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BUBER UND DER NATIONALSOZIALISMUS

Boykottsamstag am 1. April 1933

An diesem Tag wurden auf Geheiß des Propagandaminister Goebbels Boykottposten vor jüdischen Geschäften, Anwaltskanzleien und ärztlichen Ordinationen aufgestellt.

Auch in Bubers Haus in Heppenheim erschien ein strammer SA-Mann, hob die Hand zum deutschen Gruß und meldete Buber zackig: "Boykottposten vor dem Haus aufmarschiert!"

Buber meinte milde, daß er es wohl nicht ändern könne, aber der SA-Mann wandte sich nun mit einer eigentümlichen Frage an Buber: "Herr Professor, wir haben verschiedene Schilder: Jüdisches Geschäft, Jüdische Anwaltskanzlei, Jüdischer Arzt ... aber keines will bei Ihnen so recht passen; welches sollen wir nun ins Fenster stellen?"

An dieser Stelle durchbrach Buber das dialogische Prinzip seines Lebens und meinte lakonisch, die Wahl müsse er wirklich dem SA-Mann überlassen, denn er selbst habe ja kein Schild bestellt.

Der SA-Mann sah sich mit kritischem Blick in Bubers Studierzimmer um und bemerkte die eindrucksvolle Bibliothek, die sich an den Wänden hinzug. Schließlich kam ihm eine Erleuchtung. "Ich hab's", rief er beglückt aus und zog aus seiner Mappe ein Schild Jüdische Buchhandlung heraus. "Das stellen wir ins Fenster ...", entschied er, und so geschah es.

(Schalom Ben-Chorin: Zwiesprache mit Martin Buber)


Bibel und Talmud

Einige Zeit später erhielt Buber wiederum den unerbetenen Besuch der SA. Zwei junge Burschen im Braunhemd erschienen bei ihm, um eine Haussuchung vorzunehmen, ohne allerdings recht zu wissen, was sie suchen sollten. Buber war als berühmter Jude einfach suspekt, und irgendwie ahnte man dumpf, daß sein geistiger Widerstand eine Gefahr für den eigenen Ungeist darstellte, wenngleich man nicht recht wußte, wie diese Art Widerstand paragraphenmäßig zu erfassen sei.

Als die knarrenden Schaftstiefel Bubers Klause betraten, saß dieser am Schreibtisch bei der Arbeit an der Bibel-Übersetzung.

Die höhere Charge der SA schnarrte Buber an: "Was tun Sie hier?"

Buber antwortete wahrheitsgemäß: "Ich übersetze die Bibel:"

Der Mann im Braunhemd blickt mißtrauisch auf die langen, mit Bubers klarer, schöner Handschrift im rhythmischen Atemkolen beschriebenen Blättern und meinte skeptisch, daß das viel zu lang für die Bibel sei; das sei sicher der Talmud.

Buber verneinte und wies auf die bereits vorliegenden gedruckten Bände seiner Übersetzung hin, aber das überzeugte den sach- und fachkundigen SA-Mann keineswegs.

"Die Bibel", sagte dieser,. "ist doch nur ein Buch, das man zur Konfirmation bekommt." Daß hier die Bibel in anderer Form und anderer Druckgestalt vorlag schien ihm nur eine jüdische Finte. Schließlich schlug Buber vor, den evangelischen Ortspfarrer als Experten zu Rate zu ziehen. Der zweite SA-Mann holte tatsächlich den Pastor, der auf Ehre und Gewissen versicherte, daß es sich hier um das Alte Testament handle. Offenbar war der Pfarrer in den Augen der SA glaubwürdig, und damit war die Haussuchung beendet.

(Schalom Ben-Chorin: Zwiesprache mit Martin Buber)


Umzug nach Jerusalem

Im Jahre 1938 war es dann so weit, daß Buber nach Jerusalem übersiedeln konnte. Es unterlag für ihn, der von früher Jugend an aktiver Zionist war, keinem Zweifel, daß sein Weg nach dem Lande Israel führen werde, und hier war es wiederum Jerusalem, der Sitz der Hebräischen Universität, zu deren ersten Anreger Buber gehörte. [...]

Die Übersiedlung aus dem geräumigen, kultivierten Haus in Heppenheim an der Bergstraße stellte aber kein leichtes technisches Problem dar, da Buber über eine ausgedehnte Bibliothek von über zwanzigtausend Bänden verfügte, die nun Kisten sorgsam verpackt werden mußte. Die Behörden des Dritten Reiches hatten mißtrauisch einen Zollbeamten entsandt, der das Verpacken der Bibliothek (und des Hausrats) zu überwachen hatte.

Buber schilderte anschaulich, wie dieser Beamte, offensichtlich keiner von den bösartigen, untätig und gelangweilt in dem Bücher-Chaos stand und sich schließlich an den Hausherrn mit der Bitte wandte, sich einen Band zum Lesen herausgreifen zu dürfen. Buber stellte dem ungebetenen Gast anheim, sich irgendein Buch zur Lektüre auszuwählen, worauf der Beamte antwortete: "Herr Professor, ich möchte gerne eines ihrer Werke lesen."

Buber zögerte etwas, da ihm selbst nicht ganz klar war, welches seiner Bücher nun für diese Situation das geeignetste sei, und schließlich gab er dem Beamten die Dünndruckausgabe der Chassidischen Bücher in die Hand. Binnen drei Tagen las der Nazi fasziniert das über siebenhundert Seiten umfassende Werk vollkommen durch, und nun ereignete sich das, was am wenigsten zu erwarten war. Der Mann fragte Buber: "Dürfte ich dieses Buch als Andenken behalten?", und als Buber dies auch bejahte, bat der Mann noch um eine persönliche Widmung.

Als mir Martin Buber das erzählte, fügte er lächelnd hinzu: "Ich konnte doch nicht gut hinschreiben: Meinem lieben Gestapo-Mann -." Buber löste das Dilemma, indem er den Band einfach signierte.

Diese Geschichte zeigt, wie die Macht der Persönlichkeit, die von Buber ausstrahlte, offensichtlich auch auf geradezu berufsmäßige Feinde wirkte.

(Schalom Ben-Chorin: Zwiesprache mit Martin Buber)