vertrauen gegründet, sondern als sei sie im Tun von Gesetzeswerken begründet. Sie stolperten über den Stein, der Menschen stolpern läßt, 33wie es in der Schrift heißt: »Sieh, ich lege in Zion einen Stein, der die Menschen stolpern läßt, einen Fels, der sie zu Fall bringt. Doch wer sein Vertrauen auf IHN setzt, wird nicht erniedrigt werden.« (Jes 28,16)

Was hat Paulus nun dem neinsagenden Israel vorzuwerfen? Eine Antwort auf diese Frage erwarten wir als Christen sicherlich schon lange. Hier nun geht er darauf ein, und der Vorwurf an Israel hat mit einem für Paulus zentralen Begriff zu tun, den es zunächst näher zu betrachten gilt: die Gerechtigkeit (wie es zumeist übersetzt wird), besser: die Gemeinschaftsgerechtigkeit (wie es im folgenden gebraucht wird). Wenn Paulus von Gerechtigkeit spricht, so wird man leicht feststellen, hat dies wenig mit richterlich-neutralem Abwägen oder Unbestechlichkeit zu tun. Hierin ist er ganz Jude: ihm geht es bei Gott nicht um ein abstraktes Prinzip, ein Unbewegliches, ein Unbestechliches, sondern um ein handelndes Gegenüber, das mit dem Menschen in Beziehung tritt. Deshalb darf man mit Fug und Recht annehmen, daß Paulus das griechische Wort für Gerechtigkeit nur benutzt, um dem dahinterstehenden hebräischen Konzept Ausdruck zu verleihen. Dieses geht von der Grundvoraussetzung eines Bundes aus (deshalb konnten die Heiden nicht nach Gemeinschaftsgerechtigkeit streben) und meint, daß ein Partner dem anderen Partner das ihm in diesem Bündnis Zustehende zukommen läßt.

Was sagt nun Paulus über die Gemeinschaftsgerechtigkeit aus? 1. sie ist den Heiden zuteilgeworden, sie hat Gott in einen Bund aufgenommen. 2. Israel hat danach gestrebt, Gott Gemeinschaftsgerechtigkeit zuteilwerden zu lassen, ihm das ihm Zukommende zu geben. 3. Die Tora als Bundesbuch bietet Gemeinschaftsgerechtigkeit. 4. Aber Israel hat die Torah nicht erreicht (wenn auch frühere Bibeltexte hier lasen, daß Israel die Gemeinschaftsgerechtigkeit nicht erreicht habe, müssen wir die Asymmetrie dieser Argumentation aushalten und ihr einen Sinn abgewinnen). Das ist noch nicht der Vorwurf an Israel, daß sie nicht zu dem vorgedrungen sind, was die Tora in ihrem Kern ausmacht, der Vorwurf folgt erst in Vers 32: nicht weil die Juden an Gott vorbeileben wollten, haben sie die Tora nicht erreicht, sondern weil sie die Gemeinschaftsgerechtigkeit Gottes als ein Verdienst dachten, das durch Leistung erworben werden kann. Paulus prangert an Israel also nichts weniger an als das Phänomen, das alle Buchreligionen kennen (Christentum, Judentum, Islam): die Gesetzlichkeit. Wenn Glaube nicht mehr das Vertrauen in einer Beziehung darstellt, sondern Leistung, dann wird die Gemeinschaftsgerechtigkeit Gottes verkannt.

g. Herausführung aus der Enge

10 1 Brüder, ich wünsche von ganzem Herzen und bete zu Gott, daß sie aus der Enge herausgeführt werden, 2 denn ich kann bezeugen, daß sie für Gott eifern, jedoch ohne richtig zu begreifen.

3 Und da sie die Gemeinschaftsgerechtigkeit Gottes nicht begriffen haben und so ihre eigene [Vorstellung davon] versucht haben aufzustellen, haben sie sich der Gemeinschaftsgerechtigkeit Gottes nicht unterworfen.

4Denn Christus verkörpert die Zusammenfassung dessen, worauf die Torah abzielt, und wer auf ihn vertraut, dem wird Gemeinschaftsgerechtigkeit zuteil.

Paulus betet nun genau darum, daß Israel aus dieser geistigen Situation herausfindet, genauso wie wir auch für diejenigen heute beten sollten, die in der Enge ihres eigenen (christlichen) Glaubensgebäudes keinen Platz mehr für den lebendigen Gott finden. Es macht hier keinen Sinn, daß man übersetzt, Paulus bete für die »Rettung« Israels, wenn er in Kapitel 11 mit seltener Gewißheit und Bedingungslosigkeit von der Rettung Israels zu berichten weiß. In der Tat lohnt es sich hier wieder, auf die hebräische Grundbedeutung zu schauen: »Rettung« meint dort zunächst einmal »aus der Enge herausführen«4. Manchen mag diese Bedeutung zu schwach sein, aber wir sollten uns auch vergegenwärtigen, wie grundlegend der Zustand der Enge für die Unfreiheit, das Unerlöstsein ist: nicht ohne Grund kommt im Deutschen das Wort »Angst« von »Enge«.

Paulus wirft seinem zeitgenössischen Judentum (und gewiß nicht dem ganzen Judentum, vergangen und zukünftig) also eine Enge der Glaubenswelt vor, die sie nicht sehen läßt, daß Gottes Gemeinschaftsgerechtigkeit die gleichen Wege, die sie mit Israel gegangen ist und geht, nun auch mit Berufenen aus den Heiden geht. Stattdessen verharren sie in ihrer gesetzlichen Grundeinstellung und verfehlen so den Willen Gottes. Und wie Vers 4 zeigt, versteht Paulus durchaus das, was zu dieser gesetzlichen Grundhaltung geführt haben kann, was auch nun der Akzeptanz der Heidenvölker im Gemeinwesen Gottes entgegensteht: man hat den Kulturkampf gegen den Hellenismus nur durch das Festhalten an der Tora gewonnen, und nun wird die Christusbotschaft verquickt mit einer Botschaft von der Freiheit vom Gesetz (was freilich nur die Heiden betreffen sollte). Wie sollte man da als gläubiger Jude nicht mißtrauisch sein? Aber Paulus - nur als Jude kann er das sagen - versichert: die Christusbotschaft ist nicht etwas ganz Anderes als die Tora und auch keine Verwässerung derselben, sondern die Zusammenfassung. Es ist das große Verdienst Karl Barths, daß er an dieser Stelle darauf hingewiesen hat, daß das griechische telos hier eben nicht nur das landläufige »Ende« des Gesetzes bedeutet, und auch nicht einfach die theologisch überhöhte »Erfüllung«, sondern weit mehr: die Zusammenfassung, das Allgemeine, das Prinzip, die Gesamtheit, die Summe. Aber freilich können diese Bedeutungsaspekte nur dann gesehen werden, wenn man nicht mehr a priori von einer Divergenz der Tora und der Christusbotschaft ausgeht.

h. »Gegliederte Einheit«: Gerechtigkeit der Tora und Christi

5 Mose sagt von der Gemeinschaftsgerechtigkeit, die die Torah vermittelt:
»Der Mensch, der diese Dinge tut, wird durch sie leben.« (Lev 18,5)

6 Und die Gemeinschaftsgerechtigkeit, die das Vertrauen vermittelt, sagt:
»Sprich nicht in deinem Herzen:
Wer will hinauf gen Himmel fahren?«
- das ist: um Christus herabzuholen -

7 oder:
»Wer will hinab in die Tiefe fahren?«
- das ist: um Christus von den Toten heraufzuholen -

8 sondern:
»Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen.«
Und das ist das Wort vom Vertrauen, von dem wir künden,

9 daß wenn du nur mit deinem Munde dich dazu bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen darauf vertraust, daß Gott ihn von den Toten auferweckt hat, du aus der Enge herausgeführt wirst.

10 Denn mit dem Herzen vertraut man und wird so der Gerechtigkeit teilhaftig, und mit dem Mund bekennt man sich und wird so ausgelöst. 11 Ganz so wie auch die Schrift sagt: »Jeder, der auf ihn vertraut, wird nicht zuschanden werden.«

Daß das Ziel des Paulus es eben nicht ist, eine Unvereinbarkeit von Torah- und Christusglauben aufzuweisen, zeigt dieser christliche »Midrasch« auf die klassische Torah-Stelle in Deuteronomium 30,11-14, die im Original (nach Buber-Rosenzweig) so lautet:

Denn dieses Gebot, das ich heuttags dir gebiete,
nicht entrückt ist es dir, nicht fern ists.
Nicht im Himmel ist es, daß du sprächest:
Wer steigt für uns zum Himmel und holts uns
und gibts uns zu hören, daß wirs tun?
Nicht überm Meer ist es, daß du sprächest:
Wer fährt uns übers Meer hinüber und holts uns
und gibts uns zu hören, daß wirs tun?
Nein, sehr nah ist dir das Wort
in deinem Mund und in deinem Herzen,
es zu tun.

Wir dürfen, wir wir bereits zuvor gesehen haben, bei paulinischen Schriftzitaten nicht mit unserem analytischen Verstand herangehen, der die einzelnen Bestandteile verstehen will, sondern müssen synthetisch das Gebilde erblicken, das Paulus aus den Einzelteilen geformt hat. Wer nämlich hier analytisch hier herangeht, der kann nur Schriftverfälschung oder gröbste Polemik erkennen. Nein: das Objekt unserer Betrachtung ist das, was Paulus hier erschafft. Und es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Verflechtung von Christusglauben und Toraglauben. Wie in einem kunstvollen Gedicht, wie in einer fiktiven Wechselrede läßt er die Deuteronomiumsstelle mit dem Christusglauben sich unterhalten und erklärt so den Heiden (also uns! - die erläuternden Einschübe sind an Christen gerichtet), daß das, was die Juden meinen, wenn sie Tora sagen, eigentlich in einer anderen Sprache Christus heißen könnte. Denn Paulus erkennt hier, was Generationen von christlichen Theologen entgangen ist, daß nämlich ein zur Gesetzlichkeit entarteter Toraglaube nicht im Sinne der Tora ist und daß die Botschaft vom Vertrauen und der innerlichen statt der äußerlichen Frömmigkeit keine christliche, sondern eine zutiefst jüdische Botschaft ist. So wie es für die Heiden ein Einfaches ist, sich zu Christus zu bekennen, so ist auch das Leben nach der Tora nichts Unmögliches: »Nein, sehr nah ist dir das Wort«. Die positiven Urteile über, die sich zwischen all der Kritik an der Gesetzlichkeit finden, erfahren hier ihren Höhepunkt.

Noch eine Beobachtung ist erwähnenswert: Wenn wir genau hinschauen, so hat Paulus in seinen Zitaten konsequent alle Formulierungen über das Tun ausgeblendet und stattdessen ein Bekennen und Verkünden hineingelesen. Dies darf aber nicht dahingehen mißverstanden werden, daß bei Paulus das Tun keine Rolle spielt: daß es das tut, zeigt er an anderen Stellen überdeutlich. Aber Paulus weiß in dieser Situation wohl, mit wem er redet: er weiß, daß er in eine Situation hineinspricht, die bereits polarisiert in Werke oder Vertrauen, Tun oder Glauben. Und um keine Kontroverse zu erzeugen, blendet er aus, was nicht in seine Argumentation gehört, wohl aber im Text steht - zu Paulus Zeiten legitim, heutzutage verdächtig.

i. Juden und Heiden vereint (?)

12 Denn es ist ja kein Unterschied zwischen Jude und Grieche, denn er ist Herr über alle, die ihn anrufen: 13 »denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden.« (Joel 3,5)

So ist das Heil genauso für Israel, nur daß ein Teil von ihnen verstockt ist.

Und Paulus macht hier noch nicht Halt. Bevor er in die harte Realität hinabsteigt, steigert er sich nocheinmal bis in die Utopie hinein: eine Welt, in der es keinen Unterschied zwischen Heiden(-christen) und Juden gibt, weil sie ja an denselben Gott glauben und nur das den Ausschlag gibt. Hier ist er wohl der rabbinischen Theologie näher als der christlichen, die diese Idee noch weiter ausgebaut hat zum Konzept der noachidischen Tora, wo ein gläubiger Jude genauso Anrecht auf die kommende Welt hat wie ein Heide, der nur eine Minimalethik (die nämlich, die Noah gegeben wurde) einhält. So kann nun Paulus aus christlicher Perspektive dasselbe sagen: das Heil ist für Israel, daran ändert auch die zeitweilige Verstockung eines Teiles nichts daran.

j. Mißerfolg der Judenmission

14 Wie werden sie nun den anrufen, auf den sie nicht vertraut haben?
Wie werden sie auf den vertrauen, von dem sie nichts gehört haben?
Wie werden sie hören ohne Prediger?
15 Wie werden sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind?
wie es heißt: »Wie lieblich sind die Füße derer,
die die Botschaft des Frieden verkündigen,
die die Frohbotschaft der Befreiung verkündigen« (Jes 52,7)

16 Aber nicht alle haben auf das Evangelium gehört,
so wie Jesaja sagt: »Herr, wer hat unserer Verkündigung vertraut?« (Jes 53,1)
17 Also kommt Vertrauen aus der Verkündigung, die Verkündigung durch das Wort Gottes.

18 Aber ich sage: Haben sie etwa nicht gehört? Sehr wohl.
»Ihr Schall ist ausgegangen zu der ganzen Erde
und ihre Rede zu den Grenzen des Erdkreises.« (Ps 19,5)

19 Aber ich sage: Hat Israel es etwa nicht erkannt?
»Ich will euch zur Eifersucht reizen über ein Nicht-Volk,
über einen schmählichen Stamm will ich euch erbittern.« (Dt 32,21)

20 Und Jesaja wagt es zu sprechen:
»Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten,
ich bin offenbar geworden denen, die nicht nach mir fragten.« (Jes 65,1)

21 Und von Israel sagte er:
»Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt
zu einem ungehorsamen und widersprechenden Volk.« (Jes 65,2)

Auf dem Weg in die Realität geht nun Paulus auf ein Phänomen ein, das das Christentum und die christliche Mission schon immer aufs heftigste beschäftigt hat: es geht um den eklatanten Mißerfolg der Judenmission in all ihren Formen5. Doch Paulus geht nicht den Weg der Mission hier: er argumentiert nicht, man habe nicht genug gepredigt, man müsse die Bemühungen intensivieren o.ä., man könnte fast meinen, er habe sich damit abgefunden. Er konstatiert nüchtern, daß alles getan wurde: es liegt nicht daran, daß sie die Christusbotschaft nicht verkündigt bekommen haben. Paulus begreift es zwar nicht, aber er ahnt es: der Mißerfolg der Judenmission ist gottgewollt, er muß sein. Es muß sein, daß Israel in die zweite Reihe zurückgestellt wird. Gott hat verstockt, also will er auch die Folgen der Verstockung. Paulus ringt hier mit fremden Denkmustern um die unausweichliche Konsequenz dessen, was er bisher ausgeführt hat.

k. Doch das meint nicht die Verwerfung

111 So nun frage ich: »Hat Gott etwa sein Volk verworfen?« - Das möge der Himmel verhüten!
2 Denn ich selbst bin ein Sohn Israels, aus dem Samen Abrahams, vom Stamm Benjamin: 3 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat.

Oder wißt ihr nicht, was die Schrift über Elia berichtet? Er tritt vor Gott gegen Israel auf: »Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört, und ich bin der einzige, der übriggeblieben ist, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.« (1 Kön 19,10.14)
4 Doch was entgegnet Gott ihm? »Ich will siebentausend Mann für mich übrig lassen, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben.«

5 Ähnlich ist es auch in der Gegenwart: Es gibt einen Rest, erwählt aus Gnade. 6 (Und wenn es durch Gnade geschieht, dann geschieht es nicht aufgrund von Leistungen, denn sonst wäre ja die Gnade nicht mehr Gnade).

7 Daraus folgt nun, daß Israel das nicht erreichte, was es suchte, wohl aber die Erwählten; die übrigen wurden verstockt: 8 »Gott hat ihnen einen Geist der Betäubung gegeben, Augen, die nicht sehen, und Ohren, die nicht hören, bis auf den heutigen Tag.« (Jes 29,10). 9 Und David sagte: »Möge ihr Tisch ihnen eine Schlinge und eine Fallgrube werden, eine Falle und eine Strafe. 10 Mögen ihre Augen verfinstert werden, so daß sie nicht sehen können, und ihre Rücken allezeit gebeugt.« (Ps 69,23-24)

Und wieder ist da diese heidnische Stimme in seinem Ohr, die sagt: »Wenn Gott sein Volk für die Christus-Botschaft verschlossen hat, dann muß es verworfen sein!« Wenn Paulus wüßte, wie weitverbreitet diese Ansicht heute noch ist, zwei Jahrtausende später. Man kann es nur als heidnische Kurzsichtigkeit bezeichnen, eine Enge im Glauben, die der Enge der damaligen Juden in nichts nachsteht. Man traut es Gott nicht zu, daß es auch noch andere Wege gehen kann als den, den wir mit ihm gehen, man traut ihm nicht zu, daß sich Gemeinschaftsgerechtigkeit auch auf ganz anderen Wegen zeigen kann. Aber Paulus kennt diese Enge nicht, er kann unbedingt und unmißverständlich sagen: »Gott hat sein Volk nicht verstoßen«.

Wie kann er das sagen? Indem er zeigt, daß Gott ein erbarmender Gott ist, ein Gott, der nicht menschlichen Gefühlsregungen folgt, der den Zorn des Elia über ein handfestes jüdisches Fehlverhalten nicht ins Göttliche steigert, sondern mildert ihn ab: er will mit diesem Volk weitermachen. Und was damals für den Rest Vernichtung hieß, heißt heute nur Verstockung, nicht Verwerfung. Die Pointe ist nicht so sehr der Rest, auf den das alles nicht zutrifft, sondern eher das Mißverhältnis zwischen menschlicher Unbarmherzigkeit und göttlicher Barmherzigkeit. Selbst zwischen den letzten beiden Zitaten, das eine bei Jesaja, dessen Zusammenhang wir oben bereits angesprochen haben - das in den Lehrlingen einzuschnürende Heil -, und das andere bei David. Während bei Jesaja die göttliche Verstockung nur ein Verschließen von Ohren und Augen ist, wird es beim menschlichen Wunsch nach Verstockung ein schmerzlicher Zorn, der nach Rache sich sehnt. Nicht daß diese menschlichen Gefühle nicht legitim wären - so ist der Mensch nun einmal, er kann nicht jeden Schmerz unbeeindruckt hinnehmen und immer barmherzig sein -, aber wir dürfen diese Gefühle nicht Gott zuschreiben. Gott ist nicht der verlängerte Arm der Menschen.

l. Doch das meint nicht den Abfall

11 Und nun frage ich: »Sind sie etwa gestolpert, auf daß sie fallen?« Auch das möge der Himmel verhüten!

Ganz im Gegenteil: durch ihr Stolpern ist ja die Erlösung zu den Heidenvölkern gekommen, um sie selbst eifersüchtig zu machen. 12 Und außerdem: wenn ihr Stolpern der Welt schon Reichtum, wenn die Minderung [ihrer Bedeutung] den Heidenvölkern schon Reichtum bringt, wieviele noch größere Reichtümer wird Israel in seiner Fülle bringen.

13 Euch Heiden sage ich dies: Da ich selbst ein Gesandter für die Heiden bin, sage ich euch hiermit, wie wichtig meine Arbeit ist, 14 auf daß ich vielleicht einige in meinem Volk eifersüchtig mache und so manche aus der Enge herausführen kann. 15 Denn wenn ihr Nein [zur Jesus-Botschaft] der Völkerwelt die Versöhnung brachte, was wird dann sein, wenn sie ihn annehmen? - Die Auferweckung der Toten!

Doch auch damit verstummt der heidnische Argwohn auf Israel nicht: Mag ja durchaus sein, daß Gott sie nicht verworfen hat, er erträgt ja langmütig und gutmütig auch die gottlosesten Menschen. Aber liegt Israel denn nicht am Boden, gedemütigt und bedeutungslos?

Auch hier findet solch ein Denken den entschiedensten Widerspruch des Paulus. Israel mag zwar stolpern und so zeitweilig die Orientierung und den festen Stand verlieren, aber zur Bedeutungslosigkeit herab fällt Israel nicht.

Das Stolpern Israels ist in ein viel komplexeres Sinngeflecht eingebunden: indem das Zentrum des Gottesgeschehens zeitweilig sich von Israel wegverlagerte, wurde ja erst den Heiden der Platz im Gemeinwesen Gottes geschaffen: indem Israel zeitweilig an seiner Bedeutung dort eingebüßt hat, weil es nicht auf der Höhe seiner selbst gewesen ist, ist der Reichtum zu den Heidenvölkern gekommen. Also jede heidnische Verurteilung des Stolpern Israels sägt den Ast ab, auf dem die Heidenvölker sitzen.

Aber diese »Minderung der Bedeutung« hat noch eine andere Wechselwirkung: die Aufnahme der Heiden in das Gemeinwesen Gottes soll Israel zur Eifersucht reizen, ja gerade Paulus versteht seine Völkermission als ein Zur-Eifersucht-Reizen Israels. Wir kennen Eifersucht nur in ihren negativen Auswirkungen: als eine besonders aggressive Form des Neides. Das kann jedoch Paulus nicht meinen: wer will denn den Neid eines anderen provozieren. Aber Eifersucht kann auch zum Eifern anstacheln: die heidnischen Nichtvölker sollen für Israel eine Herausforderung sein, die Israel aus der Enge der eigenen Gesetzlichkeit herausführt (und in der Tat bewirkt die Konfrontation der eigenen Glaubensweise mit dem Anderen, den Gott auch liebt und mit dem Gott auch einen Weg zu gehen hat, auch in unseren Kreisen und in unseren Zeiten eine heilsame Weitung des Horizontes).

Doch warum sieht Paulus gerade darin die wirkliche Wichtigkeit seiner Mission (und nicht in der Gewinnung heidnischer »Seelen«)? Weil er auf den Kommenden hofft. Und nach verbreiteter jüdischer Vorstellung hängt das Kommen des Messias davon ab, ob wir Gott für seinen Einzug die Erde bereitet haben, ob wir ihm auch die Krone herantragen.

Für manche Ohren mag diese Denkweise, die wir dem Paulus zuschreiben, doch etwas zu jüdisch und zu unchristlich klingen. Aber wir scheinen dabei zu vergessen, daß das Urchristentum Jesus nicht als den gekommenen Messias, sondern als den kommenden Messias verkündet hat (was das griechische Parusie = Ankunft ausdrückt). »An Jesus glauben« bedeutete so also: »ich glaube, daß Jesus der Kommende sein wird«. Daß diese Unterscheidung in praxi freilich nicht immer so sauber getroffen wurde, wie wir es hier unternehmen, liegt daran, daß man von einer baldigen Ankunft des Messias überzeugt war und keine Verzögerung von nunmehr fast zwei Jahrtausenden in Betracht zog: was macht es für die gegenwärtige Generation denn für einen Unterschied, ob Jesus der Messias sein wird oder gewesen ist oder gegenwärtig ist.

Für uns heute macht es einen Unterschied. Denn wenn das Judentum sagt: die Erlösung steht noch aus, so müssen wir ihm recht geben. Ja, die Welt ist unerlöst. Jesus kann also nicht der Messias gewesen sein. Aber unser beider (jüdischer und christlicher) Glaube ist von der Gewißheit beseelt: der Messias wird kommen, die Erlösung wird kommen - mit dem Unterschied, daß wir überzeugt sind, ihn bereits zu kennen: Jesus von Nazareth.

Von diesem Verständnis her ist es daher völlig widersinnig, Juden bekehren zu wollen. Auch Paulus gelangt dorthin, denn er verbindet die Annahme Jesu durch Israel mit der allgemeinen Auferweckung der Toten (wir müssen diese Wendung nicht nur als eine rhetorische Kunstfigur begreifen, sondern sehr wörtlich nehmen), die als endzeitliches Geschehen mit dem Kommen des Messias in Verbindung gebracht wird. Doch dann wird es auch kein Problem mehr sein, den Messias zu erkennen, weil alles offenbar liegen wird. Und Juden können versichern: »Wenn der Messias kommt und sich dann als Jesus von Nazareth entpuppen sollte, dann würde ich sagen, daß ich keinen Juden dieser Welt kenne, der etwas dagegen hätte.« (Pinchas Lapide)

m. Das Gleichnis vom Ölbaum

16 Ist die Erstlingsgabe des Teiges heilig, so ist der ganze Teig heilig; und wenn die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige.

17 Wenn aber nun manche der Zweige abgebrochen wurden und so du - ein wilder Ölzweig - aufgepfropft wurdest und nun an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums teilhast, 18 dann rühme dich nicht, als seist du besser als die Zweige! Wenn du dich rühmst, dann denke nämlich daran, daß nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel dich.

19 Nun wirst du sagen: »Die Zweige sind doch ausgebrochen worden, damit ich aufgepfropft werde.« 20 Ja, das stimmt, sie wurden wegen zuwenig Vertrauen ausgebrochen, aber du behältst deinen Platz nur, wenn du vertraust. Also sei nicht hochmütig, im Gegenteil: fürchte dich! 21 Denn wenn Gott schon die natürlichen Zweige nicht verschonte, wird er dich ganz gewiß nicht verschonen! 22 So sieh dir nun Gottes Güte und seine Strenge genau an: Strenge gegenüber denen, die abgefallen sind, die Güte gegenüber dir vorausgesetzt, du bleibst in dieser Güte! Anderenfalls wirst auch du ausgebrochen werden. 23 Und mehr noch, die anderen werden, wenn sie nicht in ihrem Mangel an Vertrauen beharren, wieder aufgepropft werden; denn Gott kann sie wieder aufpropfen. 24 Denn wenn du aus etwas herausgeschnitten wurdest, das von Natur aus ein wilder Ölbaum ist, und gegen die Natur einem edlen Ölbaum aufgepfropft wurdest, um wieviel mehr werden, welche von Natur aus zu ihm gehören, wieder ihrem eigenen Ölbaum aufgepfropft werden!

Wir kommen nun zu der wohl bekanntesten Passage der Israel-Kapitel des Paulus: dem Gleichnis vom Ölbaum. Bevor wir seinen Inhalt betrachten, sollten wir noch zwei Dinge beachten: zum einen handelt es sich um ein Gleichnis, und Gleichnisse dürfen nicht wie Allegorien behandelt werden. Ein Gleichnis hat immer einen Punkt, an dem es vergleichen will, das andere ist bloße Ausschmückung und hat in der Regel keine symbolische Bedeutung. Zum anderen ist zu beachten, an wen dieses Gleichnis gerichtet ist, was also die Aussageabsicht ist. Dieses Gleichnis ist der dritte Teil in einer Kette von heidnischen Einwänden, auf die Paulus eingeht, muß somit verteidigende Tendenzen zeigen wie die Abschnitte davor.

Die Aussageabsicht des Paulus wird auch schon in den ersten Versen deutlich: es will die Heidenchristen warnen vor einer Überheblichkeit, die im Judentum nur eine Negativfolie der eigenen Existenz sieht: Rühme dich nicht! Denn insofern die Heiden heilig sind, sind sie es nur, indem sie auf der heiligen jüdischen Wurzel wachsen dürfen. Die jüdische Wurzel trägt auch das Heidenchristentum. Und dabei meint »Wurzel« wiederum im Rückgriff auf das Hebräische nicht nur den »Wurzelstock«, sondern auch den »Stamm« oder »Wurzelsproß«, ja gar die »Kraft, die zum Hervorbringen eines Schößlings nötig ist«6. Die jüdische Wurzel hält uns am Leben, gibt uns die Kraft zu wachsen.

Paulus überträgt die Argumentation, daß erst durch Minderung der Bedeutung, durch das Stolpern Israels das Heil zu den Heiden kommen ist, auf das Gleichnisbild: Zweige sind ausgebrochen worden, um die heidnischen einzupfropfen. Und schon hört er das heidnische Mißverständnis, die in diesem Sachverhalt einen Grund für ein Sich-Besser-Fühlen sehen: ausgebrochen = verworfen. Anstatt den Kern des Gleichnisses zu erfassen, hängt sich dieser heidnische Einwand an etwas Nebensächlichem auf, auf dessen Kernproblem Paulus aber später eingehen wird. Deshalb ermahnt Paulus nun eindringlicher: anstatt hochmütig zu sein, anstatt sich hämisch über das Ausgebrochensein der anderen Zweige zu freuen, sollte man sich lieber fürchten, ob man selbst den Platz behalten wird. Gott kann die natürlichen Zweige des Ölbaums jederzeit wieder einpflanzen, Gott kann jederzeit Israel wieder in seine alte Bedeutungsstellung zurückversetzen, aber wird er das auch mit den wilden Zweigen tun, die er aus dem Ölbaum wieder - »aus Mangel an Vertrauen« - entfernt hat? Die Pointe ist: anstatt daß sich Heidenchristen den Kopf über das Heil Israels zerbrechen und daraus eine falsche Überlegenheit gewinnen, sollen sie sich lieber um ihr eigenes Heil sorgen. Ja, dieses Denkmuster begegnet uns ja noch in unseren Tagen: man macht sich Gedanken darüber, ob Juden »in den Himmel oder in die Hölle kommen«, vergißt aber gleichzeitig, daß Gott sich vielleicht sehr beherrschen muß, um diese Christen nicht auszubrechen.

Paulus geht es in diesem Gleichnis also nicht um das Schicksal Israels, sondern um die Situation der Heiden, die den Juden alles verdanken und keinen Grund haben, sich ihnen gegenüber zu rühmen, auch wenn Gott einen anderen Weg mit ihnen geht. Wie dieser Weg von innen oder von außen aussieht, darüber schweigt sich Paulus aus. Das liegt für ihn beschlossen im großen Geheimnis Gottes, mit dem er die Israel-Kapitel beschließen wird.

n. Endzeitliche Rettung

25 Denn Brüder, ich möchte, daß ihr diese Wahrheit versteht, die Gott zuvor verborgen hatte, nun aber offenbart hat, damit ihr euch nicht einbildet, mehr zu wissen als ihr tatsächlich wißt. Verstockung ist zu einem gewissen Teil über Israel gekommen, bis die Völkerwelt eingeht in ihrer Vollzahl. 26 Und sodann wird auch ganz Israel gerettet werden:

»Aus Zion wird der Erlöser kommen; er wird die Verfehlung aus Jakob fortnehmen, 27 und das wird mein Bund mit ihnen sein, ... wenn ich ihre Sünden fortnehme.« (Jes 59,20-21; Jes 27,9)

28 Im Hinblick auf die Frohbotschaft sind sie zwar Feinde um euretwillen, aber im Hinblick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

29 Denn Gottes Gaben und SEIN Erwählen sind unwiderruflich. 30 So wie ihr selbst Gott früher ungehorsam wart, jetzt aber Erbarmen empfangen habt wegen Israels Ungehorsam, 31 so ist auch Israel jetzt ungehorsam gewesen, damit es, indem ihr ihm das gleiche Erbarmen erweist, das Gott euch erwiesen hat, jetzt ebenfalls das Erbarmen Gottes empfange. 32 Denn Gott hat die ganze Menschheit in Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarme!

Der schon zur damaligen Zeit aufkommende Hochmut der Heidenchristen ist der einzige Grund dafür, daß Paulus sich in seiner Argumentation bis an den Rand des Begreifbaren begibt. Verstockung ist über einen Teil Israels gekommen, das heißt: Gott hat ihnen Augen und Ohren verschlossen, bis die Heidenwelt in das Gemeinwesen Gottes aufgenommen ist und so das Kommen des Messias vorbereitet ist. Und dann wird ganz Israel gerettet werden.7 Hier entlarvt Paulus die hochmütigen Spekulationen über das Heil Israels als gottfeindlich. Ohne Wenn und Aber wird Israel gerettet werden, ohne Vorbedingung. Das ist eben das Vorrecht eines auserwählten Volkes, des Eigentumvolkes Gottes gegenüber der übrigen Welt. Kein anderes Weltvolk kann diese Heilsgewißheit für sich beanspruchen. »Denn Gottes Gaben und SEIN Erwählen sind unwiderruflich«, der Bund ist ungekündigt.

Und wozu sind die Heidenchristen angehalten: Israel Erbarmen zu erweisen, so wie Gott den Heidenvölkern erbarmen erwiesen hat. Die Heidenvölker sollen sich als Vermittler des Gotteserbarmens an Israel verstehen. Wir sollen Gott nachahmen in unserem Verhalten Israel gegenüber. Und weil wir wissen, daß wir die Juden nicht missionieren müssen, weil wir wissen, daß Israel das Heil zuteil werden wird, weil wir wissen, daß wir von der Kraft unserer jüdischen Wurzel leben, weil wir wissen, daß der Bund und die Erwählung Israels ungekündigt sind, weil wir wissen, daß das Nein Israels gottgewirkt und gottgewollt ist, und weil wir wissen, daß wir eigentlich - wo unser Glaube nicht in falscher Enge gefangen ist - auf die gleiche Weise an denselben Gott glauben, nur auf unterschiedlichen weltgeschichtlichen Wegen, können wir, nein, müssen wir die Gemeinschaft mit Israel suchen, so wie Gott mit uns Gemeinschaft suchte. Wir sollen Gott nachahmen: das heißt doch aber auch aus unserem christlichen Verständnis (das übrigens seine Entsprechung im Jüdischen findet), daß wir Israel nicht von oben herab begegnen, sondern so wie Gott uns in Jesus begegnete: von unten. Manche Selbstgefälligkeit, manch heidnische Unsitte, mancher liebgewonnene Hochmut wird dabei auf der Strecke bleiben, manche Enge wird überwunden werden müssen, aber gibt es Wichtigeres? Wir müssen auch lernen, das soll uns der letzte Vers des Paulus lehren, nicht mit verschiedenen Maßstäben zu messen. Meist sieht die Bilanz in einem Vergleich zwischen Christentum und Judentum so aus, daß wir die Glanzpunkte des Christentums mit den Verfehlungen des Judentums vergleichen, doch Paulus sagt: wir sind beide »im Ungehorsam eingeschlossen« und hoffen auf das Erbarmen Gottes. Keiner ist besser als der andere, und beide sind angewiesen auf den Gott, der sie eint.

o. Vom Geheimnis Gottes

33 O Tiefe der Reichtümer und der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich ist sein Richten, wie unausforschlich sind seine Wege! 34 Denn »wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Wer ist SEIN Ratgeber gewesen?« (Jes 40,13) 35 Oder »wer hat IHM etwas gegeben, damit er es IHM zurückzahle.« (Hiob 41,3).

36 Denn aus IHM und durch IHN und zu IHM sind alle Dinge. IHM sei Ehre für immer! Amen.

Und dieses Angewiesensein auf Gott äußert sich in nichts prägnanter als in dem immer wieder hervortretenden Geheimnis Gottes: wir kennen den Gottesplan nicht (wenn auch manche ganz eifrige Christen meinen), wir haben ihn nicht beraten, er schuldet uns nichts. So wird auch im Verhältnis zwischen Judentum und Christentum immer das Geheimnis Gottes bleiben: wir wissen nicht genau, was Gott mit Israel vorhat, und wir müssen immer damit rechnen, daß Gott uns durch Israel etwas vermitteln will, so wir er uns durch Israel das Heil überhaupt zukommen ließ. Ja, wir müssen wieder mit dem Geheimnis Gottes rechnen, mit dem Unergründlichen, wir müssen wieder die Demut vor diesem Geheimnis Gottes lernen, auf daß wir Gott wieder in seiner Größe erkennen. Und wir müssen lernen, daß all unsere theologischen Aussagen (diese eingeschlossen!) ihre Wahrheit erst in der Bewahrheitung durch IHN erhalten.:

Denn aus IHM und durch IHN und zu IHM sind alle Dinge. IHM sei Ehre für immer! Amen.

Die Israel-Kapitel des Paulus

Paulus bestätigt und bekräftigt alle Aussagen über Israels Sonderstellung. Er hält kompromißlos an der Erwählung Israels und dem ungekündigten Bund fest. Das gegenwärtige Nein Israels erklärt er mit einer allein gottgewirkten Verstockung, die keine Mission überwinden kann, welche aber zu keinem Zeitpunkt die endzeitliche Rettung Israels in Frage stellt. Im zeitgenössischen Judentum sieht er eine Fehlentwicklung am Werk, die alle (Buch-) Religionen von Zeit zu Zeit anficht: die Enge, die nicht das Neue im Herankommen der Heidenwelt zu Israels Gott erkennen will, obwohl nach Paulus Meinung die Christusbotschaft nur eine andere Ausdrucksweise für die Botschaft der (noch gültigen!) Tora darstellt. An die schon damals überheblich werdenden Heidenchristen richtet er die eindringliche Mahnung, sich gegenüber Israel nicht besser zu fühlen, da Israel Ursprung und Lebensquell der Christengemeinschaft ist. Statt Feindschaft gegenüber Israel sollen wir Gemeinschaft mit Israel pflegen.


Fußnoten

1) Ich verdanke hier viele Gedanken und Argumente der hervorragenden Römer-Interpretation von Friedrich-Wilhelm Marquardt in seinem Buch Das christliche Bekenntnis zu Jesus, dem Juden, Bd. I, München 1989.
2) vgl. hierzu den entsprechenden Abschnitt im o.g. Buch von F.-W. Marquardt.
3) vgl. Martin Buber, Der Glaube der Propheten, Abschnitt Das Mysterium
4)
vgl. F-W. Marquadt, a.a.O.
5)
Wer auf einzelne »Erfolge« (insbesondere in jüngster Zeit) hinweist, der sollte aber auch die freiwilligen Übertritte von Christen zum Judentum (das ja praktisch keine Mission betreibt) erwähnen, die es zu allen Zeiten gab und manchmal kirchlichen Autoritäten bedrohliche Ausmaße annahmen (z.B. im fränkischen Reich im 8. und 9. Jahrhundert).
6) vgl. Franz Mußner, Traktat über die Juden
7)
vgl. Franz Mußner, Traktat über die Juden: Das "so" in Vers 26 darf nicht als Einleitung für das Jesaja-Zitat verstanden werden.


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