Prof. Willy Schottroff

Vortrag bei einem Studientag des Internationalen Rates der Christen und Juden in Bubers ehemaligen Wohnort in Heppenheim (Auszug):


Die von Buber und Rosenzweig verdeutschte Schrift ist eine in allen Detail um die genaue Wiedergabe des masoretischen Textes bemühte jüdische Bibelübersetzung. Sie verfremdet christlichen Lesern daher den Bibeltext in doppelter Weise, nämlich einmal in der Weise, in der auch jüdische Leser in ihr mit einem neuen, ungeläufigen, fremden Text - dem freigelegten "Palimpsest", von dem Buber sprach -, konfrontiert werden. Darüber hinaus aber stellt sie ihnen, die seit ihrem ersten Bekanntwerden mit der Bibel daran gewöhnt zu sein pflegen, diese als ein christliches Buch zu lesen, einen fremden, weil ungewohnten jüdischen Text vor Augen, der ihnen auch in seinem Inhalt neu ist und mit dem sie sich vor jeder Aneignung zuerst auch in dieser Hinsicht auseinandersetzen müssen.

Ein Blick in eine Konkordanz zur Lutherbibel genügt bereits, um zu erkennen, wie sehr Luther in seiner für die Geschichte der deutschen Sprache so bedeutsamen Bibelübersetzung das Alte Testament verchristlicht hat. Wort wie: "Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit" (Genesis 15,6) oder wie: "Beweise deine wunderbare Güte, du Heiland derer, die dir vertrauen, gegenüber denne, die sich gegen deine rechte Hand erheben" (Psalm 17,7) oder auch wie: "... ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben" (Hiob 19,25), sind in ihrer ganzen Sprachprägung so tief von der Theologie Luthers, seiner Christologie und seiner Rechtfertigungslehre und überhaupt von christlicher Frömmigkeitshaltung durchdrungen, daß man sie unwillkürlich für christliche Sätze hält.

Angesichts dieser weitreichenden christlichen Prägung der Lutherübersetzung des Alten Testaments versteht man, weshalb Buber und Rosenzweig in den Anfängen ihrer Arbeit an der Verdeutschung der Schrift sehr schnell von dem Gedanken einer lediglich jüdischen Überarbeitung des Luthertextes abgerückt sind, obwohl Rosenzweig wegen dessen einmaliger historischer Bedeutung ursprünglich allein eine solche Revision für legitim gehalten hatte. Welche Entfremdung vom Gewohnten die Schriftverdeutschung von Buber/Rosenzweig nun umgekehrt bei christlichen Lesern bewirkt, ermißt man, wenn man dieselben Stellen in Bubers Wiedergabe jenen der Lutherbibel gegenüberstellt. Buber übersetzt: "Er aber vertraute IHM; / das achtete er ihm als Bewährung"; und: "Wunderbar erzeig deine Hulden, / Befreier der sich Bergenden du/ vor den Aufständischen, / mit deiner rechten Hand!"; und: "... da ich doch weiß, mein Auslöser lebt, / und als der Spätgekommene wird vortreten er überm Staub ..." Die christliche Aneignung dieser Aussagen ist hier jeweils schlagartig rückgängig gemacht und der jeweilige Vers einem jüdischen Kontext, dem er entstammt, wieder einverleibt. Diese Begegnung mit der Heimholung der Schrift, welche die Schriftverdeutschung von Buber/Rosenzweig vornimmt, ist für christliche Leser von ähnlich tiefreichender Bedeutung wie der Verzicht auf die Aussprache des Gottesnamens. Denn wenn sie bewußt akzeptiert wird, bedeutet sie die Distanzierung von der in der christlichen Distanzierung von der in der christlichen Kirche seit fast zwei Jahrtausenden vollzogenen alleinigen Usurpation des Alten Testaments, von dem mit ihr einhergehenden Versuch, die Juden von der Teilnahme an der gemeinsamen Schrift auszuschließen.

Trotz dieser exklusiven Aneignung des "Alten Testaments" ist die christliche Haltung zu ihm nie ohne Ambivalenz gewesen. So scheint einem verbreiteten christlichen Bewußtsein die hebräische Bibel, abgesehen von gewissen Höhepunkten, weit unter dem Neuen Testament zu stehen oder doch zumindest erst einer christologischen, typologischen, heilgeschichtlichen, strukturanalogischen oder ähnlichen Interpretationen zu bedürfen, um diesem gleichwertig zu werden. Einer radikalen Sicht zufolge, wie sie in der alten Kirche des 2. Jahrhunderts von Marcion und in unserem Jahrhundert von Adolf von Harnack (1851-1930) vertreten worden ist - um von noch schlimmeren Verächtern des "Alten Testaments" wie zum Beispiel den Deutschen Christen anz zu schweigen -, gehört diese sogar überhaupt nicht in den Kanon der christlichen Heiligen Schriften hinein. Gerade im Gegenzug gegen solche Tendenzen legt sich für Christen, die die Wahrheit der Schrift neu vernehmen wollen, die Lektüre der Verdeutschung von Buber/Rosenzweig nahe.

Franz Rosenzweig schrieb am 29. Juli 1925 in scharfsinniger Analyse der Situation und in klarer Erkenntnis der Bedeutung, die der Schriftverdeutschung in ihr zukommen könnte, an Buber: "Ist Ihnen eigentlich klar, daß heut der von den neuen Marcioniten theoretisch erstrebte Zustand praktisch schon da ist? Unter Bibel versteht heut der Christ nur noch das Neue Testament, etwa mit den Psalmen, von denen er dann noch meist meint, sie gehörten nicht zum Alten Testament. Also werden wir missionieren." Die Perspektive, die er dieser Mission zumaß, deutete er knapp ein halbes Jahr später seinem Freund Eugen Meyer (1882-1967), dem damaligen Syndikus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main in einem Brief an: "Ich fürchte manchmal," schreibt er hier, "die Deutschen werden diese allzu unchristliche Bibel nicht vertragen, und es wird die Übersetzung der heut ja von den Marcioniten angestrebten Austreibung der Bibel aus der deutschen Kultur werden, wie Luther die der Eroberung Deutschlands durch die Bibel war. Auf ein solches Golus Bowel (Babylonisches Exil) könnte ja nach siebzig Jahren ein neuer Einzug folgen."

Buber hat diesen Gedanken seines Freundes 1961 in seines Antwort auf die zitierte Ansprache Gershom Scholems aus Anlaß der Vollendung der Arbeit an der Verdeutschung der Schrift ausdrücklich aufgegriffen und im Hinblick auf ihre trotz allemn unverändert weiterbestehende Aufgabe formuliert: "Ich bin sonst ein radikaler Gegner allen Missionierens... Aber diese Mission da lasse ich mir gefallen, der es nicht um Judentum und Christentum geht, sondern um die gemeinsame Urwahrheit, von deren Wiederbelebung beider Zukunft abhängt. Die Schrift ist am Missionieren. Und es gibt schon ein Zeichen dafür, daß ihr ein Gelingen beschieden ist."

Alle Rechte für diesen Auszug liegen beim Autor.


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