Intuition und Rationalität in Martin Bubers Verständnis eines Textes der hebräischen Bibel

PROF. DR. RUDOLF MACK

Wissenschaft, auch und gerade die Wissenschaft der Interpretation von literarischen Texten, bedarf wohl immer der Intuition, auch da, wo man dies im Blick auf sogenannte "Objektivität" der wissenschaftlichen Methode gerne bestreiten möchte. Otto Eissfeldt, ein bedeutender Exeget und Orientalist, erzählte einmal auf dem Alttestamentlerkongreß in Genf 1965, wie ihm einst als jungem Studenten der berühmte Hermann Gunkel humorvoll gesagt habe, als er ihm gegenüber Wellhausens berühmte Gabe der Intuition rühmte: "Sie haben ganz recht. Überall in dieser Wissenschaft kommt es auf die intuitive Schau an. Aber zugeben darf man das nicht. Vielmehr muß man immer so tun, als ob die wissenschaftlichen Ergebnisse auf minutiöser Untersuchung von Einzelheiten beruhten."

Martin Buber hat gerade diese - oft schamhaft verschwiegene - Art des intuitiven Erfassens immer wieder betont und zugegeben. Dafür ein Beispiel:

In Exodus 24,10 wird erzählt, wie Mose mit den drei Vertrauten und 70 Ältesten auf den Gottesberg steigen und dort JHWH "sehen". Freilich wird nicht gesagt, wie er aussieht, sondern nur, wie es "unter seinen Füßen" aussieht. "Wie ein Werk aus saphirnen Fließen/ wie der Kern des Himmels an Reinheit" (Übersetzung von Buber.). Bubers Interpretation der Stelle mutet fast rationalistisch an:

Sie sind wohl vor Morgengrauen durch zähen niederhängenden Wolkendunst gewandert, und in eben dem Augenblick, da sie das Ziel betreten, zerreißt, wie es mir selber einmal widerfuhr, das dicke Gewölk und vergeht, bis auf ein noch verharrendes, aber schon durchglänztes Wolkengebild; genug, die saphirne Nähe des Himmels überwältigt die Hirten, die noch nie zu kosten, nie zu ahnen bekommen haben, was das Spiel des frühen Lichtes über den Gipfeln der Berge erschließt. Eben dies aber nehmen die Vertreter der befreiten Stämme als das wahr, was, 'unter den Füßen' ihres thronenden Melekh ist, und indem sie sehen, was ihm entstrahlt, sehen sie ihn. Er hat sie mit seiner großen Macht durchs Meer und durch die Wü-ste geführt und 'auf Adlerflügeln' zu diesem Berg seiner Kundgebung gebracht; er hat mit ihnen hier den Blutbund, den Königsbund geschlossen; er hat sie zu sich zum Mahl geladen; und nun, da sie bei ihm angelangt sind, gibt er in den Herrlichkeiten seines Lichtes sich selber zu sehen, sichtbar werdend und unsichtbar bleibend. Die Netzhaut ihrer Augen fängt nichts anderes auf, als was auch die unsere aufzufangen vermag; sie aber sehen den Offenbarer." (Moses, Werke II, 134f.)

Es sind ganz natürliche Erscheinungen, in denen Gott sich offenbart, dabei zugleich "sichtbar werdend und unsichtbar bleibend". Die biblischen Menschen bekommen - wenn wir Buber recht verstehen - genauso wenig etwas "Überweltliches" oder "Übernatürliches" zu sehen wie die Menschen unserer Gegenwart. Nur weil sie von ihrem Gottesglauben erfüllt sind, verdichtet sich in bestimmten offenbarungsträchtigen Augenblicken für sie ein bestimmtes Naturphänomen zu einem mythischen Bild, etwa dem von JHWH, der über der Saphir- (oder vielleicht besser: Lapislazuli-)Glocke des Himmelsgewölbes thront.

Buber meint, daß hier zwei Momente zusammenträfen: 1. der Glaube an die Führung Gottes, und 2. die ganz natürliche Wolkenerscheinung. Aus dem Zusammentreffen dieser beiden Momente entwickelte sich in den Israeliten, die wirklich nur die natürliche Wolke sahen, das mythische Bild von der "göttlichen" Wolkensäule.

Um Bubers Auffassung über das Mythische in der Bibel und seine Interpretation richtig zu erfassen, muß auch noch ein kurzer und an seinem Ort eigentlich mehr beiläufiger Abschnitt zitiert werden, der sich in Bubers 1943 erstmalig erschienenen Roman "Gog und Magog" findet. Da sagt die tragende Gestalt des Romans, der "heilige Jude" (in dem Buber "nicht nur seine Chassidismus-Auffassung, sondern auch viel von seinem eigenen Wesen dargestellt" hat), zu dem Rabbi von Lublin:

Für viele Eurer Schüler, Rabbi, zerfallen die Begebenheiten der Welt in solche, die sie natürlich, und solche, die sie wunderbar nennen. Ich aber, und wohl noch etwelche andern, wir kommen immer mehr zur Einsicht, daß es diesen Unterschied in Wahrheit nicht gibt. Ich kann nicht daran glauben, Gott irre unseren armen Verstand mit Künsten, die dem Gang der Natur widersprechen. Vielmehr scheint es mir, daß wir, wenn wir "Natur" sagen, die Schöpfungsseite dessen was geschieht meinen, und wenn wir "Wunder" sagen, seine Offenbarungsseite, oder auch das eine Mal, was man die machende Hand Gottes nennt, und das andere Mal, was wir seinen zeigenden Finger nennen. Es ist aber dasselbe Geschehen. Der eigentliche Unterschied scheint mir darin zu bestehen, daß wir den Finger oft schwerer wahrnehmen als die Hand. Wunder heißt unser Empfang der ewigen Offenbarung. Und wer kennt die Grenzen der "Natur", da sie doch Gottes ist!

Es gibt demnach nicht zwei Bereiche, "Natur" und "Übernatur", sondern nur eine "Schöpfungsseite" und eine "Offenbarungsseite" der einen Wirklichkeit, die von Gott herrührt. Das Wunder geschieht da, wo ein Mensch die Offenbarungsseite der Wirklichkeit sieht, den "zeigenden Finger Gottes". Buber hat an anderer Stelle betont, daß er den Begriff einer Übernatur "für einen falschen und irreführenden" halte:

Über der Natur ist keine Übernatur, die ja doch, um so genannt zu werden, sozusagen eine strukturelle Analogie zur Natur bieten, ein "Reich" über dem der Natur, und trägt sie und durchdringt sie, wie er über dem Geist ist und ihn trägt und ihn durchdringt. Beide sind in ihm gegründet, und er ist an beide so wenig gebunden wie an all das andre uns Unbekannte und Unerkennbare, das in ihm gegründet ist. Er schüttet seine Gnade quer durch alle Kausalverkettungen aus, aber das ist er allein und keine Übernatur.

Buber hat also in sehr eigenständiger, rationalistischer und zugleich aber auch nichtrationalistischer Weise den Versuch unternommen, den biblischen Mythos zu deuten, ohne ihm seinen Geheimnischarakter und seine enge Verbindung mit der wirklichen, geschehenen Geschichte zu nehmen.

© Rudolf Mack


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