Martin Bubers Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1953 (Auszug)

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Vor einem Jahrzehnt etwa hat eine erhebliche Anzahl deutscher Menschen - jedenfalls mehrere Tausend - auf den indirekten Befehl der deutschen Reichsregierung, auf den direkten Befehl von deren Beauftragten, Millionen meiner Volks- und Glaubensgenossen umgebracht, in einer systematisch vorbereiteten und durchgeführten Prozedur, der an organisierter Grausamkeit kein früherer geschichtlicher Vorgang zu vergleichen ist. Ich, einer der am Leben Gebliebenen, habe mit denen, die an jener Handlung in irgendeiner Funktion teilgenommen haben, die Dimension des menschlichen Daseins nur zum Scheine gemein; sie haben sich dem menschlichen Bereich so dimensional entrückt, so in eine meinem Vorstellungsvermögen unzugängliche Sphäre der monströsen Unmenschlichkeit versetzt, daß nicht einmal ein Haß, geschweige denn eine Haß-Überwindung hat aufkommen können. Und was bin ich, daß ich mich vermessen könnte, hier zu "vergeben".

Anders verhält es sich mit dem deutschen Volke. Ich habe von Jugend an die reale Existenz von Völkern aufs höchste ernst genommen, aber nie habe ich mir in die irgendeines geschichtlichen Moments, eines gewesenen oder eines gegenwärtigen, die in diesem Moment im Innern eines Volkes bestehende konkrete Vielfältigkeit, die bis zur Gegensätzlichkeit geht, seine konkrete innere Dialektik, durch den nivellierenden Begriff einer so und so beschaffenen, so und so handelnden Gesamtheit verdunkeln lassen. Wenn ich an das deutsche Volk der Tage von Auschwitz und Treblinka denke, sehe ich zunächst die sehr vielen, die wußten, daß das Ungeheure geschah, und sich nicht auflehnten; aber mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz weigert sich, meinen Nächsten deswegen zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer zu werden. Sodann taucht vor mir die Menge all derer auf, denen das der deutschen Öffentlichkeit Vorenthaltene unbekannt blieb, die aber auch nichts unternahmen, um zu erfahren, welche Wirklichkeit den umlaufenden Gerüchten entsprach; wenn ich diese Menge im Sinne habe, überkommt mich der Gedanke an die mir ebenfalls wohlbekannte Angst der menschlichen Kreatur vor einer Wahrheit, der sie nicht standzuhalten können fürchtet. Zuletzt aber erscheinen die mir aus zuverlässigen Berichten an Angesicht, Haltung und Stimme wie Freunde vertraut Gewordenen, die sich weigerten, den Befehl auszuführen oder weiterzugeben und den Tod erlitten, oder die erfuhren, was geschah, und sich dagegen auflehnten und den Tod erlitten, oder die erfuhren, was geschah, und weil sie nichts dawider unternehmen konnten, sich den Tod gaben. Ich sehe diese Menschen ganz nah vor mir, in jener besonderen Intimität, die uns zuweilen mit Toten, und mit ihnen allein, verbindet; und nun herrscht in meinem Herzen die Ehrfurcht und die Liebe zu diesen deutschen Menschen.

Jetzt aber nötigt mich etwas, aus der Erinnerung in die Gegenwart zu treten; und da umrauscht mich all die Jugend, die in der Zeit seit jenen Vorgängen herangewachsen ist und an dem großen Verbrechen keinen Anteil hat. Diese Jugend, die heute doch wohl die eigentlichste Lebendigkeit des deutschen Volkes ist, zeigt sich mir in einer gewaltigen inneren Dialektik. Ihr Kern ist als Kern in einen inneren Kampf einbezogen, der zumeist gleichsam unterirdisch verläuft und nur von einer Zeit zur andern an die Oberfläche tritt. Dieser aber ist nur ein Teil, und zwar der immerhin schon deutlichste Teil des großen Innenkampfes, der heute in allen Völkern, in der Herzgrube jedes Volks, mehr oder weniger bewußt, mehr oder weniger leidenschaftlich gekämpft wird. Die Rüstung uir Endschlacht des homo humanus gegen den homo contrahumanus hat in der Tiefe angehoben; aber die Front zerfällt in so viele kleine Einzelfronten, als es Völker gibt, un die an einer Einzelfront stehen, wissen meist nichts von den anderen Einzelfronten. Noch deckt Dämmerung den Kampf, von dessen Verlauf und Ausgang es wohl abhängt, ob aus dem Geschlecht der Menschen trotz allem noch eine Menschheit wird. Der sogenannte kalte Krieg zweier riesenhafter Staatsgruppen mit all seinen Nebenwerken verdeckt nochh die wahre Kampf-Pflicht und -Solidarität, deren Linie quer durch alle Staaten und Staatsvölker geht, gleichviel, wie diese ihr Regime benennen; aber der Blick für tiefere Wirklichkeit, für die wahre Not und Gefahr ist im Wachsen. In Deutschland, vornehmlich in der deutschen Jugend, trotz all ihrer Zerrissenheit, habe ich mehr davon gefunden als sonstwo. Die Erinnerung an die zwölfjährige Herrschaft des homo contrahumanus hat hier den Geist wacher und des ihm als Geist aufgetragenenen Werkes bewußter gemacht, als es vordem war.

Kundgebungen wie die Erteilung des Hansischen Goethepreises und des Friedenspreises an einen überlebenden Erzjuden wollen in diesem Zusammenhang verstanden werden; auch sie sind Momente im Ringen des Menschengeistes gegen die Dämonie des Untermenschlichen und Widermenschlichen. Der Überlebende, an dem sich solche Kundgebungen vollziehen, ist in die hohe Pflicht der Querfront-Solidarität genommen: Solidarität aller Teilscharen in dem entbrennenden Kampf um das Werden einer Menschheit. Diese Pflicht ist in der gegenwärtigen Stunde die höchste Erdenpflicht. Ihr zu gehorchen lag dem zum Symbol erwählten Juden auch da, gerade da ob, wo das nie zu tilgende Gedächtnis dessen, was geschehen ist, sich dawider stellte. Denn wenn er vor kurzem dem über alles hinaus sieghaft wirkenden Geiste Goethes dankte und heute dem Friedensgeist dankt, der immer wieder und jetzt wie je aus Büchern deutscher Zunge zur Welt spricht, bedeutet sein Dank sein solidarisches Bekenntnis zum gemeinsamen - auch Deutschen und Juden gemeinsamen - Kampf gegen das Widermenschliche und die Entgegnung auf ein vernommenes Gelübde von Kämpfern. [...]

aus: Martin Buber, Nachlese

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