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VERTRAUEN UND DIALOG
Das religiöse Denken Martin Bubers

ANDREAS SCHMIDT


Die Entdeckung der Überlieferung

Am Anfang von Bubers Denken steht die Entdeckung der chassidischen Überlieferung, welche zusammenfällt mit Bubers Entdeckung der eigenen Religiosität. Mit der Begegnung mit dem Chassidismus hat Buber den "Wiedereintritt in die Überlieferung" vollzogen, er hat begriffen, daß Tradition nicht die Bewahrung von etwas Vergangenem ist, sondern die Weitergabe, die dem Menschen, der in seinem jeweiligen Heute lebt, es ermöglicht, sich an jenem Urquell zu laben, von dem aus der Strom des Lebens fließt.

Was ist das Besondere an dieser chassidischen Überlieferung?

Der wichtigste Grundgedanke ist sicherlich die Einwohnung Gottes. Gott nimmt im Menschen seine Wohnung, Gott nimmt in seinem Geschöpf seine Wohnung. Dieser Gedanke ist dem Chassidismus nicht eigentümlich, vielmehr greift er einen Torah-Gedanken auf.

Ich will meine Wohnung unter euch haben
und will euch nicht verwerfen.

Leviticus 26,11

"Wo wohnt Gott?"
Mit dieser Frage überraschte der Kosker einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren.
Sie lachten über ihn: "Wie redet ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!"
Er aber beantwortete die eigene Frage: "Gott wohnt, wo man ihn einläßt."

(Erzählungen der Chassidim)

Aber was heißt dies: "Gott wohnt dem Menschen ein"?

Es heißt zunächst einmal die faktische Aufhebung der Differenz zwischen Religiosität und Weltlichkeit. Der Alltag ist nicht weniger vom Glauben durchdrungen als die "vergotteten Hochstunden". Nur so wird die Einheit des Lebens erreicht, und nur eine Religion, die Religiosität nicht bloß in irgendwelcher Sentimentalität sieht und alle Rationalität ablehnt, kann den Menschen zu dieser Einheit führen. Der Mensch kämpft nicht gegen Triebe, muß nicht das Böse aus sich austreiben, sondern es vielmehr "einheiligen". Der Auftrag ist an den Menschen gerichtet: er soll in der Welt und bei Gott leben, er soll das Gefäß des Heiligen in der Welt werden.

Und indem der ganze Alltag eingeheiligt wird, nimmt der Chassidismus "das Jenseits ins Diesseits herüber". Die Gegenwart, die Welt ist der Ort, wo Glauben sich abspielt, wo Gott sich offenbart. Gott ist nicht der ferne Weltenlenker, der irgendwann die Erlösung bringen wird (das sagte der Chassidismus gegen die überzogenen Messiaserwartungen seiner Zeit), sondern Gott will "die von ihm geschaffene Welt durch den Menschen erobern."

Gott will seine Schöpfung nicht anders als mit unserer Hilfe vollenden können. Er will sein Reich nicht offenbaren, ehe wir es gegründet haben. Die Krone des Königs der Welt will er nicht anders sich aufsetzen, als indem er sie aus unserer Hand entgegennimmt.

(Die chassidische Botschaft)

Doch von hier aus wird erst das wahre dialogische Verhältnis zwischen Gott und Mensch möglich: zum einen wird die Differenz zwischen Gott und Mensch in keinster Weise aufgegeben (also keine panentheistisches "Gott in allem"), es wird dem Menschen sogar ein selbständiger Beitrag zur Heilsgeschichte zugetraut und auch von ihm gefordert, zum anderen wird aber auch die Nähe Gottes wie in kaum einer anderen religiösen Richtung betont: Gott wohnt der Welt inne, aber er geht in ihr nicht auf (Immanenz und Transzendenz).

Rabbi Bunam sprach einmal: Wenn ich die Welt betrachte, erscheint es mir zuweilen, als sei jeder Mensch ein Baum in der Wildnis, und Gott habe in seiner Welt keinen als den allein, und er keinen, dem er sich zuwenden könnte, als Gott allein.

(Erzählungen der Chassidim)

Diese Zwiefalt, die Grundlage für jedes dialogische Verhältnis, nennt er, ausgehend von diesen Gotteserfahrungen: Urdistanz und Beziehung.

Dialogisches Denken

Wie Buber selbst in Begegnung geschildert hat, ist sein dialogischen Denken aus seiner Beschäftigung mit dem Chassidismus erwachsen. In der Gottesbeziehung, die er in seiner dialogischen Philosophie die Beziehung zum "ewigen Du" nennt, hat Buber erkannt, daß das Dasein des Menschen von zwei grundsätzlich voneinander zu trennenden Beziehungen bestimmt wird: Ich-Es-Beziehungen und Ich-Du-Beziehungen. Das Charakteristische an Ich-Du-Beziehungen ist, daß nur in ihnen die wirkliche Begegnung geschieht, wenn alles zurückgelassen wird, was an Vorverständnis mitgebracht wird, wenn alle Reserviertheit aufgegeben wird, wenn man sich auf den anderen einläßt, einen wirklichen Dialog mit ihm führt.

Die Beziehung zum Du ist unmittelbar.

Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit stürzt.

Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; und die Sehnsucht selber verwandelt sich, da sie aus dem Traum in die Erscheinung stürzt.

Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.

(Ich und Du)

Das wirklich bedeutsam Neue ist die Ausweitung dieses Beziehungsbegriffs über zwischenmenschliche und gottmenschliche Beziehungen hinaus zum ganzen Dasein hin. Mein ganzes Dasein ist dadurch bestimmt, welche Beziehungen ich zu den einzelnen Elementen habe. Ich kann zu meinem Leben eine Ich-Es-Beziehung haben, wenn ich es als ein über mich verhängtes Schicksal oder einen ziellosen Zufall denke, ich kann aber auch ein dialogisches Verhältnis zu ihm haben, es als Anrede begreifen, als Aufforderung, Antwort zu geben, als Ganzes. Dies bedeutet, daß ich es in der konkreten Situation zu verantworten haben und nicht, Pläne für es aufzustellen und sie zu verwirklichen, also statt Selbstverwirklichung, Selbstverantwortung oder kurz: Antwort.

Genauso verhält es sich auch mit der Geschichte, eine für Buber - aber auch für den Menschen im allgemeinen - äußerst bestimmende Größe. Wie begreife ich den Fluß der Zeiten: ziellos oder von einem Weltenlenker bestimmt? Oder eben als Dialog zwischen diesem "Weltenlenker" und dem Menschen:

Ist Geschichte ein Dialog zwischen Gottheit und Menschheit, dann können wir ihres Sinns jeweils nur da innewerden, wo uns die Anrede trifft, und nur insofern, als wir uns von ihr treffen lassen.[...]
Der Sinn der Geschichte ist nicht eine Idee, die ich unabhängig von meinem persönlichen Leben formulieren kann, mit meinem persönlichen Leben allein vermag ich ihn aufzufangen, denn es ist ein dialogischer Sinn

(Geschehende Geschichte)

Aber eben indem der Mensch zur Antwort berufen ist, indem er sich verantworten können muß, darf es nicht mißverstanden werden, wenn gesagt wird, der Mensch finde erst durch ein Du zum Ich. Denn gleichzeitig muß auch klar sein: es kann kein Du geben ohne ein Ich, denn ohne ein Ich kann es kein Gegenübertreten geben, keine Begegnung:

Zwar sagt das Kind erst Du, ehe es Ich sagen lernt; aber auf der Höhe des persönlichen Daseins muß man wahrhaft Ich sagen können, um das Geheimnis des Dus in seiner ganzen Wahrheit erfahren zu können.

(Das Zwischenmenschliche)

Überhaupt ist das Zwischenmenschliche der Ort, wo sich ein dialogisches Leben abspielt, was aber nicht meint, daß man viel mit Menschen zu tun haben müsse; wohl aber ist es "eins, indem man mit dem Menschen, mit dem man zu tun hat, wirklich zu tun hat."

Sodann aber verlangt es einen Mal um Mal, seinem Mitmenschen zu danken, selbst wenn er nichts Besonderes für einen getan hat. Wofür denn? Dafür, daß er mir, wenn er mir begegnete, wirklich begegnet ist; daß er die Augen auftat und zuverlässig vernahm, was ich ihm zu sagen hatte; ja, daß er das auftat, was ich recht eigentlich anredete, das wohlverschlossene Herz.

Die Religion

Nachdem Buber diese bahnbrechende Entdeckung in seinem Denken gemacht hat, wendet er sich wieder der Religion zu. Von dem zentralen Gedanken des Dialoges zwischen Gott und Mensch macht Buber sich auf die Suche nach jenem Urquell der biblischen Überlieferung, aus dem das religiöse Leben des Judentum sich speiste und speist. Er findet zurück zu dem Sinai-Erlebnis, zurück zu der Offenbarung des Gottesnamens an Mosche:

Mosche sprach zu Gott:
Da komme ich denn zu den Söhnen Jisraels,
ich spreche zu ihnen:
Der Gott eurer Väter schickt mich zu euch,
sie werden zu mir sprechen: Was ists um seinen Namen?-
was spreche ich dann zu ihnen?
Gott sprach zu Mosche:
Ich werde dasein, als der ich dasein werde.
Und er sprach:
So sollst du zu den Söhnen Jisraels sprechen:
ICH BIN DA schickt mich zu euch.

Exodus 3,13-14

Buber entwickelt anhand dieser Stelle das Zentrale im frühisraelitischen Gottesglauben. Gott ist der daseiende Gott, der Gott der befreit, führt, mitgeht, mitleidet, gleichzeitig aber auch der unfaßbare Gott, der unverfügbare Gott, von dem man sich kein Bildnis machen kann. In ihrer Übersetzung dieser Stelle befreien er und Rosenzweig sie von der hellenistisch beeinflußten (Septuaginta-) Fehlübersetzung als "Ich bin, der ich bin" (was z.B. heute noch in der Elberfelder Bibelübersetzung steht!), was das philosophische Verbot einer Seinsspekulation darstellen würde.

In diesem zentralen Erlebnis, das im Auszug aus Ägypten seinen nationalen Niederschlag findet und in der Offenbarung der Weisung am Sinai seinen gesamtgesellschaftlichen sieht Buber den Urquell, der auch für den Menschen von heute seine Bedeutung noch nicht eingebüßt hat. In einem Zeitalter der ausklingenden Wissenschaftsgläubigkeit und des intellektuellen Atheismus bietet er diesem "modernen Menschen" die Wiederentdeckung der biblischen Tradition. Er versucht nicht das Unmögliche, das von der fortschrittsfeindlichen Frömmigkeit allzuoft versucht wird, nämlich das Zurückholen einer Zeit der Naivität, nein, er sieht realistisch, daß die Moderne grundsätzliche und irreversible Veränderungen gebracht hat. Deshalb:

Es gilt nicht eine "Rückkehr zur Bibel". Es gilt die Wiederaufnahme des bibelechten Einheitslebens mit unserem ganzen zeitverflochtenen Wesen, die ganze Schwere unserer späten Vielfältigkeit auf der Seele, die unumgreibare Materie dieser Geschichtsstunde ohne Abstrich uns gegenwärtig; es gilt in bibeltreuer Glaubensaufgeschlossenheit unseren heutigen Situationen dialogisch verantwortend standzuhalten.

(Der Mensch von heute und die jüdische Bibel)

Der rationale "moderne Mensch" verantwortet nicht, weil er nicht antwortet, und er antwortet nicht, weil er die Frage nicht mehr vernimmt, die von Geschlecht zu Geschlecht an die Menschen herantritt, und zwar in Form des menschlichen Lebens und der Überlieferung. Der Mensch muß wieder die Frage vernehmen, den Fragenden vernehmen, er muß auch wieder das Fragen lernen und das Antworten. Kurzum: er muß den Dialog lernen.

Buber hält sich in seinem religionsphilosophischen Denken nicht mit dogmatischen Fragestellungen auf, sondern er vollzieht die anthropologische Wende der Theologie gründlicher, glaubwürdiger und methodisch abgesicherter als die meisten christlichen Kollegen, die dieses Problem auch erkannt haben. Man kann nicht über Gott reden, als wäre man ein Unbeteiligter, der dem Universum von außen zuschaut, beurteilen kann, was allmächtig ist, wissen kann, was Wahrheit ist, das Handeln Gottes feststellen und beurteilen kann, nein, der Mensch ist niemals unbeteiligt, er weiß nicht, was Allmacht ist, weiß nicht, wie er der Wahrheit habhaft werden kann, hat auch kein untrügliches Sinnesorgan für Gottes Handeln. Von den menschlichen Möglichkeiten, von der menschlichen Existenz muß die Welt des Glaubens erschlossen und in den menschlichen Möglichkeiten muß der Glaube gelebt werden, gelebt in jeder Minute des Daseins, gelebt im Spannungsfeld von Schöpfung, Offenbarung und Erlösung.

Schöpfung geschieht für Buber, wie auch für die jüdische Tradition, in jedem Augenblick, man muß sie nur wahrnehmen: jeden Augenblick entsteht neues Leben. Aber auch Erlösung geschieht schon heute und nicht erst in einer fernen Zukunft, schon heute kann der Mensch Spuren dessen erfahren, was einst geschehen wird. Und nur weil er Schöpfung und Erlösung erfährt, kann er von seinem menschlichen Standpunkt aus begreifen, was diese meinen, nur weil der Mensch in seiner Gegenwart Offenbarung erfährt, Gottes Offenbarung an ihn, was nichts anderes ist als die Begegnung zweier Wesen.

Und eben von diesem Erleben des Göttlichen im eigenen Leben aus ist zu verstehen, warum es für Buber, der vor der Überlieferung im allgemeinen und der Bibel im besonderen Respekt wie kein Zweiter zeigt, auch sagt, daß man immer den Gott, den man glaubt, dem Gott, der einem überliefert ist, vorziehen soll, falls man an den überlieferten Gott nicht glauben kann. Nicht zuletzt das macht die Lebendigkeit von Bubers Traditionsverständnis aus.

Verdeutschung der Schrift

Die Bibel ist für Buber das Dokument des großen Gegenübers zwischen Gott und Mensch, wo geschehene und geschehende Geschichte als ein einziges großes Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch gedeutet werden.

Der Verlauf des menschlichen Daseins wird vom Judentum, für das alles Weltgeschehen von der Schöpfung bis zur Erlösung im Zeichen der Sprache steht, als ein Zwiegespräch empfunden. Der Mensch wird durch das, was ihm widerfährt, was ihm geschickt wird, durch sein Schicksal angeredet; durch sein Tun und Lassen vermag er auf diese Anrede zu antworten, er vermag sein Schicksal zu verantworten.

Buber erkennt die Notwendigkeit einer neuen Übersetzung der Bibel mit dem ihm eigenen Spürsinn recht früh, wenn ihm auch zur Ausführung noch die methodischen Grundsätze fehlen. Er erkennt die Unzulänglichkeit der bisherigen Übersetzungen, er erkennt vorallem, daß man die Bibel nur noch als altbekannten Klassiker liest, ihr aber nicht mehr begegnet, sich ihr stellt:

Die hebräische Bibel selbst wird als Übersetzung gelesen, als schlechte Übersetzung, als Übersetzung in die verschliffene Begriffssprache, ins angeblich Bekannte, in Wahrheit nur Geläufige. An die Stelle der erfürchtigen Vertrautheit mit ihrem Sinn und ihrer Sinnlichkeit, die die Schrift fordert, ist ein Gemisch von erkenntnislosen Respekt und anschauungsloser Familiarität getreten

In den methodischen Grundsätzen der Verdeutschung der Schrift, die er vorallem seiner Zusammenarbeit mit Franz Rosenzweig verdankt, spiegeln sich seine philosophischen Denkansätze wider. Er will die Bibel wieder als gesprochenes Wort erlebbar machen. Hierzu benutzt Buber eine bildreiche und rhythmische Sprache; statt in Verse teilt Buber die Bibel in Sinnabschnitte und Kolen, atemtechnische Sinneinheiten ein. Durch die Wiedergabe des hebräischen Leitwortstils nutzt Buber ein Gestaltungselement, das hilft, Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Bibelstellen unmittelbar - durch das Wort - zu erfassen, indem sich ein Wort oder ein Wortstamm wie ein roter Faden durch Kapitel und Bücher der Bibel zieht. Nicht nur wie bis dato versuchte Buber einzelne Worte einheitlich zu übersetzen, sondern nunmehr ganze Wortstämme. Dies führte ihn an die Grenzen der deutschen Sprache, und der erste Eindruck der Übersetzung ist deshalb oft ein Befremdender.

Aber was das Bedeutsame daran ist, geht einem erst auf, wenn man sich darauf einläßt: Buber erschließt dem Leser so viele Begriffe und Zusammenhänge der Bibel neu, indem er sprachlich aus vielen Begriffe des "abgelösten Geistes" wieder die Beziehungkomponente herausarbeitet, die sie in der hebräischen Sprache trugen. So wird aus der Wahrheit eine Treue, innere wie äußere Treue, aus der Gerechtigkeit wird die Bewährung, also aus dem forensischen Begriff eine Lebenshaltung, ein "Realverhältnis":

Die gehabte Wahrheit ist nicht einmal eine Kreatur, sie ist ein Spuk, ein Sukkubus, mit dem der Mensch zu leben sich nur wirksam einbilden, mit dem er nicht leben kann. Du kannst die Wahrheit nicht in dich schlingen, sie kocht in keinem Topf der Welt,du kannst sie nicht einmal angaffen, denn sie ist kein Gegenstand. Und doch gibt es eine Teilnahme am Sein der unzugänglichen Wahrheit - für den, der sich bewährt. Es gibt ein Realverhältnis der ganzen menschlichen Person zur ungehabten, zur unhabbaren Wahrheit, und es vollendet sich erst in der Bewährung. Dieses Realverhältnis ist, wie immer es sich benennt, das zum Seienden.

(Die Frage an den Einzelnen)

Und auch die für uns heute sinnentleerten Opferbegriffe haucht er wieder Leben ein, indem er sie zur Nahung, zur Darnahung macht, zur Hochgabe und damit nicht den Verzicht, sondern das Aus-Sein auf die Begegnung in den Vordergrund stellt. Wenn Menschen heute nicht mehr opferbereit sind, so liegt dies nicht an ihrem "Egoismus", sondern in der Tatsache, daß dieses Opfern keine Begegnung mehr für sie darstellt. Stattdessen wird der Gott des Alten Testaments als herrisch und despotisch dargestellt, weil er Opfer forderte. Es ist aber so, daß dieser Gott dem Menschen die Begegnung mit IHM ermöglichte und ermöglicht.

Den spiritualisierten Begriff des Geistes Gottes, des Heiligen Geistes, haucht Buber wieder sinnliches Leben ein, indem er die hebräische Urbedeutung der ruach mit "Geistbraus" oder einfach nur "Braus Gottes" wiedergibt.

Auch die oben bereits erwähnte Neuerschließung des frühisraelitischen Gottesnamens JHWH als "Ich werde dasein, als der ich dasein werde" legt den Akzent auf die Beziehung, auf die Nähe in der Beziehung und auf die Distanz in der Beziehung. Buber und Rosenzweig haben lange darüber nachgedacht, wie sie diesen Gottesnamen im laufenden Text in einer für das Deutsche adäquaten Weise wiedergeben. Sie haben sich für das Pronomen entschieden, da nur dieses die Nähe und Geläufigkeit der ursprünglichen Bedeutung widerspiegelt: Aus dem lutherischen "Gott der HERR" wird also ein schlichtes "ER".

Martin Buber der Kritiker

Daß Buber früher oder später sich mit dem Christentum auseinandersetzen mußte, wenn er die Bibel von einer Patina befreite, die nicht zuletzt eine zweitausendjährige christliche Theologie darübergelegt hat, war unvermeidlich. Sie fällt aber anders aus, als man es vielleicht erwarten könnte: er polemisiert nicht, er greift nicht offen an, sein Ton ist leise und sachlich, wie der unter guten Freunden. Er verhöhnt nicht, woran er nicht glauben kann. Und daß die Christen in Jesus den Messias sahen, war ihm immer "eine Tatsache von höchstem Ernst", wenn er auch für ihn "nur" eine herausragende und unvergleichliche Person im jüdischen Glaubensleben und ein "Bruder" sein konnte. Auch sah er ihn, Jesus von Nazareth, nicht zuletzt als einen Juden, der gerade mit der Anredbarkeit Gottes radikal Ernst gemacht hat.

Gleichzeitig aber ist seine Kritik aber auch unbarmherzig: Zum einen arbeitet er unnachgiebig heraus, wie sehr Paulus' Glaubensverständnis vom Hellenismus pervertiert war und so das Christentum in eine falsche Richtung schickte. Das Glaubensverhältnis wird im Christentum nicht mehr wie im Judentum als eine das Leben umfangende Vertrauensbeziehung aufgefaßt, sondern als ein Fürwahrhalten von Tatsachen, Heilstatsachen. Dies führte nicht zuletzt zu den schadensreichen Auseinandersetzungen um Dogmen und Häresien.

Es stehen einander zwei, und letztlich nur zwei, Glaubensweisen gegenüber. Wohl gibt es eine große Mannigfaltigkeit von Inhalten des Glaubens, aber ihn selbst kennen wir nur in zweierlei Grundform. Beide lassen sich von schlichten Tatsachen unseres Lebens anschaulich machen: die eine von der Tatsache aus, daß ich zu jemandem Vertrauen habe, ohne mein Vertrauen zu ihm zulänglich "begründen" zu können, die andere von der Tatsache aus, daß ich, ebenfalls ohne es zulänglich begründen zu können, einen Sachverhalt als wahr anerkenne.

(Zwei Glaubensweisen)

Er sieht den Zeitpunkt, an dem das Christentum von der Glaubensweise des Judentums abzweigt und zu einer inferioren Glaubensweise wird, bereits in der Person des Paulus, während er die Botschaft Jesu noch voll in der jüdischen Glaubenswelt verwurzelt sieht:

Jesus fragte wohl danach, für wen er gehalten werde, aber er verlangt nicht, daß man ihn für irgendwen halte. Für Paulus ist eben dies, daß man Jesus mit aller Kraft des Glaubens als den anerkennt, als der er ihn ankündigt, die Pforte zum Heil.

(Zwei Glaubensweisen)

Aber nicht nur den Glaubensbegriff hat das Christentum aufgegeben, sondern vielfach auch das Bilderverbot. Indem man Jesus vergottet, schafft man sich ein Bild von dem unverfügbaren Gott, man holt ihn auf die Erde, will seine Gegenwart in einem Bild erzwingen - und verschließt sich so den Zugang zu jenem Gott, "der dasein wird, als der er dasein wird."

Zugleich bildlos und bilhaft ist der Gott der Christen, jedoch bildlos mehr in der religiösen Idee, bidhaft mehr in der gelebten Gegenwart. Das Bild verdeckt den Bildlosen.

(Zwei Glaubensweisen)

Was bleibt

Nach Jahrtausenden der antijüdischen Polemik, die erbittert nur sein konnte, weil es ein Familienzwist war, weil es so vieles gab, das einen verband und das man doch nicht sehen wollte, weil man Angst hatte, es unterhöhle die eigene Position, nach diesen Jahrtausenden hat das traumatisch-unbegreifliche historische Faktum des Holocaust diesem Zug christlicher Theologie ein Schandmal gesetzt: Wer menschenverachtend argumentiert, der bereitet denen die Bahn, die wirklich Menschen verachten.

Aber eben diese Vernichtung, diese Krisis ersten Ranges, bot und bietet die Chance zu einer Umkehr. Und sie wurde vielfach wahrgenommen: Vertreter der christlichen Theologie haben den Dialog mit dem Judentum aufgenommen, Christen haben sich für die jüdische Religion interessiert. Und nicht zuletzt darauf ist es zurückzuführen, daß Bubers Werk gerade unter Christen besonderen Anklang findet und fand. Und in dieser Beschäftigung mit einer früher als "minderwertig" und "überkommen" defamierten Glaubensweise vieles wiedergefunden, was zu einem erfüllten Glauben gehört und ihnen längst abhanden gekommen war, nicht wenige schließen sich Bubers Glaubensverständnis (das er als das charakteristisch jüdische sieht) an, so daß dieses vielleicht einen neuen Boden für eine Verständigung zwischen Juden und Christen und zwischen den zerstrittenen Christen untereinander:

Vertrauen ist seinem Wesen nach Bewährung des Vertrauens in der Fülle des Lebens dem in diesem Gange erfahrenen Weltlauf zum Trotze.

Vertrauen im unbedingten Sinn, quer durch Unheil und Verderben, nicht "blindes", vielmehr sehendes, einsehendes Vertrauen, nicht "ergebenes", vielmehr kühnes, ringendes, mitwirkendes, scheint mir das höchste Gut zu sein, das im menschlichen Dasein erlangt werden kann.

Aber auch seine Verdeutschung der Schrift findet immer mehr Leser, die sie zu schätzen wissen, die so teilhaben an jenem Quell des Lebens. Es scheint in der Tat vorausschauend gewesen zu sein, als Rosenzweig 1925 in einem Brief schrieb, die Schrift brauche noch siebzig Jahre, bis sie einen Einzug wie aus "dem babylonischen Exil" halten könne. Ist es nicht verwunderlich, daß gerade ein Jahr vor diesem denkwürdigen Datum die Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart eine Taschenbuchausgabe seiner Bibelübersetzung verlegt? Und vielleicht wird mit der Zeit, wenn mehr und mehr Leute eine lebendige Begegnung mit der Schrift, eine neue und zutiefst existentielle, erlebt haben, dieses auch in die versteinerte protestantische Orthodoxie und den traditionalistischen Katholizismus hinabsickert. Denn spätestens in dieser Begegnung, daß manche wohlgehüteten Dogmen (auf beiden Seiten!) das Bild des Einen Gott in Weltzeit entstellen, jenen Gott, der "dasein wird, als der er dasein wird."

Aber auch der dialogische Ansatz Bubers ("die kopernikanische Tat des modernen Denkens" - Karl Heim) ist - wie so mancher Philosoph bestätigt - noch längst nicht ausgeschöpft, wenn auch die Pädagogik in den letzten Jahrzehnten Buber verstärkt zur Kenntnis genommen hat. Könnte nicht vielleicht in dem Begreifen des Wechselspiels von Anrede und Antwort der Schlüssel dafür liegen, wie wir in einer unabänderlich relativ gewordenen Welt trotzdem als Menschen leben können, vielleicht sogar menschlicher, als wir es uns je vorzustellen vermochten?

Zu tiefe Wunden haben ein vereinseitigter Individualismus und ein radikaler Kollektivismus geschlagen. Der einsam gewordene Mensch der pluralistischen Gesellschaft fragt nach dem Brückenschlag vom Ich zum Du: er fragt nach dem Brückenschlag, der sich durch Gespräch und Begegnung realisieren läßt.

(G. Wehr)

Ja, könnte hier nicht sogar der Schlüssel für die vielberedete "Wertekrise" liegen, indem wir nämlich Ethos wieder eingebettet sehen in eine große Anrede, die den Menschen zur Verantwortung auffordert, so wie das alttestamentarische Ethos zutiefst eingebettet war in das Gegenüber von Gott und Israel?

Vieles ist nicht zuendegedacht, und Buber wollte es auch nie zuendedenken, da dieses Zuendedenken die Aufgabe eines jeden einzelnen ist. Er wollte nie eine Lehre aufstellen, er wollte den Menschen an ein Fenster führen, wo er hinausblicken kann und die Wirklichkeit erkennt.

Ich habe nie jemanden erlebt, der es so wenig darauf anlegte, Zündstoff zu liefern, um das Brennbare in einer Hörerschaft zu entflammen. Er sagte durchaus nicht das, was man erwartete, und er sagte auch nicht das, was Schockwirkungen zeitigte. Er legte es nicht darauf an, zu gefallen oder nicht zu gefallen. Er vergrämte sich freilich auch den Hörmut seiner Zuhörer nicht. Er sagte nicht: der Gegenstand ist zu groß, um hier in einer Stunde dargestellt werden zu können und was dergleichen Langeweilereien mehr sind. Er fing geradewegs mit einer Sache an, und es war, als befinde er sich in seinem eigenen, geduldigen Selbst- und Zwiegespräch... Er reichte in einer großen Nüchternheit das, was er einmal als das Brot des Selbstseins genannt hat.

(Albrecht Goes)