Leibowitz zu Buber
[ Martin Buber - Diskussionsforum ] Geschrieben von Steffen am 18. September 2000 13:03:19:
Hi, hab folgende interessante Stellungnahme zu Buber gefunden. Was haltet ihr so davon?
Steffen
"(...)
Wenn ich es mit scharfen Worten ausdrücken soll, so würde ich sagen, Buber war jüdischer Theologe für Nicht-Juden. Das lag natürlich nicht in seiner Absicht, aber so hat es sich ergeben. Nicht-Juden sehen in seiner Lehre eine jüdische Theologie. Aber Bubers Ansichten stehen in keinem Bezug zu dem historischen Judentum - das ein Judentum der Tora und der Mizwot ist. Deshalb stellt Bubers Lehre keine jüdische Theologie dar.
Trifft das auch auf Bubers chassidische Geschichten zu?Hier kann ich in Anlehnung an Gershom Scholem nur sagen: Wenn ein Außenstehender das, was Buber über den Chassidismus geschrieben hat, liest, dann wird er bis zum Schluß nicht den Eindruck gewinnen, daß die Chassidim die Tora und die Mizwot gehalten haben, obwohl gerade sie die Vorschriften des Schulchan Aruch besonders ernst nahmen. Diese Welt der Tora und Mizwot aber spiegelt sich in den chassidischen Geschichten Bubers nicht wider, die eigentlich 'Kitsch' und bewußte Fälschungen darstellen. Buber hat ein Judentum beschrieben, das es nicht gibt und niemals gegeben hat. Man muß jedoch zu seiner Rechtfertigung sagen, daß er wirklich geglaubt hat, einen jüdischen Standpunkt zu vertreten. Er schrieb nicht aus apologetischen Tendenzen heraus. Ebenso wollte er das Judentum keineswegs vor der nicht-jüdischen Welt rechtfertigen, letztendlich aber versuchte er ein Judentum zu bilden, das in den Augen der Nicht-Juden Wohlwollen finden konnte, bei dem es sich ejdoch nicht um das historische Judentum handelte.
Ben-Gurion schrieb über Bubers philosophische Prinzip des 'Ich und Du' folgendes: 'Das Ich und Du Bubers und Rosenzweigs ist in Wahrheit nichts anderes als eine Verdopplung von Bubers Ich. Er spricht mit sich selbst - und bildet in seiner Phantasie einen Gesprächpartner heraus ... Das ist wahrscheinlich äußerst angenehm - hat baer keine andere Bedeutung als die des 'Selbstbetruges'...'
Was halten Sie von Bubers Philosophie?Ich meine, Martin Buber war ein Philosoph für Damen (a ladies philosopher). Ich sage ausdrücklich 'für Damen' und nicht 'für Frauen', denn wenn eine Philosophie gute Philosophie ist, dann ist sie im gleichen Maße für Männer und Frauen gut. Aber es gibt auch eine Sorte von Menschen, die man 'Ladies' nennt. Wenn man in philosophischen Kategorien denkt, dann kann man Bubers Philosophie unmöglich ernst nehmen. Er war kein philosophischer Denker. Ich halte in in keiner Weise und keinem Aspekt für wichtig oder bedeutend.
Auch nicht für die Theologie?Nein. Vom theologischen Standpunkt aus kann man fragen - obwohl ich die Frage nicht genau formulieren und sicherlich keine Antwort auf sie geben kann -, ob Buber ein gläubiger Mensch war. Die Frage ist schwer zu formulieren, weil es nicht deutlich ist, welche Kategorien auf einen gläubigen Menschen zutreffen. Der spätere Rosenzweig war wohl ein gläubiger Mensch, aber ich bin mir nicht sicher, ob man das auch von Buber sagen kann. Auch Franz Rosenzweigs Welt ist sehr weit von der Welt des historisch-normativen Judentums entfernt, aber hier handelt es sich doch irgendwie um einen jüdischen Glauben, den man nur im Rahmen des Judentums entwicklen kann; aber Buber? - Ich weiß es nicht. Ich sage das mit einem Fragezeichen, ohne die Sache endgültig festlegen zu wollen. Ich habe jedoch keinen guten Eindruck von seiner gesamten Lehre. In meinen Augen handelt es sich bei seiner Theologie um nichts anderes als ien intellektuelles Spiel.
Haben Sie mit ihm persönlich gesprochen?Sehr wenig. Vielleicht, weil ich nicht sehr viel Lust hatte, mich mit ihm zu unterhalten, obwohl wir uns in der Universität und bei anderen kulturellen Veranstaltungen getroffen haben.
Wie erklären Sie die gewaltige Resonanz, die seine Schriften gefunden haben, und den großen Einfluß, den er zumindest auf das Judentum in Deutschland hatte?Sein Einfluß blieb auf einen sehr engen Kreis von Intellektuellen beschränkt.
Als einer, der ihn noch selbst hören konnte, scheint es mir, daß er gerade auf dem Gebiet der Bibel ein großes sprachliches Gefühl hatte.Da muß ich Ihnen allerdings zustimmen, nur ist das gerade das Gebiet, auf dem er am wenigsten Eindruck in der Welt - auch in der jüdischen Welt -, hinterlassen hat.
Aber seine Übertragung der hebräischen Bibel ins Deutsche war doch einflußreich.Unter Juden fast nicht, aber auch kaum unter Nicht-Juden. Das ist sehr schade. Die Übertragung der hebräischen Bibel ins Deutsche ist ein großes und wichtiges Werk. Bubers Zugang zur hebräischen Bibel ist wirklich ernsthaft und natürlich ein jüdischer und keine christlicher Zugang. Mir ist jedoch nicht bekannt, wie Buber und Rosenzweig die Arbeit untereinander aufgeteilt hatten. Aber -wie gesagt- ich kann in Bubers theologischen, philosophischen und politischen Gedanken keinen Sinn entdecken. Er gewann in der Welt einen Ruf, der weit über seine wirkliche Bedeutung hinausreicht. In der nicht-jüdischen philosophischen Welt sind seine Werke weitverbreitet. Man sieht in ihm die große Persönlichkeit der jüdischen Philosophie unserer Generation. Ich denke, dazu besteht keinerlei Anlaß.
(...)"
Aus Leibowitz mit Shashar: Gespräche über G#tt und die Welt
ISBN 3-458-33268-5