FRAGMENTE ÜBER OFFENBARUNG
Martin Buber
In sehr
verschiedenen Zeiten des Lebens niedergeschrieben
A. Der Platz der Vernunft in der Offenbarung
Offenbarung ist ewig, und alles ist geeignet, Zeichen der
Offenbarung zu werden. Was uns in der Offenbarung eröffnet
wird, ist nicht Gottes Wesen, wie es unabhängig von unserer
Existenz ist, sondern seine Beziehung zu uns und unsere Beziehung
zu ihm. Wir können Offenbarung nur empfangen, wenn und solang
wir ein Ganzes sind. In dieser meiner Ganzheit, in der all meine
Kräfte und Fähigkeiten eingeschlossen sind, darf
selbstverständlich die Vernunft nicht fehlen; auch sie
muß in die Einheit eingehen, als die allein ich Offenbarung
empfangen kann. Um dies aber zu tun, muß sie den Anspruch
aufheben, für sich selbst zu bestehen und sich selbst zu
genügen. Hat die Vernunft sich als eins der Elemente in das
Ganze unserer Substanz eingefügt, dann kann es ihr nicht
geschehen, daß das in der Offenbarung Erfahrene ihr selber
widerspricht, wohl aber, daß es ihren bisherigen Einsichten
widerspricht. Die in das Ganze eingegangene Vernunft ist bereit,
ihre bisherigen Feststellungen durch die Offenbarung umstürzen
und doch berichtigen zu lassen. Die Offenbarung ruft somit die
Vernunft an, an ihrer Aufnahme teilzunehmen, aber auch, sich von
ihr aufrühren und erneuern zu lassen.
B. Vom Wesen der Autorität in der Religion
Echte Autorität gibt es in der Religion wie überhaupt in
der Welt nur insofern, als Gottes Wille erkannt wird. Eine
völlige und adäquate Erkenntnis des Willens Gottes gibt
es aber in der Geschichte nicht. In dem Augenblick, wo sie in die
Geschichte einträte, wäre die Geschichte zu Ende. Das
tatsächliche Offenbarungsereignis in der Geschichte ebenso wie
im Leben des einzelnen Menschen bedeutet nicht, daß sich ein
göttlicher Inhalt in ein leeres menschliches Gefäß
gieße oder daß eine göttliche Substanz sich in
menschlicher Gestalt darstelle. Die tatsächliche Offenbarung
bedeutet die Brechung des einigen göttlichen Licht in der
menschlichen Vielfältigkeit, das heißt, die Brechnung
der Einheit im Widerspruch. Wir kennen keine andere Offenbarung als
die der
Begegnung von Göttlichem und Menschlichem, an
der das Menschliche faktisch beteiligt ist. Das Göttliche ist
ein Feuer, das das menschliche Erz umschmilzt, aber was sich
ergibt, ist nicht von der Art des Feuers. Wir können daher
nichts, was direkt oder indirekt (sei es durch schriftliche oder
mündliche Tradition) aus der tatsächlichen Offenbarung
hervorgeht, ob Wort oder Brauch oder Institution, so wie wir es
besitzen, als von Gott gesprochen oder von Gott eingesetzt
verstehen. Es ist uns aber auch nicht gegeben, innerhalb davon
schlechthin und ein für allemal zwischen Göttlichem und
Menschlichem zu scheiden. Mit anderen Worten: es gibt keine
Sicherung gegen die Notwendigkeit, in Furcht und Zittern zu leben;
es gibt nichts anderes als die Gewißheit, daß wir an
der Offenbarung teilhaben. Nichts kann uns der Aufgabe entheben,
uns selber, so wie wir sind, als Ganzheit und Einheit, der ewigen
Offenbarung aufzuschließen, die alles, alle Dinge und alle
Vorgänge, in der Geschichte und in unserem Leben, zu ihren
Zeichen machen kann. Nur so gewinnen wir die Grundlage zu einem
zugleich gläubigen und kritischen Verhalten. Wir gewinnen die
Grundlage, auf eigene Verantwortung, also mit Furcht und Zittern,
innerhalb jeder echten Autorität, d.h. einer, deren Ursprung
aus wirklicher Begegnung von Göttlichem und Menschlichem uns
glaubensmäßig gewiß ist, zwischen beiden für
diese eine bestimmte Stunde zu scheiden, und zwar auch das nicht
schlechthin, sondern nur im Bereich unserer eigenen Entscheidungen
- also nur, indem wir in uns selber scheiden. Die Weltgeschichte
ist der Kampfplatz zwischen falscher und echter Autorität;
jedem gläubigen Menschen liegt es ob, an diesem Kampf
teilzunehmen und zum Sieg der echten Autorität beizutragen;
die Siege, die hier erfochten werden, sind zumeist unterirdisch und
werden erst spät erkennbar. Die Weltgeschichte ist aber auch
das Tauchbad, in dem jede echte Autorität sich immer wieder
reinigen, sich von den Schlacken des Menschlichen, die als solche
wahrnehmbar geworden sind, zu befreien suchen muß; jedem
gläubigen Menschen liegt es ob, daran durch
Selbstläuterung teilzunehmen. Auch hier tun sich die
Ergebnisse oft erst in künftigen Epochen kund.
C. Die exklusive Haltung der Religionen
Jede Religion hat ihren Ursprung in einer Offenbarung. Keine
Religion ist absolute Wahrheit, keine ist ein auf die Erde
herabgekommenes Stück Himmel. Jede Religion ist eine
menschliche Wahrheit. Das heißt, sie stellt die Beziehung
einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft als solcher zum
Absoluten dar. Jede Religion ist ein Haus der nach Gott
verlangenden Menschenseele, ein Haus Fenstern und ohne Tor; ich
brauche nur ein Fenster aufzumachen, und Gottes Licht dringt ein;
mache ich aber ein Loch in der Mauer und breche aus, dann bin ich
nicht bloß hauslos geworden: mich umgibt ein kaltes Licht,
das nicht das Licht des lebendigen Gottes ist. Jede Religion ist
ein Exil, in das der Mensch vertrieben ist; hier ist er es
deutlicher als sonstwo, weil in seiner Beziehung zu Gott von den
Menschen anderer Gemeinschaften geschieden; und nicht eher als in
der Erlösung der Welt können wir aus den Exilen befreit
und in die gemeinsame Gotteswelt gebracht werden. Aber die
Religionen, die das wissen, sind in der gemeinsamen Erwartung
verbunden; sie können einander Grüße von Exil zu
Exil, von Haus zu Haus durch die offenen Fenster zurufen. Doch
nicht das allein: sie können miteinander in Verbindung treten
und miteinander zu klären versuchen, was von der Menschheit
aus getan werden kann, um der Erlösung näherzuommen; es
ist ein gemeinsames Handeln der Religionen denkbar, wenn auch jede
von ihnen nicht anderswo handeln kann als im eignen Haus. All das
aber ist nur in dem Maße möglich, als jede Religion sich
ihrem Ursprung, der Offenbarung, in der sie ihren Ursprung hat,
zuwendet und an der Entfernung davon, die sich in ihrem
geschichtlichen Entwicklungsprozeß vollzogen hat, Kritik
übt. Die geschichtlichen Religionen haben die Tendenz,
Selbstzweck zu werden und sich gleichsam an Gottes Stelle zu
setzen, und in der Tat ist nichts so geeignet, dem Menschen das
Angesicht Gottes zu verdecken, wie eine Religion. Die Religionen
müssen zu Gott und seinem Willen demütig werden; jede
muß erkennen, daß sie nur eine der Gestalten ist, in
denen sich die menschliche Verarbeitung der göttlichen
Botschaft darstellt, - daß sie kein Monopol auf Gott hat;
jede muß darauf verzichten, das Haus Gottes auf Erden zu
sein, und sich damit begnügen, ein Haus der Menschen zu sein,
die in der gleichen Absicht Gott zugewandt sind, ein Haus mit
Fenstern; jede muß ihre falsche exklusive Haltung aufgeben
und die rechte annehmen. Und noch etwas ist not: die Religionen
müssen mit aller Kraft darauf horchen, was Gottes Wille
für diese Stunde ist, sie müssen von der Offenbarung aus
die aktuellen Probleme zu bewältigen suchen, die der
Widerspruch zwischen dem Willen Gottes und der gegenwärtigen
Wirklichkeit der Welt ihnen stellt. Dann werden sie, wie in der
gemeinsamen Erwartung der Erlösung, so in der Sorge um die
noch unerlöste Welt von heute verbunden sein.
aus: Martin Buber, Nachlese, S.99ff