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MARTIN BUBER UND DAS CHRISTENTUM

Andreas Schmidt

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Das fundamentale Nein zu aller Mission

Martin Buber hat sein Leben eine Abneigung gegen jede Art von Mission verspürt, und darin unterschied er sich auch von Franz Rosenzweig, der eine jüdische Weltmission durchaus befürwortete. In seinen autobiographischen Fragmenten Begegnungen versucht er, dies mit dem alltäglichen Erlebnis des christlichen Schulgebetes während seiner Schulzeit zu assoziieren. Jedenfalls war Mission für ihn die Infragestellung des Anderen. Man nahm ihn nicht ernst im Hinblick auf das, was seine Urbeziehung zum Göttlichen anbelangt. Und wo man den Gegenüber nicht ernstnimmt, wo man dessen Relgion als das allenfalls zweitbeste ansieht, dort kann keine Verständigung, kein Dialog stattfinden. Und in der Tat ist ja die christliche Bekehrungshaltung und auch Bekehrungserwartung gegenüber den Juden eine besonders infame theologische Herabwürdigung ihres nachbiblischen religiösen Lebens. Gerade darauf geht Buber in einem Brief ein:

Ich las mit einiger Verwunderung im Rundbrief Nr. 2/3 auf S.51 diese von Ihnen herrührenden Worte:
"... als eine Versuchung, die Juden für unrettbar 'geistlich tot', d.h. unbekehrbar zu halten."
Ich war bisher überzeugt, daß Ihnen an einer echten Verständigung mit jenen gläubigen Juden gelegen sei, die für die Tatsache eines gläubigen Christseins Verständnis haben. Wie aber soll eine solche Verständigung noch möglich sein, wenn Sie für die Juden geistliches Leben mit Bekehrbarkeit identifizieren. Ich habe mein geistliches Leben in der Unmittelbarkeit zwischen Gott und mir, und mein leibliches Leben dazu. Ich kann ebenso wenig es für von Gott erlaubt halten, daß ein Christ dies in Frage stellt, wie ich es für von Gott erlaubt halten kann, daß ich dergleichen einem Christen gegenüber tue. Judentum und Christentum stehen miteinander im Geheimnis unseres Vaters und Richters: so darf der Jude vom Christen und der Christ vom Juden nicht anders als in Furcht und Zittern vor dem Geheimnis Gottes reden. Auf dieser Grundlage allein kann es zwischen Jude und Christ eine echte Verständigung geben.

Martin Buber an Karl Thieme am 12.6.1949

Buber sieht die geschichtliche Realität, daß Judentum und Christentum als zwei voneinander getrennte (obwohl natürlich vielfach aneinander gebundene) Religionen und identifiziert damit den Willen Gottes. Wie auch Paulus in den Kapitel 9-11 des Römerkapitels, so sieht auch Buber die Existenz des Juden neben dem Christen nicht als eine vorläufige, sich in der Geschichte aufhebende Situation (durch Bekehrung des Juden zum Christentum), sondern als eine durch das Geheimnis Gottes begründete, erst endzeitlich sich auflösende Trennung:

Nur das meine ich noch sagen zu sollen, daß jedenfalls ich - der ich freilich keineswegs ein gläubiger Jude im repräsentativen Sinn bin - keineEndzeithoffnung habe, die ich in einem "nur" oder "doch nur" zu fassen vermöchte: ich glaube daran, daß Gottes Geheimnis, hervorgetreten, alle menschenüblichen Fragen nach der Beziehung zwischen Gott und Mensch verbrennen wird, also auch die, deren verschiedene Beantwortung Juden und Christen voneinander trennt. Es ist mir also letzter Ernst mit der Überzeugung, daß wie die Juden keine Christen, auch die Christen keine Juden zu werden bestimmt sind.

Von hier aus kann Buber ein aufrichtiges und dialogisches Verhältnis zum Christentum und christlichen Glaubensinhalten aufbauen. Erst ist sich seiner jüdischen Existenz sicher und nimmt das Christentum als gottgegebene Realität an. Keine der beiden Seiten ist in Frage gestellt oder wird durch das, was man denkt, in Frage gestellt.

Jesus von Nazareth - Christus der Kirche

Von diesem Standpunkt aus kann sich Buber Jesus ohne große Polemik und stattdessen mit viel Einfühlungsvermögen nähern. Man braucht zu dem "Bekenntnis", mit dem Buber, der Jude, sein Buch Zwei Glaubensweiseneröffnet und das zu den meistzitiertesten jüdischen Zeugnissen zu Jesus gehört, eigentlich nichts hinzufügen:

Jesus habe ich von Jugend auf als meinen großen Bruder empfunden. Daß die Christenheit ihn als Gott und Messias angesehen hat und ansieht, ist mir immer als eine Tatsache von höchstem Ernst erschienen, die ich um seinet- und um meinetwillen zu begreifen suchen muß [...] Mein eigenes brüderlich aufgeschlossenes Verhältnis zu ihm ist immer stärker und reiner geworden, und ich sehe ihn heute in stärkerem und reinerem Blick als je.

Gewisser als je ist mir, daß ihm ein großer Platz in der Glaubensgeschichte Israels zukommt und daß dieser Platz durch keine der üblichen Kategorien umschrieben werden kann.

Martin Buber, Zwei Glaubensweisen

Eine aufschlußreiche Notiz, die Bubers tiefe Verbundenheit mit Jesus mit Inhalt füllt, findet sich bei Schalom Ben-Chorin:

Offenbarung aber war für ihn letztlich nicht fixierbar. Der religiöse Mensch in seiner höchsten Vollendung, wie er sich Buber in der Gestalt Jesu darbot, war für ihn derjenige, der über jede im geschrieben Wort fixierte Offenbarung hinausgeht. So bemerkte Buber über Jesus: "Der Sinai genügt ihm nicht, er will in die Wolken überm Berg, aus der die Stimme schallt, er will dringen in die Urabsicht Gottes, in die Urunbedingtheit des Gesetzes, wie sie war, ehe sie sich in der menschlichen Materie brach."

Schalom Ben-Chorin in Zwiesprache mit Martin Buber

Mit Jesus verbindet Buber also das Zurück-hinter-den-Sinai-Wollen, daß Jesus und Buber nicht am niedergeschriebenen Gesetz haltmachen wollten, sondern die Intention erfassen. Buber wie Jesus gaben sich nicht zufrieden mit überlieferter Offenbarung, sie wollten selbst Offenbarung, die Begegnung des Menschen mit dem Göttlichen erleben. Aber so sehr Buber die Verbundenheit mit Jesus betont und fühlt, so sehr fühlt er sich gegenüber der christlichen Jesus-Interpretation entfremdet:

Jesus ist mein älterer Bruder, aber der Christus der Kirche ist ein Koloß auf tönernen Füßen.

Martin Buber zu Schalom Ben-Chorin (in: Ben-Chorin, Zwiesprache mit Martin Buber)

Buber begreift Jesus als den Urjuden, der sich nur zu den Juden gesandt fühlte, der nur Juden seine Botschaft von der Gottesherrschaft verkündete, der nie das Judentum verließ. Ihm gegenüber sieht er die christliche Interpretation dieses Juden, an dem oftmals kaum mehr etwas Jüdisches verblieben ist. Man sieht nicht mehr den Menschen Jesus, sondern die Inkarnation des Wortes, Gottes.

Buber sagte sehr betont, daß "wir" doch nicht an Jesus glauben, und dann zwischen zwei Sätzen ohne den geringsten satirischen Akzent, Jesus habe doch als Jude nicht an Christus geglaubt. Das ist nicht nur ungeheuer komisch, sondern vielleicht sogar wahr.

Werner Kraft, Gespräche mit Martin Buber, S.87

An einen Menschen glauben, das ist für Juden unvorstellbar. Daß Gott einen leiblichen Sohn habe oder sich gar in Menschengestalt unter die Menschen schmuggle, sich töten ließe, das war einem gläubigen Juden damals wie heute unvorstellbar. So sehr er sich in den Glauben Jesu einfühlen kann, mit ihm mitglauben kann, sowenig kann er den Glauben an Jesus teilen oder auch nur nachempfinden.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch ein Gespräch, worin ich Buber gestand, daß ich ohne Jesus Christus nicht an Gott festhalten könne, worauf er antwortete, daß das eben der Vorzug der Israeliten sei, daß er dieses könne, während der "Heide" diese Beziehung zu Gott nur durch die Vermittlung Israels erlangen könne. Ich weiß nicht, ob es bei diesem Anlaß war oder bei einem anderen, daß ich ihn auf die ungeheuere Welt des Christentums hinwies, die doch nicht ein bloßer Irrtum und Abweg sein könne, worauf er mit der dunklen Rede erwiderte, die auf das offenbar nicht ohne Gottes Willen vorhandene Geheimnis dieses Verhältnisses hinwies.

Leonhard Ragaz, Gespräche mit Martin Buber

Die radikale Unmittelbarkeit war es, die Buber in seinem Glauben immer wieder verfolgte. Weder durch eine schriftliche Offenbarung, noch durch einen Menschen ließ er sein Glaubensverhältnis mitteln. Als den Urkern der jüdischen Seele bezeichnete es Buber, daß der Glaubende Gott unmittelbar begegnen kann. Die Möglichkeit sieht Buber in der Erwählung Israels aus den Völkern begründet. Wenn nun das Christentum nur über Jesus an Gott festhalten kann, dann muß dies für Buber am gojischen Schicksal liegen. Dieses Argument des Gojischen ist natürlich für Christen gänzlich unverständlich, aber auch Buber weiß keine wirkliche Erklärung als das Geheimnis dieses Gottes, an den er glaubt.

Gerade von der Wahrheitsfrage aus hatte ich ihrer Alternativik widersprochen: Gottes Wahrheit läßt sich meines Erachtens nicht in die höchst menschliche Dialektik eines solchen Entweder-Oders einfangen. Nicht die Sohnschaft sondern die Einzigkeit der Sohnschaft steht zwischen uns in Frage. Ich sehe sowohl ein Nein wie ein Ja, die geschichtsmächtig sind und denen meine arme, auch höchst menschliche, aber doch: Gotteserfahrung sich nicht fügen kann und darf. Um diese geht es nämlich, überhaupt um Erfahrung und nicht um Philologie. Ich höre in Mk 10,18 eine andere Stimme als in Joh 14,6 und ich halte mich zu jenem Sprecher und nicht zu diesem. Ich glaube Grund zu haben, meine hörenden Ohren, den von Gott "gebohrten" (Ps 40,7) und von ihm "erschlossenen" (Jes 50,5), zu vertrauen - wie könnte ich anders! Im übrigen bin ich gewiß, und Sie wohl auch, daß Gott, wen er erlösen will, erlösen kann durch wen er will; warum müßte also Jesus von Nazareth, wenn er nicht Gottes eingeborener Sohn ist, sondern einer seiner Söhne und Boten, die Nichtjuden genau so wenig erlösen können usw.? Ich freilich sehe die Erlösung überhaupt nicht als vollzogen, und wieder sind es meine Augen, die dies nicht sehen. Verstockung? oder eine Gnade, wiewohl eine furchtbare? Ich halte dafür, daß Er Ihnen und mir gnädig ist, jedem von uns anders, aber beiden in Seinem unbegreiflichen Geheimnis. Daß es am Ende vollkommen offenbart wird, glaube ich wie Sie; nur bin ich dessen gewärtig, daß allerMenschenglaubensinhalt darin aufgelöst wird.

Martin Buber an Karl Thieme am 10.10.1949

Nirgends hat sich Buber eindringlicher und persönlicher auf die Kritik christlicher Dogmatik eingelassen. Es geht um nicht weniger als den Absolutheitsanspruch des Christentums. Die christliche Verkündigung hat Joh 14,6 ("Jesus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.") immer wieder ins Zentrum gestellt und damit das johanneische Kerygma zum eigentlich Verbindlichen gemacht. Dieser Vers wurde nicht als Bekenntnis gelesen, sondern als eine Ausschließlichkeitserklärung, die in der kirchlichen Anmaßung Außerhalb der Kirche kein Heil gipfelte. (Daß man das nicht so verstehen muß: vgl. An Jesus kommt ihr nicht vorbei...). Buber demgegenüber, der Jesus nicht als Religionsstifter, sondern als jüdischer Glaubensbruder begegnet, hält sich daran, was nach seinen Ohren jesuanischer klingt. Und hier findet er die Stelle im Markusevangelium, wo Jesus auf die Anrede "Guter Meister" ablehnend entgegnet "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als gut allein." Abgründe stehen zwischen dem Selbstverständnis hinter dem Johannesvers und dem Selbstverständnis im Hintergrund des Markusverses. Buber trifft hier den Nerv der christlichen Dogmatik: die Göttlichkeit Jesu, wie sie auch von vielen christlichen Gläubigen inzwischen eher von der Seite Bubers aus gesehen wird. Buber als gläubiger Jude kann nicht begreifen, wie Christen behaupten können, außer Jesus gäbe es kein Heil, weil dies bedeuten würde, daß die ganze jüdische Glaubensgeschichte keine Heilsgeschichte wäre - und daß sie aber Heilsgeschichte ist, erfährt Buber immer wieder.

Darüber hinaus kann Buber auch nicht nachvollziehen, wie von christlicher Seite aus immer wieder behauptet werden kann, daß die Welt durch Jesus bereits erlöst sei, daß die Erlösung kein eschatologisches, sondern historisches Ereignis sei.

Messianität Jesu

Aber ich glaube ebenso fest daran, daß wir Jesus nie als gekommenen Messias anerkennen werden, weil dies den innersten Sinn unserer messianischen Leidenschaft [...] widersprechen würde. In das mächtige Seil unseres Messiasglaubens, das, an einem Fels am Sinai geknüpft, sich bis zu einem noch unsichtbaren, aber in den Grund der Welt gerammten Pflocke, spannt, ist kein Knoten geschlagen [...] Für uns gibt es keine Sache Jesu, nur eine Sache Gottes gibt es für uns.

Martin Buber in Pfade in Utopia

Das jüdische Nein zu Jesus als dem gekommenen Messias ist ein Nein, das sich aus dem Urgrund des jüdischen Glaubens ergibt.

Die Beziehung Bubers zu Jesus geht über das Gehör. Buber erklärte, daß er über den historischen Jesus wenig wisse, da die Evangelien eben keine Biographien seien, daaß ihm aber einzelne Sprüche Jesu durchs Gehör so tief ins Herz gedrungen seien, daß er die Echtheit des sprechenden Menschen, dessen gewaltige Sprache ihn erschüttere, unverkennbar spüre. "Von den messianischen Gestalten der jüdischen Geschichte, von Bar-Kochba bis zu dem infamen Lügner Jakob Frank, ist Jesus die erhabenste, die großartigste - aber der Messias ist er nicht," sagte Buber. "Die Welt blieb auch nach ihm unerlöst, und wir spüren, wie diese Unerlöstheit uns direkt in die Poren dringt ... Inmitten einer unerlösten Welt mit einer erlösten Einzelseele herumzulaufen, wie es das Christentum lehrt, vorallem das Christentum abendländischer Prägung, lehnen wir ab."

Schalom Ben-Chorin, Zwiesprache mit Martin Buber

Hier wird noch einmal deutlich, daß ein gewichtiges Argument gegen die Messianität Jesu die Unerlöstheit der Welt ist, die niemand abstreiten kann, schon gar nicht als Menschen, die nach der Shoah leben. Das Kommen des Messias fällt für Buber zusammen mit der Erlösung, aber die Welt ist nicht erlöst, somit kann Jesus gar nicht der Messias gewesen sein.

Sie schreiben, daß "doch nichts im Wege stände, Jesus als den Messias der Welt anzusehen, der das geläuterte Judentum der aus ihrem Götzendienst zu befreieden Welt gebracht habe". Das ist ein durchaus lutherischer Gedanke, den ich auf das entschiedenste verwerfen muß. Schon die Formulierung, daß "nichts im Wege stände", finde ich auf religiöse Entscheidungen völlig unanwendbar; der religiöse Mensch ergreift eine Glaubenswahrheit, nicht weil ihr nichts im Wege steht, sondern weil seine Seele von ihr überwältigt und erleuchtet ist. Wichtiger aber ist das Inhaltliche. Wer "die Welt", richtiger einen Teil der Menschheit vom Götzendienst befreit, heiße er nun Jesus oder Buddha, Zarathustra oder Laotse, hat keinen Anspruch auf den Namen des "Messias der Welt"; der käme nur dem zu, der die Welt erlöste. Läuterung der Religiosität, Monotheisierung, Christianisierung. all das bedeutet nicht Erlösung - das ist eine Verwandlung des ganzen Lebens von Grund aus, des Lebens aller Einzelnen und aller Gemeinschaften. Die Welt ist unerlöst - fühlen Sie das nicht wie ich in jedem Blutstropfen? Fühlen Sie nicht wie ich, daß das Messianische nichts Geschehenes, nichts an einem bestimmten Fleck der geschichtlichen Vergangenheit Lokalisiertes sein kann, sondern einzig das, dem wir ins Unendlich entgegenblicken, in die Ewigkeit entgegenharren, als Ideal überempirisch, als das, an dessen Verwirklichung wir allstündlich arbeiten können, uns unmittelbar gegeben, unberührbar wie Gott selber und unanzweifelbar lebendig wie er, - die absolute Zukunft? Ist es möglich, daß dieses urjüdische Gefühl, das die Wurzel jüdische Religiosität ist, der Glaube an die Erfüllung am Ende der Tage, der nichts Vergängliches vorgreifen, aber alles Vergängliche vorarbeiten darf und soll, aus Ihrem Herzen gebrochen ist? Ich sagte, die Kluft sei in diesem Punkte unüberbrückbar; ich meine: für mich zu Ihnen gibt es keine Brücke - und für Sie zu mir? Wollen Sie sich zuinnerst danach befragen? Erlauben Sie mir, für heute bei diesem Alpha zu schließen.

Martin Buber an Landgerichtsrat S. am 26.11.1917

Heute nur dies: meine Messias-Vorstellung und mein Messias-Glaube sind die altjüdischen, wie sie etwa in dem Wort IV Esra 13,26 zum Ausdruck kommen: durch den Gott die Schöpfung erlösen will, und das. 6,27: dann ist das Böse ausgetilgt und der Trug ist vernichtet. Es kann somit niemals der Aufstieg eines Menschen zu Gott, die Wiedergeburt eines Menschen als messianisches Geschehen betrachtet werden, sondern nur die erlösende Funktion eines Menschen. In der erlösenden Funktion, der erlösenden Tat messianischer Menschen bereitet sich die absolute Zukunft in der Gegenwart, in aller Gegenwart. Ihre Vollendung ist unserem Bewußtsein entrückt - wie Gott; ihr Vollzug ist unserem Bewußtsein zugänglich - wie das Erlebnis Gottes im Menschen. Ich glaube an die Erfüllung am Ende der Tage, der nichts Vergänglichhes vorgreifen, aber alles Vergängliche vorbereiten darf und soll. Dies sind die "tausend Gestalten", in denen der Messias über die Sonnen, über die Erden wandelt"; "zerstreut in unsägliche Weite, hütet er allerorten das Wachsen der Seele, hebt er aus allen Tiefen die gefallenen Funken." Aber eben daraus geht hervor, daß die Vollendung nichts Geschehenes, nichts an einem bestimmten Fleck der geschichtlichen Vergangenheit Lokalisierbares sein kann - und daß sie ebensowenig aus einem Weltvorgang zu einem Ichvorgang gemacht werden darf - wenn auch freilich der Weltvorgang im Ich erlebt werden muß (als Selbsterlösung, als Erweckung des Adam Kadmon, wie Sie es schön und wahr kennzeichnen), wenn es zu seiner erlösenden Aufgabe heranreifen soll: diese ist die zeitliche Bewährung und Darstellung jenes außerzeitlichen Erlebnisses und in diesem Sinn ist die Zeit größer als die Ewigkeit. Wenn der Messias Sohn Davids nicht die Herrschaft über die Völker, sondern das Leben verlangt, das heißt: nicht Gottesmacht, sondern Menschendauer, sonder Zeit, sondern Raum für seine Tat, so scheint mir dies nichts anderes zu bedeuten. - Nun ist es zwar offenbar, daß in der urchristlichen Gemeinde der geschehene innere Vorgang - in seiner Projektion - als die eingetretene Erlösung der Welt angesehen wurde; ja als die eingetretene Erlösung Gottes, der nach einem Fragment jenes Evangeliums, "quo utuntur Nazareni et Ebionitae" in Christus seine requies fand. Aber die unablässige Erfahrung der unerlösten Welt, derwie Sie sagen - mit all ihren Wirren ihren Gang weitergehenden Menschheitsgeschichte, zwang die Gemeinde, Christus in den Gekommenen und den Kommenden zu spalten und das Paraklets als des eigentlichen Vollenders, als des Sichtbarmachers der Erlösung zu harren. Damit ist das Sein auch in seiner zeitlichen Erscheinung in ein inneres und ein äußeres gespalten. Dieser Spaltung steht der jüdische Messias-Glaube entgegen, dem in der messianischen Funktion des Menschen ebenso wie in der absoluten Erfüllung Inneres und Äußeres, "Hebung der Funken" und Erhebung des Menschen unerlösbar verschmolzen erscheinen.

Martin Buber an Hugo Bergmann am 4.12.1917

über eine Aufzeichnung Lina Lewys:

Dort wird mir etwas kundgegeben, hier wird etwas von mir gefordert, und zwar etwas, was ich nicht zu leisten vermag, nämlich die "Verbindung von AT und NT". Ich kann sie nicht leisten, weil Jesus, dem ich mich nah und in manchem verbunden fühle, für mich eben nicht, wie für Sie, der Messias ist; weil ich an einen bereits vor so und so vielen Jahren gekommenen Messias überhaupt nicht zu glauben vermag; weil ich die Unerlöstheit der Welt allzu tief spüre, um mich mit der Vorstellung einer vollzogenen Erlösung - sei es auch nur der Seele (ich will nicht mit "erlöster" Seele in einer unerlösten Welt leben) . abfinden zu können. [Verweis auf Brennpunkte der jüdischen Seele] Es handelt sich in einer solchen Krisis eben faktisch um den Glauben, und das heißt: um das, was man wirklich glaubt, glauben kann und glauben darf. Sie sagen: "Jesus von Nazareth ist die Hilfe in aller Not"; das geht mir gegen meinen Glauben, der dahin geht, daß Gottdie Hilfe in aller Not ist und keiner außer ihm. Dies aber ist auch, dessen bin ich gewiß, der Glaube Jesu selber gewesen. Ich glaube nicht an Jesus, aber ich gluabe mit ihm.

Martin Buber an Lina Lewy am 4.2.1943

Der letzte Abschnitt charakterisiert vielleicht das einzig jüdisch mögliche Verhältnis zu Jesus: das des Glaubens mit ihm. Und Christen müssen sich fragen lassen, was denn der große Unterschied zwischen ihrem Glauben und das einen Judens ist außer einem dogmatischen Überbau, der manch einem als ein Wasserkopf erscheint.

Christentum

Aber vermutlich liegt das Problem daran, daß das Christentum einen etwas anderen Glaubensbegriff pflegt. Während im Judentum Glauben einfach nur Vertrauen ist. Kein dogmatischer Inhalt ist damit verknüpft. Im Christentum wird mit Glauben auch immer gleich das Bekenntnis verknüpft, die Anerkenntnis einer bestimmten Interpretation eines historischen Ereignisses, die Anerkenntnis einer bestimmten Funktionsbezeichnung für Jesus.

Es stehen einander zwei, und letztlich nur zwei, Glaubensweisen gegenüber. [...] Beide lassen sich von schlichten Tatsachen unseres Lebens aus anschaulich machen: die eine von der Tatsache, daß ich zu jemand Vertrauen habe, ohne mein Vertrauen zu ihm hinlänglich "begründen" zu können, die andere von der Tatsache aus, daß ich, ebenfalls ohne es zulänglich begründen zu können, einen Sachverhalt als wahr anerkenne. [...]

Die erste der beiden Glaubensweisen hat ihr klassisches Beispiel an der Frühzeit des Glaubensvolkes Israel - einer Glaubensgemeinschaft, die als Volk, eines Volks, das als Glaubensgemeinschaft entstanden ist -, die zweite an der Frühzeit der Christenheit [...]

Martin Buber, Zwei Glaubensweisen, S.9ff

Buber hat versucht, eine Antwort darauf zu geben, warum dieser charakteristische Unterschied denn da sei, und er sieht ihn im missionarischen Charakter des Christentum, der nicht das vertrauende Beharren durch alle Widrigkeiten hindurch im Glauben betont, sondern das Annehmen einer bestimmten Heilslehre.

Die Christenheit beginnt als Diaspora und Mission. Die Mission bedeutet hier nicht Verbreitung allein, sie ist der Lebensatem der Gemeinschaft, denn sie ermöglicht allerorten die Gemeinde der Gläubigen und damit die Leiblichkeit des neuen Gottesvolks. Aus Jesu Ruf zur Umkehr in die "nahgekommene" Königsherrschaft Gottes hinein ist das Werk der Bekehrung geworden: Bekehrung zum Glauben. Dem erlösungsbedürftigen Menschen der verzweifelnden Stunde wird die Erlösung angeboten, wenn er nur glaubt, daß sie geschehen ist und daß sie so geschehen ist. [...] An den zu Bekehrenden tritt Forderung und Weisung, das zu glaubenm was er nicht in der Kontinuität, sondern nur im Sprung zu glauben vermag.

Martin Buber, Zwei Glaubensweisen, S.12f

Auszüge aus Briefen und Werk © Gütersloher Verlagshaus